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3Uar6urg, Mittwoch, 9. Januar 1884.
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Sir deutete auf einen Stuhl, und während sie grariö« den Thee bereitete, entspann sich eine Unterhaltung über allgemeine Tagerfragen; al« sie aber den Thee eingeschenkt, die Bröbchen gestrichen und ibn bedient hatte, da lehnte fie sich in ihrem Fauteuil zurück und ihn erwartung-voll an- sehend, sagte sie: .Unb nun erzählen Sie mir die versprochene Geschichte.
Brunow schaute eine Weile auf den Teppich und dann begann er mit wohlklingender Stimme: ,Wa« ich Ihnen «zählen will, Gräfin, ist ein Stück meiner eigenen Leben«, geschichtr. Erwarten Sie nicht« abenteuerliche«, roman- haftr«, k« ist nur eine gewöhnliche Geschichte, wie sie tagtäglich vorkornrnt unb boch traurig, sehr traurig. Ich bin in einem einsamen Gebirg«borfe geboren, wo meine Eltern «in kleine« Hau« bewohnten. Wie eigentlich mein Vater in biefen weltvergessenen Winkel unsere« Vaterlanbe« gekommen war, weist ich nicht, ich habe e« nie erfahren, ich glaube, er hatte sich politisch kompromittiert. Er war ein »anher, strenger Mann, die trüben Erfahrungen feine« Leben« hatten ihn »erbittert. Meine Mutter war eine herzensgute Frau, aber immer kränklich; jeber, der sie kannte, verehrte sie unb selbst der Vater, der gegen jeder- wann abstoßend unb unfreundlich war, behandelte sie stet« »It der größten Rücksicht. Daß meine Rinberjeit eine besonder« glückliche gewesen ist, kann ich nicht behaupten, ich war viel krank unb al» einzige« Kind die beständige ZA «ngst meiner Mutter. II« ich sechs Jahre alt geworben teat, begann mein Vater mich zu unterrichten; stundenlang «Wfjte ich bei ihm auf seinem Zimmer sitzen unb lesen unb Treiben, unb später traktierte er mich mit menix unb *«»o, wenn ich viel lieber in den Bergen umhergestreift '—* oder mit den anderen Kindern gespielt hätte. Da«
Letztere litt er aber gar nicht, unb ich erinnere mich,, baß ich eine« Tage«, Nachmittag« um fünf Uhr in’« Bett geschickt würbe, weil ich mit den Dorfkindern gespielt hatte. Daß diese Absperrung mich sehr verschüchtern mußte, ist klar, und besonder«, al« die Dorfjugend anfing, mich zu ver- spottkn und mich den Gelehrten und den Prinzen nannte, da zog ich mich ganz zurück, nur manchmal, wenn ich die anderen Kinder auf dem Kirchplatz spielen sah, und selbst nicht mitspielen durfte, dann schlich ich mich hinan« in unseren Ziegenstall und weinte vor Aerger und Schmerz. Meine Unterhaltung waren die Bücher und bas Zeichnen. Die wenigen Geschichtenbücher, die sich in unserem Hause versanden, kannte ich bald auSwei'dig, aber ich la« fie immer wieder, ich hatte eben nichts anrere«. Wa« da« Zeichnen anbetrifft, so hatte mich mein Vater, der selbst sehr gut zeichnete, schon früh mit den Snfang«gründen dieser Kunst bekannt gemacht, unb weil ich Lust bazu hatte, machte ich schnell Fortschritte. Da« einzigste Mal, baß ich meinen Vater gütig gegen mich gesehen habe, baß er mich sogar geliebkost hat, war, al« ich ihm zum Geburtstage eine selbstänbig gemachte Zeichnung unsere« Häuschen« überreichte.
Neben biesen beiben Beschäftigungen, Lesen mnb Zeichnen, hatte ich noch eine dritte. Neben uns wohnte eine Tage- löhnerfamilie und derselben wurde, al« ich ungefähr neun Jahre alt war, ein Mädchen geboren. Meine Mutter hatte die einsame Frau im Wochenbett gepflegt un» sah, da dieselbe schwach und kränklich war, auch später oft brühen nach bem Rechten. Auf diesen Gängen durfte ich sie wohl begleiten; dann wurde mir da« Kind in die Arme flegel en und mit aufgetrogen, dasselbe ^Vstem' "arten. Anfang« war mir ba« ein s hr ungeir Ketsch s^chäft, ich
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Srscheint täglich außer an den Werktagen »ach Sonn» unb Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlustrirte» LonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 3*/« Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche« 2 Mark 50 Pfg (cxcl. Bestellgebühr) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile lt Pf«.
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Gestellungen 'auf da« 1. Quartal 1884 der
Oberhesfischen Zeitung
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Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg uud ktirchhai«
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Expedition der Oberhess. Ztg.
Deutsche- «eich.
Berlin, 7. Jan. Bei bem Kaiser findet heute nachmittag ein größere« Diner statt, zu dem Feldmarschall Eraf v. Moltke, die Minister ». Bötticher, v. Scholz unb » Schleinitz, die hier wohnenden Vunbe«rat«bevollmächtigten, der bayerische, sächsische und württembergische Gesandte mit ihren Mlitärattachs« und die Gesandten von Baden, Heffen und Mecklmburg geladm find. — Die -N. 1. Ztg." kommt auf dm Artikel des ,Reich«freund" über den Kronprinzen unb den Kanzler zurück unb sagt: In demselben ist da« Organ der Fortschritt-Partei bemüht, den Kronprinzen von der Politik, welche Se. Majestät der Kaiser seit 1866 geführt hat, zu trennen, unter der Fiktion, daß der Kronprinz selbst sich von derselben lorsage, oder, wie da« Rich» tersche Blatt sagt, e« ablehne, vor der Nation für unsere Politik „auch nur moralisch eine Verantwortlichkeit zu übernehmen". Für un« ist dieser Artikel ein neue« Symptom der berechneten und wühlerischen Arbeit unserer Republikaner. Die kaiserliche Politik, welche da« fortschrittliche Organ in seiner Abneigung gegen monarchische Einwirkungen als Kanzlerpolitik bezeichnet, hat mit ihren Erfolgen unzweifelhaft die Mehrheit der Nation für sich. Sie hat sicherlich da« Ansehen der Monarchie, den Einfluß be« Monarchen befestigt und gefördert. Dem jetzigen Kaiser diese Errungenschaft entreißen zu wollen, würde verlorene Mühe sein; auf dergleichen unfruchtbare Arbeit lasten sich die Herren Richter und Paristu« nicht ein. Ihr Angriff richtet sich gegen den Thronfolger, um in der Person der
selben die monarchische Zukunft zu treffen und den Kronprinzen loözulisen von jedem Zusammenhang mit der glorreichen Politik Seine« Herrn Vater«. Den Patronen be« .Reich-freund" ist e« vollkommen klar, daß ein Thronfolger, dem man seinen Anteil an der kaiserlichen Politik und ihren Erfolgen von 1866 unb 1870, an der Herstellung der deutschen Einheit und de« Kaisertum« bestreiten kann, in dm Augen de« Volk« einen wesentlichen Verlust an dem monarchischen Nimbu» erleidet, mit dem die Politik der letzten 20 Jahre die Person be« Kaiser« unlöslich umgeben hat. Kann man ben Nachfolger auf dem Thron um seinen Anteil am Ruhm bieser Politik bringen, so bient man der republikanischen Sache, indem matt die Sympathien, welche diese Politik in den Herzen der Deutschen erworben hat, auf ben Erben de« Thron« überzugehen verhindert. So künstlich auch die republikanische Taktik, die in solchen Bestrebungen liegt, in dem Artikel maskiert wird, für jeden, der nicht selbst durch fortschrittliche Brillen steht und die Fortschritt«politik unb ihre Ziele kennt, ist die MaSke durchsichtig. Es handelt sich eben nur darum, der Dynastie, in welcher unsere Monarchie erblich ist, in der öffentlichen Meinung nach Möglichkeit Schaden zu thun. Glücklicherweise ist der Anteil be« Kronprinzen an ber kaiserlichen Politik, bie da« Richtersche Blatt die „Kanzlerpoliiik" nennt, auf dem militärischen wie auf bem politischen Gebiet zu gewichtig und zu unmrtilgbar in die Bücher ber Geschichte eingetragen, al« baß monarchmfeinbliche Blätter ben Erben der Kaiserkrone um seinen eigenen Ruhm und an seinem Anteile an dem Ruhme seiner Väter betrügen könnten. — Die „Post" bringt einen Bericht ihre« Korrespondenten, welcher ben Kronprinzen auf seiner letzten Reise begleitet hat und in Rom zurückgeblieben ist. Bezüglich ber bem Kronprinzen vorn Papste erteilten Audienz äußerte sich ber Papst hochbefriebigt über bett Kronprinzen, über seine würdevolle unb gewinnende Erscheinung, feine offene, Vertrauen erweckende Miene, bie Rechtlichkeit feine« Sinne« unb bie Klarheit be« Geiste«: Eigenschaften, die bem künftigen deutschen Kaiser nur förderlich sein könnten für seine Aufgabe. Der Papst fügte hinzu, er habe bem Kronprinzen die katholische Bevölkerung Preußen« an da« Herz gelegt. Der Papst habe auch von dem „künftigen guten Verhältnisse" gesprochen. — Die „Nordd. Allg. Ztg." bespricht die Grundzüge ber Unfallvei stcherungrvorlage und bezeichnet al« deren Schwerpunkt bie Organisation ber gesamten Fabrikindustiie in BerufSgenoffenschasten mit obligatorischem Beitritte. Die beiden Pole der gesamten Organisation seien, daß die Genoffenschaft dm einzelnm Betrieb kraft be« Gesetze« ergreife unb bie ihr zugewiefmen Aufgaben in voller Freiheit unb selbstthätiger Verwaltung löse. Die Genehmigung ber Genoffenschaftsbildung sei in
bie Hände be« BundeSrat« gelegt, dessen Zusammensetzung für eine von kleinlichen büreaukratischen Allüren freie Handhabung feiner Zuständigkeiten Gewähr biete. Jede Genoffenschaft trage traft ce« Gesetze« die volle Last der Unfallversicherung; die Reichsgarantie trete nur für den fast unmöglichen Fall ein, daß vie Genoffenfchaft leistung«- unfähig werde. Den Arbeitern werde keinerlei Beitrag auf« erlegt unb den Arbeitnehmern jebe durch ihr Jntereffe gebotene Mitwirkung an ber Untersuchung der Unfälle, ber Feststellung der Entschädigungen, dem Erlaffe von Vorschriften für die Unfallversicherung gewährt. Die Unfallversicherung werde auf Arbeiter beschränkt, die bester unter da« Haftpflichtgesetz fielen. Die Ausdehnung auf weitere Arbeiterkreise sei Vorbehalten. In ben Grundzügm der Vorlage sei der zutreffende Ausdruck für die von der ReichStagSkommisston geäußerten Wünsche gefunden. — Behuf« Anlage und Erhaltung der in Verbindung mit den Arbeiterkolonieen in« Leben gerufenen Verpflegungsstationen ist der Vorschlag gemacht worden, daß die Kosten von ben Kreisen übernommen und von benfelben In Form einer befonberen Kreisabgabe aufgebracht werden. Der Minister de« Innern hat nun in einem Erlaß an die betreffenden Oberprästdenten darauf aufmerksam gemacht, daß e« im Hinblick auf die 88 10 ff. der KrelSordnung nicht zulässig sei, für bie Ausbringung Der in Rede stehenden Kosten im Wege ber KreiSbefteuerung einen anberen Maßstab zu wählen, als für bie Verteilung bet KrelSabgaben im allgemeinen festgesetzt worben ist. Dagegen unterliege e« keinem Bedenken, bei Ausschreibung der letzteren den auf die Einrichtung unb Unterhaltung der Verpflegung«stati»nen entfallenden Betrag au-zusonbern und ben Verwendungszweck in entsprechender Weise kenntlich zu machen.
Oldenburg, 7. Jan. Die .Oldenb. Ztg." vernimmt, da« Kommando der 19. Division habe Berufung gegen den Beschluß ber Strafkammer be» großherzoglichen Landgericht-, betr. den Strafantrag gegen den verantwortlichen Redakteur der „Nachrichten für Stadt und Land" wegen Beleidigung be« Major» Steinmann, eingelegt.
Darmstadt, 5. Jan. Da« hiesige Oberlande«gerlcht hat vor kurzem eine Entscheidung gefällt, welche über die Grenzen Hesten« hinan» von Bedeutung ist. E« hat nämlich bie Streitfrage, ob mit der einmal wegen Jmpfver- roelgerung erkannten und vollzogenen Strafe nach dem Grundsätze ne bis in idem bie Zuwlderhanblung gegen ba« Gesetz enbgültig gesühnt sei, ober ob, wenn weitere Aufforberungen, die Impfung vornehmen zu lasten, er« folgte» bleiben, stet» wiederholte Strafen ausgesprochen werben könnten, Int letzteren Sinne entschieden. Im vorgelegenen Falle wurde festgestellt, daß Jmpfverweigerung jeden Monat und für jeden einzelnen Fall mit drei Tagen
Spaß mit ber kleinen Annemarie zu spielen, ich schlüpfte oft bnrch bie Zaunlücke in ben Nachbargarten, unb bie Nachbarin war froh, wenn ich ihr baS unruhige Wesen für einige Zett abnahm. Besonder« feit die Kleine laufen konnte beschäftigte ich mich sehr viel mit ihr. Später tarn sie von selbst in unseren ©arten, und während ich Vokabeln lernte, spielte sie still zu meinen Füßen mit Sand oder Blumen; wenn ich aber meine Lektion konnte, bann spielten wir im Garten umher, sie suchte mich zu Haschen oder ich mußte mich verstecken, und wenn sie mich gefunden hatte, dann brach sie in laute Freudenrufe au«. Der treue Genosse unserer Spiele war Hido unser Hund, er ließ sich alle« von bem Kinde gefallen. Ihr höchste« jVergnügen war, wenn ich sie auf meinen Rücken nahm unb mit ihr durch ben Garten lief; ihre mageren Aermchen schlang sie um meinen Hal«; wagte ich einen besonder« großen Sprung, so hielt sie sich an meinen Haaren fest unb bann jauchzte sie laut auf vor Lust. Da« war täglich so. Bei schlechtem Wetter ober im Winter kam sie in unsere Küche gehuscht, ich mußte ihr Geschichten erzählen unb wenn ich mit einer fertig war, bann bat sie: .Noch eine." Calb kannte sie meinen bescheidenen Märchenschatz, unb wich ich einmal von dem gewohnten Hergänge ab, so sagte sie: .Nein, so war e« nicht," unb erzählte mir die Geschichte nach ber alten Schablone. Später erzählte ich ihr von Odysteu«, von Achill unb ben anderen Helden be« Altertum« unb selten hat wohl ein Klub so andächtig den Mythen der Heroenzeit gelauscht, wie bie kleine Annemarie, ba« TsgelöhnerSkinb au« bem GebirgSborfe. ES war ein sehr gelehrige« Kind, die Brocken meine« Mistens, bie ich iär beizubringen suchte, faßte eS leicht auf, und besonder- kleine Gedichte lernte eg rasch au-wendig unb konnte sie mit ihrem Hellen Sümmchen allerliebst wiebergeben,"
(Sottf*i*t folgt.)