xvm. JahrgMg.
Marburg, Donnerstag, 20. September 1883.
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gewaltige Aufschwung, den ihre innere nationalpolttische Entwicklung genommen hat, weniger bewußt wird, al» selbst dem unS fremd, sogar dem uns feindselig gegenüberstehenden Auslande. So Gott will, wird die Generation, die nach uns kommt, die Dinge mit freierem Herzen, mit offenerem Auge und unter höheren Gesichtspunkten erfassen."
„Kutscher!"
„Sie wünschen?"
„Ist nicht soeben der Herr Baron hier vorbeigeritten?"
„Zu dienen gnädiges Fräulein."
„Es ist gut, fahren Sie zu, aber nicht mehr so schnell, Erschütterung ist mir nicht gut bekommen."
(Fortsetzung folgt.)
wenn die Frage an ste herantrete, ob die früheren Zoll- vcrhältniffe wiederhergestellt werden sollten. Noch ein anderer Kummer lastet auf dem Herzen unferer Sezessionisten. In ihren Reihen glänzen die hervorragendsten Apostel der manchestcrlichen Doktrin vom freien Spiel der Kräfte; diese Doktrin aber ist wie von der Wissenschaft so auch von der Erfahrung vollständig überwunden. Die neuere Gesetz- gegung hat unter Zustimmung der öffentlichen Meinung in ganz andere Bahnen etngelenkt, und jene Herren sehen die alten Lorbeeren welk zu ihren Füßen. Das bereitet Schmerz. Doch damit noch nicht genug. Gerade im Schoße dieser Fraktion finden sich die Männer, welche, als ste noch die nationalliberale Toga trugen, sich zu allermeist der Hoffnung auf ein Ministerportefeuille hingeben zu dürfen glaubten. Heute haftet der letzte Schimmer dieser Hoffnung an einem vollständigen Bruch mit den monarchischen Grundprinzipien unserer Verfassung, und darum ist es gerade diese Fraktion, welche mit wahrem Feuereifer auf ein parlamentarisches Parteiregiment hindrängt. Selbstverständlich unterstützt die Fortschrittspartei alle oppositionellen Tendenzen der ihr eng befreundeten Sezessionistengruppe, aber gerade in dem letzterwähnten Punkte waltet doch ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Parteien ob. Vielleicht mit einziger Ausnahme des Herrn Hänel verzichtet der Fortschritt zur Zeit darauf, daß daS preußische Staatsministerium, das Amt des Reichskanzlers und die Staatssekretariate des Reiches aus seinen Reihen besetzt werden, er ist also freier in seiner Bewegung. Wie er stets und jeder Regierung opponiert hat, wie er die uns erst zu einer Großmachtspolitik befähigende Reorganisation der Armee bekämpfte, wie er die Mittel für den Krieg gegen Dänemark verweigerte, wie er in seiner großen Mehrheit gegen den Krieg von 1866 mit Entrüstung protestierte und dem „Ministerium keinen Pfennig" bewilligen wollte, wie er dann die nach Krieg und Sieg hochherzig geforderte Indemnität verweigerte, wie - er die Norddeutsche Bundesverfassung, die Versailler Verträge und die heutige Reichsverfaffung verwarf, so beharrt er auch heute konsequent in seiner Negation und hält fest an dem Satze, daß alles bemängelt, getadelt, bekämpft werden muß, was die Regierung anstrebt oder in konkreter Form in Vorschlag bringt. Jede der eben genannten Parteigruppen hat sonach ebenso wie das Zentrum, das Welfen- tum, die Polen, die demokratische Volkspartei und die Sozialdemokraten ihre besonderen Gründe, unzufrieden zu fein, gemeinsam ist ihnen wenig oder nichts. Unser Volk kann daher auch in seiner Gesamtheit unmöglich von dem Mißmut, der in den Organen dieser verschiedenen Parteien seinen Ausdruck sucht, innerlich erfaßt sein. Dennoch übt das ewige, den heterogensten Tendenzen entspringende „Aber" und „Leider" die unselige Wirkung, daß der Nation die weltgeschichtliche Größe, zu der sie aufgestiegen, und der
Fort war er, der unbändige Baron, ohne ein Wort des Abschieds zu sagen.
Mit aufgeriffenem Munde starrte die Freifrau dem Davonstürmenden nach und erschöpft vor Schreck und Indignation sank sie in ihren Seffel.
„Biegen oder brechen," zischte sie, und häßlich entstellt schauverte ste selbst von dem ihr gegenüber postierten, bis fast auf den Fußboden reichenden Spiegel zurück.
Da draußen auf der Landstraße rollte in raschem Laufe die herrschaftliche Karoffe dem Schlöffe zu. Die silberbeschlagene Equipage glänzte in der Sonne, daß es eine wahre Freude war, und schaumbedeckt flogen die beiden Schimmel über den trockenen Weg, mit den Hufen kaum den Boden berührend. Der freiherrliche Kutscher, der alte Otto, hielt auf „forsches" Fahren und so war'S ihm auch anbefohlen.
Da drinnen in dem geschloffenen Wagen ruhte, auf seidenen Polster vornehm hingegossen, das Freifräulein Olga v. Habenfeld. Mit geschlossenen Augen lag daS feine Köpfchen mit dem bleichen Gesichte zurückgelehnt in die Ecke eines weichen KiffenS. Selig lächelnd strahlten die elfenbeinartig aussehenden Wangen. Die junge Dame schien sich in einen glückseligen Traum eingewiegt zu haben. Und doch war ihr Geist nicht in Schlummer gefangen. O nein, o nein! Sie schlug die großen wafferblauen Augen auf und schaute spähend zu dem geöffneten Wagenfenster hinaus.
„Freifrau von Werneck", lachte sie, indem eine Reihe schadhafter Zähne zum Vorschein kam, „eS ist ungefähr dasselbe, wie Freiin von Habenfeld, vielleicht etwas bequemer für die Zunge. Aber, aber Olga," und sie legte den Zeigefinger der sorgfältig gepflegten Hand wie be- lehrend an die Nase, „eS ist eine Erobemng, zu der mir
Deutsche- Reich.
verltu, 18. Sept. Die ihrem Hauptinhalt nach bereits skizzierte Verfügung deS Kultusministers über den Turnunterricht an den höheren Schulen lenkt die Aufmerksamkeit der Provinzial - Schulkollegien auf verschiedene Punkte, in betreff derer dieser wichtige Unterrichtsgegenstand noch einer Verbefferung fähig ist und bedarf. Diese Punkte sind vorzugsweise folgende: 1. Lehrer. Die gedeihliche Entwickelung des Turnens an den höheren Schulen ist vornehmlich dadurch bedingt, daß dieser Unterricht seine Vertretung in dem Bereich des Lehrerkollegiums selbst finden und daß er überhaupt nur Männern anvertraut werde, welche ihre Vorbildung zu seiner zweckmäßigen Erteilung ordnungsmäßig erwiesen haben. Gegenwärtig gehören von den mit dem Turnunterricht an den gedachten Schulen betrauten Männern ungefähr 3/< den betreffenden Lehrerkollegien selbst an, und V» haben ihre Lehrbefähigung ordnungsmäßig nachgewiesen. Die Zentralanstalt zur Ausbildung von Turnlehrern führt in jedem Winterkursu» durchschnittlich 50 Lehrer zu der vollständigen Befähigung für den Turnunterricht an höheren Schulen. Diese Anzahl begründet die Erwartung, daß in nicht zu ferner Zeit der Turnunterricht an den höheren Schulen ausschließlich in den Händen solcher Männer ruhen wird, welche dazu die erforderliche Ausbildung erworben haben. Zu demjenigen Teile der Turnlehrer, welche den betreffenden Lehrerkollegien selbst angehören, stellen die Lehrer von seminaristischer Vorbereitung ein ungleich größeres, etwa doppelt so großes Kontingent, als die Lehrer von Universitätsbildung; ebenso ist die Benutzung der Zentralanstcrlt durch die Letzteren erheblich geringer, als durch die Ersteren. ES ist dagegen wünschenswert, das mehr und mehr der Turn- Unterricht, namentlich der oberen Klaffen, in die Hände derjenigen Kategorie von Lehrern komme, welche die entscheidende Einwirkung auf die Gesamtbildung der Schüler auSüben. Ein sachliches Hindernis dürfte dem Eintreten jüngerer wissenschaftlicher Lehrer in den Kursus der Zentral- Anstalt schwerlich entgegenstehen. Der Aufenhalt in Berlin wird denselben durch Unterstützungen auS Zentralfonds erleichtert. Auch zeigt die Beobachtung über mehrere Jahre, daß in der Teilnahme der akademisch gebildeten Lehrer gleichmäßig gewisse Provinzen ausreichend, andere nicht vertreten sind; es ist also vorauszusetzen, daß nicht ein sachliches Hindernis entgegensteht, sondern das Jntereffr
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Novelle von Jakob Regnery.
Ein Lächeln seligen Entzückens glitt über da« Gesicht der Gnädigen. „Wahrhaftig, es gibt noch Wunder," dachte ste, um dann im zärtlichsten Tone zu sagen: „Gewiß, mein Lieber, ich halte das für äußerst paffend und machst Du mir damit eine große Freude. Doch halt," fuhr ste fort mit einem Seitenblicke auf die über dem Kamingesimse ruhende Pendule, „eS ist bald 4 Uhr, die Baronesse Olga ist jeden Augenblick zu erwarten und va« Diner läßt dann nicht mehr lange auf sich warten. So anerkennenswert Dein Vorhaben ist, so, na, nimm'« mir nicht übel, scheint es mir doch angezeigt, Deinen Anzug mit einem etwas salonfähigeren zu vertauschen und lieber die Ankunft hier im Schlosse zu erwarten. Olga kommt eben aus seinen Schichten und da —" _ u
„Zum Donnerwetter", platzte da mit voller Wucht der Freiherr heraus, indem er mit dem Fuße auf dm Parquet- boden aufstampste, daß die Tante mtsetzt und die Hände vorhaltend zurücksprang, „ich bin doch bald diese Schulmeisterei satt. Wie ich will, so mache ich'S und nicht an derS. Ich hatte vor, der Gastfreundschaft Genüge zu leistm und damit basta. Glaubt Ihr dmn, daß ich mich ungefragt ins Ehejoch spannen laste? Meint Ihr, alle Eure Pläne seien mir unbekannt? Ein solch verblühtes, fadenscheiniges, mit Zucker und Backwerk aufgezogene« Wesen soll mich zeitlebens in K-ttm legen und mit seinen hohlen, geschnörkelten Phrasen zu Tode ärgern? Frei bin ich und frei bleibe ich. Sollte ich dereinst mich verheiraten, so muß es ein frisches, fröhliches Geschöpf sein, so wie eS aus Gottes Hand hervorkommt. Und nun melde der Freiin von Habenfeld, daß ich auf die Dauer ihres Besuches nicht zu Hause bin."
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die ganze Sippe, wenn auch mit verbistenem Neide, nur gratulieren könnte. Rudolf ist eine wildromantische Natur, aber, oder bester, noch dazu ein Ideal von männlicher Kraft und Schönheit. Er ist Original und ich, ja, ich haste Blasiertheit. Und dann," die starren Züge nahmen einen ersichtlich berechnenden Ausdruck an, „die v. Habenfeld führen eigentlich ihren Namen mit Unrecht, ste besitzen eben noch blutwenig infolge der traurigen Traditionen, die alle männlichen Sprößlinge zum Eintritt in dm Offizierstand verurteilten; eine Freifrau v. Werneck, o ja, die kann nach Herzenslust ihren geheimsten und gewagtesten Neigungen Rechnung tragen, die v. Werneck verfügen über Millionen. Olga, laß dir den Fisch nicht entgehml — Ha, was ist da«?" Und entsetzt riß sie da« Wagenfenster auf und schaute zurück über die Straße.
Nein, ste hatte sich nicht getäuscht: da» war Rudolf, der in strenger Karriere an dem Wagen vorbeisprmgte und, wie ihr bäuchte, höhnisch lächelte, al« er zum Gruß die Hand an da« Hütchen gelegt hatte. DaS ging so schnell wie der Blitz, und immerhin war eS möglich, daß ste sich geirrt, so hoffte ste.
Doch der Kutscher mußte ja am besten Bescheid wffsen, und ste zog an einer Schnur, die vom Innern de« Wagens an die Schulter des Kutscher« führte und an derselbm befestigt war. Sofort standen die Pferde durch kräftigen und gleichmäßigen Zügelruck wie angewurzelt an dm Boten.
Anreizen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.Aimoncm-Bureanx van 2. Daube n. Ss. in Frankfurt a. M.; Jägersch« Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandümg daselbst; Jnvalidendauk in Berlin: W. Thiene« in Elberfeld: 6- Schlotte in Bremen-
.''Le d.Annoncen-Bureaux J jj. Dietrich u. Co. in und Hannover; Th. Ulrich in Frankfurt a M-; ^asenstein u. Vogler in Leantfurt °- M-, Berlin.
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Erscheint täglich außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit de^öchentlichen Beilage „JllnsM^ «o^ag»latt" durch die Spedition (Koch fche BuSdruckerei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches S Mark SO Pfg. (erd. Bestellgebühr.)-JnserttonSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Vfl.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 88 Pfg. berechnet.
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bei dm Postanstaltm baldigst erneuern zu wollen, um Unterbrechungen im Eintreffen der Zeitung zu vermeiden.
Mit Beginn des neuen Quartals kommt im Feuilleton des Blattes die höchst spannende Novelle:
Angelika
von C- Lenzendorf zum Abdruck, und im Jllustr. Sonntagsblatt beginnt die historische Erzählung:
v Ein Namenloser
von Hermann Hirschfeld.
AN' Nur bei rechtzeitiger Bestellung könnm vollständige Exemplare geliefert werden.
Expedition der Oberhess. Ztg.
Rattonalgesühl »ud Partethader.
Unter dieser Ueberschrist schreibt die „Schles. Ztg.": „Es kann rund heraus behauptet werden, daß für die große Gesamtheit unseres Volkes kein Grund zu politischem Mißvergnügen vorhanden ist, daß ein allgemeine« Mißvergnügen daher überhaupt nicht oder nur in soweit existiert, al« der Parteijammer in Presse und Parlament die Köpfe verwirrt und die Gemüter beunruhigt. Und um was handelt eö sich bei diesen Jerimiaden denn eigentlich? Jede Fraktion hat ihr besonderes Herzeleid, das allen anderen wenig Schmerzen macht. Die Nationalliberalen sind verstimmt, weil ihren Koryphäen, soweit eS deren noch giebt, keine Ministerportefeuilles winken. WaS seit dem Scheitern der Kombination Bennigsen im Wege der Gesetzgebung geschaffen wurde, ist fast ausnahmslos unter der Zustimmung der Nationalliberalen erstanden, kann ihnen also zu Klagen keinen Anlaß geben. Die kleine Parteigruppe der Sezessionisten hat ihren aparten Parteijammer. Sie bekämpft vor allem die neue Zollpolitik. In diesem Punkte aber denken nicht nur die Konservativen und vaö Zentrum, sondern auch die Nationalliberalen anders. Die letzteren haben schon zu einer Zeit, als die Herren Dr. Bamberger, Dr. A. Meyer, Dr. Lasker und Dr. Braun noch zu den Ihrigen zählten, die Frage, ob Freihandel, ob Schutzzoll, «us der Reihe der Parteifragen gestrichen. So instinktiv auch der Widerwille der Sezefstonisten gegen den Zolltarif Immer sein mag, kann in ihren Reihen doch kein Zweifel darüber herrschen, daß die überwältigende Mehrheit der Nation mit dem entjchiedensten Nein antworten würde,