XVIII. Jahrgang.
Marburg, Freitag, 5. Oktober 1883.
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Novelle von Jakob Regnery.
krankhaft zusammenzieht; der Letzte derer von Werneck hat nach meinem Dafürhalten nur noch wenige Stunden zu leben, und da drängt eS mich, ihn aus dem Haufe, unter dessen Dach vorläufig noch sein Mörder weilt, herauszubringen und ihn wenigstens in dem Schlöffe unserer Ahnen sterben zu sehen/
„Verehrteste," fiel ihr der Minister in die Rede, „wir wollen erst die Ansicht des herbeigerufenen StadtarzteS vernehmen, ehe wir den Transport des Kranken, in dem immer noch Leben pulsiert, riskieren/
DaS klang so ruhig aber auch so bestimmt, und die übrigen Herren pflichteten ebenfalls alle ohne ^Ausnahme bei, daß die Freifrau ihren Vorschlag fallen ließ.
„Aber haben Sie, meine Herren," und ihre grauen Augen trafen feindselig das wie leise betend dasitzende Hannchen, „haben Sie auch schon Sorge getragen, daß der Mörder nicht entweicht? er soll der gerechten Strafe nicht entgehen/
„Gnädige Frau," trat Ernst von der Fensterbrüstung, an die er in stummem, stillwahnstnnigem Schmerz sich bis dahin festgehalten hatte, einen Schritt hervor, „eS hat ja allen Anschein, als wenn ich der Mörder, aber, bei dem ewigen Gott, der unabsichtliche sei, doch daS verspreche ich auflS Wort, eines biedern Försters, keinen Fuß zum Fluchtversuche vor die Schwelle zu setzen, bis die Untersuchung über daS schreckliche Unglück geschloffen ist; ein Baden flüchtet nicht, auch wenn er die Strafe vor den Augen steht/
Nach diesen Worten schien wieder Ruhe und festes Selbstbewußtsein über den unglücklichen, tiefgebeugten Mann gekommen zu sein, und selbst der Minister nahm sich seiner in teilnehmenden Worten an, und dankend hatte Hannchen die Augen zu ihm aufgeschlagen.
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„Meine Herren," wandte sich der Arzt um, indem er den Puls des besinnungslos Daliegenden hielt, „hier vermag die Kunst nichts mehr zu bewirken, der Blutverlust ist ein zu starker und die Kugel durch eine zu gefährliche Stelle gedrungen." ~ , L m
Hannchen stand am Fußende des BetteS, jede Bewegung, jede« noch so leichte Mienenspiel deS ArzteS gespannt beobachtend; bei diesen Worten deS Doktors zuckte es kaum bemerkbar über ihr leichenblaffeS Gesicht und mit einer raschen Bewegung griff sie nach dem Herzen, das zu springen drohte. Sie griff nach der Lehne eines Stuhle« und setzte sich; niemand achtete auf da» einfache Mädchen.
Die Excellenz teilte dem Arzte mit, daß er auch eine Depesche an Dr. St . . . abgeschickt habe und die ganze Gesellschaft, ausschließlich deS Doktors, der vorgab, noch einen dringenden Krankenbesuch machen zu müssen, beschloß, die Ankunft des StadtarzteS abzuwarten.
Da rollte ein Wagen heran: Freifrau von und zur Triebenau entstieg demselben. Sie trat ein, und stummes Beileid bezeigend, drückte ihr der Minister die Hand, während die übrigen Herren zur Seite traten. Sie neigte sich über das Bett und küßte die Stirne des Neffen.
Der Verwundete zuckte leicht zusammen, bewegte zweimal den Kopf langsam wie abwehrend, schlug die Augen halb auf, um sie dann wieder zu schließen und in unverständliche Phantasiereden zu verfallen.
Meine Herren," wandte stch die Freifrau zu der Gesellschaft in resigniertem Tone, „eS geziemt mir nicht, in lärmenden Schmerz auSzubrechrn, wiewohl mein Herz stch
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Expedition der Oberhess. Ztg.
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die Nch w der Stichwahl in den Besitz der Fortschrittspartei ibergegangen; mit Hilfe der Welfen und Sozialdemokraten w der fortschrittliche Kandidat Cronemeyer den Sieg über dm nationalliberalen Kandidaten Hottendorf davongetragen.
Die fortschrittliche Preffe jubelt, und man kann eS ihr nicht verdenken; denn der Wahlkreis galt als eine „Hochburg des Nationalliberalismus", der Führer der National- liberalen war Jahr ein, Jahr aus hier fast ohne ernsten Kampf gewählt worden, und es schien fast selbstverständlich, daß der Versuch der Fortschrittspartei, hier Fuß zu fasten und die nationalliberale Partei zu verdrängen, scheitern werde.
Wie bei jedem ausfallenden Wahlresultat wird auch hier nach Eiklärungsgründen gesucht. Die FortschrittSpreste ist natürlich überzeugt, daß daS Volk nur noch in einem energischen oppositionellen Liberalismus, wie er von ihr vertreten wird, Befriedigung finde. Die fezessionistische .Nationalzeitung" hat die Entdeckung gemacht, daß an dem Niedergang deS Nationalliberalismus in diesem Wahlkreise .die schwächliche Nachgiebigkeit gegen das Agrariertum" schuld sei, und der „Hannoversche Kourier", den man wohl noch daS leitende Blatt der Nationalliberalen nennen darf, führte die Niederlage derselben allein auf die „wüste Agitation deS Fortschritts, die wahre Orgien feierte und die Leidenschaften der unteren Volksschichten im höchsten Grade auf- stachclte", zurück. So sucht jedes Blatt nach den Gründen, die seinem Parteistandpunkt am meisten entsprechen.
Von fortschrittlicher Seite wird auS dem Siege in dem alten Bennigsenschen Wahlkreise gefolgert, daß es nun mit dem Nationalliberalismus zu Ende sei. Zu einer derartigen Annahme liegt gar kein Anlaß vor: au» der Bereutung des Mannes, der diesen Wahlkreis früher vertreten, läßt sich wahrlich noch kein Schluß auf die Bedeutung des Wahlkreises für die gesamte nationalliberale Sache ziehen. Der Wahlkreis an stch ist durch die Intelligenz seiner Wähler jedensallö nicht bedeutender wie jeder andere, und die „National - Zeitung" hat recht, wenn sie sagt , die
und Hannover; Th. Frich in Frankfurt °.M.; fünftem u. Vogler tu Qfurt a. M., Berlin, ESfl, Köln ic.; Rudolf Win Berlin, Frank- **" fort a. M. ic.
Ich weiß übrigens, daß sie sich weit mehr an Mich, als an Sie wendet." — Der Reichstag wird eine Vorlage, betreffend eine Revision des UnterstützungSwohnsitz-Gesetze», erhallen. — Ein neues kirchenpolitisches RevistonSgesetz behufs Verlängerung der im April ablaufenden diskretionären Vollmachten wird jetzt bestimmt erwartet. — Der Bundesrat ist auf morgen, den 5. Oktober, zu einer Plenarsitzung berufen. Auf der Tagesordnung steht zunächst eine Mitteilung über die Ernennung eines stellvertretenden Bevollmächtigten zum Bundesrat. ES folgen bann drei Vorlagen: der Entwurf eines Gesetzes über die Kommanditgesellschaft auf Aktien und Aktiengesellschaften, der Entwurf eines revidierten statistischen Warenverzeichnisses und die Entwürfe eines internationalen UebereinkommenS über den Eisenbahn-Frachtverkehr und eines Reglemens über die Errichtung eines Zentralamtes. Den Beschluß bilden Anträge, betreffend die Wahl von Mitgliedern mehrerer DiS- ziplinarkammern, und die Feststellung des Ruhegehalts rc. von Reichsbeamten. — Zu den Gesetzesvorlagen, welche dem preußischen Landtag in der nächsten Session gemacht werden sollen, gehört dem Vernehmen nach ein Gesetz- Entwurf, betreffend die Veranlagung der Eisenbahnen zur Kommunalsteuer. ES wird darüber folgendes mitgeteilt: Bereits In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. Februar d. I. teilte der Ministerialdirektor Brrfeld mit, daß der mehrfach gewünschte Entwurf in der Vorbereitung begriffen sei und daß die Einbringung dieser Vorlage, wenn nicht in der laufenden Session, so doch in der nächsten Zeit erfolgen könne. Ein Hauptzweck der zu erwartenden Vorlage ist der, die Heranziehung der Eisenbahnen zur Kommunalsteuer einheitlich für die gesamte Monarchie zu regeln. Auf Grund der Städte- und Landgemeinde- Ordnungen haben aber die sämtlichen Gemeinden nur in den Provinzen Westfalen, Schleswig-Holstein und Rheinprovinz das Recht, auch Forcnsen aus ihrem Grundbesitz, aus dem Gewerbebetriebe und aus ihrem Einkommen zu den Kommunalsteuern heranzuziehen, dagegen in den sechs östlichen Provinzen nur die Stadtgemeinden, und in der Provinz Hannover kann nur von den Privatbahnen eine Kommunalsteuer erhoben werden, nicht von den Staats- bahnen. Die zweite Hauptaufgabe, welche das geplante Gesetz lösen soll, ist die, genau die Grundsätze aufzustellen, nach welchen die Eisenbahnen zu den Kommunalsteuern heranzuziehen sind. Nach dem Ministerial-Reskript vom Jahre 1856 soll das gesamte Einkommen der Eisenbahnen, soweit es nicht zur Bestreitung der gesamten Ausgaben des ganzen Unternehmens verwendet wird, zur Besteuerung herangezogen werden. Hierbei trat der Uebelstand hervor, daß die HauptauSgabe gerade auf denjenigen Stationen ruhte, bei denen eine entsprechende Heranziehung der Steuer nicht stattfinden konnte. Dieser Uebelstand soll durch daS neue Gesetz beseitigt werden. Auch soll der Maßstab für
Die Freifrau verbiß ihren Aerger ohne ein Wort der Erwiderung und ging hinaus, um dem Kutscher, dem alten Otto, der in höchster Ungeduld und Besorgnis um seinen Herrn die unruhigen Pferde am Zügel hielt, zu bedeuten, schnell zurückzufahren und den zu erwartenden Stadtarzt bei seiner Ankunft, ohne die Pferde zu schonen, rasch herzubringen. „Fahren Sie ihm lieber auf der Poststraße entgegen," fügte sie hinzu.
„Wie geht'« dem Herren Baron," wagte noch eben Otto mit Thränen in den Augen, zu fragen, doch als er keine Antwort von der vor dem Hause meditierend auf und ab spazierenden Gnädigen erhielt, schwang er stch auf den Bock, in voller Karriere davonjagend und in den Bart brummend: „Besser wäre eS, wenn die Alte für den jungen Herrn verbluten müßte."
Die Poststraße, die nach der Regierungsstadt T . . . führt, kreuzt stch mit dem Waldwege und läuft ungefähr eine gute Meile am Waldessaum entlang.
Die Pferde, einmal im Laufe, rasten auf der ebenen Straße dahin, und der alte Otto hielt nut lässig die Zügel in der Hand und stierte leeren Blickes vor sich hin. Da mit einem Male wandte sich sein gedankenschwerer Kopf links dem Walde zu, der an der Poststraße entlang mit jungen Fichten ein gesäumt ist. Wie der Blitz fuhr es ihm in die alten Knochen, und mit einem derben Fluche und einem kräftigen Rucke hatte er die Pferde zum Stehen gebracht, die stch hoch aufbäumten, aber doch der Hand ihres bekannten Gegners parierten.
„Heiliges Kreuzdonnerwetter l" wetterte der allzeit christlich denkende Alte, über dessen Lippen beim aller- schlechtesten Wetter selten, äußerst selten ein Fluchwort kam.
(Fortsetzung folgt.)
Nationalliberalen hätten eben einen Verlust gehabt, wie er in den letzten Monaten auch den Konservativen und der Fortschrittspartei widerfahren ist.
tzAber das Blatt fügt richtig hinzu, der Verlust des Bennigsenschen Wahlkreises wirkt, wenngleich nicht auf den Verstand, so doch auf die Empfindung. Et wird die Empfindung der Fortschrittler beleben und ihren Mut er- höhen und für die Gegner deS Fortschritts ist eS eine peinliche Empfindung, gerade hier den Radikalismus siegen zu sehen.
Aber man muß auch mit der Empfindung der National- liberalen rechnen, und da stehen wir nicht an, unserer Ueber- zeugung und Hoffnung Ausdruck zu geben, daß jener Verlust für sie von Segen sein und eine heilsame Wendung herbeiführen wird. Der Nationalliberalismus wird und muß sich angesichts diese« Schlages aufraffen zu energischerem Kampfe gegen den Radikalismus, ihm werden stch die Augen über die falschen Wege, auf denen er gewandelt, und über die falsche Methode, die er gegenüber feinen schlimmsten Feinden angewandt hat, öffnen müssen. Sein Unglück war es, daß er sich im Jahre 1878 bei dem ersten Sozialistengesetz und 1879 wegen der Franckensteinschen Klausel in das Schlepptau der Fortschrittler nehmen und stch bereden ließ, daß die Regierung den maßvollen Liberalismus vor den Kopf stoße, die Freiheit unterdrücke und die „Reaktion" heraufbeschwöre. Das ist auch heute noch das Glaubensbekenntnis der Nationalliberalen, obwohl Hunderte von Thatsachen eS widerlegt haben. Und so kommt eS, daß der „Hannoversche Kourier" schließlich der Negierung auch die Schuld an der Niederlage der Nationalliberalen im Bennigsenschen Wahlkreis in die Schuhe schiebt und sie für die „Machtlosigkeit des Nationalliberalismus gegenüber dem Radikalismus" verantwortlich macht Nein, die Schuld liegt an der Nachgiebigkeit gegenüber dem Fortschritt, deffen Radikalismus man so sehr verkannte, daß man im vorigen Jahre noch an die Möglichkeit einer einheitlichen großen liberalen Partei, d. h. der Verbrüderung von Fortschritt und Nationalliberalismus, glaubte. Diesen Aberglauben wird wohl die in Rede stehende Wahl nun endlich zerstört haben; eö kann nicht anders fein, als daß sie von entscheidender Einwirkung auf die Empfindung nicht sowohl, wie auf die Entschließungen fees maßvollen Liberalismus fein wird. Treten diese Voraussetzungen nicht ein, bann allerdings dürste die Wahl in dem Bennigsenschen Wahlkreise daS Begräbnis deS Nationalliberalismus ein« geläutet haben.______________________
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Okt. Die „Voss. Ztg." will den Wortlaut deS Telegramms, das Kaiser Wilhelm an König AlfonS gerichtet hat, erfahren haben. Die Depesche laute: „Ich beklage die Ihnen in Paris zugefügte Beleidigung.
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