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Marburg, Mittwoch, 19. September 1883.

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Novelle von Jakob Regnery.

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worin die nationale Idee verkörpert werde. Man denke zurück Ptt die Reden GambettaS in Cherbourg, CahorS, Belleville, in der MilttLrkommission rc. Diese Reden, die von Blut trieften, waren es, welche die Republik befestegten und die Herrschaft der Radikalen herstellte. Als nach dem Tode GambettaS unter DuclereS KonseilprLstdentschast die parlamentarische Verwirrung, die Ohnmacht der Regierung, die inneren und auswärtigen Niederlagen ihren Gipfel« punkt erreicht hatten, erschien der Augenblick wieder günstig zur Restauration, und auch viele Republikaner, die sonst m opportunistischen Lager standen (Leon Sayl), sthnten sie herbei. Wäre damals schon die Spaltung der Monar­chisten beendet gewesen, hätte der Graf von Paris unter Beistand des Herzogs von Aumale mit geringem Wagnis einen Staatsstreich ausführen können. Der Prinz Napo­leon kam mit seinem ungeschickten Debüt, und die Prinzen von Orleans, obgleich in verfassungsmäßiger Unthätigkeit verharrend, mußten die Folgen tragen. Sie verloren ihre Chargen, diese unersetzlichen Handhaben zur Berinflusiung der Armee. ES fand sich ein Opportunist, der daS Ver­mächtnis GambettaS aufnahm und von neuem mit dem Schwerte klirrte, ein Appell, der niemals ohne Folge« bleibt. Die Republikaner fammelten sich um da» neue Kabinett Ferry; die Eintracht in der Kammer war her« gestellt, die Zentralisation wurde in Eile durchgeführt und Armee, Richter- und Beamtenstand durch Proskription ge­säubert. Gleichzeitig begann die aktive auswärtige Politik. Im Handumdrehen wurden in Madagaskar und Hinter- Jndien unstreitig große Ersolge errungen, und die kon­tinentale Politik spitzte sich in einer Weise zu, daß aus eine friedliche Lösung der aufs äußerste gespannten inter­nationalen Beziehungen kaum noch zu hoffen ist.

Es ist wohl möglich, daß dieser anormale fieberhafte Zustand noch eine Zeit lang hingehalten wird, bevor die akute Krisis eintritt, welche zur Katastrophe führen muß. Daß diese aber unvermeidlich bevorsteht, wird von niemand bezweifelt, der sich mit den französischen Angelegenheiten beschäftigt hat, und am allerwenigsten dürste diese Sachlage der Wahrnehmung der Legitimisten entgangen sein. Wer heute den Thron Frankreichs oder nur den Ministerstuhl besteigen wollte, kann cs nur mit der Fahne der Revanche in der Hand. ES zeugt von Verkennung der Thatsachrn, wenn man die Möglichkeit einer Reaktion mit dem Palm­zweig des Frieden« in der Hand hinmalt.

Der Graf von Varis will offenbar nicht die schwere Erbschaft des Kaiserreichs und der Revanchepolitik auf seine legitimen Schultern laden. Er wird abwarten, bi» die Krisis im Innern oder nach außen hin zum AuS« bruch gekommen ist. Er wird deren Verlauf beobachten und eintreten, wenn die Erschöpfung der unglücklichen Nation ihr wieder den klaren Blick der Besonnenheit vrr« liehen haben wird. Dann und nicht früher wird der Zeit­punkt gekommen sein, wo Frankreichs Regeneration unter konservativer, monarchischer und christlicher Leitung be.

tropfen deS HerzcnS kosten. Im übrigen werde ich Dich durch den Förster Julius scharf bewachen lasten. Der Bursche ist keinen Batzen wert, aber er ist gerieben. Er gehört zu der Klasse Menschen, die zum Aufpassen und zur Spionage geboren sind und ihre Befriedigung darin finden; derartige Individuen muß man auSnutzen, und Dienste hat er mir schon geleistet, die nicht zu unter« schätzen sind."

Doch kaum war sie mit ihren Meditationen und even- tullellen Plänen zu Ende, als Rudolf im strengsten Galopp in den Schloßhof sprengte. Nachdem er einem Stallknecht die Zügel hingeworfen, stürmte er, bespornt, wie er war, in da« Gemach seiner Tante.

Dien quelle education, murmelte noch die Freifrau, doch zwang sie sich zu einer freundlichen Miene, al« Rudolf sie hastig frug, ob der erwartete Besuch, Olga v. Habenfeld, noch nicht angekommen sei.

Wie wild der Mensch aussteht mit den ordnungSlo« um den Kopf hängenden Lockenhaaren, dem ganz gewöhn­lichen Jägerrock und den hohen Reiterstiefeln," dachte sie, doch frug sie, einen Schritt auf ihn zugehend, in der trautesten Weise:Und was bewegt Dich, so hastig nach dem Besuche zu fragen?"

Je nun," erwiderte er, mit beicen Händen durch da» volle Haar fahrend,ich komme eben recta via au« dem Holzschlage, aber falls die Baroneste noch nicht angekommen wäre, hätte ich große Lust, ihr entgegenzureiten und sie ins Schloß zu eskortieren."

(Fortsetzung folgt.)

Bruderlande. inl_o

Die Versuche zur Restauration von 1873, und zuletzt noch im Beginn deS Jahres 1879 vor dem Sturze Mac MahonS scheiterten nicht sowohl am Widerstande des Radi-

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Aber wie das bewerkstelligen? Kaum, daß er mit mir diniert, und weg ist er für den ganzen Tag. Erst vor drei Tagen" und ein schwerer, unverfälschter Seufzer entwand sich der bedrängten Brust der Freifrauließ ich eine leise Anspielung sollen; und was antwortete er uiir über den Tisch herüber: Obere taute, ich traue mir über solche delikaten Angelegenheiten ein eigenes Gefühl, e n eigene« Orientirungstalent zu und bitte ich, mich über ein derartiges Thema nicht mehr zu behelligen. Und daS sagte er in aufbrausendem Tone, während seine Augen Feuer sprühten. 0 ciel, wie kann ein Werneck so ant­worten! Das kommt von unserer modernen Bildung, die den jugendlichen Köpfen eine zu gefährliche Selbstuber« schätzung einimpst. Bin ich gefragt worden bet meiner Verehelichung um meinen Willen? Und doch wie, nun ich will keine alten Erinnerungen wachrufen," und em halb wehmütiger Zug flog über die Züge der Freifrau, indem sie wie zur Abwehr unliebsamer Erinnerungen aus der eigenen Jugend hastig die Sticknadel durch da« Gewebe gleiten ließ. _

Aber nur wenige Augenblicke gab sie edleren Regungen ihres HerzcnS Raum und wiederum ließ sie die Arbeit sinken, während ihr Gesicht einen harten, ja grausamen Ausdruck annahm und die grauen Augen drohend sich dem Fenster zuwandten:Das versichere ich Dir, mon neveu, wenn es Dich gelüsten sollte, den Traditionen derer von Werneck untreu werden zu wollen, dann, ja, dann sollst Du die unsichtbare Hand Deiner Tante aus allen Deinen Wegen fühlen; ich bin es unseren Ahnen schuldig, die Decenz in' der Familie zu wahren und sollte es BlutS-

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In Frankreich ist jetzt die äußere Politik, oder vielmehr das Verhältnis zu Deutschland allein der Brennpunkt aller inneren Bewegungen. Alle Maßnahmen »er Regierung, die ganze Thätigkeit der Gesetzgebung, die Taktik der poli­tischen und dynastischen Parteien, die öffentlichen Reden und Feste, daS Verhalten der Akademien, Lyceen und unteren SLulen, und ganz besonders alle Operationen der Preffe spiegeln sich in dem einen einzigen Brennpunkte ab, welchen man in Frankreich Relevement de la Patrie uns tn Eu­ropa die Revanche nennt. Derjenige ist Herrscher m Frank­reich, auf besten Gestalt die Beleuchtung dieses Brennpunktes einen besonderen Nimbus reflektiert.

In den Kreisen der österreichischen Aristokratie, wo man eine Fühlung mit dem legitimistischen Adel Frankreichs be­wahrt hat, begrüßt man jetzt die monarchistische Strömung daselbst und die Konzentrierung derselben auf em Haupt als ein gutes Friedensomen. Man weist auf den Besuch deS Kaisers Franz Joseph beim Grafen von Paris hin und auf die wohlwollende Stellungnahme der offiziösen Preste zur neuen Dynastie der Orleans. Man knüpft daran die Versicherung, daß Oesterreich hierbei im Ein- verständniste seines Bundesgenossen handle, und daß der Fürst Bismarck sein Vorurteil gegen die monarchische Re- gierungSform in Frankreich, das infolge ihres cäsaristischen Beigeschmacks entstanden sei, aufgegeben habe und ebenfalls die Restauration begünstigen würde, weil die Republik nicht gehalten habe, was sie versprach, nämlich in der friedlichen Entwickelung ihre nationale Zivilisationsaufgabe zu suchen. Auch russische Preßstimmen, die der Regierung deS Zaren nahe stehen, schließen sich dieser Anffaffung an und gehen sogar noch weiter, indem sie vorgeben, der deutsche Reichs­kanzler habe nur die Republik begünstigt und die Restau­ration ferne gehalten, um Frankreich zu erniedrigen und allianzunfähig zu machen. .

Ein Blick auf die Lage der Thatsachen wird alle diese Kombinationen unfruchtbar erfcheinen lassen. Was die an­gebliche Begünstigung der Republik durch das Berliner Kabinett anbelangt, so entsprang sie der offen deklarierten Politik desselben, Frankreich gegenüber eine wohlwollende Haltung einzunehmen und alles zu vermeiden, was das nationale Selbstgefühl des besiegten Gegners verletzen könnte. Ueberhanpt ist es ein Prinzip der Bismarckschen Politik, sich niemals in den inneren Entwicklungsgang anderer Völker einzumischen. Böse Reminiszenzen auS den Tagen Metternichs und Manteuffels und vielleicht auch der neuen Aera des Prinz-Regenten mochten ihm wohl diesen Grund­satz eingeprägt haben, den er ja auch neuerdings bethatigt I Hai gegenüber den Nationalitätenkämpfen im verbündeten

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Die würdige Dame, eine geborene von Werneck und frühzeitig Witwe eines großherzoglichen Kammerherrn, konnte sich kaum fasten. Die grauen Augen unkellen, und an­mutig zitterten die natterförmig geringelten Locken um die gelben, eingefallenen Wangen. Dann raffte sie ihr hell­graues Seidenkleid zusammen, quetschte die flott-ene Lorg­nette auf die spitze Nase und nahm von einem ArbeNS- tischchen eine feine Stickarbeit, um sich mit einem schweren Seufzer in einen damastüberzogenen Fauteml niederzulassen.

Eine geraume Zeit hielt sic die Arbeit ruhig in den Händen und stierte leeren Blickes durch das geöffnete Bogenfenster, das einen freien Blick auf die von der Re- gierungsstadt kommende Poststraße gewährte. Dann hüstel e sie indem sie ihre Arbeit in den Schoß legte, und wie sinnend ihr mit der Freiherrnkrone geziertes und von Parfüm duftendes Battisttüchelchen mit dm langen welligen Fingern der rechten Hand zusammenballte und eS als balsamtgeS Kißchcn an die Wange preßte.

Mon Dieu, nun ist Rudolf heute schon wieder ml dem Sephir" weggeritten, da« geht tagaus, tagein bei dem ganz aus der Art geschlagenen, wildtrotzigen Menschen über Stock und Stein, tlne Ruhe und keine Rast; wo wag das nur hingeben? Und ich habe nun Olga, da« ver­ständige Kind, auf längere Zeit zum Besuch hierher e,n- geladen. Die v. Habenfeld sind Vettern meines Seligen, und mein einziger Wunsch hl« auf Erden «Lre eine Ver­bindung zwischen Olga und Rudolf zustande zu bringen.

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Dielegitime" Dynastie der Orleans.

Die Stellungnahme des Grafen von Paris Frankreich | Eüber kann nach den wenigen Kundgebungen desselben wb nach den weitläufigen Erörterungen in der Preffe als itstnitiv erfolgt angesehen werden, so daß jeder Zweifel darüber ausgeschlossen ist. In den Augen aller monarchi- u-4 Men Parteien und eines großen Teils des linken Zentrums

Per der zukünftige König, der jetzige Prätendent. Die inen sehen in ihm den legitimen, die anderen den prasum- iden Thronfolger, die dritten den zukünftigen opportn- dftiteen König - Präsidenten. Doch gleichviel ob er seine Allmacht ans dem göttlichen Recht als ältester französischer Zimmw Agnat der Krone Ludwigs XIII., oder aus dem bürgen > Gärch licken Recht der Erbschaft Ludwig Philipps, oder endlich - au« dem cäsaristisch - revolutionären Recht des Sufirage universel und des Plebiszit herleiten wird: er vereinigt für den Augenblick mit Ausnahme eines verschwinden­den Bruchteils von Bonapartisten alle Parteirichtungen um seine Person, welche, den endlichen Zusammenbruch der radikalen Republik voraussehend, staatserhaltende Tendenzen, wenn auch in den verschiedensten Auffassungen, bewahrt ermiÄ haben. Die Lage ist klar zu erkennen; zur Beurteilung der aus derselben hervorgehenden Entwicklung sind drei Fragen in Erwägung zu ziehen. 1. Welche Aussichten hat der Prinz auf die Besteigung deS Thrones? 2. Welche Politik .» M würde er nach erfolgter Restauration im Innern des Landes ; etfray m befolgen haben? Und 3 wie würden sich die Be- [27! -ichungen des monarchischen Frankreichs mit der legitimen

Dynastie der Orleans zu dem Auslande und speziell zu