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Marburg, Sonntag, 30. September 1883.

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Waldhauvchen.

Novelle von Jakob Regnery.

Die Enthüllung -es Riederwald - Denkmals.

Wiesbaden, 28. Sept. Der kaiserliche Extrazug ist um 10 Uhr 40 Min. nach Rüdeöheim abgegaugen, der­jenige der Fürstlichkeiten schon vorher. Der Kaiser, das kronprinzliche Paar, das badische Fürstenpaar wurden auf der Fahrt zum Bahnhofe von einer zahllosen Menge enthu­siastisch begrüßt. Das Wetter ist milde und hat sich auf­geklärt.

Rüdes heim a. Rh., 28. Sept. Glockengeläute und Festschüsse weckten heute früh die Fest-Teilnehmer, welche alsbald sich zu Tausenden (man spricht von achtzigtausend Fremden tu RüdeSheim) zusammcndrängten, um sich ent­weder zum Empfange des Kaisers in den festlich dekorierten Straßen aufzustclleu, oder, wie dies schon seit neun Uhr in ununterbrochenem Zuge geschah, auf den Niederwald zu wandern. Die provilorische Station für den kaiferlichen

„Nie, nie, Ernst", und das Mädchen sprang mit einer Wildheit, die den eigenen Bruder erschreckte, auf; ver­zweiflungsvoll schrie sie, mit dem Fuße den Boden stampfend, daß der Hund erschreckt aufsprang; „nein, Bruder, lieber will ich dem Tode in die Augen schauen, als an dieses widerliche kaum menschenähnliche Geschöpf gekettet zu sein für mein ganzes Leben. Wie, Ernst, willst Du das Recht herleiten, von mir ein solch furchtbares Opfer zu verlangen?

Die Aufregung und Verzweiflung preßte dem leiden­schaftlichen Mädchen daS Herz mit ehernen Ringen zu­sammen und erschöpft brach sie auf ihrem Stuhl zusammen, in ein konvulsivisches Schluchzen auSbrechend.

Bei dieser Schmeichelei für seine Person hatte Julius

unbedacht heiser aufgelacht, und knurrend hielt der Hund den Kopf in die Höhe, so daß der Horcher schon auf dem Sprunge stand, das Weite zu suchen. Doch der Hund beruhigte sich, als Ernst, dem die Gedanken durch das ge­

folterte Gehirn in höllischem Reigentänze wirbelten, mit weicher Stimme seine Schwester zu beschwichtigen suchte:

„Du lieber Himmel", ich vermag Deinen Schmerz nicht ganz" zu begreifen; ich kann mir nicht anders helfen; wir sind sonst unrettbar verloren. Und dann", — seine Stimme wurde bittend, und schmeichelnd legte er seinen Arm um der Schwester Schulter — „soll denn wirklich Julius so schlecht und verabscheuungSwürdig sein, wie Du Dir ihn vorstestellst? Er ist wohl keine Schönheit, im übrigen aber wie der Durchschnitt oller Männer. Er wird Dich gut behandeln und wenn Dein Gefühl für ihn anfänglich auch nicht an Liebe streift, Du wirst Dich an ihn gewöhnen, ihn achten lernen und bann nicht einmal gerne verliere«.

Extrazug befand sich am Kreuzungspunkte der Eisenbahn mit der Geisenheimer Chausiee. Die Ehrenwache hielt eine Kompanie dcS 88. Regiments, Hauptmann Auer. Kurz vor i/212 Uhr brachte ein Zug die Prinzen Wilhelm, Leopold und Friedrich Karl nebst der hohen Generalität, die kaum in circa 20 Wagen den Platz verlasien hatten, als ein zweiter Extrazug mit dem Kaiser kam. Der Kaiser sprach am Bahnhof eine längere Zeit mit dem Regierungs­präsidenten von Wurmb über die Sicherheitsmaßregeln für die Rheinschiffahrt während der Festtage, worauf er unter dem Jubel der Bevölkerung feine offene vierspännige Ka­lesche bestieg, nachdem er zunächst die Ehrenwache abgcschrittcn hatte. Irr der Wagenreihe fuhr voran die Kronprinzessin mit der Großherzogin von Baden und die Prinzessin Victoria, dann folgten der König von Sachsen, der Großherzog von Baden und zuletzt der Kaiser und der Kronprinz nebst zwei Flügeladjutanten. Ohne weiteren Aufenthalt fuhr man zum Denkmal.

Von halb 10 Uhr an sammelten sich die Vereine auf dem Niederwald und nahmen Ausstellung am Denkmal. Allmälig füllten sich die fünftausend Sitzplätze; im ganzen waren wohl siebentausend Menschen in dem abgegrenzten Raume. Der Kaiser erschien kurz vor halb 1 Uhr und begab sich in das vor dem Denkmal stehende Kaiserzelt. Zu beiden Seiten stand die erste Kompanie vom ersten Garderegiment mit Prinz Wilhelm von Hohenzollern als Zugführer. Rechts von dem Zelte nahmen die Heerführer Platz, deren Porträts auf den großen Reliefs angebracht sind. Links stehen die obersten ReichSbehördcn, die Vor­stände des Reichstags und des Landtags. Spalier bilden die Kriegervereine, Turner- und Männer - Gesangvereine. Unmittelbar vor dem Denkmal standen vier Militärkapellen,

Studenten und Schüler. Aus den Treppen des Denkmals hatte sich das Komitee aufgestellt. Die anwesenden Fürsten versammelten sich eine halbe Stunde vor Beginn der Feier. Der Kaiser wurde bei seinem Erscheinen von sieben mit Eichenlaub geschmückten Ehrenjungfrauen begrüßt. Einen prächtigen Eindruck machen die vielen Fahnen der Krieger- vercine; daS Wetter ist stürmisch und zweifelhaft. Die Anrede, womit der LandeSdirektvr Sartorius die Geneh­migung zur Enthüllung erbat, lautet: „Als Ew. Majestät vor sechs Jahren diesen Platz verließen, riefen alle: Auf Wiedersehen I Heute rufen alle, alle: Willkommen! DaS Denkmal steht vollendet, eS verwirklicht, was Ew. Majestät bei der Grundsteinlegung als Sinn und Bedeutung des Ganzen erklärten: den Gefallenen widmen wir Palmen und Kränze, den Lebenden und künftigen Geschlechtern zeigt die Germania das hochzuhaltende Kleinod, des Reiches Krone. Wir übergeben das Denkmal dem Deutschen Reiche und bitten Ew. Majestät, dieses Zeichen der Dankbarkeit des

und schwer, aber erleichtert aufatmete, „ich werde JuliuS eine Zeit lang Hinhalten, ihm sagen, daß Du Dir Bedenk­zeit auserbeten habest und vor der Zeit nicht wünschtest, von ihm mit direkten Anträgen angegangen zu werden, daß Du aber, im Grunde genommen, nicht sonderliche Bedenken gegen eine spätere Verbindung habest; siehst Du, mein Heb Schwesterchen, Du sollst nun also nicht geopfert roetben uns wir gewinnen mit diesem Hinhalten etwas Zeit."

„Ja, und was dann? fragte Hannchen tonloS, indem ihre Hoffnung schon wieder zu sinken begann.

„Still, mein Kind, bis dahin habe ich eine andere Stelle gefunden, und so schwer es mir fallen mag, wir versteigern alles freiwillig. DaS Land hat glücklicherweise jetzt einen sehr hohen Preis und — jawohl", fuhr er nachdenkend und wie zusammenrechneud fort, „die acht Morgen Land und drei Morgen Wiesen, die wir da unten am Walde besitzen, die unS an Pachtzins bis jetzt doch noch nicht viel eingebracht haben, nun, sie werden nach meiner Schätzung gerade genügen, um daS geliehene Geld zurückzuzahleu. Die 400 Thaler Schulden, von unsern Eltern übernommen, werden nun allerdings noch nicht ge­tilgt werden, aber ich denke mit Bestimmtheit, daß der alte geifert, der ja stets ein Freund vom Vater war und bi» jetzt sogar auf die Zahlung der Zinsen verzichtet hat, unS nicht treiben wird; weiß er doch, daß ich ehrlich bin. Wir sparen bann, schränken uns ein nach Möglichkeit und eS wird schon gehen, nicht wahr, mein Schwesterchen?"

Vor Freude hätte Hannchen aufjauchzen mögen, doch die Rührung überkam sie mit unaufhaltsamer Gewalt, sie umhalste ihren Bruder und bedeckte feine Stirne mit stürmischen Küssen: „Du mein lieber, guter Bruder 1"

(Fortsetzung folgt.)

Ein Schuß von der Höhe — es war der erste, der feit 11 Uhr im Rheingau gefallen — verkündet den Fest­genossen im Thale, daß die kaiserliche Genehmigung erteilt worden, daß bald die Hüllen des großen Frieses fallen werden und daß nun Allbeutschland — vertreten im Kaiser, den Fürsten, dem Volke — von dem seiner Einheit er­richteten Denkmal Besitz ergreife. — ES war ein Moment von hlstorlfcher Bedeutung. Der Kaiser, ein Held im Silberhaar, der Sieger zahlreicher Schlachten, der Einer und Mehrer des Reiches, steht den Augenblick gekommen, den er wiederholt als die Erfüllung seines LieblingSwunsche» bezeichnet hat. Und nun gilt sein Dank dem höchsten Lenker der Schlachten und er will, daß auch sein Volk diesem Danke Ausdruck verleihe.

Da erheben sich denn, von den Musikchören intoniert, von den Stimmen der Menge fortgetragen, die mächtigen Klänge des „Nun danket alle Gott." Als Dankgebet eines geeinten Volkes braust der Choral In die Lüfte, steigt in die Tiefen des Thales und vereinigt sich mit dem Weihe­gesang der Glocken, die — ein ehernes „Te Deum lau- damus“ — von allen Städten und Dörfern, von Kirchen und Kapellen des RhelngaueS, weit inS Land hinaus ertönen.

Nachdem der Choral verklungen, folgt die Festrede des ersten Vorsitzenden des Komitees, des Staatsministers und Oberprästsenten von Heffen-Nassau, Graf zu Eulenburg:

Nun laßt die Glocken von Turm zu Turm Durch's Land ftohlocken im Jubelsturm! Des Flammenstoßes Geleucht facht an! Der Herr hat Großes an uns gethan!

„so hallte es wieder im ganzen Vaterlande, als bet Sieg erkämpft, Deutschland geeinigt, das Reich neu erstanden und durch den ruhmvollen Frieden daS Errungene besiegelt war. DaS Hochgefühl, welches die Brust jedes Deutschen durchbebte, verlangte einen ebenbürtigen Ausdruck, ein bleibendes Zeichen des Dankes und der Freude, ein Ver­mächtnis an die Zukunft. Deutschlands Erhebung durch Kriegs- und FriedenSthat, durch Waffensieg und politische Wiedergeburt, seine Einigung, die Wiederaufrichtung be6 Deutschen Reiches — das soll durch ein National-Denkmal gemeinsam gefeiert und verherrlicht werden. Dasselbe darf nur da seinen Platz finden, wohin beim AuSbruch be8 Krieges des deutschen Volkes Zorn und seine Begeisterung in unwiderstehlichem Strome sich ergoffen: wo Deutsch­lands Wacht war, muß Deutschlands Ehrendenkmal sich erheben. Mit Seinem Volke fühlend, gab der Kaiser dem Gedanken Beifall und zündend gewann er Herzen und Geister. Von ihm beseelt, schuf Johannes Schilling von Dresden das Deutsche National-Denkmal, ideal und volks­tümlich zugleich, bewundert und hochgeschätzt von Künstlern und Laien, im Palast wie in der Hütte. Drei Jahre währte die Vorbereitung, dreimal drei Jahre reichten hin, um die großartige Arbeit auszuführen. Das Werk lobt

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Die allermeisten Ehen machen diesen Gang durch und trotzdem sind sie im Durchschnitte weniger unglücklich, als die aus purer Liebe geschloffenen. Glaube mir das sicherlich."

„Huh", schüttelte es Hannchen durch den ganzen Körper, „höre auf, ich kann nicht mehr zuhören, mich friertS ent- fetzlich."

Ernst ergriff feine Schwester an der fiebernden Hand und flehend, wie es noch nie über die Lippen beS ruhigen Jägers gekommen war, blickte er sie an:

„Aber liebe, herzliebe Schwester, kannst Du denn zu- geben, daß der Gerichtsvollzieher mit seinem Besuche unser HanS entweiht, daß er uns die von den Eltern ererbten Möbel, teure Andenken an sie, pfändet und versteigert, daß wir beide mit Schande bedeckt uns nicht mehr sehen lassen dürfen, daß man mit Fingern auf uns zeigen wird; ich beschwöre Dich, bedenke dies alles."

Halb irre schlug Hannchen die Augen auf: „Ich kann nicht. Verlassen wir eher unser Hauö bei Nacht und Nebel und gehen wir beite nach Amerika. Wir sind ja noch jung und ich will arbeiten, bis mir daS Blut unter die Nägel tritt."

„Nein, Hannchen", erwiderte der Bruder da mit fester Stimme, indem er näher an die Schwester heranrückte und ihr seidenes Haar begütigend und liebevoll streichelte. „Das sollst Du nicht nötig haben. Ich habe den sterbenden Eltern versprochen, für Dich wie eine Tochter zu sorgen, unb da sich nun Deine Seele mit unbesiegbarem Wider­willen gegen eine Verbindung mit meinem Kollegen sträubt, so will ich nicht weiter in Dich bringen. Ich hatte wirklich nicht für möglich gehalten, daß —, nun horch Hannchen", fuhr er fort, alö die Schwester wie aus einem wüsten Traume erwachend, die Augen dankbar zu ihm auffchlug

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