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Marburg, Sonntag, 6. Januar 1884.
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Die alte Lady
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In den Betrachtungen, zu denen die Jahreswende diesmal den Blättern Anlaß bot, hat auch die Wirtschaft»- und Sozialpolitik allenthalben eine Stelle gefunden: Lob und Tadel wurden je nach dem Parteistandpuntt bezüglich der Vergangenheit, Befürchtungen und Hoffnungen bezüglich der Zukunft geäußert. Gleichwohl haben die bezüglichen Betrachtungen in den Rückblicken nicht ganz diejenige Rolle gespielt, die nach Lage der thatsächlichen Verhältnisse wohl zu erwarten gewesen wäre. ES wäre unrichtig, hieraus den Schluß zu ziehen, daß die Fortschritte nicht genügend gewürdigt werden, weiche auch daS Jahr 1883, und zwar in hervorragendem Maße, auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete aufzuweisen hat. ES erklärt sich diese Erscheinung vielmehr auS der Wandlung, welche sich — dank der Erfolge dieser Politik — in dem öffenllichen Geiste vollzogen hat! Wie die Kämpfe um wirtschaftliche Prinzipien mehr und mehr nachgelassen haben, so wird auch mehr und mehr die Fortsetzung der begonnenen Reformpolitik als natürlich und selbstverständlich empfunden, so läßt auch unbewußt der Widerstand der gegnerischen Parteien nach und so verliert sich denn auch aus dem Bewußtsein mehr und mehr die Wertschätzung dessen, waS nach langen mühsamen Kämpfen endlich erreicht ist und für die Zukunst stchergestellt erscheint.
Das Jahr 1883 hat mit dem KrankenverstcherungS- gesctz für die Arbeiter den Grundstein der Sozialreform gelegt und damit auf sozialem Gebiet den Grundsätzen die Wege geebnet, von deren Anwendung allein ein wirksamer Schutz der arbeitenden Klasien gegen die mit der freien
gewesen; weißt, daß Du die Rächer zu ihm führtest, er Dich durch einen Schuß niederstreckte, und die- alles errichtet eine Scheidewand zwischen Dir und dem Mädchen, welche durch nichts, weder durch Liebe noch durch Treue überbrückt werden kann. Eine Blutschuld trennt Euch, da» vergegenwärtige Dir, und Du wirst etnsehen, daß Elly nie die Deinige werden kann. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber sprechen. Auch wenn Elly zurückkehrt, benimm Dich, als sei nichts vorgefallen. Deine heilige Aufgabe ist es dagegen, Dich allmählich und so lange eS noch ohne großen Jammer geschehen kann, von ihr loszusagen. Mache ihr begreiflich, daß Deine im Fieberwahn gesprochenen Worte keine bindende Kraft besitzen könnten, ich aber «erde, um fernere Auseinandersetzungen abzuschneiden, so bald, wie irgend möglich, mit Elly von hier fort nach dem Osten ziehen. Dort wird sie Dich vergesien, wie Du sie hier vergesirn mußt, und dazu ist eS ja noch nicht zu spät.-
So ihre Erzählung schließend, sah Miß Eva schwermütig in den flammenden Westen hinein, wo die Sonne sich eben anschickte, in einen Hain htnabzutauchen. Abel schwieg. Die Brauen tief gerunzelt, die Lippen auf einander gepreßt, starrte er vor sich nieder. Plötzlich aber schoß eS glühend rot in sein Antlitz, und sich emporrichtend, fragte er mit fester Stimme: »Weiß außer Ihnen jemand um da-, was Sie mir eben anvertrauten f"
»Nein/ hieß eS ruhig zurück.
„Gut/ nahm Abel wieder zuversichllich daS Wort, „so mag eS auch fernerhin ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen unS Beiden bleiben, damit Elly's Seelenfriede nicht gestört werde. Lieber hätte auch ich eS nicht erfahren; und dennoch ist eS bester so. Ich bin jetzt gerüstet, wenn irgend welche Gerüchte zu Elly'S Ohren dringen sollte«,
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Die Wirtschafts- und Sozialpolitik beim Jahreswechsel.
Erzählung von Balduin Möllhausen.
Aber auch anderen Kummer brachten mir die entschwindenden Jahre. Als ob die Sünden der Väter zum Fluch an ihren Kindern werden müßten, starb mein Schwiegersohn. Einer kurzen Krankheit erlag. er, die Seinigen nicht in den.glänzendsten Verhältnissen zurücklastend.
„Und wiederum kämpfte ich einen harten Kampf, als meine Tochter mir unsere Vereinigung vorschlug. Sie auf kommende Zeiten vertröstend, lehnte ich In meiner Angst vor dem Schrecklichen ihren Vorschlag ab, dagegen fand ich Gelegenheit, sic von hier aus mit Geldmitteln reichlich zu unterstützen, so daß Not ihr fern blieb. Ob ich recht handelte, mag Gott wisten. Auf alle Fälle leitete mich in meinen Entschlüssen ein treuer Wille. Denn waS wäre daraus entstanden, hätte ihr Vater — hinweg von diesen Bildern. Die Aermste erfuhr daS Furchtbare nie. Ahnungslos ist sie in ihr frühes Grab htnabgestiegen, nachdem sie ihr einziges Kind, eine Tochter, zuvor einer hochbet-gten Freundin zur weiteren Pflege und Erziehung anvertraut hatte —"
„Elly ist jene Tochter, Elly ist Ihre Enkelin/ fiel Abel mit gepreßter Stimme ein.
„Meine Enkelin, Abel, ja, meine Enkelin, obwohl sie selbst es nicht weiß/ bestätigte die alte Lady eintönig, „denn eS war zwischen ihrem Vater und mir verabredet worden, und dieser hatte seine Frau iB> demselben Sinne verpflichtet, ihr vielleicht auch einiges auS meinem Leben müg teilt, daß Elly gänzlich in Unkenntnis über mich und meine Beziehungen zu ihr erhalten bleiben solle. Ihre alte Pflegerin aber konnte ihr nichts verraten, well sie selber
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Deutsche- Reich.
Berlin, 4. Jan. Der „Reichs-Anzeiger- publiziert die Verleihung de« Großkreuze« des Roten Adlerordens an Mutthar Pascha, der zweiten Klaste des Roten Adler« ordens mit Stern an den Sekretär de« Sultans Ktazim Bey, des Kronenordens zweiter Klaffe an die Oberstleutnants Noury Bey und Chevkt Bey. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die „Nat.«Ztg." hat durch die Urber« schwengltchketten, mit denen 'sie ihren Bericht über angebliche Vorgänge im Vatikan ausstattete, Erfolg nach einer Richtung hin erzielt, welche sie, die doch nur „zukünftige Geschichtsschreiber- für sich reklamierte, weder beabsichtigt, noch erwartet haben mag. Der „Reichsfreund ", der bekanntlich an der Stirn die bezeichnenden Partrinamrn
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so auch in dem verflostenen Jahre, haben Handel und Industrie unter dem wohlthätigen Einfluß staattichen Schutze» und staallicher Fürsorge einen neuen Aufschwung genommen: sie sind erstarkt und in einen auSstchtSvollcn und vielfach schon zu ihren Gunsten entschiedenen friedlichen Wettstreit mit anderen Nationen getreten. Der große Prozeß der Veistaatlichung der Eisenbahnen hat auch auf diese Verhältnisse fördernd eingewirkt. Selbst die freihändlerischen Blätter vermögen nicht zu bestreiten, daß sich die wirtschaftliche Lage in erfreulichem Aufschwung befindet, wenngleich ste sich vorzureden suchen, daß nicht wegen, sondern trotz der Wirtschaftspolitik diese willksmmene Wendung eingrtreten ist.
Für da» Volk sind alle diese Dinge redende Beweise von der Richtigkeit des eingeschlagenen Wege-, und daS ist der Grund, weshalb flch auch auf sozialem Gebiet das Vertrauen zu den Grundsätzen stärkt, welche eine Abwendung von den Grundsätzen des GehenlaffenS bedeuten. Hierin liegt die Gewähr, daß die noch zu lösenden Aufgaben in Volk und Parlament auch im neuen Jahre Verständnis und Unterstützung finden werden und jdaß, so sehr auch der wirtschaftliche Liberalismus sich bemühen mag, hindernd dazwischen zu treten und flch und da» Volk für seine ab- gethanen Prinzipien zn begeistern, doch der schließliche Erfolg auf Seiten derjenigen sein wird, welche eine Gesundung der wirtschaftlichen und sozialen Vrrhältniffe von einer Durchdringung aller öffenllichen Einrichtungen und aller individuellen Anschauungen mit dem Geiste der den Inter- effen der Gesamtheit und dadurch, aber auch nur so, den Interessen der einzelnen wahrhaft dienenden stttltchen Ordnung erwarten. Möge das neue Jahr der Sozialreform einen zweiten Baustein, dem KrankenverstcherungSgesetz das Unfallversicherungsgesetz hinzufügen: wenn dir Parteien der Wandlung des öffentlichen Geiste« zu gnnsten der von der Regierung erstrebten reformatorischen Ziele Rechnung tragen und flch von fremdartigen Interessen und Rücksichten nicht beeinflussen lasten, so wird das Jahr 1884 sicherlich die Fortsetzung des im Vorjahre begonnenen Werkes bringen.
Ameisen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, «owie d Annoncen-Bureaux »onSaasenstein und Vogler in Frankfurt a. M, Ham- dnra. Magdeburg u.Wien; Rudolf Messe in Frankfurt „ M., Berlin, München und «öln: G L. Daube und ßo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari».
Anzeigen nimmt entgegen: die „Expedition d. Blatte», sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandluna daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; SB. Thiene» in Elberfeld.
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Konkurrenz unvermeidlich verbundenen Schädigungen zu erwarten ist. Weiter sind auf gewerblichem Gebiete durch die Gewerbenovelle im Jntereste der Sittlichkeit und Ordnung Schranken gezogen worden, welche geeignet erscheinen, die Auswüchse der Gewerbefreiheit zu beschneiden.
Vergleicht man mit diesen Erfolgen der Gesetzgebung die Anschauungen, die noch vor vier und fünf Jahren die weitesten Kreise der Bevölkerung beherrschten, und zieht man in Betracht, mit wie verhältnismäßig geringen Anstrengungen bei den Beratungen der bezüglichen Gesetze die Geltendmachung der neuen Grundsätze sich ermöglichen ließ, so wird man willig einräumen müssen, daß zwischen dem Einst und Jetzt eine weite tiefe Kluft liegt und daß sich eine Wandlung in der öffentlichen Meinung zu gunfien der reformatorischen Bestrebungen vollzogen hat, wir man sie damals kaum für möglich gehalten hätte. Als im Jahre 1879 die Regierung den verderblichen Lehren des wirtschaftlichen Liberalismus entgcgentrat, glaubte dieser „das freie thatkräftige deutsche Bürgertum" mit Erfolg gegen „die hereinbrechendc wirtschaftliche Reaktion" aufrufen und siegesgewiß den Kampf aufnehmen zu können, und als die Regierung auf sozialem Gebiet gleichen Bestrebungen sich zuwandte, wurde sie nicht nur der „Reaktion", sondern geradezu der Förderung sozialdemokratischer Tendenzen beschuldigt. AuS den Kraftanstrengungen des Liberalismus hat sich bisher nichts entwickelt, waS den Zielen der wirtschaftlichen und sozialen Reformpolitik ernstliche Hinderniste hätte bereiten können. Im Gegenteil ist daS Prinzip des wirtschaftlichen und sozialen GehenlaffenS in den weitesten Schichten der Bevölkerung immer mehr in Mißkredit geraten und schließlich haben selbst die berufensten Verteidiger desselben auf die größere Berücksichtigung der Jntereffen der Gesellschaft gerichteten Bestrebungen Konzessionen gemacht, indem sie auch ihrerseits dem Prinzip der Zwangsversicherung, wenn auch unter Einschränkungen und Bedingungen, das Wort redeten.
Der gleiche Wandel hat sich, und vielleicht noch in verstärktem Maße, gegenüber der Eisenbahnpolittk vollzogen. Hier hat der Grundsatz, die Jntereffen der Gesamtheit höher zu stellen wie diejenigen einzelner Persönlichkeiten oder Vereinigungen, einen so glänzenden Sieg erfochten, daß die Wortführer der demselben widerstrebenden Parteien bei den letzten Erörterungen über diese Frage nur noch „ehrenhalber" Widerspruch erhoben und sich mißmutig aus die Roll- von Unglückspropheten beschränkten.
Diesen Umschwung in den wirtschaftlichen und sozialpolitischen Ideen verdankt da« Volk den thatsächlichen Erfolgen der bisherigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die auf allen Gebieten deS wirtschafllichen Lebens sich als figenS- voll erwiesen h b.n, und der Einsicht, daß die Verdächtigungen dieser Politik und die an dieselbe geknüpften Voraussagungen flch als falsch erwiesen haben. Bisher, und
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von mir nur als von einer betagten Verwandten wußte, am wenigsten ahnte, daß deren Mann — doch mag das ruhen. Inmitten seines verbrecherischen Treibens ist er von einer übermächtigen Hand gewaltsam abberufen worden. Möge er einen Richter finden, weniger erbarmungslos, als er es in seinem langen Leben gewesen.
„Zwölf Jahre waren also verstrichen, zwölf lange Jahre, von welchen er zehn, wenn ich nicht irre, im Gefängnis zubrachte, als er vor vier Wochen sich plötzlich wieder bei mir einstcllte. Dieses Mal hatte er sich noch besser vorbereitet, mich seinen unerhörten Forderungen gefügig zu machen. Unzweifelhaft war eS ihm gelungen, einen meiner an Elly's mütterliche Freundin gerichteten Briefe aufzufangen oder auch einen Blick auf die Adresse zu werfen. Da er meine Handschrift kannte, im Laufe der langen Jahre aber meine Vorsicht vielleicht etwa« ein» schlummerte, mußten seine unermüdlichen Nachforschungen ihn schließlich an sein Ziel führen. Welche Mittel er an- wendete, Elly'S Weg zu mir anzubahnen, erfuhr ich nur teilweise, will ich jetzt auch nicht mehr wissen. Sicher ist indessen und glücklicherweise, daß er seine Beziehungen zu dem Kinde oder zu mir nicht verriet, natürlich nur, um desto entscheidender und nachhaltiger auf mich einwtrken zu können. Rätselhaft erscheint mir dagegen, daß beim Anblick de» lieben Kindes sein Gewissen stumm blieb, nicht dir leiseste Regung von Mild« oder gar Reue in ihm erwachte.
„DaS übrige weißt Du, Abel," fuhr die alte Lady nach einer kurzen Pause unendlich sanft fort, „in ihrer Angst um mich hat Elly e« Dir wohl haarklein erzählt, wenigsten» so weit sie selbst bei dem schrecklichen Ereignis beteiligt gewesen. Du weißt aber auch, daß der Großvater meiner Elly ein Räuber, der Mörder Deines atmen Vaters
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