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Marburg, Donnerstag, 11. Oktober 1883.
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Novelle von Jakob Regnery-
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larität; nach der Grövy augenscheinlich demonstrativ gehascht hat, kann für das Kabinett gefährlich werden.
Ferry hat die schwierige Aufgabe, vor der Kammer die Korrektheit seines Verhaltens und die Fahrlässigkeit der Behörden nachzuweisen, ohne über den von der großen Revolution ererbten Nationalhaß gegen die Fremden und gegen die Könige ein abfälliges Urteil abzugeben. Man darf nicht vergessen, daß die große Mehrheit deS jetzigen Regimes und die ganze republikanische Linke der Kammern auf demselben Boden jener Grundsätze stehen, welche diesen Haß als das erste Gebot dcS PatriottSmuS lehren. Der Haß und die Leidenschaften jener Zeit des Konvents, der Schreckensherrschaft und der Levee en mässe hat sich nun zwar auf die radikale Republik von heute sortgeerbt. Aber der Geist und die Kraft jener urwüchsigen Revolution»« und Kriegsgestalten lebt nicht mehr unter ihren Epigonen fort. Ohne Talent und ohne Charakter suchen diese vergeblich die erloschene Flamme des Genius anzublasen, und die Folge ist, daß im beständigen Schüren der blinden Leidenschaften, denen der Geist fern bleibt, die Republik von den Machthabern deS Tages hin- und hergeschaukelt wird, ohne irgendwie ihren nationalen oder kulturhistorischen Ausgaben Nachkommen zu könnem Auch Ferry wird seine Gewalt nur behaupten können durch Anwendung dieser unlauteren Mittel. Man darf nicht glauben, daß dieser Chauvinismus durch den Krieg von 1870/71 oder durch die Abtretung Elsaß-Lothringens hervorgcrufen ist. Wer die Geschichte der Revolution und deS Kaiserreichs gelesen hat, wird dieselben Argumente und Redensarten auf jeder Seite finden, welche man heute an dem verschleierten Standbild von Straßburg aus dem Konkordien- platz zu hören bekommt, oder in der Presie, im Parlament und in allen Kundgebungen begegnet. Der Chauvinismus ist so lange ein Korrelat der Revolution, bis er den Radikalismus besiegt hat; alsdann nimmt der autoritäre CäsariSmuS den Platz der Revolution ein. Ferry strebt offenbar dahin, nach diesem Uebergange zu gelangen. Er hat dabei nicht nur Parteiopposttion, sondern auch den Widerstand der Nebenbuhler, welche daS gleiche Ziel mit Verdrängung ihrer eigenen Person erstreben, wie etwa Thibaudin, zu bekämpfen.
Als bis jetzt noch nicht abgewirtschaftete Notabilität wird vielfach Brisson, der jetzige Kammerpräsident genannt. Nur hin und wieder erinnert er im „Siöcle" daran, daß er auch noch da sei, indem er periodisch Rufe nach Revanche oder nach Verfassungsreviston ausstoßen läßt. Wenn eS wahr ist, was man ihm unterschiebt, daß er nach dem Prästdcntenstuhle trachtet, so wäre eS erklärlich, daß auch er eine Krisis begünstigt, welche dazu führen könnte, die Machtstellung deS Präsidenten durch Revision der Konstitution zu ändern.
Zur Minister-, VersaffungS- und PrästdentenkristS wird
Vergiß nicht, wenn Du einen Funken Neigung zu mir fühlst, daß mein Leben in Deiner Hand ruht; mit Dir gesunde ich, ohne Dich verzehrt mich die Unruhe, bin ich verloren. Hannchen, liebst Du mich, willst Du mein Weib werden?"
Diese Worte waren, mit letzter Kraftanstrengung und überwältigend gesprochen, mit einem unsagbar innigen Aufschlag der seelenvollen Augen sah Hannchen zu dem Freiherrn auf, den Blick fragend und überselig tief in sein Herz senkend, und mit dem einzigen Worte „mein Geliebter" neigte sic daS Gesicht über ihn und bot die üppigschwellenden Lippen zum Brautkusse dar.
Er küßte die Lippen und küßte sie von neuem, sie ließ es geschehen, dann legte sie wie berauscht von dem unfaßbaren Glücke, daS Köpfchen an seine Stuft, während langsame Thränen die Bettdecke feuchteten.
Er legte wie beschirmend seine Hand auf der Geliebten Haupt: „meine süße, süße Braut, uun werde ich bald gesunden und Du sollst auf Schloß Werneck Deinen Rudolf hüten."
In ihrem Glücke hatten eS beide überhört, daß ein Wagen draußen auf der Straße anhtelt. Gleich darauf stand die Freifrau von und zur Triebenau in der Thüre.
Sie prallte zurück, doch nur einen Moment verlor sie die Selbstbeherrschung, und der eine Gedanke, ohne aber eine sichtbare Spur in ihr welkes, gelbes Gesicht zu graben, durchzuckte mit Bestimmtheit ihr Gehirn: „DaS Mädchen muß verschwinden, muß geopfert werden im Interesse der Sache; Reden und Vorstellungen fruchten hier nicht» mehr, cs ist hohe Zeit zum vorsichtigen, aber raschen Handeln, die dumme Angelegenheit ist schon zu weit gediehen."
(Fortsetzung folgt.)
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Mit diesen Worten ging sie eilig nach der Küche. Sie hüllte da» glühende Gesicht in ihre Hände und brach in heftiges Weinen au». Waren e» Thränen deS Glückes, waren es Thränen der Trauer? ES wird wohl beide» gewesen sein. „Wo bleibt mein Mut, mein fester Entschluß? c»ch fghle daß ich in seiner Nähe willenlos bin, daß seine Worte mich hinreißen und meine Sinne betäuben. An seiner Aufrichtigkeit kann ich nicht zweifeln, aber nicht jede Pflanze gedeiht an dem ihr durch Menschenhand ange- wiesenen Boden. O gütiger Gott, gieb mir di- nötige Kraft zu widerstehen; oder ist eS Dein Wille, daß unsere Herzen einander gehören? So kam eS klagend uns betend von des Mädchen« Lippen. Dann kühlte sie die brennenden Wangen mit kaltem Waffer, trocknete sich Gesicht und Augen und trat mit einem halben Glase Wein in der Hand und etwas beruhigt wieder tu die Stube.
Der Freiherr blickte sie forschend an, nahm da» GlaS anS ihrer zitternden Hand und leerte e» begierig mit einem Rüge.
Wie neu belebt leuchteten seine Züge, auch seine Stimme nahm einen kräftigern und klangvollen Ton an, al» er seine Pflegerin bat, am Bette Platz zu nehmen, wa» diese auch willenlos tat, wie von einer höheren Macht gezogen.
Sannchen, mein Leben steht mir mit voller Klarheit in der Seele geschrieben; eS ist bi» jetzt mit Zwecklosigkeit dahingeflossen, wie die Sturzwellen eines wilden Gebirgsbaches die erst ihre Ruhe finden bei der Vermählung mit einem 'ruhig dahingleitenden Fluffe. Ich bin diese» ziellose Leben satt; reich mir Deine Hand, sie giebt mir «rast; so
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lichen Siegel und Stempel des Präsidenten zum Zweck der Post- und Steuerbefreiung von den gambettistischen Blättern unerbittlich aufgedeckt wurden, bildet seit lange den Kristalli- sationSpnnkt aller Gegner deS Kabinetts. Zu diesen gehören im republikanischen Lager die Intransigenten, Radikalen und unabhängigen Linken. Diese letzteren sind eigentlich weiter nichts, als unzufriedene Opportunisten vermischt mit einzelnen wenigen aufrichtigen DezentralisationSschwärmern.
Die Radikalen haben zwar in letzter Zeit bei Erneue- rungSwahlen den Opportunisten einige Sitze in der Kammer und im Munizipium abgerungen; ein Umstand, der beiläufig gesagt, von den „DöbatS" gewiß mit Recht darauf zurückgeführt wird, daß die Minister zuweilen in den optimistischen Fertenschlaf verfallen und nicht mit konsequenter Energie daS autoritäre Programm verfolgen. Indessen hat die radikale Partei an Ansehen verloren durch die Erfolg- lostgkeit ihrer beiden mit so großer Emphase angekündigten und mit allen vorhandenen Machtanstrengungen ausgeführten Aktionen. Die Revisionsliga ist im Sande verlaufen, und das Manifest, welches vor 14 Tagen erlassen und die Lag- Frankreichs in schwarzen Farben schildernd die sofortige Berufung der Kammern verlangte, machte noch weniger Eiudruck im Lande.
Mit dem Wort radikal wird überhaupt sehr verschwenderisch umgegangen. Mit Ausnahme der Kammerfraktion, welche sich dasselbe als Epitheton beigelegt hat, wird es im politischen Streite mit den verschiedensten Begriffen verbunden. Noch nicht lange ist eS her, da wurden sämtliche Männer des jetzigen RögimeS radikal genannt und nannten sich selber so. Gambetta war sicher ein radikaler, so lange er bei der Opposition stand und bis er sich anschickte, selbst eine Regierung zu organisieren. Ferry blieb noch als Minister radikal, als er die Schulgesetze redigierte. Grövy galt immer für radikal, wenn er vor der Barr- Revolutionäre und Sozialisten verteidigte. Es gab eine Zeit, wo die Jules Simon und Dufaure, di- späteren Reaktionäre, beschuldigt wurden, dem Radikalismus Vorschub zu leisten. Später wurde die Bewegung, welche Paris eine Zentralmairie geben wollte, oder die Unabhängigkeit der Beamten und Selbstverwaltung anstrebtcj speziell radikal genannt. Jetzt nennt man fast alles radikal, was nicht ministeriell ist. Selbst der scheinbar maßvolle Freycinet ist in diesem Sinne ein Radikaler, und Grövy, der durch sein Aeußeres den Eindruck bürgerlicher Einfachheit und Friedfertigkeit macht, ist im Innern der radikal- Revolutionär geblieben, der er unter dem Kaiserreich und unter der gemäßigten Republik war. Der Haß gegen di- Könige, in dem er aufgezogen ist, kam, wenn auch halb verbissen, auf dem Nordbahnhof am 29. Sept, wieder zum Vorschein, und dieser Umstand hat ihm die Sympathieen der Radikalen, seiner ehemaligen GestnnungS- und Straßengenossen, von neuem erweckt. Diese Popu- mein Kind. Ich habe Dich," fuhr er mit wunderbarerweise stets kräftiger werdenden Stimme fort, „beim ersten Anblick voll in meine Seele eingeschlossen, dann wieder mich selbst belügen wollen; doch die edleren Regungen siegten über die Einwürfe, dir ich selbst macht-, über die Vorurteile, die sich trennend und drohend zwischen uns stellen wollten. Ich habe in dem Momente, als die tückische Kugel mich traf, beim Umschlagen daS satanische Gesicht meine» Mörder» in der Baumkrone erhascht, nur schwand mir zu schnell daS Bewußtsein, als daß ich vermocht hätte, gleich an Ort und Stelle Aufklärung zu geben. Ich habe auch später lichte Augenblicke d-S öfter» gehabt, auch alle an der Stimme erkannt, den mich entsetzlich folternden Verdacht, als sei Dein ® ruber der Täter, aussprechen hören, doch eS fehlte mir die Kraft, auch nur di- Augenlider zu öffnen, ich hörte auch Dein verhaltenes Schluchzen, wenn Du Dich unbeobachtet glaubtest, ich fühlte beständig Deine aufopfernd- Nähe, ich wußte, Hannchen, daß die Thränen nicht dem Verunglückten galten, st- floff-n aus einem andern Gefühle. Hannchen, auch Du liebst mich."
Erschreckt wollte das Mädchen aufspringen, doch der Freiherr sah sie so bittend an, daß eS ihr an Kraft gebrach, sich zu entfernen.
„Herr Baron," flüsterte bang, ängstlich da» junge Mädchen, „eS darf nicht sein, denken Sie an den großen StandeSunterschied, an die gnädige Frau, Ihre Tante."
Wehmütig stehend unterbrach sie der Freiherr: „SM. still, Du süße Mädchenseele, bist Du nicht die Zierde eines Schlosses, ist Dein Blut kein -dl-s Blut, ist Dir nicht bekannt, daß ich auf keinen Menschen, auch nicht auf meine Tante, mit der daS intime freundschaftliche Verhältnis ohnehin längst gelöst ist, Rücksichten zu gebrauchen habe?
.^ed.Annoncen-Bllreaux" ™ jj). Dietrich u. Co. in LfU und Hannover; Th. »ietrichinFranfturta.M.; Mufenftetn u. Vogler tu Litfurt a. M., Berlin. Kig, Köln Rudolf We in Berlin, Front- R surr a. M ic.
Nachdem der Präsident der Republik endlich einmal .xzwungen worden ist, anS feinem verfaffungSmäßigen flniffen Uj UobachtungSposten als Wächter der Charte von 1875 edingungq bilvorzutreten, ist auch sofort eine gouvernementale Krisis entstanden, welche mit der Mlnisterkrisis Hand in Hand «ht und in ihrem Verlauf von dieser abhängig sein wird. Die konstitutionell- Doktrin von der Teilung der Gewalten tot hier wieder einmal glänzend Schiffbruch gelitten. Der Präsident der Republik ist unverantwortlich; die Minister Md vor der Kammer verantwortlich. Im gewöhnlichen Laufe der Dinge geht das auch ganz gut einzuhalten, indem der Präsident nur der UnterschrelbungSautomat ist, der die - von ver Kammermehrheit und dem Kabinett gefaßten-Be- schlüffe zu unterzeichnen hat. Nun hat der Präsident aber noch da» Amt der Repräsentation als Staatsoberhaupt zu vollziehen. Bei den diplomatischen Empfängen ist daS ebenfalls nur ornamentales Gepränge, denn er hat, wie -S auch Grevy in feinem jüngsten Antwortschreiben an den Papst aussprach, nicht das Recht, stch um politische An- aelegenheltcn zu kümmern, welch- in Frankreich allein von der Regierung im Auftrage der Kammer besorgt werden. Ätzt trat der seltene Umstand ein, daß eine rein solenne Empfangsformalität zu einer hochpolitischen Aktion sich gestalten mußte, und--sofort begann auch die hüllenlose Zu- stlmmungSmaschine der Kammermehrheit ihren Apparat zu versagen. Der Präsident wurde vor ein schwieriges Dilemma gestellt. Entweder mußte er den Beschlüssen seines Ministerrates folgen oder aber sich denselben entziehen, folgte er- ihnen, so setzte er stch seiner Meinung nach in Widerspruch mit dem größeren Teile deS Volkswillens. Um sich ihnen zu entziehen, dazu fehlte es ihm aber an jedem gesetzlichen Grund. Er soll nach dem Geiste der Verfassung eben keine selbständige Politik treiben, well er unverantwortlich ist. Er ist offenbar nicht befugt, seinen Ministern, welche bis dahin die Mehrheit des Parlaments, also mittelbar das Bettrauen und den Willen deS wahren Souveräns, des PolkeS, hinter sich hatten, in der Politik Opposition zu machen. Gesetzliche Gründe, die Kammern ohne Zustimmung des Kabinetts zusammenzuberufen und von diesen die Frage des Zeremoniells lösen zu lasten, waren ebenfalls nicht vorhanden. Wenn er allerdings während der Manövertage in Homburg stch die Extrcckte der französischen Preßstimmen aller Parteien vorlegen ließ, so muß er zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß er im Widerspruche mit der öffentlichen Meinung handle, sobald er dem „Ulanenkönig" eine loyale Empfangsovation bat« bringen würde. Diese Bedenken wurden geschickt benutzt von der Kamarilla, die an dem Sturz deS Kabinetts arbeitet. Wilson, der Schwiegersohn GrevyS, besten unsauberen Gelvgeschäfte und ungesetzliche Benutzung der amt-