Marburg, Donnerstag, 10. Januar 1884.
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Annemarie.
Novelle von Th. HeinS.
Abg. Rickert das Wort, um ble vom Minister vor- elegte Statistik über die in der 3. und 4. Stufe befind- chen Censiten zu bemängeln, welche namentlich zur Verteilung des ländlichen Grundbesitzes keine Angaben enthalte.
Er Budgetkommission einstimmig der Meinung gewesen, 16 die neuen Steuervorlagen auf diesen Etat Einfluß itten. — Darauf wird der Etat bewilligt. Es folgt der
tat der indirekten Steuern.
Bei Titel 5 (Branntweinsteuer) bringt der Abg. Dr. ras die TrunksuchtSnot zur Sprache und weist auf die erdienste des „Deutschen Vereins zur Bekämpfung der mnkfucht" hin.
Finanzminister v. Scholz erwidert, daß er sich nicht n Besitze des vom Vorredner gewünschten statistischen Materials befinde, und weist auf die großen Schwierig- iten hin, welche der vollständigen Durchführung einer Krufsjtatistik entgegen stehen.
Nach einer Entgegnung des Finanzministers, welcher vom finanziellen Standpunkte die Notwendigkeit der Registrierung der fchriftlichen Verträge anerkennt, wird der betreffende Titel nebst der Resolution angenommen, ebenso der Rest des Ordinariums ohne erhebliche Debatte.
Zum Extraordinarium liegt ein Antrag dcS Abg. Dr. Kropatfchek vor, welcher den Titel 3 (Ankauf eines DienstgebäudeS für das Hauptsteueramt zu Brandenburg) an die Budgctkommisston zurückverwiesen haben will. Nach eingehender Motivierung seitens des Antragsstellers, geht dieser Titel an die Budgetkommission zurück, während der Etat im übrigen angenommen wird.
ES folgt bet Etat des Finanzministeriums. Bei Kap. 58 (Oberpräsidenten) wiederholt der Abg. Jmwalle die schon früher vorgebrachte Beschwerde, daß bei Fahrtvergünstigungen zu Versammlungen u. bergt, die Katholiken zurückgesetzt würden. — In gleichem Sinne sprechen sich aus bet Abg. Dr. Windthotst, weichet ble Abwesenheit deS Reffort- MinistetS, wie des Finanz- und Eisenbahn-Ministers bei Behandlung dieses Gegenstandes konstatiert und der Abg. Fthr. v. Schotlemet-Alst, welcher betont, daß diesem „Messen mit zweierlei Maß" ein Ende gemacht werden müffe. Das Zentrum wird die Angelegenheit bei der dritten Lesung nochmals zur Sprache bringen. Vom Ministertische erfolgte durch den Geh. Rat Hase die Antwort, daß der Regierung von einer Verschiedenheit der Behandlung der Vereine nach ihrer Konfession nichts bekannt sei.
Die einzelnen Titel werden zunächst ohne Diskussion bewilligt. Den Titel 12 (Versetzungskosten 1 275 000 Mk.) will der Abg. Rickert in die Budgetkommisston zurück- vetwiesen haben, da es nicht zuträglich sei, außerordentliche Ausgaben als Grundlage für dauernde Vethältniffe zu nehmen. — Abg. Hahn hebt hervor, daß bet vorliegende Tttel ein solcher sei, an dem eine Beschränkung am allerwenigsten Platz greifen dürfe; gerade hier müsse man auf außerordentliche Fälle (Dienstreisen rc.) besondere Rücksicht nehmen und müffe dafür auch den nötigen Spielraum lassen. In gleichem Sinne spricht sich der Abg. Schreiber (Marburg) au«. Abg. Dr. Winolhorst wünscht eine strengere Kontrolle bet Dienstreisen seitens der Regierung; man höre im Lande t «rüber öfter Klage, besonders übet die Reisen der Tierärzte. Schließlich wirb auf Antrag deS Abg. Dr. Windthorst die Erhöhung der Position gestrichen, und darauf der Etat genehmigt. Ohne Debatte wird alsdann der Etat bet allgemeinen Finanzverwaltung angenommen, womit die Tagesordnung erschöpft ist.
Der Ptästdent v. Köller macht hierauf den Vorschlag, am morgigen Mittwoch keinen „SchwerinStag" abzuhalten, sondern die zweite Beratung bet Eisenbahn-Vorlage auf die Tagesordnung zu setzen, womit das HmS einverstanden ist. Schluß 2 Uhr.
Weiter u. dgl.) haben.
An bet Diskussion beteiligt sich noch bet Abg. Ftancke,
Bo« Landtag.
Berlin, den 8. Januar.
weiß wievielten Male von Rübezahl erzählte, ba kam meine Mutter heraus und sigte, ich solle in die Stube kommen. Aengstlich ging ich hinein, ich buchte, ich solle wegen eines unbewußten Vergehens bestraft werden, aber als ich in die Stube trat, da sagte mir der Vater, der Onkel habe sich bereit erklärt, mich mit in die Stadt zu n hmen und mich feil Geschäft lernen zu lasten, damit etwas Ordentliches au« mir würde. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte; anfangs ließ der Gedanke, daß ich aus dem kleinen Dorfe in eine große Stadt kommen sollte, mein Herz höhet schlagen, aber bald dachte ich daran, raß ich von der Mutter und von Annemarie fort mußte, und mir wurde ganz wehmütig zu Mute. Nachdem ich auf Geheiß des Vaters dem Onkel gedankt hatte, lief ich hinaus in die Laube zu Annemarie und erzählte ihr, daß ich nun bald weit, weit fort müßte. Und weil ich weinte, weinte die Kleine auch, sie schmiegte sich an mich, und suchte mich auf ihre Weise zu trösten. So blieben wir sitzen, bis ihre Mutter sie heimrief und dann ging auch ich schlafen und träumte von großen Städten mit Palästen und prächtigen Kirchen.
„Am anderen Morgen reiste der Onkel ab, in acht Tagen wollte et wieberkommen und mich abholen. Diese acht Tage vergingen seht schnell. Die Mutter war sehr traurig, und auch bet Vater war milber al« sonst; er unterhielt sich viel mit mir und gab mir Verhaltungsmaßregeln, ble Ich genau zu befolgen versprach. Allmählich hatte ich mich mit dem Gedanken der Abreise vertraut gemacht, ich erzählte An nemarie mit rem ganzen Aufgebot m.iner Phantasie von bet großen Stabt, wohin ich nun bald kommen sollte, wo die Häuser viel höher wären als bet Kirchturm im Dorf, wo bie Menschen in schönen
Umkehr!
Selbst liberale Blätter können sich nicht mehr verhehlen, daß bet Liberalismus auf eine schiefe Ebene geraten ist. Freilich gtebt es ja noch genug liberale Zeitungen, die alle Tage ber Regierung unb bet Reformpolitik Untergang schwören und fort und fort über „Reaktion" klagen. Aber es giebt auch andere, welche endlich einfehen, wie thörlcht solche Klagen sind und wie traurig eS um den Liberalismus bestellt ist, wenn et sich immer mehr in den Pessimismus hinelnredet und sich von weitet nichts all von abgethanen Schlagwörtern nährt.
Welches Gewicht solchen Stimmen für bie Zukunft beizulegen ist, mag vielleicht zweifelhaft fein. Aber wenn man dieselben nähet prüft und mit denjenigen Blättern vergleicht, welche oppositionelle Politik treiben, so darf man die Hoffnung schöpfen, daß sie nicht ohne Einfluß bleiben werden. Diejenigen liberalen Blätter, welche übet be« Kanzler« Reformpolitik den Stab brechen, erscheinen entweder in Berlin oder stehen so zu sagen unter einem Fraktionszwang, b. h. sie müssen ben Zwecken einer liberalen Fraktion bienen ober sie glauben ihren Liberalismus dadurch am besten dokumentieren zu können, daß sie für die von der betreffenden Fraktion ausgegebene und oft, nur auf taktischen Erwägungen beruhende Parole durch Dick und Dünn gehen. Die anderen liberalen Blätter, welche mit jenen nicht mehr in dasselbe Horn blasen, erscheinen außerhalb der Berliner Sphäre, nicht nur örtlich, sondern auch geistig: d. h sie sind von dem Berliner Einfluß unabhängig, haben sich keinem Fraktionszwang unterworfen und sich dafür einen weiteren Gesichtskreis für ihre Politik bewahrt. Zu diesen Blättern gehören ble „Hamburger Nachrichten" unb bie Münchener (früher Augsburger) „Allgemeine Zeitung", Blätter von unbestreitbar liberaler Gesinnung, welche es offenbar überdrüssig sind, immer mit den anderen an demselben Strange zu ziehen unb sich von den Berliner Koryphäen ihre Denkungsart vorschreibeu zu lassen.
Beide Blätter haben in den letzten Tagen den Beweis geliefert, daß sie von den Irrwegen, in die sich ber parlamentarische unb journalistische AftecliberaliSmu« hlneinver- rannt hat, nichts mehr wlsten wollen.
Die „Hamburger Nachrichten" forbetn, baß man bei bet Kritik der Pläne des Reichskanzler« zwischen ben Zielen unb den Mitteln zum Zweck unterscheide. ES sei durchaus notwendig, die Kritik der Regierungsvorlagen nicht vor- zunehmen, ohne sich stets zu vergegenwärtigen, daß wir meist nur Mittel des Kanzler« zur Erreichung feiner Zwecke, nicht diese selbst zu krltisteren haben; denn hinsichtlich dieser Zwecke sei die ganze deutsche Nation mit dem Kanzler einer Meinung. Dann werde bet Kampf nicht leicht bie Erbitterung annehmen, ble er erhält, wenn man ble Ziele außer Acht laste, In betreff beten baS Blatt bemerk: „Fürst Bismarck will — darüber wird unter Unvotein-
Kleidern einhergingen, ober gar in prächtigen Karossen führen. Dann leuchteten ihre Augen, sie Jagte, sie wolle mit, weinte, wenn ich ihr sagte, das ginge nicht, und ließ sich nur versöhnen, als ich ihr versprach, ich käme später ganz gewiß, um sie abzuholen. Sie versprach mit dagegen, sie wollte mit alle Tage schreiben — sie war gerade in bie Schule gekommen.
„Am bestimmten Tage tarn ber Onkel; ein langer, schmerzlicher Abschied, unb dahin raffelte bie alte Postkutsche, welche ben Verkehr mit ber brei Stunden entfernten Bahnstation vermittelte. 6o lange ich unser HanS noch erblicken konnte, sah ich au» dem Wagenfenster, die Mutter stand mit Annemarie vor der Thüre und winkte mit dem Taschentuche, als sie aber meinen Blicken entschwunden waren, ba drückte ich mich still in eine Wagenecke und überließ mich meinen trüben Gedanken.
Es begann nun für mich eine neue, arbeitsvolle Zett. Schon unterwegs hatte der Onkel mich mit meinen neuen Pflichten bekannt gemacht, aber was er mir ba sagte, war wenig geeignet, Lust uns Liebe zu meinem neuen Beruf in mir zu erwecken. Ich arbeitete zunächst im Lager unter ber Leitung deS Lagermeisters, eines jovialen, alten Herrn, ber sich meiner sehr annahm; von morgen« sieben bis abenb« acht Uhr mußte ich thätig fein, Kisten zeichnen, einpacken, auspacken, unb nur mittag« war eine Pause von einer Stunde. Der Onkel war ein ausgezeichneter Geschäftsmann, ber feinem Beruf mit Leib unb Seele ergeben war, b:: gleiche Hingabe aber auch von allen feinen Unter- grbenm verlangte. Er war Junggeselle, und hatte al« solcher Eigenheiten, bie von bem ganzen Hause respektiert
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllttstrtrtel Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
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„Mein Vater duldete merkwürdiger Weise meinen Verkehr it dem Kinde," fuhr Brunow fort, „ja, eS durfte sogar s.'ine Stube kommen, aber lange hielt e« dort gewöhnlich cht aus, denn ba hieß eS stillsttzen, unb das war eS, wa« F« lebhafte kleine Geschöpf am wenigsten kannte. Wenn 4 Mutter eS Sonntag« geputzt hatte, bann kam eS vnntags herüber zu un«, unb ließ sich in seinem Staat vundcrn, aber es oanerte kaum eine halbe Stunbe, unb « Haar hing so wirr wie immer in zahllosen Löckchen “ den Kopf, unb in dem Kleidchen war ein großer Fleck gar ein Loch. Dann tarn eS weinend zu mir, klagte ksein Leid unb beteuerte, es wolle nie wieder wllb sein — n im nächsten Augenblicke war da« Versprechen vergessen, * zu dem einen Fleck war schon ein zweiter gekommen.
„So floß mein Leben ruhig dahin, meine Zeit war ge- k zwischen Arbeit unb ber kleinen Annemarie. Da trat
1 Wendepunkt in meinem Leben ein. Ich war gerade sszehn Jahre alt geworden, al« wir eine« TageS Besuch amen; eS war ber Stuber meiner Mutter, welcher in c Provlnzialhauptstabt ein bedeutende« Geschäft besaß, fge hatte er mit meinem Vater in gar keinem Verkehr ™tibtn, aber den Bemühungen meiner Mutter war e« ^ngen, bie Abneigung, welche die Beiden gegen einander bkv, zu besiegen, unb er wat auf einer GebitgSteife auf
ll8< Tage i u UNS gekommen. Fremden gegenüber war . gewöhnlich sehr fchen, und fo ließ ich mich nur beim Wdu sehen, ober am Abend de« zweiten Tage«, al« ich F®be mit Annemarie in der Laube faß unb ihr zum wer
, Frankfurt a. M , Ham- ürg Magdeburg u. Wien; ludölf Moste in Frankfurt M Berlin, München und G L. Daube und - in Frankfurt a. M.,
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Hann Acher die Statistik in bezug ble Einschätzung ber Dienst- erlln ottn bemängelt. — Abg. » Benda betont, daß man in ftr. 77/9, e
Anzeigen nimmt entgegen: die»Expedition d. Blatte«, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. 6o. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.
.Im weiteren Verlaufe der Beratung konstatiert Abg. AboNttl r. Hammacher einen Rückgang in ben Stempelsteuer-
Abg. v. Rauchhaupt würbe ebenfalls eine eingehende Statistik des kleinen Grundbesitze« mit Freuden begrüßt [ iben. Schwierig bleibe diese Frage immerhin, da in jenen Mari lassen diejenigen Leute enthalten seien, welche neben einem le zu beleinen Grundbesitz noch anderweitige« Einkommen (al« tifen
li4aeli Ingen" zu Titel 11), die Königliche StaatSreglerung zu w , fachen, der Frage der neuen gesetzlichen Regelung be« ' 0f0en * 1 ll tempelS für Kauf- unb LleferungSverträge im’ lauf« Braille Lnnischm Verkehr nähet zu treten."
g, hiung dieser Einnahmen, namentlich unter „GerichtS- „ , sten", erkläre. Redner befürwortet bie Annahme ber Erben der Budgetkommission gefaßten Resolution:
„Mit Rücksicht auf ble Motivierung ber Mlnder-Eln- >hme aus der Stempelsteuer (Seite 21 der „ErlLute-
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rgen, g Berlin,Hannover ».Paris.
--------. 20 Plenarsitzung de« Abgeordnetenhauses. Hau« sche » no Tribünen sind sehr schwach beseht. Am Ministettische: als Atz Mnzministcr v. Scholz und mehrere ReglerungS-Kom- ilssare.
il»ert’|( Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 11 Uhr vuchhakü 0 Minuten mit geschäftlichen Mitteilungen. Der Abg. arbutj »r.Frhr. v. Gustedt (nat.-lib.), Vertreter des 8. Magde- -------° Br,itr Wahlkreises, hat fein Mandat niedergelegt.
In die Tagesordnung eintretend, fährt da« Hau« in Beratung be« Etat« fort, unb zwar bei „Ver- '. klasstsi Miing der direkten Steuern". Zu Titel 4 (Klassensteuer) * 30 M rc Einnahmen nimmt zunächst