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Marburg, Sonntag, 28. Oktober 1883.

XVIII. Jahrgang.

«ureigen nimmt entgegen! die Expedition d. Blattes, towte d.Annoncen-Bureaux » LH- Dietrich u. Co. in -,«.l und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; üaasenstein u. Vogler in iantfurt a. M., Berlin, {Ln«g, Köln Rudolf öe in Berlin, Frank­

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube u. Co. in Frankfurt a. *Ut.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansch- Buchhandlung daselbst; Jnvalidendankin Berlin; W. Thiene' in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werttagm nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS 6otttttag<blatt durch die Expedition (« o ch'sche Buchdrucker-!) bezogen 2'/. Mark, durch dl- Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (epi. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Heile 10 «fa Für in der Expedition zu ertheilende Austtmft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.

WM- Für die Monate November u. Dezember nehmen alle Postanstalten (auf dem Lande die Land- postboten) auf die

Oberhesfische Zeitung

nnd deren Gratisbeilage

Illustriertes SouutagSblatt

Bestellungen entgegen.

Die Stellung Ferrys bei dem Beginn der Seffiou.

FeriyS Bemühungen in den letzten Wochen waren hauptsächlich darauf gerichtet, dem zur außerordentlichen Session zusammentretenden Parlament mit vollendeten That- sachen gegenüberzutreten, und die Thätigkeit desselben von der Einwirkung auf schwebende Krisen, die einer sofortigen Lösung bedurften, ferne zu halten. Zum Teil ist ihm das auch gelungen. Die Differenzen mit dem Präsidenten der Republik sind beigelegt. Grevy bietet seinen ganzen Ein­fluß auf, das Kabinett zu stärken, und selbst der Moniteur des Elyse?,La Paix", sonst von Ferrys Nebenbuhler und Todfeind, Wilson, inspiriert, mahnt in letzter Stunde zur Mäßigung, zum Nachgeben und Abwarten. Außer der Präsidentenfrage ist auch die Thibaudinfrage formell aus der Welt gebracht. Der Kriegsminister wurde auf durch­aus verfasiungSmäßigem Wege entfernt und durch einen anderen ersetzt. In der Angelegenheit TonkingS ist ein Gelbbuch verteilt, welches nichts Neues enthält und der Opposition gewiß manche Gelegenheit zum Tadeln geben wird, aber doch eine Situation klar legt, welche auch dem heißblütigsten Radikalen kaum gestatten würde, ein anderes Programm für Tonking vorzuschlagen, als die Regierung bis jetzt verfolgt hat. Aehnlich verhält es sich mit Mada­gaskar, und ivaS die allgemeine Politik anbetrifft, über die eine Interpellation von der äußersten Linken nach letztem Fraktionsbeschluß sofort eingebracht werden soll, so wird dieselbe wie gewöhnlich mit allgemeinen Redensarten be­antwortet werden, in welchen viel versprochen und noch mehr angedeutet wird. Brennende Fragen sind in der äußeren Politik außer dem Konflikt mit China augen­blicklich nicht vorhanden und dieser ist schon in dem Expose über Tonking niedergelegt. In der inneren Politik kann sich kaum eine Frage erheben, deren gesetzmäßige Lösung in der Folge nicht von dem Kabinett zugcstanden werden wird. Es ist deshalb vorläufig nicht darauf zu rechnen, daß sich die parlamentarische Lage bis zur Stellung einer Vertrauens­frage verschärfen wird.

Schwieriger gestaltet sich die Festsetzung des Budgets für 1884, die im Laufe der Session erfolgen muß. Der Finanzminister Tirard kann die einzelnen Positionen der

von ihm aufgestellten Budgetvorlage vor der Kommission nicht vertreten und ebenso wenig die Ziffern seiner neuen Vorschläge. Ferry hat indessen schon einen Ersatzmann für ibn bereit, den Berichterstatter der Kommission, Rouvier, der zu der Methode des zweiten Kaiserreichs, das Defizit durch die für Amortisierung der Staatsschuld bestimmten Summen zu decken, zurückgreifen will. Es ist zweifelhaft, ob hierfür die Mehrheit gewonnen wird. Mehrere Stimmen in der Kommission haben sich dafür ausgesprochen, den Verkauf der noch vorhandenen Staatsbahnen an die großen Kompagnien fortzusetzen und diesen weitere Konzessionen ihrer Monopole zu verleihen. Es ist dies das Finanz­system Leon Says, das nur stellenweise unterbrochen wurde. Ferry ist auch im Prinzip dafür, und hat ja auch, wie bekannt, schon im Laufe dieser Session dasselbe ausgenommen und die Mehrheit des Parlaments dafür gewonnen. Er will sich aber nicht mit verbundenen Augen den großen Finanzmächten übergeben, sondern Zug um Zug Gegen­dienste des Hauses Rothschild, das wiederum über die Stimmen der Orleanisten gebietet, erlangen. Ferry weiß sehr wohl, welchen Einfluß die Gegnerschaft der haute banque auf den Sturz Gambettaö hatte, der thöricht genug war, an die Möglichkeit einer Gegenmine Bontoux' zu glauben. Leon Say würde alle Schwierigkeiten des Bud­gets für 1884 leicht überwinden können, aber dann wäre Ferry auch nicht mehr notwendig, den man jetzt zu pro­tegieren gezwungen ist.

Ribot, vom linken Zentrum, der bis jetzt für das bis­her verfolgte System eingetreten war, hat in der Kom­mission den Vorschlag gemacht, das Extraordinarium ganz zu beseitigen, alle Ausgaben, auch die für die Armee und Marine, möglichst zu beschränken und in daö ordentliche Budget einzulragen. Dann könne man wenigstens klar sehen und Reformen anbahnen. DaS jetzige Defizit sei durch Anleihen zu decken.

Im besten Falle kann durch alle diese Finanzkünste daS mangelnde Gleichgewicht im Staatshaushalt wohl ver­schleiert, nicht aber beseitigt werden. Es sind eben nur sogenannte Notbehelfe (expedients). Das angezeigte Mittel wäre Wiedererhöhung der indirekten Steuersätze, Reorgani­sation der Verwaltung, Beseitigung der Korruption, Be­schränkung der Ausgaben, besonders im Militärbudget und Streichung aller Dotationen für allerhand industrielle Unternehmungen, welche thatsächlich nur als Wahlkosten den Deputierten erstattet werden. Würde indessen das aktuelle Kabinett oder irgend ein anderes unter dem jetzigen System zu solchen Mitteln greifen wollen, so würde es sich sein eigenes Grab graben. Die Finanzen sind die Stärke der Bourgeoisie. Je mehr das Land blutet, desto mehr prosperiert die Börse. Erst nach einer entscheidenden Katastrophe kann eine Umkehr in der Finanzpolitik herbei­geführt werden.

Die Morgenblätter melden, daß die Herren Deputierten nach ihrer ersten gegenseitigen Begrüßung in den Wandel­gängen des Bourbon die Stimmungsberichte in den Pro­vinzen ausgetauscht haben. Im Süden scheint man un­versöhnlich zu sein, aber im Norden und in den Departe­ments des Zentrums will man entschieden keine neuen inneren Kämpfe und Ministerkrisen. Nichtsdestoweniger wurde konstatiert, daß die öffentliche Meinung im allge­meinen sehr erreat ist. Es schwebt etwas in der Lust; es sei ein Coup dEtat der Orleans, sei ein Coup de main Ferrys. Merkwürdig ist die Besorgnis der Extremen und auch der gemäßigten Republikaner vor ersterem. Als der Prinz Napoleon sein Manifest von Stapel ließ, dachte kein Mensch an die Bonapartisten. Alles wandte sich gegen die Orleans, die nicht das geringste Verdächtige gethan hatten. Als Ferry in Rouen und Havre seinen Feldzug gegen die Radikalen ankündigte, witterten alle Gruppen derselben wieder die Gefahr der orleanistischen Restauration, und selbst Anhänger der Regierungspartei, vollwichtige Gambettisten, wurden einen Augenblick stutzig. Jetzt in­dessen scheint Ferry letzteren hinreichende Garantieen ge­geben zu haben, daß aus seinem beabsichtigten Handstreich, der nur in der Ucberrumpelung der linken und rechten Opposition bestehen soll, nicht etwa ein Staatsstreich sich entwickele. Die Ernennung Casimir Perieres zum Unter- Staatssekretär des Krieges ist allerdings frappant. In­dessen Gambetta gab demselben Kriegsminister (Campenon) einen Miribel zum Generalstabschef, und Gambetta hatte sicher keine Sympathieen für die Prinzen.

Die Opportunisten werden also Zusammenhalten und damit wäre Ferrys Stellung vorläufig gesichert. Als Preis seines Sieges läßt er dem Lande das Anknüpfen besserer Beziehungen mit dem Auslande, also daS Ende der jetzigen Isolierung, ankündigen. Zwischen den Zeilen ist zu leien, daß damit ein Vertrag mit Rußland und die Freundschaft mit Spanien zu verstehen sei. Die englische Presse schenkt dieser Versicherung französischer Blätter auch wirklich Glau­ben und fügt hinzu, daß, wenn auch das jetzige Kabinett viel unnützen Staub im äußersten Osten und in Mada­gaskar aufwirbclc, so bleibe Ferry unter den jetzigen Ver­hältnissen doch der einzige mögliche Minister, mit dem es für eine andere Macht möglich sei, zu transtgieren. Das ist vielleicht richtig. Er hat wenigstens das Streben ge­zeigt, internationale Formen einzuhalten, und wenn ihm gelingt, gleichzeitig mit dem Radikalismus den Chauvinismus in Schranken zu halten, wie er es auf sein neuestes Pro­gramm geschrieben hat, so vereinigt er die meisten Be­dingungen zu einem relativ stabilen Gouvernement in sich.

Unvorhergesehene Fälle, die so häufig in Frankreich die Rolle des Schicksals 'pielen mußten, sind dabei allerdings nicht in Rechnung zu ziehen. (R.-B.)

i Kch io 1883.

Avgelica.

Novelle von C.Lenzendorf.

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Sie können wohl Freundschaften und Bekanntschaften in den besten Kreisen Deutschlands finden, Sie sind durch die Vermählung mit meinemBruder geadelt; ich werde Ihre Beschützerin sein und wenn die Welt erfahren wird, daß die Baroneffe von Roden und ihre Tochter Angelika nstaunlich reich sind, dann wird sich auch Vieles ändern. Wissen Sie nicht, daß Sie reich, sehr reich sind?" fragte Frau von Wulfenstein nochmals mit absichtlicher Betonung.

Ach, das sind die adeligen Familien in Deutschland auch, deshalb wird man mich und meine Tochter noch lange nicht für ebenbürtig ansehcn:" erwiderte die Jndierin in ihrer naiven Weise.

Aber Sie besitzen als Universalerbin meines Bruders Ihrer Tochter Millionen, über zwei Millionen Thaler. Wissen Sie nicht, welchen Glanz in den Augen der Welt diese Summen zu bedeuten haben?" frug Frau von Wulfenstein erstaunt.

, Die Jndierin schüttelte halb wehmütig ihr Haupt und schien thatsächlich keine rechte Vorstellung von der Bedeutung der Vermögens zu haben, welches ihr und ihrer Tochter «er Baron Sigismund von Roden hinterlaffen hatte.

Um ihrer Schwägerin daher eine Aufklärung über derm Bermögensverhältnisse zu geben, sagte Frau von Wulfen- urin:Liebe Schwägerin! Sie sind nebst Ihrer Tochter so ?ich wie die meisten adeligen Familien in Deutschland nicht >ind, denn nur der kleinere Teil derselbm zählt sein Ver­mögen nach Millionen."

Die Jndierin sah Frau von Wulfenstein erstaunt an erwiderte dann:Gnädige Frau, ich habe in meiner

Abgeschlossenheit die Verhältnisse des großen Lebens in Deutschland so wenig kennen gelernt, daß ich weder be­urteilen kann, wie reich ich und meine Tochter, noch wie reich unser. Verwandten oder andere adeligen Familien sind. Ich weiß nur so viel, daß Herr von Blombirk mir noch heute gesagt hat, daß wir für Deutschlands höhere Gesellschaftskreise nicht gerade viel Vermögen besäßen und daß die Verwandten meines verstorbenen Gemahles sich aus unserem Vermögen nicht viel machen würden."

Frau von Wulfenstein konnte jetzt ihre innere Erregung über den Irrtum, in den man augenscheinlich die Witwe ihres Bruders hinsichtlich besten Hinterlassenschaft gebracht hatte, kaum noch bemeistern und sagte daher hastig und mit leichtem Rot tm Antlitz:Sie sind unbedingt über Ihre wahren Verhältniste ganz falsch unterrichtet, liebe Schwägerin, und es scheint mir der dringende Verdacht vorzultegen, daß hier von irgend jemand ein raffinierter Betrug auSgeübt werden soll und zwar zunächst an Ihnen und Ihrer Tochter, vielleicht aber auch an Ihren Verwandten, den Geschwistern meines verstorbenen Bruders. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß Sie nur ein unbedeutendes Vermögen besäßen und daß Ihre stolzen Anverwandten sich nichts aus der Testamentsklausel machen würden, die der verstorbene Baron Sigismund von Roden seinem Testamente beigefügt hat?"

Herr van Blombirk hat mir dies gesagt und ich habe eS ihm geglaubt, weil ich keine Ursache hatte anzunehmen, daß er mir die Unwahrheit sagen würde," entgegnete die Jndierin.

Wer ist denn dieser Herr van Blombirk," fragte mit einem forschenden Blicke die Frau von Wulfenstein.Ist er ein Verwandter von Ihnen? Hier in der Residenz habe ich seinen Namen noch nicht nennen hören."

Herr van Blombirk ist ein Holländer," erwiderte treu­herzig die Jndierin.Er ist der Sohn eines Freundes meines Gemahls. Der Vater des Herrn van Blombirk und mein Gemahl haben sich einst in Kalkutta kennen gelernt und viele Geschäfte mit einander gemacht. Als wir vor nun zwanzig Jahren Indien v rlicßen, übergab Sigismund dem alten Herrn van Blombirk noch zwei große Kaffee- Plantazen zur Verwaltung, welche auch nicht verkauft wurden, da sie eine sehr hohe jRcnte abwarfen, denn Sigismund hatte die Plantagen, die ehemals sehr lüderlich bewirtschaftet worden waren, sehr billig gekauft und dann in große Blüte gebracht und der alte Herr van Blombirk war ein erhrlicher Kaufmann und Freund Sigismunds. Diesem holländischen Kaufmann konnte Sigismund denn auch die Bewirtschaftung der Plantagen anvertrauen und wir sind auch nicht betrogen worden."

Das mag alles richtig sein," erwiderte Frau von Wulfenstein,aber Zweierlei ist mir dabei unklar, erstens, daß iu dem Testamente Sigismunds die beiden Plantagen nicht erwähnt sind und zweitens, daß der junge Herr van Blombirk Ihnen so seltsame, ja grundfalsche Begriffe über Ihre Vermögensverbältnisse beigebracht hat."

Hinsichtlich dW einen Punktes kann ich Ihnen Auf­klärung geben," sagte die Jndierin.Sigismund fühlte schon seit fast einem Jahre, daß er mit seiner ehemals so kräftigen Gesundheit rasch bergab ginge und da er nicht wollte, daß wir nach seinem Tode noch Sorgen um die Verwertung der beiden Kaffee-Plantagen haben sollten, so bot er dem alten Herrn van Blombirk zu einem sehr mäßigen Preise die Plantagen zum Kaufe an."

(Fortsetzung folgt.)