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Marburg, Freitag, 11. Januar 1884.

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«-eigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler ,n Frankfurt a. M , Ham­burg, Magdeburgs Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin, München und Mn; ®- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Varis.

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vom Landtag.

Berlin, den 9. Januar.

21. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. Am Minist.rlische: Minister der öffentlichen Arbeiten M a y b a ch und mehrere Kommissare.

Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 11V* Uhr. Auf der Tagesordnung steht die zwrite Beratung dcS Gesetz­entwurfs, betreffend den wetteren Erwerb von Privateisen­bahnen sür den Staat.

Zunächst werden die einzelnen Verträge mit den ver- schie-cnen Bahnen ohne besondere Debatte genehmigt, wobei die Tarif-Frage, sowie die Stellung der Eisenbahnbeamten zur Sprache kommen.

Abg. Dr. v. Heydebrand und der Lasa will die vielbesprochene Tarifangclegenheit nicht in die allgemeine Debatte ziehen, betont jedoch die Notwendigkeit, die anor­malen Tarife zu beseitigen und Normaltarife einzuführen, und hofft, daß dies in absehbarer Zeit durchgeführt werde.

Abg. Büchtemann äußert sich eingehend über die Dienstverhältnisse der Eisenbahnbeamten und wünscht: An­rechnung der Dienstzeit vom 17. statt 20. Lebensjahre, Verkürzung der Probezeit von 5 auf 3Vi bezw. 4 Jahre, sowie Uebernahme der Privatbahnbeamten in den Staats­dienst auf Grund ihrer im Prtvatdienst erworbenen An- ciennitätsverhältnisse.

Regierungs-Kommissar Geh. Rat Brefeld erklärt, daß die Aufstellung der AnciennitätSltste nach Maßgabe der Examensablegung seitens der einzelnen Kandidaten statt­findet. Je nach den verschiedenen Dienst-Kategorien habe dem Examen eine Probezeit voranzugehen, die gerade um ihrer Verschiedenheit willen nicht als Dienstzeit gerechnet werden dürfe. Was die pekuniäre Stellung der neu zu übernehmenden Privatbahnbeamten in den Staatsdienst be­treffe, so möge man doch nur bedenken, daß dafür sechs Millionen mehr ausgcgcben würden.

An der Debatte beteiligen sich noch die Abgg. Dr. b o n Heydebrand, Dr. Hammacher und Büchtemann, worauf der

Eisenbahnminister Maybach mit einem Schlußwort antwortete. Dir Frage, ob 5 Jahre Probedienstzeit nicht zu hoch gegriffen sei, lasse sich allerdings erwägen. Da­gegen habe der Etat einer Privatbahn für die Negierung lediglich die Bedeutung eines Direktive und könne für die Grundsätze der Uebernahme nicht maßgebend sein. Im übrigen werde er (der Minister) dafür sorgen, daß die neu zu übernehmenden Privateisenbahnbeamten sich im Staats­dienste wohl fühlten. Dem Abg. v. Heydebrand antwortet der Minister dahin, daß die Gleichstellung der obcrschle- sischen Bahn bezüglich der Tarife baldthunlichst herbeigeführt

4 Annemarie.

Novelle von Th. HeinS-

Gegen mich war er stets freundlich, aber gemessen wie gegen jeden seiner Untergebenen," fuhr Brunow fort, unser verwandtschaftliches Verhälinis kam wenig in Betracht. Abends nach Schluß des Geschäfts war ich Herr meiner Jett, und ich vertrieb mir dieselbe teils mit Lesen der Onkel hatte mir seine Bücher zur Verfügung gestellt teils mit Zeichnen. Das Letztere betrieb ich mit ganz besonderer Vorliebe und bald hatte ich die kahlen Wände meines Zimmers mit Zeichnungen auSstafftert, die ein Gegenstand der Bewunderung für die alte Barbara, die Haushälterin des Onkels, waren. Mit meinen Eltern mhrte ich einen regelmäßigen Briefwechsel; als der erste Brief ankam, lag dabei ein sonderbares Schriftstück von Annemarie, das meistenteils aus Klcxen bestand. Nur mit Mühe konnte ich eS entziffern; sie schrieb: sie habe mich Ichr lieb und erzähle Hiso immer von mir. Ich freute ^ich königlich über diesen Brief, und habe ihn wie ein Kleinod aufbewahrt.

,So verging ein Jahr; ich hatte mich in meinen Beruf mit der Zeit hineingelebt, aber ihm Geschmack abzugewinnen, vermochte ich nicht, ich that meine Pflicht, nicht mehr, nicht weniger. DaS eintönige Treiben im Geschäft war mir iuwiver, besonders seit der Onkel mich in'S Komptoir ge­nommen hatte, und ich nun an da« Pult gefesselt war, und Nüchterne Geschäftsbriefe schreiben mußte; gern würde ich °en Vater gebeten haben, mich etwa« andere« werden zu mssen, aber ich wagte e« nicht. Da trat ein Ereignis ein, welches mich an da« Hau« des Onkels fesselte, und zugleich vwen Wendepunkt in meinem Leben bildete. In dem oritten Stockwerk unsere« Hause«, wo ich wohnte, hatte ^nch ein Maler sein Atelier. Er war ein lustiger Kauz, ** Herr Binder, er pfiff beständig, und arbeitete eigentlich

werde, und daß gerade das Bestreben, auch dieser Gegend die Wohlthaten des Tarifs zu sichern, ihn (den Minister) bestimmt habe, mit der Verstaatlichung jener Bahn vorzu­gehen. (Lebhafte« Bravo! rechts.)

Dem Abg. Schmidt- Stettin, welcher den Ausbau des Sekundärbahnnetzes zur Sprache bringt, «klärt der Mi­nister, daß eine bezügliche Vorlage in der Ausarbeitung begriffen sei und, die Allerhöchste Genehmigung voraus­gesetzt, in nicht zu ferner Zeit dem Hause zugehen werde. Auf eine Anfrage deS Abg. v. U e ch t r i tz - Steinkirch ant­wortet der Minister, daß mit der Verstaatlichung der Breslau-Freiburger Bahn der Personen - Verkehr zwischen Breslau und Berlin sich günstiger gestalten werde.

Die einzelnen Paragraphen des Gesetzentwurfs werden nach den Beschlüssen der Kommission ohne erhebliche Debatte genehmigt. Eine lebhaftere Diskussion knüpfte sich erst an den 8 5, zu welchem sowohl seitens der Kommission, als auch des Abg. v. Stromb e ck und Genossen Abänderungs- Anträge vorliegen.

Dieser Paragraph lautet nach der RegierungS-Vorlage: 8 5. Der Minister der öffentlichen Arbeiten und der Finanzminister werden ermächtigt, demnächst die Auflösung

der Oberschlestschen,

der BreSlau - Schweidnitz - Freiburger, der Rechte-Oderufer und

der Altona-Kieler Eisenbahngesellschaft

nach Maßgabe der Im 8 1 ad 1 bis 3 und 5 bezeichneten Verträge herbeizuführen und bei der Auflösung der im 8 1 ad 15 bezeichneten Gesellschaften unter Verwendung der im § 2 eub a bis h bewilligten Mittel den Kaufpreis für den Erwerb der Bahnen zu zahlen.

Der Finanzminister wird ferner ermächtigt, die bisher begebenen Anleihen dieser Gesellschaften zum Betrage von 359 820300 Mark, soweit dieselben nicht inzwischen getilgt sind, zur Rückzahlung beziehungsweise zum Umtausche gegen Staatsschuldenverschreibungen zu kündigen, auch die hierzu erforderlichen Geldbeträge durch Veräußerung eines entsprechenden Betrages von Staatsschuldverschreibungen auf­zubringen."

Hierzu beantragt die Kommission, den zweiten Ab­satz dahin zu gestalten:

Der Finanzminister wird ferner ermächtigt, die bisher begebenen und noch zu b e g e b e n d e n Anleihen dieser Ge­sellschaften, soweit dieselben nicht inzwischen getilgt sind. . ."

Dagegen will der Antrag deS Abg. v. Strombeck und Genossen den zweiten Absatz deS 8 5 dahin gefaßt wissen:

Die Kündigung der bisher begebenen und noch zu begebenden PrioritätSanleihen dieser Gesellschaften erfolgt, nur, wenn er kein Geld hatte, was allerdings häufig der Fall war. Ich hatte ihn oft auf der Treppe getroffen, und im Laufe der Zeit hatten wir un» näher kennen ge­lernt; ab und zu rief er mich in sein Atelier, um mir seine Bilder zu zeigen, und dann klagte er in seiner komischen Weise über das ungebildete Volk, das lieber sein Geld veresse oder vertrinke, als einem armen Maler ein ordent­liches Gemälde abkaufc. Meine eigenen Zeichnungen wagte ich ihm nicht zu zeigen, da ich auSgelacht zu werden fürchtete. Eines Abends saß ich in meinem Zimmer nnv zeichnete, als plötz'ich Binder hereintrat.Jünger Merkur«," sagte er,Sie müssen heute den Jünger Apolls unter­stützen, ick habe einige Gäste bei mir" er vollendete den Satz nicht, ging auf den Tisch zu, wo ich meine Zeichnung schüchtern zu verbergen suchte, ergriff dieselbe, besah sie, und plötzlich faßte er mich am Kragen, schüttelte mich hin und her, und rief:Da sitzt nun der hinterlistige Bengel, zeichnet wie ein junger Gott, und vor den Leuten thut er, als ob er nicht bis drei zählen könnte." Er nahm meine Mappe und zog mich, der ich ganz verwirrt war, mit sich in da« Atelier, wo ungefähr sechs Herren um eine Punschbowle versammelt saßen.Kinder," rief er,hier bringe ich einen zukünftigen Maler, der sich augenblicklich noch unter der Maske eines Kaufmannslehrlings verbirgt." Meine Zeichnungen wurden herumgereicht, belobt, und auf da« Wohl desZukunftsgestirneS am Himmel der Künstler­welt," wie Binder sich in einer launigen Rede ausdrückte, angestoßen. Und ich saß dabei, wie berauscht, nur das eine war mir klar, ich war sehr glücklich.

Mit diesem Tage trat ein Umschwung in meinem Leben ein. Jeden Morgen, ehe ich in'S Geschäft mußte, zeichnete ich unter der Leitung Binders, der sehr früh oufzustehen pflegte, einige Stunden in dessen Atelier, und jeder Fortschritt, den ich machte, spornte mich zu neuem Eifer an. Ich hatte Binder gebeten, niemand, vor allem

soweit diese PrioritätSanleihen nicht inzwischen im Wege der in den Emtsstonsprivilegien vorgeschriebenen allmähligen Amortisation getilgt werden, unter Einhaltung der in den Emissionsprivilegien festgestellten Kündigungs-Bedingungen durch Gesetz."

Nachdem der Abg. v. Strombeck (Zentrum) seinen Antrag dahin begründet, daß man mit der Erteilung so großer Vollmachten an den Finanzminister daS Recht der Volksvertretung gefährde, erhebt sich eine längere Debatte, in welche der Finanzminister v. Scholz wiederholt eingreift, und an der sich die Abgg. v. Wedell-Malchow, Dr. Hammacher, Rintelen, Büchtemann und Dr. Wtndthorst beteiligen. Letzterer betont nachdrücklich die große Schuldenlast, welche aus der Eisenbahn - Verstaat­lichung dem Lande erwachse, und welche namentlich im Falle deS Krieges sich fühlbar machen werde.

Finanzminister v. Scholz verwahrt sich gegen die Unterstellung des Vorredners, als ob er eine Allgewalt er­strebe. Es könne sich nur darum handeln, ob das Hau« den Minister in die Lage setze, Konvertierungen vornehmen zu können oder nicht. Wenn der Abg. Dr. Wtndthorst seine deSMinistersEigenschaft als Fi n anzMinister besonders in den Äordergrund gestellt und damit gemeint habe, daß er vor allem daS soziale Interesse vertrete, so wolle er ihn daran erinnern, daß er in erster Linie Staats-Minister sei und in diesem Sinne die volks­wirtschaftlichen Gesichtspunkte ebenso im Auge habe, als die fiskalen.

Darauf wird der 8 5 nach dem Vorschläge der Kom­mission genehmigt und ebenso die übrigen Paragraphen des Gesetzentwurfs. »

Nächste Sitzung morgen (Donnerstag) 12 Uhr; Tages­ordnung : Rechnungswesen, sowie erste Beratung der Land­güterordnung für Schlesien, und erste Beratung des neuen Jagdgesetzes. Schluß kurz nach 2 Uhr.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Jan. Der Kaiser konferierte nachmittags mit dem Minister v. Puttkamer. Die hier versammelte internationale Fahrplan-Konferenz beschloß demBerliner Aktionär" zufolge, den diesjährigen Sommrrfahrplan bereits am 20. Mai einzuführen. Behufs bessere Verbindung zwischen Berlin und den böhmischen Badeorten wurden Aenderungen für die Berlin - Dresden - Anhalter Bahn in Aussicht genommen; auch wesentliche Aenderungen für die Berlin-Görlitzer Bahn sind bevorstehend. Die Feststellung des Winterfahrplans erfolgt am 25. Juni in Graz. Dem Herrenhause ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Abänderungen des Pensionsgesetzes vom 27. März 1872, nickt dem Onkel, von meinen Studien zu erzählen, und dieser hatte es kopfschüttelnd versprochen, er hätte am liebsten gleich die Erlaubnis deS Onkels, daß ich Maler werden dürfte, eingeholt.

So lebte ich zwei Jahre; meine Lehrzeit im Geschäft war bald zu Ende, und der Onkel hatte schon mit mir über meine Zukunft gesprochen, ich sollte in ein größeres Geschäft in München eintreten, dessen Inhaber mit dem Onkel be­freundet war. Bei Binder hatte ich in der letzten Zeit an einem Portrait Annemarie« gemalt, da« ich nach einer au» der Heimat mitgebrachten Skizze entworfen hatte. Es war sehr gut gelungen und ich hatte vor, dasselbe meinen Eltern zu schicken. Da wurde ich eines Tages in da« Zimmer meines Onkel« gerufen. Ich ging wie ich gerade war, in Schreibärmeln, die Feder hinter dem Ohr; bei meinem Eintritt sah ich^ Binder und noch einen fremden Herrn im Zimmer, und zu meinem größten Schreck Annemaries Bild in den Händen des Onkels. Aber statt der erwarteten Vorwürfe, fragte mich der Onkel ganz freundlich, ob ich da« Bild gemalt habe. Ich bejahte es. Da sagte er, der Direktor der Kunstakademie da« war der fremde Herr, der berühmte P., ein Schulfreund des Onkels habe ihn gebeten, mich Maler werden zu lassen. Er habe längst gesehen, daß mir die rechte Lust und Liebe zum Kaufmanns­stand fehle. Ein Beruf, dem man nicht mit ganzer Seele angehöre, sei ein verfehlter. Der Direktor, und besonders Binder, hätten ihm erklärt, daß ich entschiedene« Talent zum Malen hätte und wenn der Vater einwillige er habe nichts dagegen, daß ich die Akademie besuche. Ich war sprachlos. Ich sollte Maler werden, mein schönster Traum, dessen Verwirklichung ich nie gehofft hatte, war plötzlich zur Thatsache geworden, ich war überglücklich, und als nach einigen Tagen die Erlaubnis des Vaters kam, da war daS Maß meiner Seligkeit voll."

(Schluß folgt)