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XIX. Jahrgang

Marburg, Sonnabend, 12. Januar 1884

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Annemarie

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heirateten, in eine Pension zu bringen. In einem Jahre sollte die Hochzeit siin; ick besuchte Annemarie häufig und freute mich über die schnellen Fortschritte, die sie -nachte. Ich hatte eine kleine Villa gekauft und sie nach meinem Sinne eingerichtet, eS war ein beha licheö Heim geworden.

Der Hochzeitstag rückte heran. In der letzten Zeit hatte ich bet Annemarie eine gewisse Zerstreutheit und Gereiztheit bemerkt, ab-r ich achtete nicht weiter darauf, ich schrieb es den vielen Arbeiten zu. Am Vorabend deS Hochzeitstages war ich noch bei ihr gewesen, aber sie hatte über Kopfschmerzen geklagt und war sehr aufgeregt gewesen; ich hatte das sehr natürlich gefunden und war bald ge­gangen. Früh am anderen Tage stand ich auf una machte einen weiten Spaziergang, es litt mich nicht zu Hause, aber als ich h irnkam, wartete ein Bote der Justitutsvorsteherin auf mich, die mich bitten ließ, so schnell wie möglich zu kommen. Nichts Gutes ahnend, eilte ich hin, die Vorsteherin kam mir in der höchsten Aufregung entgegen — Annemarie war fort 1 Nach meinem Fortgang gestern Abend habe sie sich zeitig auf ihr Zimmer zurückgezogen, und als am Morgen die Vorsteherin durch ihr langes Fernbleiben be­unruhigt, sie habe wecken wollen, sei das Zimmer leer und daS Bett unberührt gewesen, und auf dem Tisch habe ein an mich adressierter Brief gelegen. Sie gab mir denselben, und ich laS —und lachte, lachte I Da stand eS geschrieben: sie liebte mich nicht, sondern einen Anderen, mit dem sie geflohen sei. Ich solle sie nickt verfolgen, denn nie würde sie die Meine werden. Wie ich noch Hause kam, weiß ich nickt, ick weiß nur, daß ich im Eßzimmer di- gedeckt Hockze-lStafel umstieß, daß daS Geschirr in tausend Scherben auf dem Boden klirrte, daß ich in ihrem Zimmer in blinder Wut die Möbel zertrümmerte, und daß ich abends im Zuge saß und nach Süden fuhr.

tragen habe. Ein Mangel der Vorlage liege auch darin, daß dieselbe den Begriff der jagdbaren Tiere nicht definiere. Mit einer Erhöhung der Jagdscheingebühr sei man all­gemein einverstanden; er wünsche die Normierung derselben auf etwa 10 bis 15 Mark. Besonders gefreut haben ihn die Beschlüsse des Herrenhauses im Jntereffe.der Sonntags­ruhe, ohne welche für ihn die Vorlage überhaupt nicht annehmbar gewesen sein würde. Die Mängel der Vorlage würden am besten beseitigt durch eine eingehende Kom- mifstonSberatung, und er beantrage daher die Uebecweisung der Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern. (Bravo I im Zentrum und rechts.)

Abg. v. Rauchhaupt hat sich ursprünglich gegen die Vorlage zum Worte gemeldet, hat sich aber dafür ein- schreibeu lasien, weil er eine Aenderung deS derzeitigen Zustandes, in voller Uebereinsttmmung mit feinen poli« tischm Freunden, für notwendig hält. Die Konservativen wünschen ein geändertes Jagdgesetz, aber ein solches, welches eine Versöhnung der Jagd- und der Grundbesitz-Jnteresien verbürgt, tadelt Redner die beabsichtigte Erweiterung der Jagdbezirke und wünscht eine weniger uneingeschränkte Be­fugnis der Ortsbehörden bei der Jagdverpachtung. Die Verpachtung gegen Meistgebot fei überhaupt ein zwei­schneidiges Schwert, wodurch die Jagdinterefsen vielfach schwer geschädigt würden. Mit einer Erhöhung des Jagd­scheines auf etwa 10 Mark fei er vollständig einverstanden, und er hoffe, daß aus dieser Erhöhung den Kreisen eine tüchtige Einnahme erwachsen werde. Zur Frage des Wild­schadens erklärt sich Redner entschieden für Entschädigungen; ohne diesen Standpunkt erscheinen die Bestimmungen über die Anpachtung nnannehmbar Die Jagdpachtverträge will Redner beibehalten wiffen. Zum Schluffe wendet sich der­selbe gegen die seitens der Fortschrittspartei verbreiteten Verdächtigungen der Konservativen bezüglich ihres Stand­punktes zur Jagdordnung und der Jagdfrage überhaupt. In der fortschrittlichen Presse, in Flugschristen und dergl. sei in unerhörter Weise agitiert und den Konservativen vorgeworfen worden, daß sie den kleinen Grundbesitz von der Jagd ausgeschlossen wissen wollten. Dies sei nicht wahr, vielmehr würden die Konservativen, wie bisher, stets für die Jntereffen des kleinen Grundbesitzes eintreten und diesem gegenüber selbst die Interessen des Großgrundbe­sitzes in den Hintergrund treten lassen. (Lebhaftes, wieder­holtes Bravo! rechts.)

Abg. Dirichlet bezweifelt von seinem fortschrittlichen Standpunkte die Aufrichtigkeit der konservativen Anschau­ung des Gesetzentwurfs und meint, unter Hinweis auf die bevorstehenden Reichstagswahlen, daß später die Konser­vativen rückhaltlos der Vorlage zustimmen würden, welche, wie dies auch au5 den Verhandlungen des Herrenhauses

erhelle, lediglich Jagd-Privilegien für die bevorzugten Ge­sellschaftsklassen schaffen wolle.

Landw. Minister Dr. Lucius hebt hervor, daß die bis jetzt vorgebrachten Einwände gegen die Vorlage mehr die HerrenhauSbeschlüffe, als die Regierungsvorlage selbst treffen Er habe zwar nicht den Beruf, die ersteren zu verteidigen, doch müffe er die vom Vorredner gegen daS Herrenhaus unternommenen Beschuldigungen als unzu­treffend zurückwcisen. Die Staatsregierung sei sich zwar der Schwierigkeiten der Durchführung der Jagdordnnng wohl bewußt, allein sie habe die Regelung der Frage um deswillen herbeiführen zu müffcn geglaubt, well schon seit Jahren sowohl im Lande wie in den gesetzgeberischen Kör­perschaften eine allgemeine gesetzliche Regelung gefordert werde, ohne daß dieselbe zu Staude gekommen ist. WaS nun die neue Vorlage betreffe, so sei dieselbe unter Berück­sichtigung aller einschlägigen Verhältnisse ausgearbeitet und stelle gewissermaßen das Extrakt aller bestehenden Provln- zial-Jagdordnungen dar, unter thunlichster Ausscheidung der Mängel derselben. Die Kommissionsberatung, die er (der Minister) befürworte, werde zweifellos ergeben, daß die Vorlage fast in allen Punkten das Richtige getroffen habe, womit er indes kein Selbstlob aussprechen wolle, da er nur das von feinen Vorgängen überkommene Werk zu Ende geführt habe. Die unmittelbaren Gründe der Re­gierung zur Regelung der Frage fei einerseits die zwingende Notwendigkeit, die Bildung der Jagdbezirke einheitlich zu regeln, andererseits der ungeheuere Anwachs der Jäger, der sich aus dem niedrigen Jagdscheinpreis und auch der Form der Verpachtung erkläre. Bezüglich der Wildschaden­frage verweist der Minister auf feine Erklärungen im Herrenhaufe und bemerkt, daß et auf Einzelheiten im Laufe der Debatte einzugehen sich Vorbehalte. Dagegen müffe et schon jetzt die Regierung gegen den Vorwurf wahren, al« behandele sie die Frage dilatorisch. Die StaatSregierung habe im Gegenteil ihre volle Schuldigkeit gethan und habe ein Recht, zu erwarten, daß das Haus sie bei der För­derung dieser Angelegenheit nach Kräften unterstütze. (Bravo.)

Darauf wird ein VertagungS - Antrag angenommen, worauf nach einigen persönlichen Bemerkungen die Sitzung um 4x/s Uhr geschlossen wird. Nächste Sitzung morgen , (Freitag) 11 Uhr. Tages - Ordnung: Fortsetzung der Be­ratung der Jagdordnung, sowie kleinere Vorlagen.

Novelle von Th. Heins. (Fortsetzung statt Schluß.)

„Drei Jahre blieb ich auf der Akademie und nach Verlauf dieser Zeit bekam ich ein Stipendium jur Fort- sitzunng meiner Studien in Italien, welches der Onkel, bei dem ich nach wie vor wohnte, und der meinen Forschritten mit großem Jntercffe gefolgt war, noch bedeutend erhöhte. Bevor ick nach Italien abieiste, ging ich auf einige Tage nach Hause zu den Eltern; Annemarie sah ich aber nicht, sie war mit ihrer Mutter zum Besuch zu Verwandten in ein entferntes Dorf gegangen.

„Was soll ich von meinem Aufenthalt in Rom erzählen, ich lebte wie jeder andere Künstler, sechs Iahte lang, aber bann rief mich der Tod meines Onkels nach Deutschland zurück. Et hatte mich zum Erben seine« ansehnlichen Vermögens eingesetzt, und da meine Anwesenheit zum Ordnen bet Angelegenheiten dringend erforderlich war, so wandte ich der Tiberstadt den Rücken und kehrte in meine nordische Heimat zurück. Nach Abwickelung der Geschäfte ging ich Mieder auf einige Zeit in mein Heimatdorf, und diesmal sah ich Annemarie. Au« dem mageren Kinde war eine bildschöne Jungfrau geworden; das lockige Haar wat noch ebenso widerspenstig wie sonst, die Augen blickten noch ebenso lustig in die Welt wie ehedem, aber doch hatte sie sich sehr verändert. Wie sie früher auf ihr Aeußete« gar nicht ach! gegeben hatte, so war ihr jetzt eine gewisse Eitelkeit und Gefallsucht nicht abzusprechen. AuS dem einfachsten Garderobcstück wußte sie etwa« zu machen, und ihrer ®lti'ung einen Anstrich von dörflicher Eleganz zu geben. Man sagte freilich, sie sei leichtfertig und liebäugele mit stdem jungen Burschen, ich glaubte eS aber nicht, ich hüll e® für Verl umdung. Ich blieb und blieb, länger als ich beabsichtigt hatte, und schließlich nahm ich Annemarie als Meine Braut mit in die Stadt, um sie, ehe wir unS 6er«

Ich reifte damals direkt nach Rom und erst von dort schrieb ich an einen Freund wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten — ich wollte die Stadt, wo ich betrogen worden war, nie Wiedersehen. Aber ich blieb nicht lange in der ewigen Stadt, ja, daS bekannte Gesicht, das ich sah, glaubte ich spöttisch auf mich gerichtet zu sehen, ich war ungeheuer aufgeregt und nervös. Rastlos trieb es mich weiter, von Ort zu Ort, nie blieb ich länger als eine Woche in einer Stadt. Erst allmählich vermochte ich mich auS meinem Schmerze aufzuraffen, es erwachte das Interesse an meiner Umgebung, die Künstlernatur regte sich in mir: ich sammelte Skizzen und malte auch etwas. So lebte ich zwei Jahre. Ich durchstreifte Europa nach allen Seiten, von Norwegen bis Spanien, von Frankreich bis Rußland, aber schließlich war ich des Wanderns müde, ich sehnte mich nach Ruhe, um die gesammelten Schätze verwerten zu können, und ließ mich endlich in Rom nieder. Aber nach vierjährigem Aufenthalt vertrieb mich das Fieber von dort und die Aerzte rieten dringend zu einer Ueberflcbelung in nördlichere Gegenden. Ich ging und zog hierher, da mir diese Stadt von allen, die ich wählen konnte, am besten gefiel, besonders da einige meiner Freunde sich hier nledcr- gelaffer, hatten."

Brunow schwieg einen Augenblick und dann fuhr er fort: „Und nun kommt das Traurigste. Die Nachforschungen, die ich nach Annemaries Flucht nach ihr hatte anstellen lasten, waren erfolglos gewesen, sie war und blieb ver­schwunden. Allmählich hatte ich mich beruhigt, die Zeit batte meinen Schmerz gemildert, aber ganz vergessen konnte ich sie nicht. Ich malte eifrig, meine Bilder gefielen, und ich lebte mich hier ein, nur zuweilen dachte ich noch an Annemarie.

(Schluß folgt.)

Südlich.

Die Lehrer der Volksschule haben lange auf eine ver­bessernde Neuregulierung ihrer BesoldungSverhältnisse ge­harrt. Endlich wird auch die Stunde der Erfüllung dieser Hoffnungen schlagen. Das Abgeordnetenhaus hat auf den

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,JlluftrirtrS SonntagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

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vom Landtag.

Berlin, den 10. Januar.

Das Abgeordnetenhaus erledigte in seiner heu­tigen (22.) Plenarsitzung die beiden ersten Punkte der Tagesordnung debattcloS durch Kenntnisnahme beziehungs­weise Uebenoelfung an die Ludgetkommisston, und trat dar­auf in die erste Beratung der Landgüterordnung für die Provinz Schlesien. NamenS der Kommission begrüßte der Abg. Dr. v. Heydebrand und bet Lasa die Vorlage aufS lebhafteste, die ihm namentlich auch deshalb sympathisch sei, weil sie keinen Unterschied zwischen Klein- und Groß­grundbesitz mache. Ein solcher existiere auch in der That nicht, sondern werde nur durch eine gewissenlose Agitation künstlich hervorgerufen. Man möge nach eingehender Prü­fung in d.r Kommission die Vorlage genehmigen, um dadurch vor dem Lande den Beweis zu führen, daß die Staatsrcgiemng im Vereine mit der Volksvertretung kein Mittel unversucht laffe, einen lebensfähigen Bauernstand, die Stütze des Staates, zu schaffen. Auch der Abg. Dr. Windthorst sprach sich in diesem Sinne aus, während die Abgg. Simon (Fraustadt) und Dr. Meyer (Bres­lin) den „ablehnenden Standpunkt deS Fortschritts" bezw. der Sezession begründeten, worauf die Vorlage an eine Kommission verwiesen wurde.

ES folgt als letzter Gegenstand der Tagesordnung die erste Beratung deS Entwurfs einer Jagd-Ordnung. Gegen dieselbe lasten sich einschreiben 15 Redner (darunter mehrere konservative), für dieselbe nur 5. Der erste Redner g e g e n ist

Abg. Dr. Frhr. von Schorlemer-Nlst. Derselbe zweifelt au dem Zustandekommen bet Vorlage, welche jeden­falls nicht nach der Fassung deS Herrenhauses durchgehen werde, während letzteres wiederum schwerlich mit den Aen- berungen durch das Abgeordnetenhaus sich dnbeiftanben erklären werde. Die Frage sei eine ziemlich schwierige, denn es spreche hier vielfach die Passion mit, die Interessen des JagdliebhaberS gegenüber denen deS Grundbesitzes. UebtigenS habe das Ergebnis der letzljähtigen Jagden bewiesen, daß der Wildstand noch kräftig fei, so daß man sich mit gesetz­geberischen Maßnahmen auf diesem Gebiete nicht zu über­eilen brauche. Vielleicht wäre eS das beste gewesen, eS beim alten zu lassen, denn daS bestehende Jagd • Gesetz sei schon seit 30 Jahren in Geltung und man sei mit dem­selben, trotz seiner Mängel, im allgemeinen zufrieden. '^Die gegenwärtige Vorlage enthalte große Härten, vor allem fei tie neue Umgrenzung bet Jagdbezirke ein direkter RechtS- bruch, indem wohlerworbene Rechte dadurch über den Haufen geworfen würden. Schwierig bleibe die Frage des Wild­schadens. Er (Redner) gehe von bet Anschauung aus, daß der Jagdinteressent, der auf einen schönen Wildstand großen Wert legt, auch den daran» resultierenden Schaden zu

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