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Marburg, Dienstag, 30. Oktober 1883.
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Eine französische Stimme über den Fürsten Bismarck und das deutsche Reich.
Man wird bei französischen Politikern keine Voreingenommenheit für den deutschen Reichskanzler und seine Gesamtpolitik voraussetzen dürfen: „in Frankreich ist vielmehr — wie die „Republtque Frantzatse" vor wenigen Tagen konstatiert hat — der Name Bismarcks bei allen Patrioten seit 13 Jahren verhaßt." Das hindert dasselbe Blatt aber nicht, in einer gewissermaßen historischen Kritik die Verdienste des Fürsten BiSmarck um Deutschland zu würdigen, in einer Kritik, welche für alle Deutschen von hohem Interesse sein dürfte, zumal dieses republikanische Organ, welches an den inneren Parteikämpfen Deutschlands gar kein unmittelbares Interesse hat, gewissen Parteien einen Spiegel vorhält und die Bestrebungen derselben für alle, die sehen wollen, in daS rechte Licht stellt.
DaS Pariser Blatt sieht in der diplomatischen Kor» respondenz des Fürsten Bismarck als Bundestagsgesandten, welche bekanntlich im vorigen Jahre in dem Werke von Poschtnger „Preußen im Bundestage" veröffentlicht worden ist, den Beweis geliefert, daß nicht Zufall und Glück das deutsche Reich geschaffen, sondern dasselbe von Bismarck gewollt, mit klarem Geiste geplant und mit eiserner Willenskraft geschaffen worden. DaS Pariser Blatt ist der festen Ueberzeugung, daß daS von BiSmarck um die deutschen Stämme geschlungene Band nie wieder reißen, daß sein Werk die Jahrhunderte überdauern werde.
DaS Blatt begreift das Ansehen, das Fürst BiSmarck in seinem Lande genießt: „ja eS ruft unser Erstaunen hervor, daß dieses Ansehen nicht größer ist, daß ein Mann, der solche Verdienste sich um sein Vaterland erworben hat und sich deren täglich neue erwirbt, dort nicht eine parlamentarische Majorität findet, die ihn unterstützt." DaS Blatt meint ohne Zweifel eine hingebende, festgefügte, nicht schwankende Majorität: denn bisher hat es der Politik des Fürsten BiSmarck noch nie an Majoritäten gefehlt, wenn freilich ost auch erst nach langen Kämpfen.
„Ein Moment aber ist bei diesen Erfolgen Bismarcks — so sagt die „Republique Fran-aise" — in hohem Grade beachtenswert: Alles, was er gethan hat, hat er nur thun können, weil Preußen, so wie eS uns seit zwei Jahrhun-
11 Angelika.
Novelle von C.Lenzendorf.
Ueber den betreffenden Briefwechsel vergingen natürlich Monate und schließlich schrieb der alte Herr van Blombirk, daß er mit der Kaufsumme ganz einverstanden sei und daß sein auf einer Europareise begriffener Sohn, den er mit guten Wechseln auf die ersten Bankhäuser versehen habe, in dm nächsten Monaten auch unS einen Besuch abstatten und Uns die Kaufsumme einhändigen werde. Da über die baare Zahlung dieser Summe nunmehr bei Sigismund kein Zweifel mehr vorhanden sein konnte, so ließ er in seinem Testamente nur diese Summe als zahlbar von den Herren van Blombirk und Sohn in Kalkutta in Indien aufführen, denn Sigismund wurde noch vor der Ankunft deS jungen Blombirk schwer krank und ordnete sein Testament. WaS nun speziell mein Gemahl mit dem jungen Herrn van Blombirk in der Sache Vereinbart hat, weiß ich nicht, denn die geschäftlichen Ange- ügenheiten unterhandelten sie meist in mglischer Sprache, von welcher ich nicht genug verstehe, um den Inhalt ge- schäftlicher Mitteilungen genügend beurteilen zu können."
Frau von Wulfenstein und auch ihre beiden Söhne Maren über diese Mitteilungen der Jndierin ssehr erstaunt, denn hieraus ließ sich ungefähr der Zusammenhang hinsichtlich der Stillung und Handlungsweise deS Herrn van Blombirk gegenüber der Witwe des Baron Sigismund er- ^uthen und beurteilen. _
Albrecht, der älteste Sohn der Frau von Wulfenstein, der sehr aufmerksam dem Gespräche der beiden Damen zu- gehört hatte, mischte sich jetzt in die Rede und fragte in mündlichem Tone: „Da ist eS wohl auch Herr von Blom- «irk, welcher Ihnen so eifrig zur Rückkehr nach Calcutta geraten und den Inhalt des Testaments unseres Onkels
betten erscheint, eine reine Monarchie ist. Nichts wäre lächerlicher, als die preußische Monarchie mit dem Despotismus zu vermengen. Im Despotismus, der auf Militär gegründet, herrscht eine ungeheure Kraftvergeudung: im preußischen System aber arbeiten alle Kräfte des Landes, alle Organe der Negierungsgewalt auf ein einziges Ziel hin mit erstaunlicher Schnelligkeit und einer Ersparnis an Menschen, Geld und Arbeit, die nicht weniger erstaunlich ist..... Bei solcher Regierungsform liegt eine große
Macht in der Hand des Königs, der sich selbst als den ersten Beamten des Staates betrachtet, dem er auch sein Vergnügen, seine Neigungen und Ideen znm Opfer bringt. Sobald aber das Volk solche Gesinnungen an dem Herrscher wahrnimmt, bringt es seinem Könige ein Vertrauen ohne Grenzen entgegen. Dies ist daS wunderbare Werkzeug, welches Fürst BiSmarck vorgesunden hat. Der Zusammenhalt in der preußischen Armee ist nur daS Resultat und daS verkleinerte Bild des preußischen Staates. Eine solche Verfassung ist nicht unverträglich mit einer starken Dosts politischer Freiheit."
„Aber — so führt das französische Blatt weiter aus — es ist mit mathematischer Gewißheit zu erweisen, daß dieser Begriff vom Staat unvereinbar ist mit der parlamentarischen Regierungsform, welche die thatsächliche Macht nicht dem unverantwortlichen Haupte der Monarchie, sondern der Majorität einer gewählten Kammer giebt."
DaS Blatt giebt nun seinem Glauben Ausdruck, daß der Parlamentarismus früher oder später auch in Deutschland zur Herrschaft gelangen werde, weil der allgemeine Strom der Zivilisation dahin gehe. „WaS aber — so fragt eS — soll aus der Armee (die mit dem ganzen Staatswesen identisch sei) nach dem Triumphe des Paria- mentariSmuS werden? Kann man sich dieselbe überhaupt vorstellen ohne ein bevorzugtes Offizierkorps? Glaubt man, daß sie fortfahren wird, die Disziplin zur Ehrensache zu machen, wenn fie aufhören würde, zur Person des Monarchen selbst in Beziehung zu stehen? Kann man stch ein Bild davon machen, daß die Organisation der Armee unaufhörlich den Beschlüssen der Kammer unterworfen sei und abhängen soll von der Majorität von heute, die nicht diejenige von morgen sein wird? Kann man sie sich von Herrn LaSker oder Herrn Virchow abhängig denken?"
Die „Republique Frantzaise" sieht also das ChaoS voraus, da sie annimmt, der Parlamentarismus werde triumphieren. Wir aber sagen: der Parlamentarismus wird, darf und kann ntemals in Deutschland triumphieren. Ganz entschieden bestreiten wir, daß die „Zivilisation" sich in der Richtung des Parlamentarismus entwickeln müsse: dieser auch In liberalen Kreisen Deutschlands verbreitete Glauben ist ein Aberglaube, der durch nichts gerechtfertigt ist. Wetter aber zweifeln wir nicht daran, daß eS speziell in Deutschland nicht an Ein-
fflr wertlos für Ihr Glück in Deutschland erklärt hat, gnädige Frau?"
Die Jndierin besann stch mit ihrer Antwort keinen Augenblick und erwiderte offenherzig: „Allerdings hat unS Herr van Blombirk gesagt, daß es das beste wäre, wenn wir mit ihm nach Kalkutta zurückkehrten, denn in Deutschland könne uns doch kein Glück blühen, weil wir hier keine Freunde hätten und deshalb unseren adeligen Stand nicht wahren könnten. Nur verlacht und verspottet würden wir werden, hat er gesagt. Unter diesen Umständen ist eS ja allerdings besten, wir kehren nach Indien zurück."
Frau von Wulfenstein und ihre beiden Söhne fühlten allerdings, daß in den offenherzigen Worten der Jndierin ein gut Stück Wahrheit lag und sie wagten deshalb auch nicht direkt gegen den Entschluß derselben, nach ihrer Heimat zurückzukehren, zu sprechen. Frau von Wulfenstein hatte aber das glühende Bedürfnis, alle Verhältnisse und Neben- umstände, die auf das Leben und die Zukunft ihrer rätselhaften Schwägerin bezug hatten, kennen zu lernen, und fie fragte deshalb: „In Kalkutta haben Sie wohl viele Ver» wandte, liebe Schwägerin?"
„O nein," erwiderte die Jndierin, „die meisten meiner wenigen Verwandten dort werden inzwischen wohl gestorben sein, ich unterhielt auch wenig Verkehr mit ihnen, da ich eine arme Waise war, um die stch niemand kümmerte, als mich damals der gutherzige Baron Sigismund von Roden, mein späterer Gemahl, in fein Haus nahm."
„Und wie denken Sie denn in Kalkutta mit Ihrer Tochter zu leben?" frug Frau von Wulfenstein weiter.
Die Jndierin zögerte einen Augenblick mit der Antwort und sagte dann: „Wenn man noch einen teuren Toten beweint, soll man nicht von einer Hochzeit sprechen; aber
sicht und Patriotismus fehlen werde, um den gefährlichen Wirkungen des Parlamentarismus, welche die „Republique Franyaise" so beredt und gewiß mit voller Sachkenntnis schildert, bei Zeiten vorzubeugen und entgegenzutreten. Wenn ander« das republikanische Blatt mit seinem Urteil über die Wirkungen des Parlamentarismus Recht hat — und wer wollte daran zweifeln! — so wird, in diesem Lichte betrachtet, der Kampf gegen den Parlamentarismus zu einer Sache deö Patriotismus, zu einer Pflicht der Selbsterhaltung! Diese Erkenntnis zu pflegen und zur VolkS- Überzeugung zu machen, daS ist die wichtigste Aufgabe aller derjenigen Elemente, denen eS um die Erhaltung der Macht und Größe unseres Vaterlandes zu thun ist. Diese Aufgabe wird und muß gelingen, und dann wird der Parlamentarismus sich vergebens bemühen, fein NivelliertmgS- unb Zerstörungswerk zu verrichten.
DentfcheV Reich.
Berlin, 27. Olt. Der Kaiser ist abends 8 Uhr wohlbehalten aus Wernigerode hier eingetroffen. Er wurde in Halberstadt und Magdeburg durch die Generalität, die Offizierkorps und Behörden begrüßt. — Ueber das Be» finden des Fürsten BiSmarck lauten Privatnachrichten recht günstig. Der Gesundheitszustand des Reichskanzlers bessert stch in erfreulicher Wesse und gestattet demselben, fich den verschiedenartigsten Arbeiten zu widmen. Ganz besonders läßt der Fürst den weiteren Vorarbeiten für seine sozialpolitischen Entwürfe ein recht reges Jntdresse zu teil werden. Verschiedene Mitglieder deS Reichsamts deS In» nein haben dem Fürsten bereits persönlich Vortrag gehalten. Hauptsächlich arbeitet der Fürst mit dem Geh. Rat Lohmann, der ja auch im Reichstage bisher für diese Dinge als Kommissar der Reichsregierung thätig war. Unterrichtete Personen wollen wissen, daß Herr Geh. Rat Lohmann nach wie vor im Reichstage die sozialpolitischen Entwürfe vertreten werde. Der Finanzminister v. Scholz ist von seinem Besuche bei dem Fürsten BiSmarck zurückgekehrt und es steht zu erwarten, daß nunmehr die Vorlagen aus dem Finanzministerium, welche für den Landtag bestimmt sind, zum Abschluß gelangen. Man spricht jetzt wieder von der Erneuerung der Absicht, daS System unserer direkten Besteuerung zu ändern. ES ist aber fraglich, ob man schon von einem Gesetzentwürfe in dieser Beziehung sprechen darf. Einstweilen hat man noch mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, deren Beseitigung noch geraume Z-it erfordert. — Nach den nunmehrigen Dispositionen wird der Kaiser in dieser Saison im ganzen 8 Hofjagden abhalten, die am 3. November mit der Hubertusjagd am Stern bei Potsdam beginnen und im Januar nächsten Jahres mit einer Jagd auf Hasen bei Britz und Buckau abschließen. An der Hvsjagd, welche am 8. und 9. Nov. in der Schorfhaide auf Roth- und Dammwild stattfinden
die außerordentlichen Verhältnisse, in denen wir uns befinden, entschuldigen meine Rede. Ich teile Ihnen daher mit, daß meine Tochter Angellla die Fran deS jungen Herrn van Blombirk werden wird, wenn wir in Kalkutta eingetroffen find."
Der Frau von Wulfenstein preßte diese Eröffnung daS Herz zusammen, sie fühlte, daß eine fremde Person sich zwischen die Verwandten und die Wittwe und Tochter ihre» verstorbenen Bruders gedrängt hatte und daß der letzte Wunsch des BaronS Sigismund von Roden nicht in Erfüllung gehen konnte, wenn der Herr van Blombirk die Tochter des Barons heiraten würbe. Auch schien in dieser Sache schon Alles abgemacht zu fein und ein verhängnisvolles „Zu spät!" die Geschwister deS Barons um ihren Anteil an dessen reicher Hinterlassenschaft zu bringen.
Frau von Wulfenstein wollte aber doch noch möglichst etwas über daS Verhältnis des Herrn van Blombirk zu der Witwe und Tochter ihres beworbenen Bruders erfahren und fragte daher: „Wußte mein Bruder, daß Herr van Blombirk stch um die Hand feiner Tochter bewerbe?"
„Wie Herr van Blombirk mir mitteilte, allerdings," erwiderte die Jndierin. „Es scheint sogar der Wunsch Sigismunds gewesen zu fein, daß Angelika Herrn van Blombirk'S Frau werbe."
„Woraus schließen Sie da»?" fuhr Frau vonWulfen- ftein in ihren Fragen fort.
„Kurz vor feinem Tode sagte mir Sigismund mit gebrochener Stimme: Liebe Aida, wenn möglich, bleibe in Deutschland, unter der Bedingung, wie ich es in meinem Testamente wünsche. Ist dies aber nicht möglich, so folge dem Rate des Herrn van Blombirk," gab die Jndierin zur Antwort. (Fortsetzung folgt.)