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XIX. Jahrgang

Marburg, Freitag, 4. Januar 1884.

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Königreichs Sachsen, welche die ErwerbSverhältniffe mög­lichst günstig schilderte, wurde ausdrücklich hervorgehobcn, daß speziell die Landwirtschaft an dem Aufschwünge deS Erwerbslebens gerade in letzter Zeit nicht teilgenommen habe. Wer wollte überhaupt leugnen, daß die eben er­wähnte Entwickelung in Deutschland eine fast allgemeine sei? In immer größerer Verhältniszahl dringen gerade die Geldmänner in die höheren und höchsten Stufen der Ein­kommensteuer vor, aber die Gewerbetreibenden und Grund­besitzer treten verhältnismäßig zurück. Und da sollen ge­rade die Geldmänner, das Geldgeschäft, auch noch ein Steuerprivilegium genießen?

Der gesunde Menschenverstand sieht sofort ein, und die national-ökonomische Wissenschaft lehrt rS positiv, daß Er­tragssteuern auf alle Erwerbszweige gelegt werden müsien, wenn sie nicht unnatürliche Verschiebungen im Zudrang« zu den einzelnen Erwerbsarten und iu der Lage der ein­zelnen Erwerbsarten schaffen sollen. DaS liegt geradezu auf der Hand, und da die Liberalen trotzdem die endliche Erreichung des Zieles, durch die Kapitalrentensteuer unser bisheriges Ertragssteuersystem zu vervollständigen bekämpfen, so machen wir darauf aufmerksam, daß z. B. EmminghauS, der seit Jahrzehnten ein eifriges Mitglied des manchester- lichen volkswirtschaftlichen Kongresses ist, daß ferner Mill u. a. diese Lehre vertreten. Von diesem Standpunkte aus erklären wir in unserer Ucberschrtft die endliche Einführung der Kapttalrentensteuer für eine volkswirtschaftliche Not­wendigkeit, um dem ohnehin zu sehr überwuchernden Geld­geschäft wenigstens den künstlichen Hebel des Privilegs der Ertragsteuerfreiheit zu nehmen, obgleich wir gleich hinzufügen wollen, daß das wirksamste Mittel der Besteuerung gerade desjenigen Kapitals, welches in erster Linie getroffen werden muß, in einer kräftigen Börsensteuer liegt, an der wir nach wie vor festhaltem

VonHaß" gegen das Kapital wtflen wir uns bei der Befürwortung der Kapitalrentensteuer vollständig frei. ES ist eine Maßregel volkswirtschaftlicher Notwendigkeit, Letzteres einesteils gegenüber der drei anderen, schon be­stehenden Ertragssteuern, und andernteilS gegenüber den steuerpflichtigen ärmeren »Volksklaffen, zu deren Erleich­terung der Ertrag der Kapitalrentensteuer ja nur dienen soll. Wir erkennen im übrigen den ehrlich erworbenen Kapitalbesitz genau so gut als vollberechtigtes Eigentum an, wie jedes andere Eigentum, z. B. den Grundbesitz, und sind auch wirklich nicht so beschränkt, daß wir die heil­samen Funktionen des Kapitals im VolkSwirtschaftSleben nicht würdigten. DaS Kapital soll dieselben aber genau innerhalb der gerechten Schranken auSüben, und dazu ge­hört nach unserer obigen Darlegung, daß auch daS Kapital eine Extrasteuer zahlt, wenn auch die übrigen ErwrrbS- zweige von einer solchen getroffen werden.

bezahlt nur Steuer mit zu den 35 Millionen Mark Ein­kommensteuer und zu dem noch geringer« Betrage der Klassensteuer; zu dieser Steuer müssen aber jene, mit rund 88 Millionen Mark Ertragssteuer bereits belasteten Grund- und Hausbesitzer und Gewerbetreibenden noch einmal bei­tragen, genau in derselben Weise und mit demselben Prozent­sätze der Steuer, wie die Kapitalbesitzer, und dann noch mit dem Unterschiede zu ihrem Nachteile, daß sich besonders der höhere und höchste Kapitalbesitz sehr schwer kontrollieren läßt, daher große Beträge der Einschätzung sich entziehen, während daS Einkommen aus Gewerbebetrieb, und mehr noch auS Grund- und Hausbesitz, viel offener vor Augen liegt und daher viel vollständiger und schärfer bei der Ein­schätzung gefaßt werden kann.

Ist daS nicht eine ungeheure Begünstigung des ZinS- renteneinkommenS, einmal keine besondere ErtragSsteuer zu zahlen, und dann auch noch bei der allgemeinen Einkommen­steuer sich einer richtigen Einschätzung in großen Beträgen zu entziehen? Und liegt nicht in diesem Zustande deS jetzigen preußischen Steuersystems eine kraffe Bevorzugung einer bestimmten Erwerbsart? Und bedeutet diese Bevor­zugung nicht, die Antriebe noch verstärken, welche in unfern Tagen ohnehin schon so sehr daS Kapital von der müh­samer» und riSkantern eignen produktiven Anlage abschrecken, und immer mehr eS bloß in Form von Hypotheken, Obli­gationen, Wertpapieren aller Artarbeiten" lassen? Ist eS nicht z. B. eine bekannte Thatsache, daß in gar vielen Fällen der Kapitalist heute einem gewerblichen Unternehmen nur als Gläubiger gegen volle Sicherheit das Geld gewährt, was er früher unverhältnismäßig häufiger in Form der Teilnehmerschaft einzuschießen pflegte? Und haben wir nicht ähnliche Veränderungen in den Beziehungen zwischen Kapital und Produktion vielfach in den letzten Jahrzehnten erlebt? Ist eS nicht auch z. B. eine unendlich häufige Erscheinung, daß die Börsenberichte Ueberflnß an Kapitalanlage suchen­dem Gelbe melden, während die verschiedenen ProdicktionS- arten Mangel an Betriebsmitteln haben und daran kranken? Warum nun also diesen Hang der Zeit und diese Ent­wickelung der Erwerbsbewegung dadurch noch verstärken, daß man der ZinSrente auch noch ein Steuerprivilegium gewährt vor allen anderen ErwerbSarten.

Wie stellen sich ferner die verschiedenen ErwerbSarten in ihrer Entwicklung? Jüngst wurde darüber u. a. eine spezielle statistische Darlegung veröffentlicht aus dem Groß­herzogtum Sachsen - Weimar. In einem solchen kleinen Ländchen laffen sich die Verhältniffe besonders genau über­sehen und die Angaben haben höheren Wert. Hier wurde nun aber ziffermäßig die Thatsache konstatiert, daß in den letzten Jahrzehnten die VermvgenSzunahme im Großherzog- tum weitaus am stärksten sei beim Geldgeschäft, danach bei den Gewerben, und erst dann kam im weiten Abstande die Landwirtschaft. Auch in der letzten Thronrede deS

machte. Er beschwor, daß ich bis zum Tode eines von uns sein Weib bleiben solle und er von Zeit zu Zeit bei mir vorsprechen werde, um mich an die zwischen unS be­stehenden unlösbaren Fesseln zu mahnen. Ich wäre lieber gestorben, bevor ich in seiner Anwesenheit die Gerichtsbarkeit gegen ihn angerufen hätte und da» begriff er nur zu gut. Dann fuhr er fort:Wegen Wechsclfälschung verbrachte ich die letzten sechs Monate im Gefängnis Du siehst, ich will nicht bester scheinen, als ich bin gibst Du mir das Reisegeld nicht ohne jede Bedingung, so stelle ich mich hier in der Stadt als einen entlassenen Sträfling vor und überlaste es Dir, den Eindruck dieser Kunde bei unserer Tochter zu mildern. Auch ich bin in Verzweiflung und darf nicht lange nach dem Wert der Mittel fragen, wenn eS sich darum handelt, mir einen Weg durch'« Leben zu bahnen."

Bei solchen Beweisen tiesster Verworfenheit stand mir keine Erwiderung zu Gebote. Schweigend gab ich meine Ersparniste hin. Ich besaß nicht einmal den Mut, ihn zu bitten, mich nicht mehr aufzusuchen was wäre ein Ver­sprechen von ihm gewesen? und beruhigte mich erst einigermaßen, nachdem er unter dem Schutze der Nacht die Stadt wieder verlasten hatte.

Ec ging, mich in wahrer Verzweiflung zurücklastend. Standen seine erneuten Besuche und heillosen Erprestungen doch immer wieder zu erwarten. Meine Tochter wuchs heran und gewann ungewöhnlich schnell Verständnis für alles, wa« um sie her vorging, und so mußte endlich der Tag kommen, an welchem sie nicht nur erfuhr, daß ihr Vater noch lebte, während ich sie ängstlich im Glauben an seinen Tod erhielt, sondern er selber auch grausam eine Be­gegnung mit ihr herbeiführte. Ein solcher Gedanke war zu

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS GonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen «'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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8.

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rntsetzlich für mich; er marterte mich Tag und Nacht, bis ich endlich zu dem größten Opfer mich entschloß, welches einer Mutter nur je hätte abgefordert werden können. Ich brachte sie weit fort zu kinderlosen Verwandten, von welchen ich die Ueberzeugung hegen durfte, daß sie ihr eine sorg­fältige Erziehung würden angedeihen lasten. Mit ihnen vereinbarte ich auch, daß sie ihren Namen auf da- Kind übertrugen, um die letzte Spur zu vernichten, welche den Vater hätte zu ihm führen können. DaS süße Herzchen, ein liebliches Mädchen, war damals erst sechs Jahre alt, hatte also noch keinen klaren Begriff von dem Wechsel unserer Lage, war aber zugleich jung genug, um mit kind­licher Anhänglichkeit sich an die Pflegeeltern anzuschließen.

DaS arme liebe Kind, Ich ahnte, daß ich e« in diesem Leben nicht Wiedersehen würde. Und eS war so gut ge­artet, so zärtlich, so schön, so schön"

Miß Eva'S Antlitz neigte sich tief. Schwere Thrinen rollten über ihre abgehärmten verwitterten Wangen, indem sie in der Erinnerung sich einen Engel zu vergegenwärtigen trachtete. Mit Ehrerbietung und dennoch von namenloser Unruhe gefoltert, sah Abel Fancy auf sie hin.

VIII.

Eine längere Pause düsteren Schweigen- war verstrichen und um etu Erhebliches geringer der Abstand der Sonne von der westlichen Waldung geworden, als plötzlich ein heftiger Schauder die knochige Gestalt der alten Lady durch­lief. Sie richtete sich empor und mit einer gewisten Hast nahm sie die unterbrochene Erzählung wieder auf:Nachdem Ich meine Tochter in Sicherheit gebracht hatte, entschwand >ine Reihe von Jahren in erträglicher Ruhe. Hindern tonnte ich freilich nicht, daß jener Elende von Zeit zu Zett

«n,eigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux oon Haasenstein und Vogler j Frankfurt a. M , Ham- bura Magdeburg u.Wien; «udolf Moffe in Frankfurt . M., Berlin, München und Mn: G L. Daube und Co. in Frankfurt a. M-, Norlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die.Expedition d. Blattes, sowie d.,Annoncen-Bureaux JSgersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Herrnann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; SB. Thienes in Elberfeld.

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33 Die alte Lady.

Erzählung von Balduin Möllhausen.

Miß Eva neigt« das Haupt zustimmend. AIS sei ihr diese Antwort unendlich schwer geworden, sah sie einige Sekunden in die ihrer Strahlm beraubten Sonne, bevor sie wieder anhob:Die Wunde war noch nicht geheilt und entstellte ihn gräßlich, daß eS mir durch die Seele schnitt. Er sagte, ssie rühre von einem Sturz her, und ich nahm keine Veranlassung, ihn genau darum zu befragen. .ES war mir, als sei nunmehr eine Kluft zwischen unS eröffnet worden, welche ein Ocean nicht hätte auSsüllen können. Sogar ver Gedanke an die Möglichkeit einer gerichtlichen Scheidung, mit welchem ich mich seit Jahresfrist häufig beschäftigte, erschien mir als ein Frevel an mir selber, indem ich in einem solchen Falle gezwungen gewesen wäre, vor Zeugen als zu ihm gehörig ihm gegenüberzutreten.

Das verlangte Obdach gewährte ich ihm, jedoch unter der Bedingung, daß er meine Tochter nicht wecke, während der Zeit seines Aufenthalte- in meiner Wohnung sich streng verborgen halte, am wenigsten aber dem Kinde sich zeige.

Er beteuerte da- Beste; offenbarte sogar Reue über sein vergangenes Leben, so daß in mir die Hoffnung auf seine Rettung keimte und ich «hm die beste Pflege angedeihrn ließ. Doch wie sollte ich enttäuscht werden! Hatte er von Anfang an nie di« leiseste Zuneigung zu mir besesten, sondern nur nach meinem Vermögen getrachtet, so zeigte sich jetzt, da ich nicht- mehr zu bieten hatte, daß ich ihm geradezu Widerwillen einfiißte. Mein Vorschlag, wenn er fern, meine Scheidung von ihm zu bewirken, wofür ich Ihm meine letzte Habe bot, brachte r- dahin, daß er selbst »tr grM-ber auS feiner Verworfenheit kein Hehl mehr

Gestellungen auf da- 1. Quartal 1884 der Oberheffischen Zeitung ttnb deren Gratisbeilagen

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Mit dem 1. Januar hat das Kreisblatt für die Kreife Marburg und Kirchhain aufgehört zu erscheinen und ist an desien Stelle derAmtliche Anzeiger" als Beilage zur Oberheff. Zeitung" getreten.

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JnfertionSgebühren und Abonnementspreis derOberheff. Zeitung" bleiben unverändert wie bisher.

Expedition der Oberheff. Ztg.

Die wirtschaftspolitische Rotweu-igkeit der «apital- reuteufteuer.

Wenn ein preußischer Staatsbürger 100000 Mark zur Verfügung hat, und er legt st« derart an, daß er dafür Häuser baut, so nimmt ihm der Staat vom Ertrage dieser Häuser einen Tell in Gestalt der Gebäudesteuer fort; legt der Staatsbürger für die 100000 Mk. eine Fabrik an, oder begründet er ein Handel-gefchäft, der Staat nimmt am Ertrage dieser Gewerbe teil durch die Gewerbesteuer; verwendet der Staatsbürger die 100000 Mk. auf die Kultur von Mooren und Oedländereien, steckt er das Geld in die Aufforstung von Haiden u. dergl., der Staat kommt bald mit der Anmeldung der Grundsteuer und legt die Hand auf einen Teil de» Ertrages; aber wenn der Staats­bürger die 100000 Mk. auf Hypotheken auSletht, in Wert­papieren anlegt u. dergl., dann bleibt er im Besitz deS ganzen Ertrags feines Kapitals; er bezahlt nur Einkommen­steuer, wie sie von allen Einkommen jeder Art gezahlt wird, auch von dem ganzen Einkommen der Grund- und Haus­besitzer und der Gewerbetreibenden.

Neben der Einkommensteuer (resp. Klaffensteuer) auf alle Arten des Einkommen- werden von der Boden­oder Grundrente noch besondere zweite Steuern erhoben, die Ertragssteuer, während einzig und allein die ZinSrente, die Kapitalrente keine zweite, kein« Ertragssteuer trägt. Der preußische Staat erhebt von der Grundrente allein jährlich rund 40 Millionen Mark Steuer, von der HauS- rente rund 28'/i Millionen Mk. und von der Gewerberente beinahe 19 Millionen; nur die ZinSrente, die Kapitalrente ist frei von einer besonderen Steuer, daS Kapitalvermögen