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Marburg, Mittwoch, 10. Oktober 1883.
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Novelle von Jakob Regnery.
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Konkursen haben sie zusammen 345628054 Mark verloren. Wie viel durch Kursverluste eingebüßt worden, entzieht sich der Berechnung.
Man hat die Gesetzgebung von 1870 für diese Schädigung des Gcsamtwohlstandcs verantwortlich gemacht. Sie )at unzweifelhaft einen großen Teil der Schuld, da sieden möglichen Ausschreitungen nicht genügend vorbeugte. Allein die Ursachen der Krisis liegen doch nicht allein in der Gesetzgebung, sondern weitaus überwiegend in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage; sie sind demgemäß auf Gebieten zu suchen, welche sich der Beeinflussung durch den Gesetzgeber im wesentlichen entziehen. In dieser Beziehung führt die Begründung des Entwurfs in trefflicher Weise wörtlich folgendes aus:
„Das fett den siegreichen Feldzügen gestärkte politische Leben, die politische und zugleich wirtschaftliche Einigung Deutschlands zu einem organischen Ganzen, daS dadurch erweckte Gefühl größerer Sicherheit und die freier gewordene Bewegung hatten dem wirtschaftlichen Leben einen mächtigen Aufschwung gegeben. Eine Aera lohnenden Verdienstes war eröffnet. Auch führte wohl das gleichzeitige Darniederliegen von Handel und Industrie in Frankreich unmittelbar nach dem französischen Kriege dem deutschen Handel und der deutschen Industrie Bestellungen vom Auslande in nicht erwartetem Umfange zu. Der gesteigerten Nachfrage folgte eine rasche Preissteigerung, welche wiederum eine Steigerung der Produktion hervorrief. Ueberall trat das Bedürfnis nach Erweiterung und Gründung industrieller Anlagen ein und hiermit Hand in Hand nach der Errichtung von Banken, welche ihnen die nötigen Kapitalien zu- führten. Erzielte Gewinne ließen die Verteilung hoher Dividenden zu, und in ausgiebigster weise wurde Kredit gewährt. Eine tiefgehende Haussebewegung zog die Strömung der ohnehin flüssig gewordenen und durch die fran- zöstsche KriegSkostcnentschädigung vermehrten Kapitalien auf den Aktienmarkt, und je mehr diese Strömung anwuchs, desto stürmischer wurde die Hausse. Daß Produktion und Spekulation hierbei jedes Maß überschritten haben, welches hätte beobachtet werden müssen, bedarf nach Darlegung der statistischen Ergebnisse kaum der besonderen Ausführung. Es wurde gegründet, ohne Rücksicht darauf, ob ein Bedürfnis für das Unternehmen vorlag. An die Stelle einer Vereinigung von Personen, welche an dem Gegenstand und Gedeihen des Unternehmens interessiert, in diesem die Anlage ihrer Kapitalien und für dasselbe die Beteiligung anderer Kapitalisten suchten, traten sogenannte Syndikate, welche zur Bildung von Aktiengesellschaften irgend ein und möglichst unbestimmt bezeichnetes Unternehmen suchten, um Aktien als Börscnware zu schaffen und zu verkaufen. Das Grundkapital wurde nicht nach dem Zwecke des Unternehmens, sondern nach der augenblicklichen Aufnahme-
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deutschen Handelsgesetzbuch vorgesehene staatliche Genehmigung beseitigte, begonnen. Die Begründung des vorgelegten Entwurfs weist ziffermäßig nach, daß daö Aktienwesen seit dieser Novelle in eine durchaus ungesunde Entwickelung geraten ist. Bis zum Jahre 1871 gab cs in Preußen im ganzen nur 203 Aktiengesellschasten mit einem Grundkapital von zusammen 2192156494 Mark (also durchschnittlich für jede Gesellschaft 10798800 Mark); im Jahre 1871 entstanden allein 203, im Jahre 1872 fogar 478 und 1873 noch 162 Aktiengesellschaften, also in diesen drei Jahren zusammen 843. Das Grundkapital derselben betrug zusammen 2484572128 Mark, also durchschnittlich kam von diesen 843 neuen Aktiengesellschaften auf eine nur ein Grundkapital von 2942654 Mark. Nicht feiten sind Gesellschaften aber mit einem Grundkapital von weniger als 300000 Mark, ja selbst unter 100000 Mark. Die Gründungen haben sich, wie hieraus hervorgeht, auch solchen Unternehmungen zugewandt, welche mit den Mitteln einzelner oder doch mit denen einer einfachen Handelsgesellschaft erreichbar gewesen wären, während die Aktiengesellschaft doch nur da berechtigt ist und einen Zweck hat, wo für Unternehmungen Kapitalien erforderlich sind, welche nur durch eine größere Zahl von Kapitalisten aufgebracht werden können. Besonders zahlreich ist die Umwandlung bisheriger Privatunternehmungen in Aktiengesellschaften gewesen: fast der vierte Teil sämtlicher 1169 in Preußen bestehenden Aktiengesellschaften ist durch Umwandlung entstanden.
Schon hieraus ergtcbt sich, daß das objektive Bedürfnis nach dem Unternehmen bei den Gründungen nur selten entscheidend gewesen ist. Auch wurde die Höhe des Grundkapitals nicht immer nach dem Zweck des Unternehmens, sondern nach der Lage des Geldmarktes bemessen, mitunter ist daS Grundkapital später um daS zwölf-, ja dreißigfache erhöht worden. Ende 1873 betrug das Grundkapital aller Aktiengesellschaften, mit Einschluß der nachträglichen Erhöhungen von 682398853 Mark, im ganzen 5 359 427 475 Mark. Die Werte der Aktien wurden künstlich hinaufgeschraubt und waren nicht reell vorhanden: daS zeigte sich in den Dividenden. Während von den alten Gesellschaften (vor 1871) über die Hälfte eine Dividende von mehr als 5 bis hinauf zu 70 Prozent aufzuweisen haben, hat von den in den Jahren 1871, 1872 und 1873 gegründeten Gesellschaften etwa nur der fünfte Teil e ne Dividende von mehr als 5 Prozent, 90 haben gar keine Dividende gekrackt. Die Folge waren Reduktionen, Liquidationen und Konkurse. 176 Gesellschaften haben Re- duktionen vorgenommen, 318 schritten zur Liquidation und 84 gerieten in Konkurs. Durch Reduktion ist das Grundkapital um 415520415 Mark verringert worden; wie hoch der Verlust ist, welchen hierbei die Aktionäre erlitten haben, läßt sich nicht feststellen; bei den Liquidationen und
Die Reform der Altteugesetzgebuug.
Dem Bundesrat ist soeben der Entwurf eines Gesetze«, betreffend die Kommanditgesellschaften auf Aktien und dre Aktiengesellschaften vorgelegt worden. Die Ausarbeitung des Entwurfs ist nach mehrfacher Anregung seitens der Volksvertretung deS Reichs und Preußens auf Grund eines BundcSratSbefchluffeS vom 13. März 1877 erfolgt, nachdem der ursprüngliche Plan, die Revision der Akttengesetzgebung mit der des Handelsgesetzbuchs zu verbinden, ausgegeben worden war. Der Entwurf ist einer technischen Kommission von wirtschaftlichen und juristischen Sachverständigen zur Vorberatung übergeben worben, deren Meinung überall die erforderliche Berücksichtigung gefunden hat.
Die Notwendigkeit der Reform wird seit langem mit seltener Einmütigkeit anerkannt. Bedenken gegen dieselbe richteten sich eine Zett lang nur dagegen, daß ein unter dem unmittelbaren Eindruck der üblen Erfahrungen des Wahres 1873 entstehendes Gesetz dem wirtschaftlichen Leben nachteilig werden könne. Gegenwärtig hat ein solcher Einwand keine Berechtigung mehr, die Stimmung hat fleh beruhigt, die Meinungen haben stch mehr und mehr geklärt, die Krisis darf als beendet gelten, überall in Handel und Industrie zeigt sich der Trieb zu neuem Aufschwung und dieser aussteigenden Bewegung bemächtigt das Kapital sich auch wieder zur Gründung von Aktiengesellschaften, und so erscheint gerade der jetzige Zeitpunkt geeignet, mit gesetz- lichcn Maßregeln vorzugehen, welche die allseitig erkannten Uebelstände der bestehenden Aktiengcsetzgebung beseitigen und durch Aenderung derselben das Vertrauen wieder herstellen. Welchen Weg die Reform zu beschreiten hat, darüber sind die Meinungen geteilt; eine Untersuchung der bisherigen Uebelstände und der Ursachen derselben wird die Ausfindung des richtigen Weges erleichtern.
Die Periode des Aktienschwindels hat bald nach der Novelle vom 11. Juni 1870, welche die Gründung von Aktiengesellschasten erleichterte, indem sie die bis dahin im
kommen; die Hand des Mädchens wirkte auf ihn wie ein beruhigender, magnetischer Strich.
In Wirklichkeit ist dies Witterung der Seele, das gegenseitige geistige Verstehen und Jneinanderfließen der Gefühle, für die der Schwerkranke, in hohem Grade der Sterbende, mit hell und richtig sehendem Blicke empfänglicher ist, als der Gesunde. , m
Jedesmal aber dann rückte die Baronin an ihrer goldenen Lorgnette, wie um eine Verlegenheit zu verbergen, doch hinter den Gläsern blitzten alsdann die grauen Augen in unheimlichem Feuer auf, daS sich verzehrend und vernichtend auf das Mädchen ergoß; auch sie fah hell, sehr hell.
Am fünften Tage, nachdem der Freiherr eine äußerst unruhige Nacht verbracht hatte und es dem mit übermenschlicher Kraft auSharrenden Hannchen nur schwer gelang, den wild Phantasierenden zu beruhigen, da schlug er deS Morgens zum ersten Male die Augen auf; es war noch in der Frühe und die Sonne warf die ersten grüßenden Strahlen durch da« Fenster auf HannchenS Gesicht, die, 'einer stillen, barmherzigen Schwester gleich, am Kopse des Bettes faß und die Hand deS Kranken in der ihrigen hielt.
Er hatte in der Nacht mehr denn hundertmal ihren Namen stürmisch genannt und als sei er orientiert, ihre Hand deS öftern an seine Lippen gerissen.
Sie ließ es geschehen in dem Bewußtsein, daß ein Entziehen der Hand den heftig Fiebernden noch mehr beunruhige.
Auch war Hannchen über ihren Herzenszustand vollständig im Klaren, ste liebte den Baron mit aller Kraft, der ersten Frische ihre« jungfräulichen Herzens, aber nur den Kranken, den Bewußilosen durfte sie lieben, der Erwachte, der Genesene konnte ihr nicht gehören. Bei eingetretener Besserung, das hatte sie bei ihrer Mädchenehre, bei ihrer Tugend und ihrem Stolze stch gelobt, wollte sie fliehen,
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In dem Försterhäuschen schwebte während vier Tagen ta 8-6-« -""°d,»nd
Gemurmel, begleitet von unruhigem Hin- und verwerfen de« Kopfes bekundeten, daß der Todesengel sich an das Lager wagen wollte. Dann begannen die Phantasten sich in Worte zu kleiden, er fing an zu lachen, lieh Jagdrnfe erschallen und kommandierte. Manchmal, und dann nahm das Gesicht einen verklärten Ausdruck an, und die Lippen schienen ein süßes Geheimnis lispeln zu wollen. stüsterte er Hannchen." Dann suchte seine Hand auf dem Bette, wiewenn er den Gegenstand seiner Sehnsucht ergreifen wolle.
Der Stadtarzt blieb vier Tage hindurch in Hermes garten und machte täglich dreimal seinen Besuch, gewöhnlich begleitet von der Freifrau von und zur Triebenau, die es trotz der Erschütterung, die ihr die Verhaftung und zweifellose Schuld ihre- Bundesgenossen beibracht-nich über das Herz bringen konnte, den ganzen Tag, geschweige denn eine Nacht hindurch in dem Hause zu verbringen, unter deffen Dache daS ihr tödlich verhaßte Mädchen, Hannchen, atmete und wirkte.
V Auch auf den mit dem Tode ringenden Freiherrn schien ihre Anwesenheit einen unheilvollen Einfluß auSzuuben, denn kaum hatte sie ihren Fuß in das Letdenszimmer gesetzt, so begann der Freiherr auffällig unruhig zu werden, so daß selbst der Arzt stutzig wurde und die Baronin ersuchte, sich dem Neffen nicht zu sehr zu nahen und die Besuche im Interest- deS Leidenden nur auf eine knappe ^°"Nur wenn Hannchen seine Hand erfaßte und ihm sanft über die heiße Sttrn streichelte, konnte er zur Rahe
gfl* Bestellungen für daS 4. Quartal auf die
Oberhesfische Zeitung
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureanx von G L. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendaui in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.
weit, weit weg für einige Zeit, um nur nicht dem bannenden Blicke des Freiherrn, der sie erschauern und erzittern gemacht halte, zu begegnen. Der Gedanke der Entsagung war ihr unnennbar schwer, aber eS mußte sein, das Opfer mußte gebracht werden.
Auch entgingen dem tapfer« Mädchen die feindseligen Blicke der Baronin nicht; ste erschreckte nicht vor denselben, aber sie bangte dann für den Geliebten, wenn sie an die Möglichkeit eines gegenfeitigen Geständnisses dachte.
„Entsage, entsage, sei mutig und standhaft, mein armes Herz," fo hauchten ihre Lippen, als Rudolf v. Werneck langsam seine Augen aufschlug, erst verwundert um sich schaute, dann aber mit einem langen, innigen Blicke, während ein unsagbar seliges Lächeln über daS bleiche Gesicht flog, dem Mädchen in die Augen sah.
„Hannchen," lispelte er mit matter Stimme und drückte leise ihre Hand.
Schon stand das Mädchen im Begriffe zu fliehen, alle Fasern ihres Herzens erbebten in Angst, doch der Freiherr, der ihr Vorhaben ahnte, schloß seine Hand mit matter
Kraft um die ihrige und flüsterte, ste mit flehendem Auge anfchauend: „Hannchen, mein Hannchen, entfliehe nicht, Du bist mein rettender Engel, entweiche nicht, sonst sterbe ich.
Flammende Röte überzog das Mädchen, und in höchster Bestürzung und Verlegenheit, den Blick zu Boden gesenkt
bat ste: „Um Gotteswillen, Herr Baron, schonen Sie stch,
der Doktor hat die größte Ruhe und Vorsicht anempfohlen. Der Herr Doktor hat gestern beim Weggehen angeordnet, Ihnen beim Erwachen ein halbes Glas Wein zu reichen, entschuldigen Sie daher einen Augenblick, daß ich ihn herbeihole." (Fortsetzung folgt.)
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Die letzten Nummern des vorigen Quartals, welche die Beschreibung des Nationaldenkmals auf dem Nteder- «ald enthalten, liefern wir neu zugehenden Abonnenten, Leit unser Vorrat reicht, gratis und portofrei auf gcfi. direkte Bestellung mittelst Postkarte.
Expedition der Oberhefs. Ztg.
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