XU Jahrgang
Marburg, Sonnabend, 5. Januar 1884.
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Die alte Lsdy
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Erzählung von Balduin Möllhausen.
Für mein kleines Heimwesen fand ich leicht einen Käufer. Ebenso lcicht machte ich den Rest meiner Habe flüssig und so verließ ich die Stätte meiner Kindheit und meines langjährigen Leidens und Duldens, um nie wieder nach dorthin zurückzukehren. Ich verließ sie unter dem Namen meines unermüdlichen Verfolger«. Doch fchon auf der nächsten Station nahm ich meinen jetzigen an, in der zuversichtlichen Hoffnung, dadurch meine Spuren gänzlich zu verwischen.
Westlich zog ich, immer weiter westlich, bis ich endlich hier "ein sicheres Asyl gesunde« zu haben meinte. Damals standen erst wenige Blockhütten und so, wie manche andere junge Stadt, ist unsere Ansiedelung nicht gewachsen — doch das weißt Du ebenso gut, wie ich, denn als ich hier eintraf, begannst Du eben, ein wenig um Dich zu fchauen.
Mein Plan, mir einm Laden einzurichten, wurde von allen Nachbarn gut geheißen, indem man bisher jedes kleine Bedürfnis aus der Ferne hatte beziehen müffen. Man überließ mir die Blockhütte, schaffte die betreffenden Güter herbei, und weit und breit befand sich niemand, der nicht rin freundliche« Wort für die mürrische Miß Eva gehabt hätte. Sväter gingen die Menschen mir wohl ein wenig au« dem Wege; wmn sie nur gewußt hätten, wie r« in der Brust deS alten Weibe« blutete und bohrte! Doch wa« ich gelitten hatte, fernerhin leiden sollte, da« war nur für mich allein bestimmt, kümmerte keinen Anderen. Wenn ich Dich aber mit allem vertraut mache, Abel, so hat'« seinen Grund darin, daß ich Dich vor einem Schritt bewahren Mächte, welchem unfehlbar bittere Reue auf dem Fuße
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««.eigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, «»wie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler in Frankfurt a. M, Ham- burg, Magdeburg u. Wien; «udolf Mosse in Frankfurt 0 M„ Berlin, München und Mn; ® L. Daube und So. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Pari».
WDtuaerev ce^en »/♦ in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.
feld und dem mecklenburgischen Gesandten v. Prolliu« die erste Klaffe, dem württembergischcn Direktor von Schmid die zweite Klasse de« Kronenorden« mit dem Stern, dem bayerischen Ministerial-Direktor Freiherrn v. RäSfeldt, dem sächsischen Geheimen Finanzrat Golz, dem badischen Ministerialrat Scherer, dem weimarischen Staat«rat Geheimen LegationSrat Dr. Heerwart die zweite Klaffe de« Kronenorden«, dem bayerischen OberregierungSratr Schmidtkonz dir dritte Klaffe de« Roten Adlerordens verliehen. — Die Anordnung des KrtegSminister« hinsichtlich der Beschaffung von Bekleidung und Bewaffnung für den Landsturm der Armeekorp« der Provinzen Preußen, Pommern, Posen und Schlesien ist lediglich al« eine Fortsetzung der Anordnung über die Ausrüstung des Landsturm« der gesamten Armee anzusehen, welche vor etlichen Jahren ergangen ist und deren allmähliche Ausführung von Anfang an in Aussicht genommen war. — In RegierungSkreifen will man nicht daran glauben, daß dem Kaiser über die Grundzüge deS Arbeiter-UnfallgesetzkS von dem Staatssekretär v. Bötticher Vortrag gehalten worden sei, da ein solches Vorgehen bisher richt stattgefunden hat. Die Thatsache freilich steht fest, daß dem Kaiser vor längerer Zeit auf seine Anordnung über die Schwierigkeiten berichtet worden ist, welche dem früheren Entwurf entgegen standen und seine Erfolglosigkeit herbeigeführt hatten. E« wird übrigen« verbreitet, die KommisstonSverhandlungen über den früheren Entwurf seien in vielen erheblichen Punkten bei Au«arbeitung der zu erwartenden Vorlage benutzt worden. Gleichzeitig sollen in dem neuen Entwurf Einzelheiten festgehalten worden sein, für deren Beibehaltung bei der jetzigen Zusammensetzung de« Reichstage« sich kaum eine Majorität wird finden laffen. Um so begreiflicher ist die Spannung, mit welcher man dem Erscheinen de« neuen Entwurfes entgegensieht. Die Teilnahme des Fürsten BiSmarck an den Plenar- Verhandlungen gilt noch wie vor als sicher selbstverständlich, soweit es der Gesundheitszustand deS Fürsten gestattet. Derselbe soll sich übrigens jetzt zunehmend bester gestaltet haben und dem Fürsten gestatten, daß er sich eifrig mit Vorarbeiten für den Reichstag und Landtag beschäftigt. — Anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Gründung de« deutschen Zollvereins (1 Jan.) fand am selben Tage beim Finanzminister ein Feftotner statt, an welchem alle Minister, alle preußischen und nichtpreußischen Mitglieder de« BundeS- ratS und andere hohe Reichs- und Staatsbeamte teilnahmrn. Der Finanzminister erhob sich zu einem Toast, in welchem er die Vorgeschichte deS Zollverein« skizzierte und darauf hinwieS, wie die materiellen Bedürfniffe des Volks auf eine Versöhnung der beiden Richtungen, die man al« den deutschen Sondergeist und al« den deutschen EinheitSgeist bezeichnen könne, hingedrängt hätten, wie die erste glückliche praktische Versöhnung dieser beiden Richtungen die Gründung de« Zollvereins gewesen sei und wie der Zollverein
Nachfolgen würde. Nein, Abel, Du kannst keinen Fluch auf Dich und die unschuldige Elly herabbeschwören wollen."
„Nun ja," versetzte Abel, al« Miß Eva eine Pause eintreten ließ, und seine Stimme klang rauh und entschieden, „wenn der Einäugige mit seinem schrecklichen Schuldbuch wirklich Ihr Gatte gewesen, und Gott sei'« geklagt obenein, was hat das mit mir over Elly zu schaffen? So lange ich denken kann, waren Sie meine Freundin; Elly fand bei Ihnen eine gütige Aufnahme; daher stehen wir zu Ihnen in Dankbarkeit immerdar. Meinen ehrlichen Namen aber müßte ich mit Schanden tragen, legte ich Ihnen, der grausam Gemarterten und Mißhandelten zur Last, wa« ein Anderer an mir und meinen Eltern verbrach."
„Recht so, Abel," versetzte die alte Lady, ihr Haupt schwermütig wiegend, „Du sprichst wie ein Mann von Herz und Ehre. Doch laß mich zuvor meine Erzählung be- endigen, und Du wirst einsehen, daß ich alle Ursache habe, ernst und dringend von Deiner Verheiratung mit Elly abzuraten, Deinen Beistand gegen das Mädchen anzurufen, wenn es mit feinem einfältigen Ktnderherzen vielleicht nicht von Dir lasten will."
„Auf meinen Beistand mögen Sie in allem zählen, war zu dem Glücke Elly'S beittägt," antwortete Abel mit herbem Lachen, und geringschätzig zuckte er die Achseln, „unsere Verheiratung aber betrachte ich al« unser höchstes Glück, unv keinen Grund gibt es unter der Sonne, der mich anders denken machen könnte."
„So höre weiter," hob Miß Eva alsbald wieder eintönig an, „höre mich zu Ende, ohne mich mit Deinen Einwänden zu unterbrechen; da« Weitere ergibt sich von selbst!
„Die beiden ersten Jahre hier am Ort verstrichen mir verhältnismäßig friedlich. Ich trug mich wohl mit schwerem
Anzeigen nimmt entgegen: die,Expedition b. BlatteS, sowied. Annoncen-Bureaux JSgersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
in dem neu erstandenen deutschen Reiche seine Stelle und seine voll befriedigende Gestalt gefunden habe. Der Minister schloß mit einem dreifachen, begeistert aufgenommenen Hoch auf Kaiser Wilhelm, den Schöpfer de« neuen Reichs, und auf die deutschen Bundesfürsten. — Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht folgende Verordnung: § 1. In dem Verfahren vor dem Reichsgericht find von Zahlung der Gebühren befreit: 1. öffentliche Armen-, Kranken-, Arbeits- und BesterungSanstalten, ferner Waisenhäuser und andere milde Stiftungen, insofern solche nicht einzelne Familien oder bestimmte Personen betreffen oder in bloßen Studienstipendien bestehen; 2. öffentliche Volksschulen; 3. öffentliche gelehrte Anstalten und Schulen, Kirchen, Pfarreien, Kaplaneirn, Vikaren und Küstereien, jedoch nur insoweit, al« die Einnahmen derselben die etat«mäßige Ausgabe einschließlich der Besoldung oder deS statt dieser überlaffenen Nießbrauchs nicht übersteigen und dieses durch ein Zeugnis der denselben vorgesetzten Staatsbehörden bescheinigt wird. Insoweit aber in Rechtsstreitigkeiten derselben solche Ansprüche, welche lediglich daS zeitige Jntereffe derjenigen berühren, welchen die Nutzung deS betreffenden Vermögens für ihre Person zusteht, zugleich mitverhandelt werden, haben letztere die auf ihren Teil verhältnismäßig fallenden Gebühren zu tragen. 8 2. Gegenwärtige Verordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung in Kraft. Die Befreiung erstreckt fich auf alle bis dahin noch nicht fälligen Gebühren.
— Die „Prov.-Korrrsp." bespricht an der Spitze ihrer dieSwöchentlichen Nummer „die kirchenpolitischen Ergebnisse des Jahre« 1883" in folgendem Artikel: Im Dezember de« Jahres 1882, zwölf Monate vor dem Besuch, den der Kronprinz dem Vatikan erstattete, gab ein an den Papst Leo XIII. gerichtete« Schreiben unsere« König« der Ueber- zeugung Ausdruck, daß eine beiderseitige Annäherung angezeigt erscheine, und daß eine dadurch ermöglichte Wiederbesetzung der im Ktrchendienst vorhandenen Vakanzen noch mehr im Jntereffe der katholischen Kirche, als in demjenigen des Staate« liegen würde. Diese Erwartung ist durch die Ereigniffe deS abgelaufeneu Jahre« genügsam gerechtfertigt worden, um der Staatsregierung den Dank und die Anerkennung aller derjenigen zu sichern, welche die Wiederherstellung normaler Beziehungen zwischen Staat und Kirche anstreben. Keinen Augenblick wird die rückschauende Betrachtung darüber im Zweifel sein können, daß die Sache der Wiederherstellung solcher Beziehungen während der letzten zwölf Monate erfreuliche Fortschritte gemacht hat, und daß wir in dem kaiserlichen Handschreiben bezeichneten Zwecke abermals um ein Erhebliches näher gekommen sind. Es genügt, in dieser Rücksicht an die That« sachcn zu erinnern, welche der am 31. Dezember 1883 verkündigten bedeutsamen Entschließung be« königlichen Staat-ministerium- unmittelbar vorhergegangen sind. Die
Gram, allein ich begegnete niemand, der mit meiner Vergangenheit vertraut gewesen wir eund mich deshalb bemitleidet hätte, das diente mir schon allein zur großen Beruhigung. Da durfte ich denn wohl hoffen, mein Leben unerkannt hier zu beschließen und die Früchte meiner Arbeit — da« Glück begünstigte mich ja — meiner Tochter in der Ferne zukommen zu laffen. Doch wo blieben meine Hoffnungen?!
„Im dritten Jahre war eS nämlich, als eines AbmdS spät mein unermüdlicher Verfolger bei mir eintrat. Er sah entsetzlich auS mit dem unsteten Blick au- dem einzigen Auge und mit dem höhnischen Lachen auS seinen Zügen. Ja, er lachte, als er mich zittern und beben sah und ich keinen Laut über meine Lippen zu bringen vermochte. In seiner grauenhaften Weise beschwor er, daß er mich gefunden haben würde, wenn ich mich auf den Meeresboden gebettet hätte. Dann erklärte er, meine Flucht solle mir verziehen sein, wenn ich nur jetzt zu ihm stehe, zumal ich anscheinend mit dem besten Erfolg gearbeitet habe.
„In meinem Gesicht mochte er lesen, daß die rohe Sprache mich anwiderte und ich mit mir darüber zu Rate ging, ob e« nicht vorzuziehen, auf die Vermittelung der Nachbarn mich zu verlaffen; denn er sprang vor mich hin, und meine beiden Arme mit schmerzhaftem Griff packend, zischte er mir förmlich zu: „„Du mußt mir Geld geben, damit ich von bannen komme. Du mußt mich einige Tage beherbergen und meine Anwesenheit in Deinem Hause verheimlichen, wenn Du nicht willst, daß ich wegen Totschlag« vor Deinen Augen aufgeknüpft werde."'
«Ja, so sprach er, und meine letzte Widerstandskraft war gebrochen. Zu einer toten Maschine hatten mich die furchtbaren Worte gemacht. Denn neigte ich auch zu dem
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Abstellungen auf daS 1. Quartal 1884 der Oberheffischen Zeitung und deren Gratisbeilagen
Illustrierte» Souutag»blatt,
sowie für die Abonnenten der Kreise Marburg und Kirchhain
Amtlicher Anzeiger
sür die Kreise Marburg und Kirchhain
werden von der Post noch entgegen genommen.
Mit dem 1. Januar hat daS Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain aufgehört zu erscheinen und ist an dessen Stelle der „Amtliche Anzeiger" als Beilage zur „Oberhess. Zeitung« getreten. „
Anzeigen enthalt der „Amtliche Anzeiger nicht, diese finden rmr in der „Oberheff. Zeitung" Aufnahme.
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Expedition der Oberheff. Ztg.
Deutsche» Reich.
Berlin, 3. Jan. In feierlichster Weise fand heute vormitlag die Einweihung der auf dem Wedding-Platze gelegenen DankeSkirche statt. Punkt 11 Uhr trat der Kaiser in daS Gotte-hauS unter dem Geläute der Glocken, am Hauptportale vom Kronprinzen, dem Prinzen Wilhelm, dem Präsidenten de« Kirchenkomttee«, Generalleutnant von Ollech, dem Baurat Orth und dem Maurermeister Stargardt empfangen. Nach Begrüßung durch die Genannten stieg der Kaiser, während von dem königlichen Domchor unter Posaunenbegleitung der Chor „Jauchzet dem Herrn alle Well" gesungen wurde, die Stufen hinauf zur Fürsten» löge, wo noch die Kaiserin, die Kronprinzesstn, die Erb- prinzeistn Charlotte von Meiningen, der Kronprinz, Prinz Wilhelm, Prinz Alexander, Prinz August von Württemberg, der Erbprinz von Meiningen, die drei jüngeren Töchter der kronprinzlichen Herrschaften und der Feldmarschall Gras Moltke anwesend waren. Der Loge gegenüber saßen die Minister von Puttkamer, Friedberg, Maybach, v. Bötticher und Bronsart von Schellendorff. Im Schiff der Kirche vor de» mit exotischen Gewächsen geschmückten Altar hatten etwa 100 Geistliche, der Oberbürgermeister mit etwa 50 Stadträten und die Stadtverordneten in Amt-tracht Platz genommen. Die Kirche war durch eine mächtige Ga-krone erleuchtet. Die Liturgie hielt der Prediger Distelkamp. Den Weiheakt vollzog General-Superintendent Probst Brückner. Die Predigt hielt Obeihofprediger Kögel. — Baurat Orth erhielt den Kronenorden 4. Klaffe. — Dem „Berl. Tgbl." zufolge wurden anläßlich de« Gedenktage« der Gründung des Zollverein« dem bayerischen Gesandten Grafen v. Lerchen-