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Marburg, Sonnabend, 10. November 1883.
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lagen, aus der Tiefe eines glaubenSerfülltrn Herzens geschöpft wurden. Die allgemeinen Wirkungen der von Luther begonnenen Reformation haben sich auch außerhalb deS Kreises derjenigen durchgesetzt, welche sein religiöses Bekenntnis zu dem ihrigen machten. Seine Erben und geistigen Nachkommen werden wir uns nur nennen dürfen, wenn wir Anteil behalten an dem, was sein bestes Teil war, an der religiösen Erwärmung und Verinnerlichung, von welcher sein gesamtes Leben Zeugnis abgelegt hat.
Wie kaum ein anderes Geschlecht bedarf daS unserige der Befestigung auf dem Grunde, den der große Lehrer für daS evangelische Volk im heißen Kampfe errungen hat. Seit Menschengedcnken haben Kämpfe und Fragen deS äußeren Lebens, insbesondere solche, die den deutschen staatlichen und nationalen Aufgaben galten, unsere Gedanken und Kräfte so nachhaltig in Anspruch genommen, daß man unsere Zeit ein Zeitalter der „Wirkungen nach außen" genannt und die Behauptung aufgestellt hat, der Staat sei für uns an die Stelle der Kirche, die Politik an die Stelle der Religion getreten. Was an diesem Vorwurf Ueber- treibung ist, werden wir mit gutem Gewissen zurückwetsen dürfen. Aber gerade da, wo man sich von demselben am wenigsten getroffen fühlt, weiß man am genauesten, daß die Tage, deren Gedächtnis gegenwärtig begangen wird, von einer religiösen Wärme und Innerlichkeit erfüllt waren, die uns zum größten Teil abhanden gekommen ist. Die Erneuerung deutschen Volks- und Geisteslebens, die der große Reformator anstrcbte, ging von einer tieferen und lebendigeren Auffassung des Verhältnisses des Menschen zu Gott auS. Dieses Verhältnis sollte die Grundlage sür den Weiterbau in Kirche und Staat, Haus und Familie bilden und die Umgestaltung unseres gesamten äußeren Lebens getragen sein von innerlich neu gewordenen Menschen. Nicht um nach außen gerichtete, sondern um innere Wirkungen hat eS sich bet Luthers gesamter Lebensarbeit gehandelt. Das Gedächtnis derselben bildet darum eine gewaltige Mahnung an das Gewissen unseres Volkes, eine Erinnerung daran, daß unsere durch Gottes Gnade errungene äußere nationale Erneuerung auf Dauer und Bestand nur zu rechnen haben wird, wenn sie von einer i n n e r e n Erneuerung, einer Befestigung auf dem Grunde begleitet wird, auf welchem alle wahre Sittlichkeit und Bildung, ja alles wahre Staatsgefühl beruht In der Wirkung deS religiösen Verantwortlichkeitsgefühls der einzelnen und in lebendiger Teilnahme deS gesamten Volkes an der Arbeit und Entwickelung der Kirche sah Luther daS Wesen der evangelischen Freiheit, die er uns erringen, deren rechten Gebrauch er uns lehren wollte. Des deutschen Reformator« geistige Nachkommen werden sich danach nur diejenigen nennen dürfen, die mit dem eigenen persönlichen Christentum ebenso Ernst machen, wie mit der Sache der äußeren kirchlichen Gemeinschaft, die er neu geordnet hat.
Dann wird mit allem Nachdruck fcstzubalten sein. Neben der Kräftigung des Gefühls der evangelischen Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit bedarf eS für uns, die wir Luthers Werk «eiter führen wollen, vor allem einer erhöhten Teilnahme an der Arbeit und dem Leben der Kirche. Die hoffnungsvollen Anfänge, die wir in der Benutzung oer kirchlichen Organisation gemacht haben, welche seit einer Reihe von Jahren daS Verhältnis der Einzelnen in der Gemeinde zur evangelischen Kirche vermitteln sollen, bedürfen der Unterstützung weiterer und größerer Kreise. Vermag dock nicht« die Schärfe der zwischen den verschiedenen kirchlichen Richtungen einmal bestehenden Gegensätze so woblthätig zu mildern, al« eine auS wirklichem religiösen Bedürfnis bervorgegangcne lebens und liebevolle Beteiligung des Volkes an der Thätigkeit der kirchlichen Einrichtungen, die wir dem vorigen Jahr zeh-1 zu danken haben. Auch auf religiösem Gebiete ist die Vereinzelung mit schweren Gefahren verbunden, mit Gefahren, von denen der zun-hmende religiöse 3nHffcmt- tiSmuS nur allzu lautes Zeugnis ablegt. Die Zukunft deö religiösen L benS im evangelischen Deutschland wird wesentlich dadurch bedingt sein, daß wir uns der Segnungen der kirchlichen Gemeinschaft in erhöhtem Maße bewußt werden und daß die Teilnahme an dieser Gemeinschaft nicht als Erfüllung einer äußeren Pflicht angesehen, sondern al« eigenstes Bedürfnis derjenigen empfunden wird, die sich der Zugehörigkeit zur Kirche der Reformation und deS Besitzes der evangelischen Freiheit rühmen. — Möchte die Feier deS 10. November 1883 dazu beitragen, das kirchliche Bewußtsein unseres evangelischen Volkes in diesem Sinne zu wecken und zu erneuern!
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Sächs. t, trifft in und Laad
Zu« 10. November 1883.
Zum ersten Male seit Wiederaufrichtung des Reichs begeht das protestantische Deutschland ein außerordentliches kirchlich-g Fest. In allen für die evangelische Lehre gewonnenen Teilen der zivilisierten Welt robb zur Feier der vierhundertsten Wiederkehr de« TageS gerüstet, an welchem ber Kirchenresormator deS 16. Jahrhunderts daS Licht der Sonne erblickte; aber nur bei uns trägt diese Frier einen zugleich nationalen Charakter. War -er große Wittenberger Dvkwr dock ein Deutscher, der auf daS Volkstum, die Sprache, die SUter tur und dir gesamte Lebensanschauung seiner Landes.enossen ebenso nachhaltigen Einst ß geübt bat, wie auf die kirchliche Lehre und deren wiffenschMcke Umgestaltung — ein Mann, in welchem die charakteristischen Eigentümlichkeiten deutscher Art vollständiger und mächtiger ausgeprägt waren, als bei irgend einem andern. So groß und zahlreich sind die Wirkungen, welche der gotterfüüte «ehrer auf sein Volk geübt hat, daß die dem 10. November gellende Feier die verschiedensten Gebiete deutschen Lebens berührt, die mannigfachsten Formen angenommen hat. Im Achten Sinne und Geiste wird dieser Festtag aber doch nur begangen werden, wenn er un« an die Quelle zurückführt, «US welcher Luthers gesamte Thätigkeit gcflosien ist, wenn uns daran erinnern lasten, daß die großen brlebrndm wanten, dir seiner schöpferischen Wirksamkeit zu Grunde
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Deutsche- Reich.
Berlin, 8. Nov. Gestern abend ist ein General- Adjutant deS Kaisers nach Madrid abgereist mit einem Handschreiben deS Kaiser«, in welch letzterem dem Könige von Spanien der Gegen-Besuch de« Kronprinzen al« Vertreter de« Kaisers angesagt wird. Der Kronprinz trifft zwischen dem 12. und 15. November in Genua ein, wo inzwischen drei deutsche Kriegsschiffe anlangen, um denselben nach Spanien zu geleiten. — Der „Reichs-Anz." veröffentlicht eine Königliche Verordnung, durch welche der Landtag auf den 20. November einberufen wird. — Nach einer Bekanntmachung de« Reichskanzler« sind auch die im Gebiete von Britisch - Burma .in Hinter - Indien gelegenen Hafenplätze als choleraverdächtig anzusehen. — Der „Stellvertreter des Reichskanzlers" v. Bötticher verkündet unter dem Datum des 31. v. M. die vom Bundesrat beschlossenen Ausführungsbestimmungen zur Reichsgewerbeordnung. Der erste Absatz handelt vom Geschäftsbetriebe der Gold- und Silberwarenfabrikanten und -Großhändler sowie der Gewerbetreibenden, welche mit Edelsteinen, Perlen, Kameen und Korallen Großhandel treiben. Der zweite Absatz verfügt über den im Umherziehen stattfindenden Gewerbebetrieb der Ausländer, welch letztere eines Wander- gewerbscheins bedürfen. Davon ausgenommen sind nur solche Ausländer, welche ausschließlich den Berkaus roher Erzeugnisse der Land- und Forstwirtschaft, de« Garten- und Obstbaues, der Geflügel- und Bienenzucht im gewöhnlichen Grenzverkehr betreiben wollen. Die Erteilung des Wander- gewerbfcheins ist Zigeunern stets, andern Ausländern aber dann zu v rsagen, wenn ein Bedürfnis zur Ausstellung des Scheins sür Ausübung des betreffenden Gewerbe« im Bezirk der Behörde nicht besteht oder sobald für da« Gewerbe, für welche« der Schein nachgesucht wird, die den Verhältnissen deS Verwaltungsbezirks der Behörde entsprechende Anzahl von Wandergewerbscheinen erteilt oder auf dasselbe ausgedehnt ist. Für das Gewerbe der Topfbinder, Keffel- flicker, Händler mit Blech- und Drahtwaren und ähnlichen Gegenständen, der Drehorgelspieler und Dudelsackpfeifer darf ein Wandergewerbschen nur solchen Personen erteilt werden, welche nachweislich in dem nächstvorangegangenen Kalenderjahre einen Wandergewerschein für dasselbe Gewerbe erhalten haben. Sowohl die Ausstellung als auch die Ausdehnung eines Wandergcwerbscheins kann für eine kürzere Dauer als das Kalenderjahr oder für bestimmte Tage während des letzteren erfolgen. Der dritte Absatz enthält den Geschäftsbetrieb der ausländischen Handlungsreisenden. Diese bedürfen, falls fle Staaten angehören, mit welchen ein Abkommen wegen der Gcwerbelegitimationskarten zwar nicht abgeschloffen, denen jedoch daS Recht der Meistbegünstigung hinsichtlich deS Gewerbebetriebs eingeräumt ist, zum Geschäftsbetriebe im Jnlande einer Legitimationskarte nach vorgcschriebenem Muster. Der Inhaber darf jedoch nut Warenmuster, aber keine Waren mit sich führen. Für die Wanderqewerbscheine ohne Unterschied find Formulare vor- geschrieben. Die Ausführungsbestiwmungen treten vom 1. Januar 1884 ab in Geltung. Zu bemerken ist, daß „das R,cht, einen Ausländer aus dem Reichsgebiet auszu- weis'N, durch diese Btstimmunaen nicht berührt wird" und der Mangel eines festen Wohnsitzes im Jnlande Ausländern gegenüber als ein Grund zur Versagung deS Wander- gewerbscheins oder zur Versagung der Ausdehnung desselben nicht anzuschen ist. — Die „Prov.-Korresp." enthält an erster Stelle einen Artikel zum Lucherfeste, in welchem auf die große Be eulung des WnkenS Luthers für alle Ver- hältnisie hingewiesen wird, und dann gesagt wird: „Der Same Luthers war nusgegangen in Staatsbil ungcn, die bald durch beispiellose Widerstandskraft, bald durch ebenso b ispicllose K ast der Ausbreitung die Menschheit in Erst-uncn sctznn. Nur seinem eigenen Volke sckien dieser Same die Frubt eine« kraftvoll schützenden Gemeinwesen« n'chi bringen zu können. Ede da« vierte I ch hundert, seit Luther unter een Lebendigen und geistig Fortlebenden wandelt, abgelaufen, ist auch diese Frucht au'gegangen. Kein Wunder, wenn das deutsche Volk in diesem Jubiläumsjahr in mannigfaltiger Weise bas Andenken und Erbe Luthers als einen beglückenden und sicheren Besitz zu feiern sich angeschickt hat. Es darf jedoch nicht vergessen werben, daß da« deutsche Volk von dem Vermächtnis Luthers, das niemals in einer fertige» Gabe, sondern iu einer heiligen Aufgabe bestand, noch einen großen Teil, vielleicht den schwersten Teil, einzulösen hat." — Die von der „Köln. Ztg." aufgebrachte Fabel, daß die Prinzen von Orleans nach dem deutsch-französischen Kriege jede» Verkehr mit ihren Verwandten in Mecklenburg abgebrochen und sogar seinerzeit auch die Benachrichtigung von dem Htnschetven de« Großherzog« Friedrich Franz ll.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.Annoncen-Bureanx von G- 8. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanki» Verls»; W. Thiene« in Elberfeld: 6- Schlotte in Bremen.
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Irr Authrrs Geburtstag.
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Der Luther war ein kühner Held Und stritt mit guten Waffen.
Wie auch der Papst ihm nachgestellt. Kein Streich hat ihn getroffen.
Die alt' Klerisei Erhub wild Geschrei, Doch wie arg sie schreit. Schimpft voll Haß und Reid, Sein Gott hat ihn behütet.
Norm Kaiser, Schirm der Christenheit, Vor Fürsten und Prälaten, Sicht Luther da im Möncheskleid, Mit Gottes Wort beraten.
Auf den Herrn er traut, Er belennel laut: Ich, Herr Gott, steh' hier, So hilf Du jetzt mir, Ich kann fürwahr nicht ander-!
Er wohnt, genannt der Ritter Gvrg, Im sichern Wartburgzimmer.
Und steigt er abwärts von dem Berg, Den Harnisch trägt er immer.
Nicht Jagd und Turnier Gefüllt dem Ritter hier, Er lieft das heil'ge Buch, Das er übertrug In liebe deutsche Zungen.
Wer ihn an seinem Werke stört?
Der Vater war's der Luge, In stiller Nacht er oftmals hört. Ihm scheint's ein bös' Gespuke.
Ja sein Tintenfaß, Mutig und voll Haß An getünchte Wand Wirft es mit der Hand, Der Störenfried muß weichen.
WaS finstre Zeit hat aufgesetzt In falschen Decretalen, Das sinkt als Trümmerhaufen letzt, Die Nacht weicht Sonnenstrahlen.
Gottes teures Wert Sel'gen Lebens Hort Siegt, und Mönchsgeplärr Hört das Ohr nicht mehr, Gern strömt da? Bock zur Kirche.
Wie kräftig da der Luther sprach Von Taufenden umstanden!
Das alte morsch Gerüste brach, Die faulen Mönche schwanden.
Vom Druck hart wie Blei, Ward daS Herz uns frei, Und fein andächtig Dem Worte gläubig Kannst Du vor Gott jetzt treten.
Wie Glockenton klingt manches Lied, Das Luther hat gesungen, Das uns empor zum Himmel zieht — In kräst'ger beutscher Zunge.
Kling das Land hindurch Lied: .Ein' feste Burg' — Aller Lieder Kern, Heut' zum Dank dem He:rn, Der uns einst gab den Luther.
Feigen nimmt entgegen: Spedition d. BlatteS, ’ ,,d Annoncen-Bureaux 'Dietrich u. Co. in ; Jj und Hannover; Th. Äch in Frankfurt a.M.; ®Siein u- Vogler in «fit a. M., Berlin, U§, Kvln K-; Rudolf in Berlin, Frank- a. M. K-
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