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JRatfiurfl, Sonnabend, 22. September 1883

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Wiederholt ist an dieser Stelle darauf aufmerksam ge- «acht worden, daß das Verhältnis der Fortschrittspartei zur Sozialdemokratie sich im Verlauf der letzten Jahre vollständig verändert hat. Vor Erlaß des Sozialisten­gesetzes nahm diese Partei den Ruhm in Anspruch, die ent­schiedenste Gegnerin der Sozialdemokratie zu sein, seit lklaß des erwähnten Gesetzes suchen die fortschrittlichen Führer durch Deklamationen gegen dasselbe die sozialistischen Raffen auf ihre Seite zu ziehen und den Glauben zu ver­breiten, bürgerliche und soziale Demokratie seien natürliche Verbündete, Vertreter einer und derselben freiheitlichen Trundanschauung.

Mit besonderem Eifer wird diese auf Verkehrung der bekanntesten Thatsachen gegründete Lehre neuerdings in Berlin verkündigt, wo die Fortschrittspartei das Bedürfnis fühlt, sich bei den bevorstehenden kommunalen Neuwahlen die Unterstützung der Sozialdemokratie zu sichern. In derselben Stadt, die erst vor einigen Jahren Zeugin davon gewesen, daß fortschrittliche Partetversammlungen sich nur durch ängstliche Verschließung ihrer Thüren gegen die sozial­demokratische Ueberflutung sichern konnten, ist neuerdings da« Gaukelspiel einer Versöhnung und Verbrüderung zwischen bürgerlicher und sozialistischer Demokratie aufgesührt und der Versuch angestellt worden, die Parteien der unbeschränkten virtschaftlichen Freiheit und der staatlichen Regelung aller Wirtschafts- und Erwerbsverhältnisse in eine regterungs- seindltche Schlachtrethe zu vereinigen. Neben reformatorischen Versprechungen der weitgehendsten Art (u. a. ist der Köder deS allgemeinen und gleichen Wahlrechts in der Gemeinde

folgte Absicht, falsche Vorstellungen über die Bedeutung und die Erfolge deS Sozialistengesetzes zu verbreiten und daS öffentliche Urteil über diese Maßregel irre zu führen, läßt tndeffen angezeigt erscheinen, die hierher gehörigen That­sachen nochmals in das richtige Licht zu setzen.

An den Erlaß des Gesetzes vom 21. Oktober 1878 ist niemals die Hoffnung auf vollständige Beseitigung der sozialdemokratischen Bewegung und der mit derselben ver­bundenen Gefahren geknüpft worden. Bet mehr wie einer Gelegenheit hat die StaatSregierung durch Wort und.That bewiesen, daß sie mit dem Wesen und den letzten Gründen der sozialistischen Bewegung zu genau bekannt sei, um sich irgend welcher Illusionen über Unaufhaltsamkeit der ar­beitenden Klaffen hingeben zu können. Wie die Verhältniffe lagen, konnte es nur darauf ankommen, der drohendsten aller Gefahren, nämlich der mit der Erhaltung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung unvereinbaren künstlichen Iso­lierung ein Ende zu machen, in welche die sozialdemo­kratischen Führer ihre ganzen und halben Anhänger gebracht hatten und dadurch Raum zu gewinnen für eine auf

Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition b. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von @. 2. Daube n. 6e. in

Heilung der sozialen Schäden gerichtete ernsthafte Arbeit. So lange es dabei blieb, daß in zehntausenden von Exem­plaren verbreitete sozialdemokratische Zeitschriften, Zeitungen, Kalender und Flugschriften die ausschließliche Lektüre einer zahlreichen Klaffe der Gesellschaft bildeten; so lange von den Parteiführern geleitete Kassen, Klubs, Vergnügungs- Anstalten auf eine vollständige Absperrung der städtischen gewerblichen Arbeiter gegen alle kirchlichen, staatlichen und gesellschaftlichen Einflüsse hinwirkten; so lange öffentlich und eingestandenermaßen die Absicht verfolgt werden durfte, durch die Begründung sozialistischer Frauen- und Mädchen- Vereine, und durch die Einrichtung von Partei-WirtschastS- häusern und Parteitheatern daS gesamte Leben der sozial­demokratischen Anhänger von der Parteileitung abhängig zu machen und zwischen den sozialdemokratischen Arbeitern und den übrigen Staatsangehörigen eine förmliche Mauer aufzurtchten so lange mußte die Gefahr eine- syste­matisch vorbereiteten KlaffenkriegeS als eine täglich und stündlich anwachsende angesehen und auf eine geordnete Untersuchung und die Inangriffnahme der sozialen Zeit­aufgaben verzichtet werden. Diesem Zustande der plan­mäßigen Verhetzung einer Klaffe von Staatsbürgern gegen die andere ein Ende zu machen und die Gefangenschaft zu brechen, in welche die sozialdemokratischen Führer ihre über die letzten Absichten der Partei niemals zur Einsicht ge­langten Anhänger genommen hatten, war der Zweck de» Gesetzes vom 21. Oktober 1878. Auf eine Sinnesän­derung und Versöhnung der Leiter der Bewegung und der in ihrer Schule gebildeten Parteimitglieder zu rechnen, ist der Staatsregierung eben so wenig in den Sinn gekommen, wie von der Lahmlegung der Agitation eine Aussöhnung der besitzlosen Klassen mit ihrer gegenwärtigen Lage zu er­warten. Nur darauf konnte eS ankommen, die große Zahl künstlich in daS Getriebe der staatsfeindlichen Agitation ge­zogenen und um die Freiheit ihres Urteils gebrachten Ar­beiter wieder auf sich selbst zu stellen, anderen al» den sozialistischen Einflüffen zugänglich zu machen und mit den geschichtlichen Mächten deS deutschen Volkslebens in er­neute Berührung zu bringen. Erst wenn da» erreicht war, konnte die von der Regierung beabsichtigte, am 17. No­vember 1881 von der Kaiserlichen Botschaft verkündigte Inangriffnahme der sozialreformatorischen Arbeit mit einiger Aussicht auf Erfolg und auf die allmähliche Beteiligung der an derselben zunächst interessierten Schichten der Be­völkerung hoffen.

Inmitten solcher Arbeit stehen wir gegenwärtig. Eine Wiederherstellung deS früheren Zustandes offener und syste­matischer Verhetzung und Kriegführung der Besitzlosen gegen die Besitzenden, würde unter den gegebenen Verhält­nissen gleichbedeutend sein mit der Wiederheraufbeschwörung einer schweren politischen Gefahr und mit der Infrage­stellung des Reformwerks, dessen Weiterführung von der Erhaltung deS äußeren sozialen Friedens bedingt ist. Für

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ausgeworfen worden) hat die Agitation gegen daS Sozia­listengesetz bei dieser Unternehmung eine Hauptrolle gespielt. Die aus den fortschrittlichen Reichstagsreden der letzten Jahre sattsam bekannten Ausführungen über die FreiheitS- gefährlichkcit des Gesetzes vom 21 Oktober 1878, über die WirkungSlostkeit der von demselben angcwendeten Mittel und über die Unmöglichkeit, durch repressive Veranstaltungen äußerlicher Art, eine mächtige, über weite Volkskretse ver­breitete geistige Bewegung zu besiegen, werden in Wort und Schrift fleißig wiederholt und die Sozialdemokraten ein­geladen, Schulter an Schulter mit den Vertretern der bürger­lichen Demokratie in den Kampf für Rückkehr auf den Boden desgemeinen Rechts" und für die Beseitigung aller sog. Ausnahmegesetze etnzutreten. Die nämliche Partei, die bei anderen Gelegenheiten immer wieder darauf zurück­kommt, daß es keine mit denliberalen Errungenschaften" in Widerspruch stehende Lösung der sozialen Frage gebe und daß der Staat sich durch die Herstellung unbeschränkter Freiheit zum wirtschaftlichen Wettbewerbe mit seinen sozialen Pflichten ein für alle Mal abgefunden habe, diese Partei giebt sich für die nächste Verbündete des Sozialismus und der Sozialdemokratie aus und behauptet, daß in dem ge­meinsamen Kampf gegen das Sozialistengesetz ausreichender Boden für eine gegenseitige Verständigung beider demo­kratischer Richtungen zu finden sei.

Die Erinnerungen an die Zeiten, in welchen die Fort­schrittspartei den Bestrebungen des Sozialismus jeden Schatten einer Berechtigung absprach, sind durch den Wider­spruch dieser Partei gegen die sozialreformatorischen Absichten der Regierung in zu lebendigem Gedächtnis erhalten worden, als daß von Aussichten auf ein fortschrittlich - sozialdemo-

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krattsches Zusammengehen in Sachen der Berliner Kom­munalwahlen die Rede sein könnte. Die t'

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und b Die fortschrittliche Agitation gegen das Sozialisten­gesetz.

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12 Waldhannchen.

Novelle von Jakob Regnery.

Sie standen alle erstarrt stille und warfen ihre Bündel ib, den Blick zu Boden gesenkt.

Herr," wagte ein in Lumpen gehüllte», noch junges Weib, durch dessen nicht unschönes Gesicht sich die Eut- iehrung und Not in harten Zügen erkennen ließ, zu er­widern,wir haben kein Geld, um uns Holz zu kaufen; dringt unS um, wenn Ihr wollt; schon hat der Förster rinen Schuß auf unS abgegeben und den da" sie zeigte iuf einen mit zerfetzten Hosen bekleideten Knabenan der Ferse getroffen, wie wohl er noch auS heller Angst laufen kann. O Herr, Vergebung, Armut thut weh, be» fonderS wenn man zwei hungernde Kinder und einen ver­kommenen Mann zu Hause hat."

Die hellen, bitteren Thränen netzten die Wangen der irmen Frau.

Der Freiherr stieg ab und musterte einige Augenblicke tie mit sich selbst zu Rate gehend die Waldfrevler und desvnderS den zitternden Jungen, der jetzt beim Stillstehen dvhl erst recht den Schmerz spüren mochte und die von kstem Schrotkorn getroffene, leicht blutende Ferse in die Höhe zog. Ein eigentümlicher, weicher Zug, halb Trotz bltd Wildheit, halb Mitgefühl flog über de» Edelmanne» Besicht.

Da sprang hinter den Bäumen der rote Julius hervor;

hatte bett Baron bemerkt und um sich in seiner vollen ^ienstbefliffenheit zu zeigen, stürzte er sich an die junge «rau, die soeben gesprochen, und griff sie im Genick, sie *#» Leibeskräften schüttelnd, indem er, al- übersehe er die

Anwesenheit seines Herrn, brüllte:Vermaledeites DiebS- gesindel, ich werde Euch das Stehlen anstreichen I"

Nur einen Moment sah der Herr dieses barbarische Gebühren an, dann kniff er die Lippen fest zusammen, und mit voller Wucht ließ er seine Reitgerte über das aufge­dunsene Gesicht des Försters sausen, so daß sofort ein blutroter Streifen den Hieb markierte und Julius mit einem Wut- und Schmerzensschrei zurücksprang.

Hund Du," donnerte ihn der Freiherr an,wer gibt Dir ein Recht zu Mißhandlungen? Nimm die Züchtigung als vorläufige Belohnung. Und ihr Leutchen, habt von heute an die Erlaubnis, Euch jeden Tag Holz nach Herzens­lust zu sammeln, wenn Gott nicht besser für Euch gesorgt hat, so will ich ein wenig lindernd eingreifen."

Er griff dann in seine vrusttasche und entnahm seinem Portefeuille einen Zehnthalerschein, ihn der mißhandelten jungen Frau mit den Worten, die vor Aufregung zitterte, darreichend:Hier meine Hebe Frau, das teilen Sie und der kleine Junge dort."

Ein sonderbares Zucken in diesem trotzigen Gesichte, das dem männlich hübschen Antlitz ein weihevolles Aus­sehen gab.

Der rote Julius verschwand wieder in dem Walde, Verwünschungen zwischen den Zähnen hervorpreffend, und die Reistgsammler entfernten sich unter Dankesworten mit ihren Lasten, den ganzen Weg den edlen Freiherrn in ihren volkstümlichen Ausdrücken preisend.

Nur die junge, blasse Frau mit den abgehärmten Zügen schwieg; sie überlegte, wie sie heimlich, ohne Vorwiffen ihres gesunkenen Mannes von dem geschenkten Gelde Klei­der für ihre halbnackten Kinder kaufen könne.Die un­

schuldigen Würmchen I" Die arme Frau dachte mit wehem Herzen an sie und an ihren Mann, wie er als flotter Schuhmacher um sie, die allezeit muntere Magd, gefreit. Verstohlen wischte sie eine Thräne aus den Augeu.

Rudolf v. Werneck hing die Zügel seines Pferdes in den Arm und schritt sinnend neben dem Rappen, der son­derbarerweise eine ruhige Gangart anschlug, wie wenn er den Gedankengang seines Herrn zu würdigen wiffe.

Hm, so manches Elend, das sich doch lindern ließe," murmelte et in stillem Selbstgespräche,Armut ist hart und stimmt selbst den Beobachter traurig. Und dann da» bischen Holz, was machts? Den Leuten ist viel geholfen und mir absolut nicht geschadet. Wenn ich Förster wäre, ich würde wahrhaftig, entgegen der Instruktion denn hat schließlich auch ein Diensteid, auf Dummheiten geleistet, bindende Verpflichtung? Ach was, Unsinn, ihr barokm Moralisten, ich ließe die Leute ruhig ihres Wege» ziehen und schlüge die entgegengesetzte Richtung ein. Aber ein solch nichtswürdiger Geselle! Nun, ich glaube, ich werde am Ende auch noch sentimental."

Mit diesen Worten und sich gewaltsam zum Lachen zwingend, hielt er das Pferd an, um den Fuß in ben Steigbügel zu setzen und mit der Hetzjagd fortzufahren.

Da trat er war in der Nähe des FörsterhäuSchen» angekommen Hannchen Baden, das Waldhannchen, an­dern Dickicht hervor.

Als sie des Freiherrn ansichtig wurde, stutzte sie und schien zu überlegen, ob sie wieder zurück in den Schutz de« Waldes sich begeben sollte.

(Fortsetzung folgt.)