xvm. Jahrgwg.
Marburg, Freitag, 21. September 1883.
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au dem am 1. Oktober stattfindcnden Quartalswechsel
Oberhessische Zeitung
Illustriertes TountagSblatt
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1883.
Während die trübsten Gedanken ihr Gehirn durchzogen,
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(Fortsetzung folgt.)
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Novelle von Jalob Regnery.
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nehmen und sogar recht ernstliche Mahnungen an die Vettern jenseits des Kanals zu richten. In der That würden die letzteren gut thun, nicht zu vergessen, daß seit 10 Jahren auf dem Kontinent di- politischen Dinge manche wesentliche Aenderung erfahren haben, welche es auch den Engländern rätlich erscheinen lassen könnten, ihre auf den Kontinent gerichtete politische Tradition einmal zu revidieren. Das alte englische Kunststück, die politischen Karten dcS Kontinents mischen zu helfen und dann mit verschränkten Armen zuzusehen, wie die kontinentalen Mächte ihre blutigen KriegS- sptele ausführen, während der englische Kaufmann die Welt ausbeutet — dürfte jetzt doch vielleicht unter Umständen anders ausfallen, als die Gönner auf dem meerumfchlungenen Eiland sich denken.
Das politisch zerrissene Deutschland hatte bei solchen Kriegsspielen früherer Zeiten immer die Kosten zu tragen — allein das hat sich gottlob geändert, und wenn die Franzosen auch gern Revanche an Deutschland nähmen für die Niederlagen im Jahre 1870/71, so sind doch auch sie zu klug, als daß sie für die Engländer die Kastanien aus dem Feuer holen werden. Der Rat, den die „Times" den Franzosen gab, sie sollten sich nicht in koloniale Verwickelungen einlassen, sondern ihre Kräfte für den Revanchekrieg gegen Deutschland zusammenhalten, war doch gar zu plump. Und nach dem Streich, den die Engländer den Franzosen in Egypten gespielt, werden die letzteren sich schwerlich über Anam und Madagaskar englischen Sand in die Augen streuen lasien — nnd wenn — so würden sie eS bitter zu bereuen haben. Daran, daß England ein aktiv mitwirkender BundeSgenosie Frankreichs bei kontinentalen Verwicklungen sein würde, glaubt in Frankreich schwerlich ein Halbwegs kluger Mann; denn jeder weiß, daß England noch viel mehr ein mächtiges Frankreich, als ein mächtiges Deutschland fürchtet. England ist auch mit seiner Freundschaft Haus- hältertsch und wendet ihren Schein heute diesem, morgen jenem Staate zu, je nachdem es seinen Interessen paßt. Es spekuliert nur darauf, daß die kontinentalen Mächte sich gegenseitig schwächen, und sucht eS zu verhindern, daß es kontinentale Mächte giebt, die sich wirtschaftlich von England unabhängig machen können, oder die gar im stände wären, durch ihre Industrie, ihren Handel und ihr Ansehen den Engländern auch in den fernen Erdteilen Konkurrenz zu machen. Wenn die kontinentalen Kriege vorbei waren, suchte England durch seine Handelspolitik die Industrie und den Handel der vom Kriege geschwächten kontinentalen Staaten soviel als möglich am Boden zu halten — und leider ist ihm daS auch in bezug auf Deutschland lange Zeit gelungen. Giebt eS ja doch heute noch genug Deutsche, die nicht höher schwören, als zu der Freihandels- und Manchesterpolitik, welche sie von den Engländern gelernt haben. Aber diese gelehrigen Schüler der Engländer haben doch nicht mehr die Macht in Händen und unsere Wirtschaftspolitik hat sich auf einen selbständigen Boden gestellt
Der Neunuhrzug brachte sie noch frühzeitig genug nach B., ihrer Va'erstadt.
Und Rudolf?
Der Rappe, den er ritt, ein Rassenpferd, daS erst vier Jahre zählte und bei seiner Abnahme aus einem berühmten Gestüte mit 4000 Thaler bezahlt wurde, er wiehrte, wenn er den wilden Freiherrn nur erblickte, und saß der Reiter erst auf seinem Rücken, dann vermochten keine zehn Knechte das schnaubende und mit den Füßen ungeduldig scharrende Tier zu halten. Es schüttelte dann die lange, schwarze Mähne und in sausendem Galopp gings davon, so daß mehr wie einmal der Stallknecht murmelte: „Mich soll'S wundern, wenn der heute nicht das Genick bricht."
Da« Tier hatte in seiner Wildheit eine unbändige Freude, wenn es mit dem tollen, auf seinem Rücken so sicher wie auf einem Stuhle sitzenden Freiherrn davonjagen konnte. Wildheit und Zügellosigkeit paarte sich gerne zueinander, das ist ewiges, wenn auch von pedantischer Schulweisheit bestrittenes Naturgesetz.
Doch heute gallopierte „Zephir" seinem Reiter noch nicht scharf genug, als er an der Baronesie v. Habcnfeld vorbeikam.
Von innerer Wut geschüttelt, biß er die Zähne fest aufeinander und setzte dem Rappen die Sporen heftig in die Weichen, die Zügel straff anziehend.
Zephir, den der leiseste Peitschenschlag außer Faffung bringen konnte, bäumte hoch auf; hei, wie der dahinfliegt I Erschreckt flattern die raisonierenden Spatzen auf von den an der Sraße stehenden Gesträuchen, und eine alte Bettlerin, die des Wegs kam, rannte, indem sie sich, in der Furcht, der leibhaftige Gottseibeiuns komme dahergejagt,
Oben angclangt, nachdem die Freifrau sorgfältig die ite ins Schloß gelegt hatte, damit niemand Zeuge der erredung sein könne, brach Olga von Habenfeld in ein 71 wirkliches, natürliches, beinahe konvulsivisches Schluchzen aus.
7 „Still, still mein Kind," beruhigte die Freifrau in 3$ frierendem Tone.
Lange, lange dauerte die Unterredung, dann wurde, fast ' Stunden später, wie gewöhnlich, das Diner, zu dem iß! iadolf in der That nicht erschien, in aller Eile ein- Lrust 1JJ Kommen und dann der Wagen befohlen, um die Baro- ,J* ffse noch au demselben Abend nach dem Bahnhofe zu ^ugen.
Sie sah wirklich angegriffen auf einmal auS und am kbsten wäre sie auf der Stelle umgekehrt. Doch ihr T7| besuch war nun einmal angemcldct, „und dann," keuchte
I ly * it in abgerissenen, murmelnden Worten, indem sie die Hand »f das wild pochende Herz zur Beruhigung legte, „ich
Rarbtl «be doch das Bedürfnis, mein Herz auszuschüttcn bei der
lr 44. 'eifrau und ihre Ansichten zu vernehmen. Als exzentn- her Mensch ist mir Rudolf wohl bekannt, aber eine solch schämende, und wie mir sein Lächeln zu sagen schien, ab-
An,eigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d-Armoncen-Bureanx von S. 8. Daube u. (Xe. in
Hermansche Buchhandlung daselbst; 3n6al«enb<mliii Berlin; B. Thiene» in Elberfeld; L. Schlotte tu Bremen.
> von u. venzenoors
)0N fam |Bi Abdruck, und im Jllustr. Sonntagsblatt beginnt die
I» Frische Erzählung:
und sucht deutsche Industrie und Handel von England unabhängig zu machen. — DaS dadurch begünstigte Erstarken und Aufblühen der deutschen Industrie und die Anerkennung, welche dieselbe auch auf dem Weltmarkt find-t, kann England nicht gleichgiltig mit ansrhen und sucht eS deshalb zu verhindern — besonders seit Deutschland und Oesterreich sich die Thore deS Orient» zu erschließen angcfangen haben. Deshalb rief Gladstone den Oesterreichern, als sie sich in der Herzegowina festsetzten, fein bekanntes: „Hände weg!" zu. Mit diesem Ausrufe hat eS feine Orientpolitik bezeichnet. ES will nicht leide«, daß eine andere als die englische Hand auf der Balkan- Halbinsel und am goldenen Horn mächtig werde. Deshalb ist ihm auch der Einfluß, welchen Deutschland in Konstantinopel gewonnen hat, und der den Einfluß England» zuzückgedrängt hat, ein Dorn im Auge. Besondere Schmerzen verursacht ihm wahrscheinlich auch der Besuch der Könige von Rumänien und Serbien an den Höfen zu Wien und Berlin. Den Einfluß Rußland» konnte e» immer in Schranken halten: denselben fürchtet r» weniger als den Einfluß Deutschlands und Oesterreichs. Russische Generale und Kosaken, welche in Bulgarien die Sisyphusarbeit der Einführung einer konstitutionellen Verfaffung thun, dünken ihm offenbar weniger gefährlich, als deutsche Geheimräte und Stabsoffiziere, welche in Konstantinopel die alte Türkei wieder auf beffere Füße bringen, und al- deutsche Fabrikanten und Kaufleute, welche ihre Warm auf neuen Eisenbahnen direkt von Berlin und Wien nach Salonicht schicken. Deshalb beißt auch Gladstone vielleicht in den sauren Apfel, sich mit Rußland, dem alten Rivalen Englands, im Orient gegen den neuen gefährlicheren Rivalen zu verbinden, in der Hoffnung, wenn erst der letztere unschädlich gemacht wäre, mit dem ersteren dann ebmso leicht fertig werden zu können, wie früher. UeberdteS hofft der schlaue Brite, wenn erst der plumpe Ruffe sich in Europa einen Dorn in den Fuß getreten habe, werde er seine recht unangenehme und immer aufdringlichere Nachbarschaft in Hinterasien und Afghanistan, die recht bedenklich nahe an die Grenzen Indiens heranrricht, bald los werden.
Von Gladstone sagt man: er sei ein Gegner der etwa» romantischen Weltreich - Politik seines verstorbenen Vorgängers, allein er hat dessen Erbschaft doch antreten müffen, wenn er sich auch je mehr und mehr von kriegerischer Aktivität, die für Englands Kräfte nachgerade bedenklich zu werden schien, zurückgezogen hat. Wenn Herr Gladstone seine Erfolge auf dem Felde der Diplomatie erreichm will, so darf er doch nicht vergeffen, daß die ultima ratio der Diplomatie auS Erz gegossen ist und mit Pulver geladen wird — und daß dann schließlich der recht behält, der die meisten und stärksten „Gründe" für seine Politik geltend machen kann. Deutschland und Oesterreich können sich selbstverständlich nicht mehr von England die Thore bekreuzte, mit jugendlicher Frische über den Chauffeegraben, lang wie sie war, mit ihrer von gesammeltem Brode halb angefüllten Kiepe sich überkugelnd.
„Ich muß hinaus, ich muß stürmen," knirschte Rudolf, „ha, die ganze Welt möchte ich zusammenreiten und zertreten unter den Hufen meines Pferde«. Verflucht noch einmal, mich ungefragt verkuppeln wollen, verhandeln, verschachern wie eine SchundmLhre, und an ein solches Wesen, da« in vornehmer, blasierter Ruhe in den Räumen meiner Ahnen nach Pfauenart ihr Dasein verträumen möchte. Ha, ha, prachtvoll die Geschichte! Du miserables Frauen- gcschlecht, wozu bist du eigentlich auf der Welt? Ich Haffe dich, und da unterfängt sich noch ein deutscher Dichter, in schwärmerischer Stimmung zu singen: „Ehret die Frauen, sie flechten und weben euch himmlische Rosen ins irdische Leben." Ja, du zartfühlender, von Frauen gefangener Schiller, ich vermute, eine deiner Bräute saß tändelnd neben dir bei der Abfassung dieses vagen, poetischen Er- guffes. Jawohl, Dornen flechten sie und drücken dieselben mit der einen Hand behutsam, aber sicher auf unser 6t* thörteS Haupt, mit der anderen Hand zart uns die Wangen streichelnd."
Und fort gings weiter, nur immer weiter, bis in den Hochwald hinein. AuS einem Waldpfade flüchteten einige armselig gekleidete Weiber und halbnackte Kinder, schwer bepackt mit dürrem Reistgholze, um die Straße zu gewinnen.
„Hollah, wohin, ihr Holzdiebe?" schrie er die Geängstigten an und hielt mit einem derben Rucke den dam«
firfieint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrirtrt Constagttlatt** durch die Hptdition (K o ch'fcht m Buchdruckerei) bezogen 8'/. Viert, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Viert 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr.) -^JnferttonSgebühr für btt gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Ä 'ü Dietrich u. 6a. in ' Io. Hj » „Nb Hannover; Th. LinSrankfurtaM.; b«ei8 Mein
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von Hermann Hirschfeld.
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Expedition der Oberhesf. Ztg.
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- Gladstone in Kopenhagen.
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i den Postanstalten baldigst erneuern zu wollen, um arkÄ Erbrechungen im Eintreffen der Zeitung zu vermeiden. Mit Beginn deS neuen Quartals kommt im Feuilleton . ,»AatteS die höchst spannende Novelle:
Angelika
von C. Lenzendorf
Gladstone hat, wie englische Blätter sich ausdrücken, _____j V Spazierfahrt in der Nordsee gemacht und bei dieser lufactm klegenheit auch Kopenhagen einen Besuch abgestattet. Daß schäft ii tr Kaiser von Rußland und der König von Griechenland ein i trabe in Kopenhagen sind, und daß Gladstone mit dem FamN W von Dänemark und dem Zaren verkehrt, daß ferner Eintriü »ch der Prinz von Wales in Kopenhagen erwartet wird, en. N «S alles hat nach den englischen Blättern durchaus keine gaffe. Esche Bedeutung. Aber sie werden selbstverständlich
- iniig Glauben für diese Darstellung finden. Wenn die <• itiigln von England die Spazierfahrt gemacht und ihre nke uii Wichen Verwandten bei dieser Gelegenheit begrüßt hätte, „ ." J i könnte man schon eher an die politische Harmlosigkeit alten Besuches glauben —aber wie kommt der Bürger Glad- Q„.!tM|W dazu, auf einer privaten Spazierfahrt Königen und Bl. lyajjern freundschaftliche Besuche zu machen? Ob die Zu- : Tjimmentunft in Kopenhagen, wie manche glauben wollen, . .. Jt In vis-ä-vis zu den Fürstlichen Zusammenkünit n, wie ste 'rftitfll kzlich in Ischl stattgefunden haben und in diesen Tagen »Homburg stattfinden werden, sein soll, lasten wir dahin- „ t -stellt. Daß in der Brust des Herrn Gladstone nicht iperaw -rade die politische Harmlosigkeit die Oberhand hat, be- icift die Haltung der englischen Zeitungen, die als seine imbtt ltgane gelten, gegenüber den politischen Angelegenheiten ' ts Kontinents. Wir haben In neuerer Zeit wiederholt ; iklegcnheit gehabt, darauf hinzuweisen, wie diese Preste eS ' h angelegen sein läßt, Zwietracht zwischen die tontinew iltn Mächte, namentlich zwischen Deutschland und Frank- J nch zu säen, und auch unsere osfiziöse Presse hat es für tt Mühe wert gehalten, Notiz von diesem Bemühen zu
A Aiche Rücksichtslosigkeit, die hätte ich denn doch nicht bei tdbarl« 61 vermutet."
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l« KteHagen in den Schloßhof hinein, und zum Em- $ fang stand die Freifrau von und zur Triebenau auf der 0 reitreppe. Beide fühlten nach der ersten Begrüßung daS 7! kdürfnis, unter vier Augen zu sein.
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