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Marburg, Dienstag, 4. Dezember 1883.
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«««eigen nimmt entgegen: Expedition d. Blattes, u®ie d.Annoncen-Bureaux “ jj. Dietrich u. Co. in Lffäl und Hannover; Th. Ltri<6 in Frankfurt a-M.; ijgfenftcin u. Vogler in Lgfltfurt o. M., Berlin. K.ig, Köln Rudolf sSfe in Berlin, Frankfurt a. M. re-
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Hnjeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Amwncen-Bnreaux eenL.Daube «.Co. in Frankfurt a. M.; JSaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; ». Thieneö in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.
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Die Weisheit der Opposition.
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mit einigen Variationen behandelt wird.
tlwllltk Der Extrakt aller dieser Reden, welcher die Weisheit der liberalen Opposition darstellt, zerfällt in sechs GesichtS-
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kenntlich nicht. Die liberalen Reden aber folgen zwar nicht unmittelbar auf einander, aber sie sind einander alle gleich- Eine jede kann als typisch für die ganze Gattung gelten. Nimmt man z. B. so eine Rede zur Hand, wie sie vorige Woche der jetzt zum Führer der liberalen Opposition im Lanttage avancierte Herr Rickert gehalten hat, so wird man fine en, daß sie nicht von derjenigen zu unterscheiden ist, die er vor einem Jahr gehalten: ebenso sind diese Rickertschen Reden im Grunde auch nur Abklatsche der früheren „berühmten" Richterschen EtatSreden, und ferner find die Rickert - Richterschen Reden im Landtage dieselben wie die im Reichstage. Hat man eine gelesen, so kennt
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An der Spitze steht die Behauptung, daß die neu ein« geführten Reichsstenern die ärmsten Klaffen belasten, weil fie vornehmlich die wichtigsten Lebensbedürfnisse treffen, lind doch ist von dieser Seite auch noch nicht der Schalten eines Beweises erbracht, daß Getreide- und Petroleumzölle die Preise erhöht haben. Durch fortwährende Wiederholung wird diese Behauptung nicht wahrer.
In zweiter Linie wird fortwährend in Abrede zu stellen gesucht, daß der industrielle Aufschwung ein Erfolg der neuen Wirtschaftspolitik sei. Und doch sprechen die That- sachen so laut und deutlich für diese Politik, daß selbst das blödeste Auge ihre Wirkungen zu erkennen vermag und es einer Widerlegung der steihändlerischen Behauptung nicht bedarf.
DaS dritte Bekenntnis der Opposition ist, daß sie eS sür falsch hält, wenn man in den Einzelstaaten die Ausgaben beschließt, während daS Reich Einnahmen schaffen ioH. Bei der Verbindung von Reich und Einzelstaaten «Nr bei der verfassungsmäßigen Ordnung der Einnahmequellen läßt sich aber hierin nichts ändern. Zum Beweise ihrer Behauptung weist die Opposition daraus hin, daß die vom Reich beschlossenen Einnahmen von 125 Millionen
nicht voll und ganz den Einzelstaaten zu flute gekommen sind und neue Stenern ihnen auch nicht zu gute kommen werden, und daß eS keine Kunst sei, mit so viel neuen Steuern ein früheres Defizit zu beseitigen. Daß daS Reich auch Bedürfniffe hat, die befriedigt werden mußten, und daß kein Pfennig ausgegeben werden wird, der nicht von dem Parlament genehmigt worden, wird wohlweislich verschwiegen. Wie man aber die Defizite und Bedürfniffe ohne neue Steuern hätte beseitigen, bezw. befriedigen können, ist wahrscheinlich ein Geheimnis, welches die liberale Opposition sür sich behält, bis sie ans Ruder kommt.
Als viertes Schlagwort wird gegen die Regierung und die Konservativen hauptsächlich wegen der Wirtschaftspolitik fortwährend das Schlagwort „Reaktion" angewandt, und doch sagt ein liberales Blatt heute noch, daß die neue Wirtschaftspolitik auch mit den Liberalen hätte zu stände gebracht werden können und daß eine Fortsetzung der Reichspolitik auch jetzt noch mit den Liberalen möglich fei. Sind diese denn wirklich zur „Reaktion" bereit?
Als fünftes und einziges positives Argument gegen diese Politik wird die Notwendigkeit der Quotisierung der Steuern betont. Im Munde deS Herrn Rickert bedeutet dies nichts anders als die bekannte, von Herrn Bamberger im Reichstage im Frühjahr näher begründete Forderung, auch in Preußen und Deutschland die parlamentarische Regierungsform einzuführen, deren Unausführbarkeit ehrliche Liberale mit Rücksicht auf die in anderen Ländern gemachten Erfahrungen längst selbst anerkannt haben.
Und zum Schluß einer jeden liberalen Rede, und so auch der Rickertschen vom Montage, wird die Prophezeiung ausgesprochen, daß die konservative Herrschaft bald ihr Ende finden werde. Wenn die Liberalen dies sagen, um sich zu trösten, — immerhin, wir können getrost diese Wendung abwarten.
Jedenfalls werden sie mit ihrer Weisheit dies nicht erreichen. Sie meinen vielleicht, daß — wenn sie immer dieselben Einwendungen gegen die herrschende Politik vorbringen — viele Tropfen den Stein höhlen werden. Wir aber meinen, ein fortwährend im Gebrauch befindliches Meffer stumpft ab, und der Liberalismus wird schließlich mit seiner Monotonie selbst vor langer Weile sterben.
Deutscher Reich.
Berlin, 1. Dez. Die Kaiserliche Familie wird in wenigen Tagen wieder in Berlin vereinigt fein. Der Kaiser traf von seinem JagdauSfluge nach der Göhrde Sonnabend ge>;en 10 Uhr auf hem Hamburger Bahnhofe ein, während Ihre Majestät die Kaiserin gegen Mitternacht gleichfalls in Berlin anlangte. Die Abreise deS Kronprinzen dürfte nunmehr bestimmt am nächsten Freitag erfolgen, so daß Höchstderselbe gegen Mitte deS Monats hier eintrifft. — Der deutsche Gesandte in Petersburg, der den Kaiser bei
dem JagdauSfluge nach der Göhrde begleitete, hat sich von dort, wie verlautet, abermals nach Friedricharnh zum Reichskanzler begeben und wieder eine längere Konferenz mit dem Fürsten Bismarck gehabt, in der es sich um die Verständigung sehr wichtiger Fragen gehandelt haben soll. — Die vielfach verbreiteten Gerüchte über eine neuerliche Erkrankung deS Reichskanzlers sind, wie berichtet wird, durchaus grundlos. Fürst Bismarck erfreut sich im Gegenteil augenblicklich eines verhältnismäßig erfreulichen Wohlseins, daS durch eine regelmäßige Lebensweise, längere Spaziergänge und einen wiedergewonnenen Appetit immer mehr gefestigt wird. Die bevorstehende Ankunft Dr. Schwen- ningers in FrievrichSruh gilt nicht dem Fürsten, sondern der Fürstin Bismarck, welche von neuem von ihrem Magen- leiden heimgesuchtM. Dr. Schwenninger ist der Titel eines Professors verliehen worden. — Herrn v. Böttichers Fahrt nach Friedrichsruhe zum Reichskanzler hat den Zweck nicht blos einer Verhandlung zwischen beiden Staatsmännern über die sozialpolitischen Vorlagen für den Reichstag, sondern auch über die Zeit- und Arbeitseinteilung beider Volksvertretungen. Man hofft, wie man hört, zu ermöglichen, daß diesmal ein Nebeneinandertagen derselben vermieden werde. Der Reichstag dürfte nicht vor Ende Februar, vielleicht erst anfangs März einberufen werden. Zu dieser Frist aber — so nimmt man an — würden der preußische, baierische, badische, sächsische Landtag ihre Arbeiten sämtlich bereits beendet haben. — Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Gerüchte von dem bevorstehenden Ausscheiden des Kaiserlichen Gesandten in Peking als jeder Begründung entbehrend. Herr v. Brandt werde nach Ablauf deS ihm gewährten längeren Urlaubs auf seinen Posten zurückkehren. — Ueber die gestrige Sitzung der Budget- kommisston deS Abgeordnetenhauses wird noch berichtet, daß bei dem Etat der indirekten Steuern bezüglich der Stempelsteuer die reichsgerichtliche Entscheidung über die Lieferungsstempel im kaufmännischen Verkehr zur Sprache gekommen ist und eine Resolution angenommen wurde, welche die Regelung der Vorschriften über diesen Stempel im Wege der Gesetzgebung bei der Staatsregierung anregt. Bezüglich der Gerichtskosten, deren Höhe wieder um vier Millionen herabgesetzt ist, wurde von den Vertretern der Staatsregierung mitgeteilt, daß die Verhandlungen über deren Herabsetzung beim Reiche schweben, und daß eine Ueberweisung des Einziehens der Gerichtskosten an die Gerichtsbehörden, wenn solche überhaupt beschlossen werden sollte, jedenfalls nicht vor dem April 1885 erfolgen könne. Aus dem Justzzetat war der Titel der Versetzungskosten versetzter Beamten an die Kommission überwiesen; bei der Debatte wurde über die Versetzung von Richtern aus den alten Provinzen nach Hannover und dem Gebiet des Kölner Appellbezirks geklagt. Von selten der RegiernngSkommis- sare wuroe hervorgehoben, daß der betreffende Titel mit
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9 Die alte Lady.
Erzählung von Balduin Möllhausen.
„Ich vermute, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens," sprach sie grämlich, und die Pfeife wieder auS dem Munde nehmend, berührte sie mit deren Spitze das hochgehaltene Papier.
„Nicht eine Silbe," betheuerte Elly überzeugend. „Der Brief wurde vor längerer Zeit geschrieben und mir unter der Bedingung anvertraut, ihn lieber zu verbrennen, als ihn in lesen oder ihn einen anderen lesen zu laffen. Ebenso streng wurde mir angeraten, ihn an seine Adreffe zu tragen, sobald ein bestimmtes Ereignis stattgefundtn haben würde."
„Und daS Ereignis hat stattgefunden?"
„Leider; die alte Frau, bei welcher ich nach dem Tode »einet: Mutter liebevolle Aufnahme fand, ist kürzlich gestorben, und sie war es doch, welche, wohl in Voraussicht ihres baldigen Endes, den Brief schrieb und mit dessen kizenhändiger Beförderung mich beauftragte. Sie meinte »och, hier würde ich Gelegenheit finden, mich nützlich zu Zachen; und arbeiten habe ich gelernt."
„Weiter sagte sie nichts?"
„Nichts."
„Keinerlei sonstige Bestellung?"
„Nichts. Ich sollte den Brief abgeben, hieß eS. DaS uebrige sei nicht meine Sache."
„Du weißt nicht, woher ste meine Adreffe erfuhr, weshalb ste überhaupt auf mich und nicht auf jede andere kliebige Person verfiel?"
„Ich ahne eS nicht. Wenn mir die Angelegenheit geheimnisvoll erschien, daß ich neugierig wurde, glaubte ich «H kein Recht zu besitzen, ihr näher auf den Grund zu
gehen. Die Ratschläge meiner alten Wohlthäterin lauteten zu ernst und bestimmt."
Miß Eva neigte daS Haupt. Eine Weile betrachtete sie den Brief, jedoch ohne in demselben zu lesen.
„Es ist noch nichts verloren," lispelte sie unbewußt, und lauter zu Elly gewendet: „Du magst vorläufig bleiben. Gefällt'« Dir nicht, so kannst Du zu jeder Stunde gehen. Ebenso nehme ich das Recht für mich in Anspruch, sobald es mir augemeffen erscheint, unsere Trennung zu bewirken."
„Best res wünsche ich nicht," antwortete Elly unbefangen. Sie nahm Miß Eva's Hand zwischen ihre beiden, und freundlich in die strengen Augen schauend, fuhr sie arglos fort: „Wurde ich Ihnen unberechtigter Weise zugeschickt, so lasten Sie mich es nicht entgelten. Ich konnte nur thun, was mir als eine Art Vermächtnis aufgetrogen wurde. Nebenbei hegte ich die Zuversicht, Gelegenheit zum Brod- erwerb hier zu finden. Haben Sie nur die Güte, mich zu unterweisen, wie ich Ihnen nützlich sein kann."
„Ich bin kein Freund vom vielen Reden, noch weniger vom Erziehen und Unterweisen," erklärte die alte Lady, und ste entzog dem Mädchen die Hand. „Du bist alt und klug genug, Dich selber zu erziehen. Nur vor einer Klippe warne ich Dich, an welcher unser Einvernehmen sehr leicht scheitern könnte: Hüte Dich vor dem Abel Fancy, daß er Dir die Augen nicht verblende. Er mag seine guten Eigenschaften besitzen; im klebrigen ist er dagegen ein gewissenloser hinterlistiger Bursche, dem ein Mädchenherz nicht mehr wert, a!S eine Mandel Deinen kleinen scharfen Zähnen."
„ES gibt auch Hickorynüfle, und an solchen können auch schärfere Zähne, als die meinigen, ausgebissen werden," sprach Elly mutwillig; dann ernster und geschäftsmäßig: „Wohin darf ich meine Sachen bringen?"
„Jn's Wohnzimmer," antwortete Miß Eva, und sie chritt auf die Straße hinaus, wohin Elly ihr schnell nach- olgte. Schweigend nahmen ste den mit der Tasche be- chwerten Koffer zwischen sich, und schweigend trugen ste hn in das bezeichnete Gemach, wo ste ihn in einen Winkel stellten.
Elly benutzte die Pause, einen Blick um sich zu werfen. Sie befanden sich in einem schmucklosen Raume mit oberflächlich behauenen Balkenwänden. Die unregelmäßig in da« Holz getriebenen Nägel und Pflöcke trugen Kleidungsstücke, Tücher, mehrere eingcrahmte Lithographien und endlich schmale Bretter. Auf diesen waren dann wieder Lampen, Lmchter, Krüge, Flaschen, Tannenzapfen und hundert andere Gegenstände, welchen man kaum einen anderen Wert, als den von Reliquien hätte beimessen mögen, sorgfältig geordnet worden. Bettstelle, Lischt, eine Bank und mehrere Stühle entsprachen in ihrer Herstellung den rauhen Blockwänden. Von besserer und festerer Arbeit war nur ein Spinde, welche« zur Aufbewahrung von Wertsache» diente.
„Hier ein Bett für Dich aufzuschlagen, würde den Raum zu sehr beengen," erklärte die alte Lady, indem ste au» dem Winkel forttrat, „Du magst daher auf dem Boden schlafen. Das Dach ist gut verdichtet, daß Wind und Regen Dich nicht finden. Eine bequeme Bettstelle steht oberhalb der meinigen. Decken und Pfühle hängen zur Hand auf einer Leine. Im klebrigen kannst Du Dich hier unten nach Bequemlichkeit einrichten."
Sie schritt auf den engen Flur hinaus. Dort stand eine Leiter, welche mit dem oberen Ende in eine Oeffnung von mäßigem Umfange hineinreichte."
(Fortsetzung folgt )