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Nr. 282
Marburg, Sonntag, 2. Dezember 1883.
XVm. JllhkgMg.
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WnIMsihr ZeitW.
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Die Rkde -es Abg. Dr. Wagner (Osthavelland) in der DicnStagS - Sitzung des Abgeordnetenhauses liegt jetzt im stenographischen Berichte vor, dem wir, in Ergänzung unseres SitzungS - Berichtes, eine Reihe sehr bemerkenswerter Aenßerungen entnehnen.
In Bezug auf das aus der letzten Reichstags - Wahl gewiß noch erinnerliche fortschrittliche Flugblatt, in welchem von angeblich „145 Millionen neuer Steuern" die Rede war, sagte der konservative Abgeordnete:
„.....Bet dem heißen Wahlkampfe des Jahres
1880/81 für den Reichstag ist ganz allgemein von feiten der Fortschrittspartei in zahlreichen Flugblättern und Reden gesagt worden, man habe 145 Millin en neuer Reichssteuern auferlegt. Ich habe damals gesagt, das ist eine kolossale Uebertreibung, denn nach dem Stand vor zwei Jahren war die Vermehrung, die eingetreten war an Zöllen und Tabaksteuer — Stempelabgaben waren noch nicht dabei — ungefähr rund noch nicht 100 Millionen Mark. Dabet kann diese Summe nicht allein gesetzt werden auf Rechnung der neu eingeführten Zölle, sondern eö sind noch die Mehrbeträge der alten Zölle rc. in einer erheblichen Zahl von den 100 Millionen abzurechnen. Und darauf hin habe ich behauptet: wenn man von 145 Millionen rede, dann hat man 45 Millionen hinzugedichtet — das war der Ausdruck — (Zuruf: Sind ja schon dal) Gegenwärtig zum Teil! Jetzt hat stch allerdings die Lage ver- beffert, wie ich gleich anführen werde nach den Etats, die seitdem hirzugckommen sind. Im Jahre 1881/85 stehen bereits im Etat an mutmaßlich zu erhebenden Zöllen 1961/2 Mill. Mark, an Tabaksteuer, die wahrscheinlich nicht so viel betragen wird, 13,9 Mill. Mark, sind tn Summa 210,4 Mill. Mark. Rechne ich dazu die Einnahmen aus der Stempelsteuer 12,1 Mill. Mark, so haben wir allerdings 222,5 Mark. (Hört! Hört!) Rufen Sie nicht zu früh! (Ruf: Netto!) Vergleichen wir nun, wie die Steigerung eingetreten ist. Im Jahre 1878/79 betrugen die betreffenden Abgaben etwa rund 107 Mill. Mark. Rechne ich diese von rund 222 Mill, ab, so ergiebt stch ganzen eine Vermehrung von 115 Mill. Mark. Nach dem
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8 Die alte Lady.
Erzählung von Balduin Möllhausen.
So standen die Beiden beinahe eine Minute einander gegenüber, als Miß Eva endlich die Pfeife aus dem Munde nahm und das heimlich bebende Mädchen mit den Worten anredete: „Ich vermute, Du bist die Eigentümerin der Sachen, welche der leichtfertige junge Mann vor meiner Thür absctzte."
„Als leichtfettig habe ich ihn nicht kennen gelernt, aber als gefällig und freundlich," verfitzte Elly, welche bei dem ungerechten Angriff auf Abel plötzlich ihren Mut wachsen fühlte, „unsere Wege waren dieselben, und da machte ich von seinem Anerbieten Gebrauch."
Miß Eva that wieder einige Züge aus der Pfeife und sah unbeweglich, jedoch mit einem kaum bemerkbaren Ausdruck von Erstaunen in das nunmehr furchtlos zu ihr erhobene Antlitz. Erst nach längerem Sinnen bemerkte sie gelassen: „Gefälligkeiten sind das beste Mittel, die Herzen unverständiger Kinder zusammen zu bribgen. Man spricht von Liebe, wie vom guten Wetter. Schnell werden Rosenketten gewunden, an deren Stelle treten noch schneller häßlich klirrende eiserne Feffeln, welche zu sprengen die Kräfte dann nicht mehr auSreichcn, und für einige lustige Licbcsstunden hat man ein ganzes langes Leben bitterer Reue cingetauscht."
Anstatt durch die dem kalten Empfange folgende herbe Bemerkung aus'S neue eingrschüchtert zu werden, breitete kindliche» Lachen stch über Elly'« herzige» Antlitz aus. Mutwille zuckte um ihre Lippen, sprühte aus ihren Augen, indem sie zutraulich anhob: „Von Liebe ist zwischen uns kein Wort gefallen. Und wie wäre da» nach einer so kurzen Bekanntschaft auch möglich gewesen? Leugnen darf ich nicht, daß der Abel Fancy mir recht gut gefiel, wie auch Sie ®it gefallen trotz Ihrer ernsten Augen, aber damit ist nicht
Etat von 1879/80 ist die Vermehrung ein klein wenig größer, etwa 2 Mill. Mark, weil im Etat 1879/80 die Gesamteinnahme 2 Mill. Mark niedriger als 1878/79 angenommen war. Ich möchte also 115 Mill. Mark rechnen. Das sind gegenüber den behaupteten 145 Mill. Mark noch immer 30 Millionen Manko. Diese 30 Millionen mögen ja später einkommen, jedenfalls sind sie jetzt noch nicht da. Vor zwei Jahren war eS aber eine Täuschung des Publikums, deS Volkes, zu behaupten, man habe für 145 Mill. Mark neue Steuern aufgelegt. DaS war einfach nicht wahr. (Zuruf: Alles falsch! Heiterkeit!) Wenn die Herren rufen: alles falsch, so erwarte ich hinterher die Widerlegung; ich habe die offiziellen Zahlen vor mir und halte mich an die Etats, an die wir uns überhaupt nur halten können."
Ueber die Möglichkeit einer Börsensteuer, sowie über die Macht deS Kapitals äußerte stch der Abg. Dr. Wagner:
«»Es ist wieder von der Stempelsteuer die Rede gewesen, auch von der Börsensteuer. Ich glaube, da läßt sich manches machen, aber vornehmlich auch nur durch die Reichsgesetzgebung. Mit vollem Recht hat der Abg. v. Schorlcmer wiederum betont: Die Börsen st euer ist eine in weiten Kreisen inDeutschland von der öffentlichen Meinung getragene Steuer. (Sehr richtig! rechts.) Gestern wurde auch von feiten des Herrn Rickert eingewendet, man solle mal einen geeigneten Entwurf machen; das gehe aber nicht. Man kann sagen, man möge einen Entwurf vorlegen, wie man will, die Gegner der Börsensteuer lasten stch dadurch nicht bekehren (sehr richtig! rechts), obgleich ste beispielsweise über die großen steuertechnischen Schwierigkeiten der SpitttuSbesteuerung, der Rübenzuckerbesteucrung, der Gewerbesteuer sehr leicht hinweggehen; da soll alles leicht gehen; aber hier bet der Börsensteuer heißt eS immer: es geht nicht. Ich leugne es nicht, ich bin auch ein wenig pessimistisch, wie Herr v. Schorlemer. Wenn ich die neuere Entwicklung verfolge in bezug auf die Börsensteuer, tn bezug auf all die Pläne, die darauf ausgehen, die Macht deS PrioatkapitalS ein wenig zu beschränken, so sage ich, cs ist nicht viel zu erreichen (hört! hört! links), da die sogenannte liberale Presse ganz einfach in dem Schlepptau der Börse und in dem Schlepptau des Privatkapitals geht. (Bravo! rechts ) DaS gilt hinterher als Vertretung freiheitlicher Grundsätze. (Sehr richtig! rechts. Widerspruch links.) Nein, meine Herren, da waren Jbre Vorgänger von der Linken von 1848 in ganz anderer Weise auf diesem Gebiete liberal. Charakteristisch ist eS, wie die Macht der Börse steigt.... In Frankreich, auf besten jetzt momentan ungünstige Verhältnisse ja von der linken Seite
gesagt, daß gleich an's Heiraten gedacht werden muß. Mit vollen achtzehn Jahren ist man kein einfältiges Kind mehr und versteht zu unterscheiden. Verspreche ich mich aber einem Manne, so geschieht'S nach reiflicher Prüfung und aus vollem Herzen; woher sollte da Reue kommen?"
„Andere Menschen haben vor Dir ebenso gedacht," versetzte die alte Lady, und weder Mißfallen über die Kühnheit der jungen Fremden, noch Wohlgefallen an deren anmutiger Erscheinung offenbarte stch auf dem verwitterten strengen Antlitz. Sie blteS ein Rauchwölkchen von stch und mit einer abwehrenden Handbewegung fuhr sie fort: „Du scheinst eine bewegliche Zunge zu besitzen — doch was rede ich über Dinge mit Dir, von welchen Du nichts verstehst, billiger Weise nie etwas verstehen solltest."
„Sie sind nie verheiratet gewesen, Miß Blair," bemerkte Elly wieder lachend, „da dürften Sie von dergleichen Dingen gewiß nicht mehr verstehen, als ich. Aber so viel verstehe ich aus dem Grunde: Kommt der rechte Mann, so wird geheiratet, und warnte mich die ganze Welt."
„Unsinn," grollte Miß Eva Eva Blair, und ihre Züge schienen noch ein wenig mehr zu erstarren, „heirate, wenn Du Lust hast; mich kümmert'S nicht. Sage mir lieber Dein Anliegen, — dann geh Deiner Wege."
„Ich war's nicht, die von Liebe und sonstigem Unsinn zu sprechen anfing," erwiderte Elly kühnlich, „ich glaubte nur, Ihnen eine Antwort schuldig zu sein. Meiner Wege gehe ich ebenfalls, j doch nicht früher, als bis Sie diesen Brief gelesen haben," und ein versiegeltes Schreiben aus der Tasche ziehend, überreichte sie dastelbe.
Die alte L-chy nahm den Brief zögernd und ohne die Blicke von dem jugcndholden Antlitz abzuziehen. Ein aufmerksamer Beobachter würde indessen entdeck- haben, daß ihre harten Züge sich, wie in Besorgnis, anspannten. Endlich sah sie mißtrauisch auf die Adresse nieder.
des Hauses so gern gegenwärtig hingewiesen wird, hat man doch in den jüngsten Monaten einmal geplant — risum teneatis amici! — eine „Gründung des Königtums" mit dem Börsenkapital, als gute geschäftliche Entreprise. DaS ist sehr charakteristisch. Hier meint man schließlich, ein Königtum, das im VolkSbewußtsetn wurzeln muß, wenn eS Bestand haben soll und Segen bringen, ein solches mit den Mitteln der Börse und der Rothschild und Konsorten bilden zu können! (Beifall recht».) Ja, waS soll nicht alles Börsen werden! (Heiterkeit.) Da sehen Sie, waS man der Börse und ihren Kreisen bereit- zutraut."
Treffend war, was der konservative Abgeordnete über die Lage der landwirtschaftlichen Bevölkerung sagte. „Lasten wir alles" — so hob er warnend hervo^- „noch einfach weitergehen wie bisher, so wird im Laufe eines halben oder ganzen Menschenalters überhaupt keine Hilfe mehr möglich sein!" Des weiteren auf die neueren Urteile, namentlich deS Vereins für Sozialpolitik, über die Lage der Landwirtschaft eingehend, bemerke der Redner:
„Die Mehrzahl der Berichte entwirft entschieden kein günstiges Bild, und was stch wie ein roter Faden hindurchzieht — erlauben Sie mir, daß ich eS offen sage, eS darf nicht mehr verhehlt werden —, ist, daß in den weitesten Kreisen der bäuerlichen Bevölkerung ein furchtbares Leiden besteht: die AuSwucherung der kleinen Landwirte (sehr richtig! rechts), und es darf ebensowenig verhehlt werden, daß, wie in allen Berichten von Leuten der verschiedensten politischen Parteirichtungen betont wird, diese AuSwucherung zwar nicht allein, aber zum größten Teile von jüdischen Kapitalisten erfolgt. Gegenüber dieser Notlage, die ja allerdings noch nicht eine völlig unerträgliche geworden ist, finde ich es sehr recht, mit den Herren von Schorlemer, von Minnigerode und von Zedlitz darauf hinzuweisen, daß . hier etwas zu gunsten der landwirtschaftlichen Bevölkerung gcthan werden muß; und daß die Frage der landwittschaft- lichen Schutzzölle dabei jedenfalls auch mit berücksichtigt werden darf, ist meine Ueberzeugung."
Bezüglich des von den Liberalen stet- al- eine Groß- that ersten Ranges gepriesenen einstigen AuftrttrnS des Abg. Dr. Lasker gegen die „Gründer" äußerte stch Dr. Wagner:
»Die Männer, die Herr LaSker herau-gesucht hat, um ste als Gründer an den Pranger zu stellen, ste habe ich nicht zu verteidigen, weder für noch gegen ste zu sprechen; aber daS behaupte ich, und mit mir behauptet es die große nicht befangene öffentliche Meinung von ganz Deutschland: von Seiten des Abg. LaSker war es eine politisch unrichtige Taktik, daß er, als ein Mann der liberalen Partei und als ein Angehöriger der iSraelt
„Die Handschrift kenne ich nicht," sprach ste ruhig; „am ratsamsten wär's, ich würfe das Papier in'S Feuer. Bringt'S mir Aerger, so wird der dadurch vermieden; liegt Grtte^drinnen, so findet daS auch ohne Schttft seinen Weg
„Dann hätte ich freilich hier nicht« mehr zu suchen," erklärte Elly entschlosten, „und e« wäre Zeit, mich anderweitig nach einem Obdach umzusehen.'
„So?" antwortete Miß Eva gedehnt, den Brief mit zwei Fingerspitzen haltend, al« wäre dessen Berührung ihr peinlich gewesen, „so nenne mir wenigsten« Dttnen Namen, bevor Du gehst." '
„Elly HounSlow."
»So?" widerholte die Alte noch gedehnter, und indem ste die Pfeife aus dem Munde nahm, glaubte Elly zu entdecken, daß ihre Hand leise zitterte, „also Elly HounSlow. Hm, ver Name ist mir fremd — hm, da ist mir die Pfeife ausgegangen — da« geht vor — setz Dich dort auf die Bank. Den Brief will ich lesen, aber zuvor" — und stch abkehrend, klopfte ste die Pfeife au«, obwohl dieselbe noch nicht bi« zur Hälfte ausgebrannt war. Langsam trat ste an den Ladentisch, langsamer noch füllte ste die Pfeife wieder und rauchte ste dieselbe an, wobei sie ängstlich dafür Sorge trug, daß Elly keinen Anblick ihre« Gesichtes erhielt. Sie mochte fühlen, daß daffelbe sich merklich vcrändctt hatte, jeds einzelne Linie deffelben von einem tief empfundenen Schrecken zeugte. Ebenso bedächtig und ihrem Gast fort. Sisttzt den Rücken zugekehrt, laö sie auch den Bttef. Lange las sie an demselben, obwohl dessen Inhalt nur ein kurzer; so lange, bis sie ihre Ruhe zurückgewonnen hatte und zu irgend einem Entschluß gelangt war. Dann trat ste vor Elly hin, die stch bescheiden erhob.
(Fortsetzung folgt.)