Mr. 267
Marburg, Donnerstag, 15. November 1883
xvm. JahlglMg.
««»eigen nimmt entgegen: Expedition d. BlatteS, lawie d.Annoncen-Bureaux xh. Dietrich u. Co. in
-aff-l und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; »gafenftein u. Vogler in fconffurt a- M., Berlin, ^pzig, Köln re.; Rudolf «affe in Berlin, Frank- futt a. M- rc.
WkchkMc jritmig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von El. 8. Daube n. Co. in Frankfurt a. M.; JLgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin: ö. Thienes in Elberfeld: S. Schlotte in Bremen.
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Für in der Expedition zu erthellende Auskunft und Annahme von Adrefien «erden 26 Pfg. berechnet.
De» Berlockungeu der BolkSverführer mfiffen wir unser Ohr verschließen, die ihre eigenen ehrgeizigen und selb st süchtigen Zwecke verfolgen und das Volk mit leeren Versprechungen Hinhalten — so sagte der Wa hlauf- lUf der Konservativen vor zwei Jahren — und man braucht nur die Augen aufzuthun — täglich und heute noch muß man die Warnung von neuem wiederholen.
Wir erhalten folgende Mitteilung: Der dritte im Bunde, der das Krankengeseh nicht zu möglichster Förderung der Arbeiter und ihrer Sicherheit gegen Krankheitsfälle, sondern zur Förderung einseitiger Parteitnteresien auSbeuten will, ist in der Person deS Abg. Rickert auf dem Kampfplatze erschienen. Der sezessionistische Parteiführer hat eS bei Gelegenheit einer in Danzig gehaltenen Agitationsrede genau so gemacht, wie vor ihm der Sozialdemokrat Bebel und wie der Fortschrittler Dr. Max Hirsch qethan hatten, als ste die Werbungen für ihre Hilfskassen in die Hand nahmen. Um die Sympathieen der Arbeiter zu wecken, hat Herr Rickert denselben vorge- redct, daß es eines gesetzlichen Zwanges zur Krankenver- stcherung für so hochgebildete, einsichtige und vortreffliche Leute, wie die deutschen Arbeiter, gar nicht bedurft habe, daß dieselben sich selbst zu helfen wüßten. Gegenüber den Segnungen der „Freiheit" (b. h. der Freiheit, sich nicht zu versichern) bedeuteten die Orts«, Fabrik- und Betriebs- Krankenkassen bloße Bevormundungs-Anstalten, die der reaktionäre Polizeistaat einzurichten bestrebt sei, um sich in die Arbeiterverhältniffe einzumischen. Der „freie" deutsche Mann thue darum am besten, bei den freien HtlfSkasfen Zuflucht zu suchen, in welcher die Behörden weniger hinein zu reden hätten, wie in die übrigen, großenteils von Nichtarbeitern geleiteten Kaffen. Um daS den Zuhörern plausibel zu machen, mußte der Redner dem Sinne des Kaffen- gesetzes natürlich einige Gewalt anthun. Erfährt der Arbeiter, daß zwischen den OctS-, Fabrik- u. s. w. Kaffen dieselbe Gegenseitigkeit besteht, die den eingeschriebenen HilfS- kassen als besonderer Vorzug nachgerühmt wird, daß die Beaufsichtigung dieser erstgenannten Kassen gegenüber der Willkür und Unsicherheit, mit welcher die Hirsch und Genoffen ihre HtlfSkasfen geleitet haben, eine wahre Wohlthat ist, und daß die Hilfskassen die einzigen sind, welche aller Zuschüsse entbehren uns ausschließlich von den Beiträgen der Arbeiter erhalten werden müssen, so läßt sich nicht daraus rechnen, daß derselbe den ihm erteilten Ratschlägen Folge leisten und unter allen Umständen nach Hilfskassen auSschauen werde. DaS Interesse der „guten Sache" — auf deutsch das Partei-Interesse — fordert darum, daß man bei Darstellung der gesetzlichen Sachlage die liberalen Farbentöpfe nicht schone und die Dinge so auömale, wie sie aussehen müssen, um den Arbeitern in die Augen zu stechen. Die Einrichtung derjenigen Kassen, die em
pfohlen werden sollen, wird Rot in Rot, diejenige der übrigen Kassen Grau in Grau, erforderlichenfalls auch Schwarz in Schwarz geschildert und auf solche Weise dem Volke zu den „richtigen" Vorstellungen von den Maßnahmen der Regierung verholfen.
Als der Reichskanzler mit seinen sozialen und wirtschaftlichen Plänen zuerst hervortrat, klagte die Partei des Abg. Rickert am lautesten darüber, daß die Begehrlichkeit der besitzlosen Klaffen geschürt und durch unerfüllbare Versprechungen genährt werde. Wenn diese Verdächtigungen daS nächstemal wiederkehren, wird den Anklägern mit allem Nachdruck entgegengehalten werden können, ste hätten bei Gelegenheit der Ausführung deS KrankenkaffengefetzeS mit den Parteien der professionellen Unzufriedenheitsverbreitung (Fortschritt und Sozialdemokraten) gemeinsame Sache gemacht.
Deutsche« Reich.
Berlin, 13. Nov. Der Kaiser empfing heute vormittag den General-Quartiermeister Grafen Walversee und den Admiralitätschef von Caprivi. Mittags folgte der Kaiser einer Einladung des Großfürsten und der Großfürstin Wladimir zum Dejeuner in der russischen Botschaft.—Der Kronprinz empfing nachmittags den Staatssekretär des Aeußern Grafen von Hatzfeldt. — Herr von Giers ist morgens um 61/2 Uhr hier eingetroffen und in der russischen Botschaft abgestiegen. — Herr von GierS hatte vormittags eine längere Unterredung mit dem Grafen von Hatzfeldt; nachmittags wurde er vom Kronprinzen und später vom Kaiser empfangen und zum Diner gezogen. Von FrtedrichSruh begtebt sich Herr von GierS direkt nach Montreux, ohne vorerst nach Berlin zurückzukehren. — Nachdem jüngst eine Konferenz von Delegierten des Aeltesten- Kollegiums der Kaufmannschaft von Berlin und aus rheinischwestfälischen Plätzen mit dem Präsidium deS HandelStageS bezüglich deS Fragebogens, betreffend das neue Aktiengefetz, stattgefunden hatte, hat daS Aeltesten-Kollegium eine Kommission, bestehend aus den Herren Mendelssohn, Kämpf, Frentzel, Weigert, Kochhann, Sobcrnheim, Behrens und Syndikus Beisert, eingesetzt; welche Vorschläge über daS Gesetz und die einschlagenden Fragen machen soll. — Der „Reichsanzeiger" meldet: Der Regierungsvizepräsident Freiherr von Berlepsch in Koblenz ist zum RegterungSpräst- denten in Düffeldorf, der Oberprästdent von Sydow in BreSlau zum RegierungSvizeprästdenten in Koblenz ernannt worden. — Die in den Zeitungen enthaltenen Nachrichten über eine bevorstehende Vermehrung der Artillerie sind unrichtig. In maßgebenden Kreisen ist eine derartige Vorlage für den Reichstag nicht in Frage gekommen. — Die „Berl. Pol. Nachr." bestätigen, daß der Gesetzentwurf, betreffend die Schuldotation, und der Gesetzentwurf, betreffend die Aufbefferungen der Beamtenbesoldungen, zu den Vorlagen gehören, welche bald nach dem Beginn der parla
mentarischen Arbeiten dem Abgeordnetenhause zugehen werden. — Ueber die Vorlegung eines Gemeindesteuergesetzes waren bisher widersprechende Angaben verbreitet. Die Einbringung darf, wie die „Magdeb. Ztg." berichtet, als zweifellos angesehen werden und zwar giebt man fich in Regierungskreisen der bestimmten Erwartung hin, daß eS diesmal gelingen werde, über die so schwierige Angelegenheit zu einer Verständigung zu gelangen. — Die Nachrichten über daS Befinden des Reichskanzlers lauten heute etwas günstiger; keinenfalls giebt der Zustand des Fürsten Bismarck Anlaß zu ernsteren Besorgniffen. — Der Herr Kultusminister v. Goßler hat gestern mittag eine Inspektionsreise nach der Rheinprovinz angetreten. Wie daS „Deutsche Tagebl." hört, ist dieselbe auf etwa zehn Tage berechnet. Auf derselben wird der Herr Minister auch Trier, Koblenz rc. besuchen. — Die preußische StaatSregierung beschäftigt fich schon seit einiger Zeit mit der Frage wegen Bekämpfung des Bettler- und LandstreichertumS. Ende vorigen Jahre« hatten sich die Oberpräsidenten ausführlich darüber zu äußern: 1. ob sich nach ihren Beobachtungen das Vagabundentum beforgniSerregend vermehrt habe, und 2. ob und welche gesetzliche oder administrative Vorkehrungen dagegen zu treffen seien. Der Minister deS Innern erklärte in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 28. November v. I.: „Die Frage, welche sehr weite Kreise von wtffenschaftlichen Autoritäten und Fachleuten beschäftigt, wird überall noch sehr schwankend beurteilt und vielfach noch nicht für reif zur Diskussion gehalten. Eines aber kann ich jetzt schon sagen, daS Exekutivpersonal zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit auf dem Lande und in den kleinen Städten ist zu gering bemessen und ich glaube, in dem nächsten Etat dem Herrn Finanzminister die Erwägung nicht ersparen zu können, ob er mir nicht Mittel zur Vermehrung den Gendarmerie zur Verfügung stellen kann." Der nächste StaatS- haushaltsetat wird denn auch eine Summe zur Vermehrung der Gendarmerie fordern. Der Minister des Innern hatte bereits im Februar 1880 in einer an sämtliche BeziikS- regierungen erlaffenen Zirkularverfügung den letzteren eröffnet, daß er, wo im einzelnen ein dringendes Bedürfnis zu einer dauernden oder mindestens zeitweisen Verstärkung sich zeigt, den auf Befriedigung dieses BedürfniffeS gerichteten motivierten Anträge der Provinztalbehörden jede zulässige Berücksichtigung zuwenden werde. Jrn allgemeinen sollen die Berichte der Behörden angeblich schon früher gemachte Erfahrungen bestätigen, „daß daS Betteln und Landstreichen entschieden abnimmt, wo die Exekutivpolizei kräftig dagegen einschreitet, daß aber gerade auf dem Lande, wo daS Uebel am fühlbarsten ist, die Polizei entweder gar keine Kräfte (?) zum Einschreiten hat ober von ihren Befugnissen keinen genügenden Gebrauch macht".
— (Die Reise des Kronprinzen). Der Kronprinz wird nächsten Donnerstag, morgens 8»/i Uhr, auf der Anhalter Bahn seine-Reife über München u. ,f. w.
W «»gelte».
Novelle von E.Lenzendorf.
Während dieser Ereigniffe hatte der Prozeß, der von Baron Maximilian von Roden und der Gräfin von Roden wegen des Testamentes des BaronS Sigismund von Roden angestrengt worden war, seinen, wenn auch langsamen Fortgang genommen und Frau von Wulfenstein versäumte eS darum nicht, dem Anwalt der Baronin Aida von Roden, Herrn Boretius, von Zeit zu Zeit einen Besuch abzustatten, um sich nach dem Gang ves Prozesses zu erkundigen. Der Rechtsanwalt hatte hierbei stets die feste Zuversicht ausgesprochen, den Prozeß für die Jndierin zu gewinnen, gleichwohl verhehlte Herr Boretius Frau von Wulfenstein nicht, daß noch manche Hinderniffe auS dem Wege zu räumen seien und namentlich betonte er die Schwierigkeit, beglaubigte Abschriften herbeizuschaffen, durch welche gie Gültigkeit der zwischen dem Baron Sigismund von Roden und Aida KoroncoS in Kalkutta abgeschloffenen Ehe bewiesen werden "ußte. Indessen sprach er seine entschiedene Hoffnung auS, auch diese Schwierigke-t zu beseitigen und widerholte daS schon früher Frau von Wulfenstein gegebene Versprechen, darüber zu wachen, daß die Jndierin nichts von dem von ihren nächsten Verwandten gegen ste angestrengten Prozeffe «fahre.
Seit dem letzten Besuche, ben Frau von Wulfenstein dem Rechtsanwalt in der Prozeßsache ihrer Schwägerin °bgestattet hatte, war ein ziemlich langer Zeitraum vergangen und die Novemberstürme hatten die Bäume auf den Promenaden der Residenz bereit« ihres letzten Blätter- Ichmuckes beraubt, als eines Tages Frau von Wulfenstein
wieder in der Wohnung deS Rechtsanwalts Boretius erschien. Bei ihrem Eintritt saß der Rechtsanwalt vor seinem Schreibtisch und war so eifrig mit dem Ordnen von Papieren beschäftigt, daß er den Eintritt der Frau von Wulfenstein gar nicht bemerkte und erst bei dem Geräusch, den daS seidene Kleid seines BesuckeS machte, wandte er den Kopf herum. AIS er aber Frau von Wulfenstein erblickte, fuhr er rasch von seinem Sitze empor und ohne an eine Begrüßung zu denken, brach er, in der rechten Hand ein Dokument schwingend, in die Worte aus: „Triumph, Triumph, gnädige Frau, wir haben gewonnen I Hier ist die Entscheidung deS Tribunals, welche« die von Baron Maximilian und der Gräfin von Roden auf das hinterlaffene Vermögen des Barons Sigismund von Roden geltend gemachten Ansprüche zurückweist, die Ehe zwischen dem Verstorbenen und Aida KoroneoS auf Grund der beigebrachten Beweise für rechtskräftig und infolge besten daS Testament des verstorbenen Barons von Roden für unanfechtbar erklärt. Die Entscheidung ist erst gestern spät abend« erfolgt und ich würde Ihnen dieselbe schon heute früh überbracht haben, wenn ich nicht noch Einiges in anderen Angelegenheiten zu ordnen gehabt hätte. Doch ich bitte tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau, daß ich in meiner Freude ganz vergessen habe, Ihnen einen Sitz anzubieten , bitte, wollen Sie auf der Kauseuse Platz nehmen l" Frau von Wulfenstein folgte der Aufforderung zum Sitzen und bat dann den Notar, ihr mitzutellen, wodurch er den Prozeß zu Gunsten ihrer verwittweten Schwägerin beendet habe.
„Die Antwort ist an und für sich sehr einfach, gnädige Frau," entgegnete Herr Boretius, indem er seinem Besuche
gegenüber auf einem Sessel Platz nahm, „es ist mir eben gelungen, allerdings nach unendlichen Schreibereien und mit bedeutenden Kosten, mir von den englischen Behörden in Kalkutta eine beglaubigte Abschrift der Papiere, die auf die Trauung zwischen Baron Sigismund von Roden und Aida KoroneoS in der St. Georgs - Kapelle zu Kalkutta am 10. Mai 186 . . . bezug haben, zu verschaffen, und sobald dieselbe in meinen Händen war, hatte ich natürlich gewonnenes Spiel. Ich erhielt die Papiere vor einigen Tagen, reichte dieselben schleunigst bei dem zuständigen Gerichte ein und hatte dann gestern die Genugthuung, über die Gegenpartei zu triumphieren. Die Bestürzung auf der feindlichen Seite war natürlich ungeheuer und namentlich mein verehrter Kollege, Herr Advokat Doktor Schmzer, wird eS lange nicht verwinden können, daß der AuSgang diese« Prozesse» seinem Rufe als dem geriebensten Advokaten der Residenz einen harten Stoß versetzt; nun, ich freue mich von Herzen darüber, daß auch einmal die Partei deS Herrn Doktor Schurzer die Zeche bezahlen muß."
Frau von Wulfenstein schwieg einen Augenblick still, ehe ste entgegnete: „Gewiß, Herr Notar, haben Sie alle Ursache, auf den AuSgang diese» Prozesse« stolz zu sein, durch welchen Ihr Name als der eines der tüchtigsten Advokaten der Stadt unzweifelhaft rasch bekannt werden wird. Was nun ben Lohn für Ihre Bemühungen anbelangt — bitte, machen Sie keine Einwendungen, ich weiß Ihren Eifer, den Sie in dieser Angelegenheit entwickelt haben, vollkommen zu schätzen — so wollen Sie die Regelung dieser Sache mir überlaffm, ich stehe Ihnen gut dafür, daß Sie mit mir zufrieden sein werden," fügte sie lächelnd hinzu. (gortfetang folgt.)