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Marburg, Freitag, 26. Oktober 1883.
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Zum 26. Oktober.
Die Wiederkehr des Tages, an welchem unser Kaiser vor fünfundzwanzig Jahren die Regierung Preußens als Prinz-Regent übernahm, wird nach dem Willen Seiner Majestät nicht durch glanzvolle Festlichkeiten begangen: die Erinnerung an die LeidenSzett seines Königlichen Bruders, welche die Veranlassung zur Einsetzung der Regentschaft »ar, verbietet es unserem Kaiser, einem Tage festlichen Glanz zu verleihen, welcher als der erste Tag seiner ruhmreichen Regierung für alle Zeiten in den Blättern der Geschichte Preußens und Deutschlands verzeichnet ist.
Das preußische und deutsche Volk ehrt den Willen seines Kaisers und Königs, indem es auch seinerseits diesen Tag nicht zu einem Jubeltag gestaltet: auch ist daö Bewußtsein von der hohen Bedeutung desselben in jedem Preußen und Deutschen so lebendig, daß rS durch festliche Beranstaltungen nicht geweckt zu werden braucht.
Gleichwohl kann das Volk diesen Tag nicht' vorüber gehen lassen, ohne wenigstens der thatsächlichen Ereignisse sich zu erinnern, welche sich vor fünfundzwanzig Jahren beim Regierungsantritt unseres Kaisers vollzogen haben. Einen Hinweis auf dieselben möge der Erinnerung an diese ernste und für Preußen und Deutschland so bedeutungsvolle Zeit zu Hilfe kommen.
König Friedrich Wilhelm IV. war im Herbst deS Jahres 1857 erkrankt und hatte infolge desien seinen Bruder, den Prinzen von Preußen, mit der Stellvertretung in den RegierungSgeschästen beauftragt. Da sich die Krankheit verschlimmerte, richtete der König unterm 7. Oktober 1858 an den Prinzen einen Erlaß, worin er diesen ersuchte, »sthrend der Dauer seiner Verhinderung die Königliche Gewalt in der alleinigen Verantwortlichkeit gegen Gott, nach bestem Wissen und Gewissen in des Königs Namen als Regent auSüben zu wollen. Durch einen Erlaß vom 9. Oktober an das StaatSmtnisterium übernahm der Prinz, der Aufforderung feines Königlichen Bruders gemäß und auf Grund des Artikels 56 der Verfassung, die Regentschaft und berief zugleich durch eine Verordnung die beiden Häuser deS Landtags zum 20. Oktober zusammen. Die bezüglichen Erlasse waren, nachdem der König noch kurz
vorher den Staatsminister von Westfalen von der Leitung des Ministeriums des Innern entbunden hatte, von den Ministern von Manteuffel, von der Heydt, Simons, von Raumer, von Bodelfchwingh, von Maffow, Graf von Walderfee, Flottwell, und von Manteuffel II. gegengezeichnet. Am 20. wurde der Landtag im Weißen Saale des Königlichen SchloffeS von dem Prinz-Regenten in Person durch eine Rede eröffnet, in welcher der Prinz Regent dem Landtage davon Mitteilung machte, daß er infolge der Krankheit und gemäß der Aufforderung des Königs „mit Rücksicht auf die thatsächlich bestehenden Umstände und die landeS- gesetzlichen Vorfchriften die schwere Last und Verantwortlichkeit der Regentschaft" auf sich genommen habe, „deS ernsten Willens, ferncrweit dasjenige zu thun, was die LandeSverfaffung und die Gesetze von Mir erheischen". Den beiden Häusern deS Landtags, die sich zu einer Sitzung vereinigten, wurden darauf am 21. mittelst Allerhöchster Botschaft vom 20. die auf die Regentschaft bezüglichen Dokumente mit der Aufforderung vorgelegt, dem Artikel 56 der Verfassung gemäß die von dem König und dem Prinz - Regenten erkannte Notwendigkeit der Regentschaft auch ihrerseits anzuerkenncn. Die Dokumente wurden von den vereinigten Häusern sofort einer Kommission überwiesen. Am 25. traten beide Häuser von neuem zu einer vereinigten Sitzung zusammen und nahmen den von der Kommission gestellten Antrag, „die Notwendigkeit der Regentschaft anzuerkennen", einstimmig an. Am folgenden Tage — am 26. Oktober — mittags 1 Uhr versammelte sich der Landtag, Allerhöchster Botschaft gemäß, im Weißen Saale des Königlichen Schlosses, wo der Prinz- Regent den im Artikel 58 der Verfaffung vorgeschriebenm Eid ablegte. Der Prinz-Regent richtete zunächst an die Versammlung eine Anrede, worin er den vereinigten Häusern des Landtags für die patriotische Einmütigkeit dankte, mit welcher sie ihm ihre Mitwirkung zur Einrichtung der Regentschaft gewährt hatten, und worin er die Hoffnung ausdrückte, daß «s U m gelingen werde, während der Dauer der Regentschaft die Ehre und das Wohl des teuren Vaterlandes zu dcffen Heil und Segen zu fördern. Darauf leistete der Prinz - Regent den verfaffungSmäßigen Eid stehend und unter Aufhebung der Schwurfinger der rechten Hand mit folgenden Worten:
„Ich Wilhelm, Prinz von Preußen, schwöre hiermit als Regent vor Gott dem Allwissenden, daß ich die Verfaffung deS Königreichs fest und unverbrüchlich halten und in Uebereinstimmung mit derselben und den Gesetzen regieren will. So wahr Mir Gott helfe I*
Der Präsident deS Herrenhauses sprach hierauf im Namen beider Häuser des Landtags dem Prinzen-Regenten den Dank des Landes für das eidliche Gelöbnis aus, worauf der Präsident des Abgeordnetenhauses ein Hoch auf den König und ein Hoch auf den Regenten, Prinzen von
Preußen, ausbrachte, in welches die Versammlung begeistert einstimmte.
Hiermit war der feierliche Akt vollzogen, welcher alle für die Regentschaft von der Verfaffung vorgesehenen Bestimmungen erfüllte. Wenige Tage später — am 5. November — umgab sich der Prinz-Regent mit einem neuen Ministerium, an deffen Spitze der Fürst von Hohenzollern- Sigmaringen berufen wurde. In einer Ansprache an sein Ministerium, dessen übrige Mitglieder die Minister Flottwell, von AuerSwald, Freiherr von Schleinitz, General von Bonin, Freiherr von Patow, Graf Pückler, v. Beth- mann-Hollweg, von der Heydt und Dr. Simon» waren, legte der Prinz-Regent die Grundsätze dar, nach denen er zu regieren gedenke. Welcher Art diese Grundsätze waren, davon legt die ganze bisherige 25jährige RegierungSzeit unseres Kaisers und Königs laut Zeugnis ab; sie haben Preußens und Deutschlands Wohl und äußere Machtstellung auf einen Gipfel erhoben, auf welchem unser Vaterland zu erhalten und zu befestigen für alle Zukunft die Aufgabe aller Patrioten sein wird.
Deutsche« Reich.
Berlin, 24. Okt. Der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, ist heute hier eingetroffen. — Der „Kreuz-Ztg." zufolge findet eine Beratung deS Aktienrechts- Gesetzes in den BundeSralSauSschüffen nicht statt, da der umfangreiche Entwurf noch der Prüfung der einzelnen Regierungen unterliegt. — Der Bundesrat hielt heute nachmittag eine Plenarsitzung ab. Auf der Tagesordnung standen u a. die Vorlagen betreffend die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin, Hamburg- Altona nebst Umgebung bis zum Ablauf des Sozialistengesetzes, sowie betreffend die Ausführungsbestimmungen zu der Kaiserlichen Verordnung über die Ausdehnung der Zollermäßigungen deS TarifeS de« deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Handelsvertrages. — Der Magistrat veröffentlicht heute das Resultat der Stadtoerordneten-Wahlen. Danach schweben im 16. und im 37. Bezirke noch die Verhandlungen über die Feststellung deS Wahlresultats; außerdem sind 10 Stichwahlen nötig; dagegen liegen im 35. und 38. Bezirke, wo man bisher die Notwendigkeit von Stichwahlen angenommen hatte, definitive Wahl- rcsultate vor, da die für die Arbeiterkandidaten abgegebenen Stimmen ungültig sind, weil ein Hausbesitzer zu wählen war; in den beiden genannten Bezirken ist der Kandidat der Bürgerpartei gewählt, die jetzt im ganzen 7 Vertreter der Stadtverordneten-Versammlung zählt. — Die heutige „Prov.-Korresp." bringt einen längeren Artikel über die Berliner Stadtverordneten-Wahlen, in dem sie bestreitet, daß dieselben eine politische Bedeutung haben, und aus ihrer Genugthuung über die Erfolge der sog. Bürgerpartei kein Hehl macht. Sie schreibt: Von großer Bedeutung ist aber
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Novelle von C.Lenzendorf.
Der Diener, welcher das Erstaunen der Herrschaften bemerkte, sagte freundlich: „Dieser Park war in den letzten Jahren wohl die Welt de« seligen Herrn und seiner Familie, bte Außenwelt schien ihm so gleichgültig geworden zu sein, baß er sich hier eine kleine Welt nach seinem eigenen Ge- schmacke schuf und auch fast nur hier sein Leben verbrachte. Er gab auf diesem Raume auch manche glückliche Stunden tob herrliche Tage, aber seit der gnädige Herr tot ist, »urde es auch recht stumm und traurig in dem Park und schlösse und niemand scheint mehr eine rechte Freude an diesen Herrltchleiten zu haben."
Frau von Wulfenstein hatte mit ihren Söhnen gerührt den »Lorten des Diener» gelauscht und sich eine Thräne «us den Augen wischend, sagte sie: „Armer, armer Bruder! $ie bist Du doch so unglücklich in Deinem großen Glücke iewesen und wie furchtbar verblendet waren Deine Geschwister!"
„Dort in jenem Hause, welche« wir den Indischen ®arten nennen," fuhr der Diener fort, „trauert die Witwe &®b Tochter unsers seligen Herrn. Die Damen schienen °vfang» auch mitsterben zu wollm, so krank und unglücklich fühlten sie sich nach dem Tode deS gnädigen Herrn, über es muß ihnen eine Botschaft überbracht worden sein, deiche ihnen wieder Mut eingeflößt hat, denn sie ertragen ihren Schmerz jetzt anscheinend mit Geduld und Hoffnung."
Helle Thränen rannen bei diesen Worten deS Diener« über die Wangen der Frau von Wulfenstein und auch ihre ^öhne waren tief ergriffen.
„ES muß fein," sagte nach einer kleinen Pause Frau Wulfenstein in entschiedenem Tone. „Führen Sie un« pr Baronesse, Diener."
Darauf schritt man nach dem großen wunderbar gebauten Hause hinter dem Weiher. Einige Schritte vor dem Portale des HmseS blieb Frau von Wulfenstein stehen und fragte den Diener, ob die Baronesse und ihre Tochter der deutschen Sprache mächtig seien.
„So ziemlich," erwiderte der Diener, welcher in alle Geheimnisse des SchloffeS eingeweiht zu sein schien. „Sehr viele Mühe hat es der gnädigen Frau gemacht, die deutsche Sprache ordentlich zu lernen," fuhr er fort, „sie sprach früher nur indisch und wenig englisch, aber der selige Herr drang darauf, daß sie seine Muttersprache lerne, schon deS gnädigen Fräulein wegen, die hier in Deutschland geboren und erzogen wurde, und mit vieler Geduld und Ausdauer hat ein geschickter Lehrer schon damals, al« sich da« gnädige Fräulein noch in den ersten Kinderjahren befand, die gnädige Frau die deutsche Sprache so ziemlich sprechen gelehrt."
Frau von Wulfenstein dankte dem Diener für seine Auskunft und sie trat nun mit ihren beiden Söhnen in die Wohnung ihrer rätselhaften Schwägerin ein.
DaS Haus war in seinem Inneren fast ganz auf orientalische Art erbaut und eingerichtet. Solide Steine und Kalkwände gab es nur in den Umfassungsmauern, sonst waren die Zimmer, Säle und Räume in dem Hause durch Rohrgcstccht, Binsengewebe und Teppichstoffe gebildet. Alle« war aber sehr sorgfältig und geschmackvoll in den besten Stoffen dieser Art angefertigt und waren auch sonst die Räume des Hauses mit kostbaren Divans, Nipptischchen, Spiegeln, Ampeln, Vasen und Blumen prachtvoll au«- geschmückt.
Als Frau von Wulfenstein mit ihren Söhnen eine Art Vorhalle in dem orientalischen Hause passiert hatten, zog der Diener eine Schelle und gleich darauf erschien eine
weibliche Person in seltsamer ausländischer Kleidung und verneigte sich mit über der Brust gekreuzten Armen vor den Anwesenden.
„Sagen Sie der gnädigen Frau, daß Frau von Wulfenstein unv ihre H-rren Söhne soeben ankamen," rief der Diener der Person zu und entfernte sich, den Herrschaften bedeutend, daß sie hier ein wenig warten möchten.
Die Rohr- und Teppichwand bewegte sich nach wenigen Augenblicken und Frau von Wulfenstein stand mit ihren Söhnen vor dem herrlich auSgeschmückten Boudoir ihrer rätselhaften Schwägerin. Der Raum vor ihnen war so bunt und glanzvoll und mit einer Menge Blumen, Ampeln, Vasen und anderen Zimmerverzierungen ausgeschmückt, daß Frau von Wulfenstein mit ihren Söhnen wie geblendet stand und erst nach einigen Sekunden zwei Frauengkstalten bemerkte, die ungefähr in der Mitte des Zimmer« vor ihnen standen.
Man starrte sich gegenseitig an, ohne sich von der Stelle zu rühren; Frau von Wulfenstein sollte in diesen rätsel- haften Personen ihre Schwägerin und Nichte zum ersten Male begrüßen und jene seltsamen Wesen schienen ihren unbekannten Verwandten gegenüber von einer großen Furchtsamkeit und Scheu ergriffen zu sein, was sich wohl bei der vollständigen Abgeschloffenheit, in welcher sie ihr Leben verbracht hatten, leicht erklären ließ.
Endlich brach Frau von Wulfenstein da» peinliche Schweigen. Sie verneigte sich mit ihren Söhnen tief unv sprach mit leffe zitternder, aber doch herzlicher Stimme: „Ick bin Marie von Wulfenstein, geborene von Roden, die Schwester Ihre« seligen Gemahles und die» sind meine beiden Söhne, Albrecht und Feodor von Wulfinstein Wir sind mit dem aufrichtigen Wunsche gekommen, um mit