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Marburg, Sonntag, 21. Oktober 1883.
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Zwischen französischer und deutscher Mädchenerztehung bestehen so zahlreiche und tiefgehende Verschiedenheiten, daß eine deutsche Wiedergabe deS von dem „Figaro" erzählten satyrischeu kleinen Romans keinen Sinn hätte. Wohl aber würde es der Mühe verlohnen, wenn eine witzige deutsche Feder einmal die Gebrechen unserer Art von Mädcheu- erziehung und ihrer Einwirkungen auf das bürgerliche Leben in die Form einer Erzählung zu bringen versuchte.
Die allgemeine Klage, daß jedermann über die Ver- hältnisie, in denen er geboren worden, hinaus wolle und daß dadurch der Herabdrückung des Mittelstandes und dem Wachstum eines Proletariats der höheren Stände ein beständiger Vorschub geleistet werde, — läßt sich auf die weibliche Jugend in noch höherem Maße anwenden, als auf die männliche. Schon vor fünfundzwanzig Jahren hat ein hervorragender deutscher Kulturhistoriker darauf hingewiesen, daß die zunehmende Zerbröckelung unseres Mittelund Handwerkerstandes wesentlich dadurch verschuldet werde, daß die Söhne wohlhabender Handwerker, Krämer u. s. w. nur noch ausnahmsweise zur Profession des Vaters griffen, die Töchter aber fast ausnahmslos eine Bildung erhielten, die es natürlich erscheinen laffe, wenn sie ihre künftigen Gatten außerhalb des Standes ihrer Eltern suchen. Für den deutschen Handwerker bleibe nur noch die Ehe mit dem Dienstmädchen übrig. — Seitdem hat in den Kreisen deS Mittel- und HandwcrksstandeS die Gewohnheit erheblich zu- genommcn, junge Mädchen mindestens zwei fremde Sprachen und außerdem eine Anzahl Dinge lernen zu lasten, welche
Das ganze evangelische Deutschland rüstet sich, den vierhundertjährigen Jubellag der Geburt seines größten Mannes festlich zu begehen. Daß auch unsere Hochschule hierbei nicht zurückbleibcn darf, versteht sich von selbst; ist doch die Universität Marburg recht eigentlich ein Kind der deutschen Reformation. Der akademische Senat hat schon längst Schritte zur Erfüllung dieser Ehrenpflicht gethan und ist, Dank der Mitwirkung des akademischen Konzert- vereinS im stände, eine des großen TageS würdige akademische Festfeier veranstalten zu können.
Am Abend deS 9. November (</s8 Uhr) findet in der lutherischen Pfarrkirche die kirchliche Vorfeier statt, bei welcher Herr UniversttätSprediger Profcstor Dr. AcheliS die Festpredigt halten, und der akademische Konzertverein die sog. „ReformationScantate" von Seb. Bach zur Ausführung bringen wird. Auf dem Reformationslied „Eine feste Burg" aufgebaut, ist diese Cantate von Bach selbst 8U der kirchlichen Reformationsfeier, wie sie am 31. Oktober alljährlich in sächsischen Landen begangen wird, bestimmt. Die Choralfuge über das alte ewig junge Lutherlied, welche diese Cantate eröffnet, gehört zu den grandiosesten Schöpfungen des evangelischen Tonmeister». Herr Universitäts-Musikdirektor Freiberg hat sich der großen Mühe unterzogen, diste Cantate zeitgemäß zu instrumentieren, um namentlich für die hier leider nicht anwendbare obligate Orgel Ersatz
zur Schätzung besten, was eine kleine bürgerliche Existenz bietet, mindestens nicht beitragen. Zweck dieser Art von Bildung ist nicht Sicherheit und Meisterschaft in der Behandlung der eigenen, dem jungen Mädchen durch seine Geburt nahe gerückten Verhältnisse, sondern Befähigung zum Uebertritt in die nächst höhere gesellschaftliche Etage. Und wenn man in derselben auch nur ein ganz bescheidenes, eigentlich nur geduldetes Plätzchen erlangt, so glaubt man dennoch bester daran zu sein, als wenn man auf der heimatlichen Sprosse der Gesellschaftsleiter einen Ehrenplatz einnimmtl Gedanken und Vorstellungen, wie die sog. höhere Bildung sie zeitigt, drängen einmal aus dem Dunstkreise der harten Arbeit deS Lebens hinaus, während der wahre Fortschritt der Nation doch nur auf der Vervollkommnung dieser Arbeit beruht. Solcher Vervollkommnung würde es in höchstem Maße zu gute kommen, wenn die tüchtigen, solide gebildeten weiblichen Kräfte des Mittelstandes demselben erhalten werden könnten und wenn die den Töchtern des Mittelstandes erteilte Bildung die besonderen Bedürfnisse derselben in höherem Maße als bisher berücksichtigte. So lange eine Art von Bildung, welche auf angehende Erzieherinnen und Lehrerinnen, nicht aber auf weibliche Wesen berechnet ist, die für ihre eigene und ihrer Eltern Häuser vorgebildet und erzogen werden sollen, für das höchste Ziel gilt, wird darauf freilich nicht zu rechnen sein! Für Märchen, die von dem künftigen Gatten Englisch und Französisch, Litteraturgeschichte und Naturphilosophie verlangen, ist im deutschen Handwerker- und Mittelstände für jetzt und wahrscheinlich auch für künftig kein Platz. Die Hebung dieses Standes aber wird nach wie vor eine außerordentlich schwierige Aufgabe bleiben, so lange die Töchter desselben absichtlich aus der Atmosphäre ihrer Eltern herausgedrängt werden, und dadurch um die Möglichkeit gebracht werden, die Vorteile ihrer Bildung der eigenen Gesellschaftsklasse zu gute kommen zu lasten.
Die Art und Weise, in welcher das alltäglich geschieht, würde einem Erzähler, der sich auf die Sache versteht, einen mindestens ebenso dankbaren Stoff liefern, wie beit* jenigen, dessen der „Figaro" sich bemächtigt hat.
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emeiflen nimmt entgegen: di-Spedition d. Blattes.
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Erscheint täglich außer Buchdruckerei
Das Pariser Unterhaltungsblatt „Figaro" veröffentlichte neulich eine Reihe ziemlich frivoler, aber außerordentlich ml wiener Aufsätze, welche daS Verhalten eines nach neu- ' französischen Prinzipien mit Anatomie, Psychologie, Philo- ' ophie u. s. w. vollgepfropften jungen Mädchens in den verschiedenen entscheidenden Lebenslagen schilderten. Die dabei verfolgte Absicht war, den Widersinn einer religionslosen, ausschließlich auf Vermehrung positiver Kenntnisse gerichteten Mädchenerztehung, wie sie dank der Bemühungen der Radikalen in Frankreich Mode geworden ist, an einem Beispiel nachzuweisen und daran zu erinnern, daß daS berufene System der Klostererziehung, welches auf die Ausbildung der sittlichen und nicht der intellektuellen Eigen- schalten des weiblichen Geschlechtes daS Hauptgewicht legte, seine entschiedenen Vorzüge gehabt habe. Mädchen, die über alle, auch die heikelsten Verhältnisse de» Lebens zu raison- nieren und geschichtliche oder naturwissenschaftliche Erfahrungen auf dieselben anzuwenden wüßten, taugten weder (Ltj sür daS Elternhaus noch für die Ehe; selbst in den günstigsten Fällen stehe diese Art der Bildung zu den im französischen Bürgertum herkömmlichen Anschauungen in so peinlichem Gegensatz, daß Konflikte unvermeidlich erschienen und daß die philosophierenden jungen Damen Alten und Jungen zur Last fallen müßten, weil sie nirgend hin-
: an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrtrte« Lomtlagtblatt" durch die Expedition (Ä 0 ch'fche i) bezogen SV» Statt, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 60 Pfg. (erd. Bestellgebühr.) — JnfertionSgebühr für die gespaltene Seile 10 Pf».
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
der preußische Geschichtsschreiber und langjährige Leiter der Provinztal-Korrespondenz, ein Buch erscheinen lasten (Berlin, Mittlerschc Buchhandlung), worin er die Aussprüche hervorragender Männer über Wesen und Einrichtung unserer Armee systematisch zusammenstellt. Veranlaßt wurde er dazu, wie aus seinem Vorwort hervorgeht, besonder» durch die Angriffe aus unsere Armee, die nach den siegreichen Feldzügen verstummt waren, aber neuerdings durch dir Fortschrittspartei wieder mit Rücksichtslosigkeit erneuert wurden. Indem uns die Aussprüche der ersten Autoritäten von Friedrich dem Großen bis auf den Grafen Moltke in ihren bezeichnendsten Stellen vorgesührt werden, hofft er, daS Vertrauen auf unsere HeereSetnrichtungen neu zu stärken. Klarheit und Ueberfichtlichkeit empfehlen auch dieses sorgfältig vorbereitete Werk des Verfassers. Die Aussprüche sind nach den Materien geordnet: „Die Aufgabe des Heeres. Die Ausgaben für das Heer. Die Kriegskunst. DaS Offizierkorps. Die bürgerliche Stellung der Offiziere. Die Ausbildung der Truppen und die Disziplin u. f. w." Der Verfasser hofft mit Recht eine willkommene und nützliche Gabe zu bringen, aber wir find nicht seiner Meinung, daß sein Buch den Militärs sübst nichts biete. Im Gegenteil wird es sicherlich besonders in militärischen Kreisen eine große Verbreitung finden. — Die englische offiziöse „Pall Mall Gazette" bringt die folgende bemerkenswerte Auslastung: „Wir erfahren au» zuverlässiger Quelle (on the bes authority) daß, allen gegenteiligen, mit Zähigkeit in Umlauf gesetzten Gerüchten zum Trotze, die Beziehungen zwischen den Regierungen Deutschlands und Rußlands selten herzlichere waren, al» sie es gegenwärtig sind. Ob zwar der Kaiser von Rußland dem österreichisch-deutsch-italienischen Friedensbunde nicht förmlich beigetreten ist, so befindet sich die russische Regierung dennoch in voller Uebereinstimmuug mit den Zwecken der Allianz, welche die Erhaltung des Status quo und de» europäischen Friedens anstreben. Die Befürchtungen, welche in einigen Pariser Kreisen und anderwärts vorherrschen, daß Fürst Bismarck im nächsten Frühjahr aggresive Pläne ins Werk zu setzen gedenkt, finden in den anderen Hauptstädten Europas unbedingt keinen Glauben. Dem deutschen Reichskanzler handelt eS sich einzig und allein um die Erhaltung des Friedens." — Die „Germania" weist darauf hin, daß eS wohl Mitte November werden dürfte, ehe der Bischof v. d. Marwitz alle zu einer DiSpenSnachsuchung für die jungen Kleriker erforderlichen Schriftstücke in seiner Hand habe, und fügt hinzu: „Der Kulturkampf hat ja dafür gesorgt, daß die jungen Kleriker der preußischen Diözesen recht weit und wirr versprengt worden sind; e» muß sowohl bei den einzelnen Geistlichen als bei der bischöflichen Behörde viel Arbeit und Zeit kosten, bi» die Akten ganz in Ordnung find. Ob die Regierung, welche die Form der DiSpensationS-Erteilung ganz In ihrer Hand hatte, nicht ihrerseits für Erleichterung und Beschleunigung hätte sorgen können, wollen wir heute dahingestellt sein
Um Jedem daS Seine zu geben, ist aber auch zu gestehen, daß der Dichter deS Textbuches, W. Roßmann, dem Komponisten verständig und geschickt in die Hände gearbeitet hat. Der erste Teil führt die Ueberschrift: „Die Fahrt nach Worms." Wir begleiten den von Justu» JonaS geführten Zug der Anhänger Luthers nach Worms ; in ihren charakteristischen und stimmungsvollen Gesang ist ein alter Choral kunstreich verwoben. — In schöner Kontrastwirkung folgt auf den Pilgerchor ein Chor von Nonnen, au» deren Kloster die Pilger daS Miserere ver- nehmen. JustuS JonaS verkündigt der Aebtissin die neue Lehre au« Wittenberg, und diese schließt sich begeistert dem Zuge an, ihr von dreistimmigem Nonnenchor begleitete» Arioso: „Meine Seele verlanget zu hören die Worte des Heils" gehört zu den glücklichsten Nummern der Partitur und ist von hervorragender Schönheit.
Hierauf sehen wir Luther im Gebet sich zu dem schweren Gange stärken; der Chor „HUf, 0 Gott, Du Deinem Knechte" tst wieder von großer Innigkeit und melodiösem Wohllaute. Nun tritt Glapio, des Kaisers Beichtvater, al» Versucher zu Luther, um ihn durch da« Versprechen eines Bischofsstabes zur Unterwerfung zu überreden; Luther weist da» Ansinnen in einem bewegten Duett zurück, hier zuerst klingt „Eine feste Burg" an. Der Chor giebt seiner Freude über Luthers Standhaftigkeit lebhaften Ausdruck und fetzt gehobenen Mutes die Reise nach Worms fort.
Die jetzt folgende Scene ist ein außerordentlich glücklicher Griff deS Librettisten. Hatte eS die Natur der Sache mit sich gebracht, daß bisher fast lauter langsame Sätze
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.AnnonceN'Bmeanx Den®. L.Daube u.6s. in Franlfurt a. M.; Jäaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlrmg daselbst; Invalidendan! in Berlin; w. Thiene« in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.
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Deutsches Reich.
Berit». 19. Okt. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht ein Verbot der Einfuhr holländischen Rindviehs, einschließlich der Kälber, nach dem Regierungsbezirke Düffeldorf und der Landdrostei Aurich, ferner eine Verordnung des Regierungs-Präsidenten von Breslau anläßlich der Rinderpest in Breslau, in welcher die Anzeigepfltcht bei Erkranknngen und Todesfällen eingefchärft, der Abtrieb von Rtndviehstücken, die Abhaltung von Viehmärkten, die Ausfuhr des Düngers, tierische Teile von Lumpen aus der Stadt Breslau verboten und die Bestellung von Vieh- reviforen in BrrSlau und den Ortschaften der umliegenden Kreise angeordnet wird. — Ueber den Titel: „DaS Heer und daö Vaterland" hat Geheimrat Dr. Ludwig Hchn,
Die Hauptfeier am 10. wird vormittags 11 Uhr präzise einen akademischen FestaktuS bringen, bei welchem Herr Professor Dr. Brieger die Festrede halten und die Ehrenpromotionen verkündigen wird. Auch für diesen Teil der Feier ist dem akademischen Senat die lutherische Pfarrkirche eingeräumt worden. Der akademische Konzertverein wird hierbei daS große Halleluja aus Händels MesstaS vortragen.
Als integrierender Bestandteil und Abschluß der akademischen Lutherfeier kommt [am nämlichen Nachmittage 4 Uhr in festlich erleuchteter Kirche daS Oratorium von MeinarduS „Luther in WormS" zur Aufführung.
Um der vielfach verbreiteten Vorurteile gegen alle „unklassische" Musik willen, dürfte eS vielleicht ganz angebracht sein, einige Mitteilungen über dieses Oratorium zu bringen, welches zur Feier deS TageS von 29 Städten gegeben wird, in Frankfurt z. B. mit einem Chor von 450 Personen und den ersten dortigen Kräften als Solisten. MeinarduS, der sich durch seine Kompositionen nicht minder als durch seine Schriften einen geachteten Namen in der Musikerwelt errungen hat, knüpft in diesem Oratorium durchweg an die unvergänglichen Vorbilder an und namentlich das Studium Bach's zeigt sich auf Schritt und Tritt; es ist ein sehr gutes Zeichen, daß der Schwerpunkt de» Werkes in den durchweg in strengster Form gehaltenen Chören liegt. Gleich der einleitende Chor, welcher die Stelle der Ouvertüre vertritt, ist kräftig und schwungvoll, wie überhaupt durch das ganze Oratorium ein männlicher Zug geht: die leidige Sentimentalität, durch welche neuere Künstler vielfach den Mangel an wahrem Gefühl zu ersetzen trachten, liegt MeinarduS glücklicherweise fern.