XVIII. Jahrgang
Marburg, Sonntag, 7. Oktober 1883.
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Novelle von Jakob Regnery.
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zeitig mit voller Bestimmtheit allen und jeden Verdacht von Ihnen abwälzen; Sie können unmöglich den unglücklichen Schuß abgegeben haben."
DaS war zuviel für den eben noch so hart Gebeugten; er wankte seiner Schwester entgegen und umhalste ste mit vor Bewegung fast erstickender Stimme: „O Du gütiger Gott, ich danke Dir.",
Auch die Herren drängten sich überrascht und erwartungsvoll um den Arzt, der den Minister nun bat, sich selbst von dem Gange der Kugel zu überzeugen.
„Fällt eS Ihnen nicht auf, Excellenz, daß die Kugel, die, nach den Wundrädern zu schließen, unbedingt von hinten kam, in der obern Halspartie einschlug und ihren AuSgang dicht unter dem Schlüsielbeine nahm, aus einer gewissen Höhe abgeschickt sein muß? Der Baron muß einen Todfeind haben, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Baume postiert hatte und von dort auS auf eine günstige Gelegenheit lauerte."
Wahrhaftig, eS fiel allen wie Schuppen von den Augen.
„Im übrigen," fuhr der Alte fort, „läßt sich auch nicht gut annehmen, daß ein Förster auf den mir beschriebenen Eber bei der geschilderten Distanz gefehlt haben soll nnd wird zweifellos die Besichtigung des Wildes Ihnen, meine Herren, die letzten Zweifel benehmen; wenigstens erwarte ich mit Bestimmtheit, daß sich eine zweite Kugel bei dem Tiere vorfinden wird."
Mit kunstfertiger Hand legte der Arzt den passenden Verband an und entnahm seinem Arzneikasten eine kleine Phiole mit einer hellen Flüssigkeit, wovon er selbst dem Schwerverwundeten einige Tropfen unter Wasser einflißte, mit der Weisung, davon dem Freiherrn jede Stunde fünf Tropfen in einem Eßlöffel voll Waffer beizubringen.
(Fortsetzung folgt.)
Katzenjammer nach dem Rausche.
Paris, den 2. Oktober 1883.
Nach einem tüchtigen Rausche pflegt sich gewöhnlich ein gehöriger Kater einzustellen.
Diese alte Erfahrung bewährt sich jetzt an den Parisern wieder einmal von neuem. — Am Sonnabend, dem Tage der Ankunft deS Königs von Spanien in Paris, war unzweifelhaft der Affe, und zwar ein ungewöhnlich großer Affe, das Symbol des Zustandes, in welchem sich das Volk infolge im Uebermaße genoffener republikanisch - chauvinistischer Zeitungslektüre befand, und in welchem es die unglaublichsten Pöbelhaftigkeiten und Dummheiten beging.
Jetzt ist ein entsprechend großer Kater das charakteristische Merkmal der Volksstimmung in Paris geworden.
Hoffentlich kommt in dem Pariser demnächst auch wieder der Mensch, und zwar der nüchterne, anständige, zivilisierte Mensch zur Geltung, wenn von demselben nach dreizehnjähriger Herrschaft von republikanischen Begriffen von Anstand und Sitte überhaupt noch Spuren vorhanden sind, worüber jetzt mehrfach Zweifel auftauchen.
In der republikanischen Prrffe herrscht allerwegen ein furchtbarer Katzenjammer. Jetzt, wo von allen Seiten und aus allen Staaten die nichts weniger als schmeichelhaften Urteile über die neueste Heldenthat der Pariser einlaufen, jetzt fängt man endlich an, ziemlich allgemein einzusehen, daß man sich nicht nur gründlich blamiert, sondern daß man sogar just das gethan hat, waS man sicher am allerwenigsten beabsichtigte, nämlich daö in Frankreich ganz besonders mißliebige Sprichwort zu illustrieren: Travailler pour le roi de Prusse Die Pariser wollten in der Person deS Königs von Spanien den deutschen Kaiser und daS ganze deutsche Volk insultieren. In Wirklichkeit konnten sie aber weder Deutschland noch dem Könige von Spanien einen besseren Dienst erweisen, als ste es gethan haben. Der Pariser Pöbel hat daS Böse gewollt und dabei daS Gute geschaffen. Deutschland und Spanien find einander
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ernst dreinblickenden Doktor den Zweck seines Entgegenfahrens in aller Kürze auseinandergesetzt, kletterte der Arzt auS dem wagenartigen Kasten heraus, nahm mit seinem Instrumenten- und Arzneikasten in der eleganten freiherrlichen Equipage Platz und bedeutete dem alten Otto, rasch zuzufahren."
„Ja, ja," brummte der, „daS wäre so wie so geschehen; wenn nur der Spitzbube nicht Lust verspürt, durchzubrennen; na, wollen hernach dich nicht vergessen."
Dann ließ er, nachdem er den Wagen umgekehrt, die Peitsche leicht auf den Rücken der Pferde fallen und in sausendem Galopp ging'S dem Försterhäuschen zu.
Nach äußerst sorgfältiger Untersuchung, der die ganze Gesellschaft in athemloser Stille und gedrücktester Stimmung beiwohnte, erklärte der Arzt, daß die Schußwunde allerdings eine äußerst gefährliche, aber die Möglichkeit zur Erhaltung des Lebens durchaus nicht ausgeschlossen sei. Ein Transport sei aber vorläufig unbedingt mit den schlimmsten Folgen verknüpft.
Die Baronin hatte dem Arzte den Förster Baden als den Thäter bezeichnet und Ernst selbst trug vor, in welcher Weise das Unglück geschehen sein müsse, nachdem er genau daS Terrain der Unglücksstätte geschildert.
Nur eine kurze Weile stand der Arzt sinnend da, untersuchte dann noch einmal die Wunde, um sich zu der Gesellschaft zu wenden: „Meine Herren, nach dem Gehörten und nach meiner Untersuchung ist es unzweifelhaft, daß der verhängnisvolle Schuß mit Absicht und Ueberlegung —“
„Herr Doktor," trat wankenden Schrittes und Toden- blässe auf dem Gesichte, Ernst heran, „nehmen Sie Ihre Worte zurück oder —"
„Ruhig, mein lieber Mann," wehrte der Arzt mit strenger Miene ab, „mit demselben Satze wollte ich gleich-
näher gebracht worden und den spanischen Königsthron, den man zu erschüttern gedachte, hat man thatsächlich befestigt.
Dem Könige AlphonS wird bei seiner Rückkehr von dem spanischen Volke ein so enthusiastischer und einmütiger Empfang bereitet werden, wie er ihn ohne die freiwillige Mithilfe der französischen Republikaner wohl kaum gefunden haben würde. Die Verehrung und freudige Zustimmung feines Volkes entschädigt den König AlphonS überreich für den Haß deS Pöbels von Paris.
Die Begeisterung, mit der sich jetzt die Spanier aller Parteien um ihren in so frivoler und feiger Weise beschimpften Fürsten scharen, erinnert lebhaft an daS denkwürdige Jahr 1870, als die französische Regierung ebenfalls wegen einer spanischen Angelegenheit den König von Preußen durch ihren Botschafter Bencdetti in Ems insultieren ließ. Wie heute die Spanier, so fühlten damals die Deutschen aller Stämme und Parteien die dem Könige zugefügte Unbill mit.
Damals wie heute spielte Frankreich die Rolle deS frivolen Beleidigers. Man sollte meinen, daß die Lektion, die Frankreich 1870 bekam, hart genug war. Dennoch scheint sich daS unverbesserliche französische Volk keine Lehre daraus gezogen zu haben. Wenn Frankreich in dieser Weise fortfährt, andere Nationen mit kaum glaublichem Leichtsinn zu provozieren, wie kann eS sich dann wundern, wenn es allgemein als Störenfried betrachtet wird? Hat Frankreich wirklich schon wieder eine neue Lektion nötig, um sich endlich von der Wahrheit eines Satzes zu überzeugen , den zwar schon jedes Kind kennt, der aber dem französischen Volke trotz bitterer Erfahrungen noch immer nicht geläufig zu sein scheint:
„Wer nicht hören will, muß fühlen!?"
ES ist wirklich lehrreich, die Haltung, welche fast die ganze republikanische französtsche Preffe in den jüngsten Tagen zeigte, einmal ein wenig zu charakterisieren.
Mit Ausnahme der wenigen anständigen republikanischen Blätter, wie z. B. „Le Tempö" und „Le Journal des DöbatS", deren Haltung von Anfang an eine ziemlich verständige und würdige war, hat fast die gesamte antimonarchische Preffe nacheinander drei Metamorphosen durchgemacht.
1. Bild. Vor Ankunft des Königs von Spanien..
Eine wilde, unbändige und mit allen Mitteln der Lüge, Entstellung und Verleumdung in Scene gesetzte Hetze gegen König AlphonS. Wer nicht mitmachte, war einfach Vaterlandsverräter.
2. Bild. Unmittelbar nach Ankunft des Königs.
Unverhohlene Genugthuung und Befriedigung über die dem Könige AlphonS zugesügten Insulten. Warme Beglückwünschung des PöbelS für seine patriotische, republikanische Haltung.
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Expedition der Oberhess. Ztg.
3. Bild. Nach Wiederabreise deS Königs.
Erst allgemeine Erkenntnis, daß man eine kolossale Dummheit begangen hatte. Entdeckung, daß BiSmarck die ganze Sache eingefädelt hat. Krampfhafter Versuch, die Hände in Unschuld zu waschen. Alle Blätter quälen sich mit dem Kunststück ab, auS 100 Spalten von gemeinen Schimpfereien auch nur einen einzigen maßvoll geratenen Satz, ein Wort der Warnung herauszusuchen, um dann ihre Unschuld au dem Vorgefallenen zu demonstrieren.
Nur die Blätter der ganz äußersten Linken, wie Rocheforts „Jntranstgeant" und „La Bataille" bleiben unerschütterlich dabei, daß sich daS Volk von Paris mit unvergänglichem Rulm bedeckt hat und schmieren dem Pöbel den Honig faustdick um den Mund. Sie gleichen ertappten Verbrechern, denen jede Ausflucht abgeschnitten ist und die jenes freche, gezwungene Lächeln zur Schau tragen, welches diesen Menschen eigen ist.
Die Haltung der monarchischen französischen Preffe war von vornherein eine sehr kluge. Sie riet zu einem warmen Empfang des Königs von Spanien und hat sich bemüht den Nachweis zu liefern, daß König AlphonS seine Einsetzung zum Ehrenchef eines deutschen Regiments unmöglich ablehnen konnte, ohne den Küfer von Deutschland und das ganze deutsche Volk zu beleidigen. Doch vergebens! Die einmal entfesselte wilde chauvinistische Jagd war nicht aufzuhalten!
Der König von Spanien hat sich in der ganzen Sache unzweifelhaft gewandt und würdig benommen.
Seine Erwiderung auf die de- und wehmütige Erklärung des Prästoenten Grövy war ein Meisterstück.
Der royalistische „Gaulois" äußert sich über die Erklärung des Präsidenten G övy wie folgt:
„Im Namen Frankreichs", so begann Herr Grbvy, als er dem Könige von Spanien seine Entschuldigungen vorbrachte, die ebenso kriechend waren, wie sein Verhalten in den vorangegangenen Tagen gewesen war — „im Namen Frankreichs bitte ich Sie, es nicht mit jenen Elenden auf eine Stufe zu stellen . . ." Diese Elenden, Herr Präsident, Sie brauchen sie nicht weit von sich zu suchen. Sehen Sie sich nur ganz in Ihrer unmittelbaren Nähe um. Halten [Sie Einkehr in sich selbst! — Ihr Schwiegersohn hat in seinem Journal geschrieben, daß Sie ein tiefes Widerstreben empfänden, Ihre Pflicht als Chef des Staates zu erfüllen und zum Empfange des Königs zu gehen, dessen offiziellen Besuch Sie erst verzögert, dann aber eifrig herbeigeführt haben, indem Sie ihm die Versicherung geben lassen, daß man ihm einen Empfang bereiten würde, der seiner und eines Volkes von gesundem Sinne würdig ist. Sie haben ein eigentümliches Widerstreben in wirklich ehrenhaften Dingen und eine sonderbare Neigung zu solchen, die nichts weniger als ehrenhaft sind.
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Srfcheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrirtet Somttagtblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdrucker ei) bezogen 81/» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pf«, (erd. Bestellgebühr.)-JnfertlonSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
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Schon wollte er vom Bocke hcrabspringen und Pferde jammt Wagen in Gottes Namen ihrem Schicksal übcrlaffen, so fürchterlich packte ihn die Wut. Er hatte mit seinen leibhaftigen Augen, oder die Hölle mußte einen argen Spuck mit ihm getrieben haben, den roten Kopf des Försters Julius zwischen den jungen Tannen hervorleuchten sehen, dazu die blutigen, satanischen Augen, die im ersten Augenblick erschreckt wie Feuerkugeln glotzten, dann sah er, alles daS Werk weniger Sekunden, wie der rote Hallunke sich duckte und in gebückter Haltung, wahrscheinlich, um sich unkenntlich zu machen, sich in das Innere des Waldes retirierte.
„Ist nicht heute Morgen im Schlöffe erzählt worden, daß der Kerl nicht an der Jagd teilnehmen könne und beurlaubt sei, weil, wie ist es doch? Ah, weil er zum Begräbnisse eines Verwandten müffe? Und nun hier? Und das schlechte Gewissen mit flammenden Kainszeichen auf die niederträchtige Stirne gebannt! He Julius, he Mörder, infamer Du, Du bist'-, der den Herrn erfchoffrn."
So tobte eS auS dem sich wie rasend geberdenden Kutscher, und schon stand er im Begriffe, die Pferde herum- zuwerfen und ans Försterhaus zu Jagen, um das Gesehene mitzuteilen. In seiner treuen Seele stand der ganze Vorgang mit klarer Schrift geschrieben. Doch da sah er auch schon nur einige Pferdelängen vor sich eine schwerfällige Stadtkutsche heranrollen und er wurde beim Anblick der ihm entgegenlommenben, schweißbebeckten Gäule seines « Auftrages erst recht bewußt. Er winkte dem Kuffcher mit U der Peitsche entgegen und dieser hielt, nahe herangekommen, 71 seine müden Pferde an.
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