XVffl. Jahrgang.
Marburg, Dienstag, 18. September 1883.
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nimmt entgegen: Spedition d. Blattes, L,,b ilnnoncen-SBureaut
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Amwncen-Bureanx »on®. 8. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M-; JLaerlche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalibenbank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: «. Schlotte in Bcttnciu
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Waldhauuchev.
Novelle von Jakob Regnery.
Nur schade, so erleuchtet war deS jungen Freiherrn Sinn noch nicht, daß er die Herren um Aufnahme in ihren geselligen Bund ersucht hätte.
„Vielleicht hat er keine Kenntnis von unseren Zusammenkünften," meinte mit bedächtiger Miene der Herr Bürger- nieifter; „man sollte eigentlich einige Morgen hindurch sich zu einem Frühschoppen vereinen, um mit dem Baron des näheren bekannt zu werden; eS wäre doch eine Ehre für den Verein und eine Erbauung für ganz HermerSgarten, wenn
Mische Erzählung:
Ein Namenloser
von Hermann Hirschseld.
gy Nur bei rechtzeitiger Bestellung können vollständige Siemplare geliefert werden.
Expedition der Oberhesf. Ztg.
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„Richtig," stimmten die Honoratioren erster Klaffe bei, und die zweiter Klasie sekundierten verständnisinnig und in geziemender Weise.
Am andern Morgen, beim Kaffee, konnte der Herr Bürgermeister nicht umhin, seiner treuen Ehehälfte die letzte Beratung des Kasinos mitzuteilen, und mit einem Seitenblicke auf die einzige Tochter, das 26jährige Minchen, fand ausnahmsweise die Frau Bürgermeister den Vorschlag ihres Gatten äußerst gescheit.
i „Wie reizend wäre es," meinte sie, „wenn der Herr Baron in unserem Hause Visite machte; ich bin fest über« zeugt, er wäre entzückt von MinchenS Fertigkeit und Ge- . M| fthl im Klavierspiel."
n Minchen neigte wie eine wohlerzogene Tochter da« Köpfchen mit dem gewaltigen Zopfe über das Kaffee- fchälchen und errötete pflichtgemäß bis an die Halskrause. Das hatte ihr die Frau Mama des öftern eingeschärft, daß uichtS einem Mädchen schöner und sittsamer stehe, als süchtiges Erröten, es sei dteS der Stempel der Tugend.
--au dem am 1. Oktober stattfindenden Quartalswechsel DFPto „hieben wir, die Bestellungen auf die P * Oberhessische Zeitung
süchtiger die Motive find, von denen daö englische Blatt in seinem verwerflichen Treiben geleitet wird. Vollkommen unverständlich erscheinen aber gerade infolge dessen die Hoffnungen, welche das Cityblatt doch augenscheinlich auf seine politischen Stratageme setzen zu dürfen glaubt. Bei allem Uebelwollen wird die „Times" kaum ernstlich daran glauben, daß es ihr gelingen könnte, die französifche Regierung für ihre Ansichten zu gewinnen; diese weiß, daß sie auf dem Boden der bestehenden Verträge an uns die besten Nachbaren hat, welche ihr allen Erfolg in der Welt wünschen, und solchen Erfolg kann Frankreich leicht überall haben, je bester seine Beziehungen zu Deutschland sind. Die Genug- thuung aber, den Revanchepredigern Liebesdienste geleistet und französischen Hetzblättern Wasser auf die Mühle geleitet zu haben, steht doch wahrlich nicht im Verhältnis zu den Früchten, welche die Verblendung der „Times" anderwärts zur Reife bringen könnte, und welche den Interessen Englands, denen die „Times" mit ihrem Verhetzungssystem wohl einen Gefallen zu erweisen glaubt, in keiner Hinsicht zum Vorteil gereichen würden. Augenscheinlich haben die Politiker der „Times" und deren englische Hintermänner diese Seite der Frage noch nicht der Erwägung wert gehalten und sich sogar nicht einmal der Möglichkeit erinnert, daß ohne jeden Grund betriebene Hetzereien dritter in der öffentlichen Meinung Deutschlands leicht den Wunsch entstehen lasten könnten, eine Verständigung zu suchen, welche vielleicht gar nickt so schwer zu erreichen sein und an welcher die „Times" gewiß noch viel geringere Freude erleben würde, als ihr der momentane Applaus der Boulevard- Presse zu bereiten vermag. Als ernstes Blatt sollte aber die „Times" sich diesen Erwägungen nicht verschließen und ihren Beruf nicht in der Befriedigung friedensfeindlicher Ambitionen suchen, deren Gefährlichkeit sich im gegebenen Falle keineswegs nur auf das von den „TimeS"-Politikern beabsichtigte Terrain einschränken lasten würde.
Wittenberg, 14. Sept. Die Volksversammlung nachmittags auf dem Marktplatze begann mit dem Liede: „Ein' feste Burg ist unser Gott", welches von der ganzen etwa 1500 Köpfe zählenden Menge kräftig mitgesungen wurde und das einen geradezu überwältigenden Eindruck hervorrief. Nach dem Gesänge betrat Bürgermeister Dr. Schild beit Raum zwischen den beiden Vordersäulen der Rathaus- treppe, die den von einem prächtigen Baldachin überdachten Balkon tragen, uuter welchem die rings von lebenden Gewächsen und Blumen umgebene Büste Sr. Majestät des Kaisers stand, und hielt eine Ansprache, während welcher er öfter durch Bravos und laute Beifallsbezeugungen unterbrochen wurde. Am Schluß der Rede bewies das donnernde dreifache Hoch auf den allgeliebten Kaiser, wie sehr er aus dem Herzen seiner Zuhörer heraus gesprochen, und wie sehr er das Rechte zu sagen verstanden hatte. Die ganze Versammlung sang darnach den 1. Vers der Hymne:
Und Minchen hatte eS darin — nämlich in dem Erröten — thaisäcklich zu einer erstaunlichen Fertigkeit gebracht.
Schlag 10 Uhr desselben Morgens fühlten die Mitglieder deS Kasinos daS Bedürfnis, einen Frühschoppen zu nehmen.
Nur einige Minuten, und rasche Hufschläge dröhnten in den Saal hinein und Rudolf von Werneck, der seinen Rappen da draußen an einen Ring angebunden hatte, trat klirrend ein. Verdutzt schaute er sich um, als er die feierlichen Mienen der ule gesehenen Herren auf sich gerichtet sah, und bestellte mit barscher Stimme einen Stehseidel.
Stehseidel, da war Gefahr in Verzug, und kurz ent« schlossen trat der allen Lebenslagen gewachsene Bürgermeister auf den Freiherrn zu, stellte mit einer vornehmen Verbeugung die einzelnen Herren und die eigene Person vor und drückte unter kühnem Lächeln den Satz ans, „daß sie sich alle eS zur besonderen Ehre rechneten, den Herrn Baron, der ja studiert habe und sicherlich die Gesellschaft gebildeter Herren angenehm fände, des Abends in ihrer Mitte zu sehen. Es sei inmitten der gefährlichen Umtriebe gewister Hitzköpfe und Demagogen gebotene Pflicht aller gesitteten und gebildeten Elemente, fest zufammenzuhalten und gerade der hohe Adel —"
Doch we ter kam er nicht.
Laut auflachend warf der Baron ein Geldstück auf einen der Ti che, und mit einem förmlich herausfordernden „guten Morgen, meine Herren," war er schon in der Thüre, die er fest zuschlug.
Starr stand das Ortsoberhaupt da, stumm die übrigen, nur der Doktor, nachdem er zur Labung einen tüchtigen Schluck genommen hatte, krümmte sich vor Lachen und platzte dann endlich heraus: „Junkerblut thnt niemals gut!"
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Sept. Die „Nordd. Allg. Ztg'" teilt Auszüge aus der bei dem Abg. Antoine in Metz mit Be- chdg belegten Korrespondenz Über deffen Verbindungen in krunkrcich und die Unterstützung seiner Bestrebungen durch ftanzosen, namentlich bei der beabsichtigten Gründung seines Äurnals, mit. Mehrere Briefe rühren von dem Reichs- Bl. [2 kzsabgeordneten Kable her, der für Antoines Blatt Aktionäre mmelte. —Dasselbe Blatt schreibt: Unwidersprochene Be- Mungen, nicht zurückgewiesene Verdächtigungen und Ver- iumdungen verdichten sich in unserem Zeitalter der Ober- Wickkeit des politischen Urteilens so rasch zu Axiomen ______unb historischen Glaubenssätzen, daß bei aller Abneigung l t hkli WN Streiten um Worte es doch unerläßlich erscheint, hier " " । unb da eine zu verwegene Behauptung, eine zu dreiste Ver- [3 dWgung in ihrer wirklichen Gestalt zu kennzeichnen. In --- solche Zwangslage sehen wir uns wiederholt durch die & .Times" versetzt, welche nicht müde wird, die Franzosen iges W 9e0en Deutschland zu Hetzen, indem sie in kon'equenter Ver- it- W Drehung aller Thatsachen Deutschland der Bedrohung Frank- nichs bezichtigt. „Die Franzosen wissen sehr wohl, daß die »irkliche Gefahr, der sie ausgesetzt sind, in Europa liegt", Iism wir in der „Times" vom 4. d. M., un» Variationen dieser politischen Basilio-Arie kehren in dem Cityblatt fast on jedem Tage wieder. Unvermeidlich muß ein so syste- Misch fortgesetztes Bemühen, in hinterlistiger Weise Zwie- rd auffi iracht zwischen Nachbarn zu säen, eine tiefe Verstimmung ft. N« «Her Faktoren zur Folge haben, denen eS in beiden Ländern [I ernstlich um die Aufrechterhaltung deS Friedens zu thun ist, eine um so tiefere Verstimmung, je durchsichtiger uns selbst-
lwi» deren Gratisbeilage
anco Illustriertes LonutagSblatt
'art# den Postanstalten baldigst erneuern zu wollen, um :____Interbrechungen im Eintreffen der Zeitung zu vermeiden.
Mit Beginn des neuen Quartals kommt im Feuilleton m Blattes die höchst spannende Novelle: 1 Angelika
von C. Lenzendorf
M Abdruck, und im Jllustr. Sonntagsblatt beginnt die
Heil Dir im Siegerkranz. Der Superintendent vr. Faber redete etwas lange und war nicht so verständlich für die entfernter Stehenden, errang aber auch vielen Beifall. Das Ereignis des Tages für die herbeigeströmten Zuhörer war unstreitig das Auftreten des HofpredigerS Stöcker, der, in markiger Weife redend, den Markt mit seiner volltönenden Stimme derartig beherrschte, daß er überall verständlich war. Beim Betreten de« Katheder« empfing ihn des Publikums, unb nach Abstngung eines Kirchenliedes begann der Redner: „Deutschland ist wie ein weißer Hengst, aber es mangelt ihm deS Reiters!" Mit diesem Ausspruch Luthers knüpfte er an die Zeit deS Anfänge» deS 16. Jahrhunderts an, that dar, daß diese Zelt Aehulichkelt mit der Jetztzeit besäße, insofern als damals wie heute die soziale Frage die Gemüter des deutschen Volkes beschäftigte, und damals wie heute Vagabunden durch da» Land gezogen wären, das Land im Geheimen aufzuhetzen und e» ausfäfstz zu machen gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit. DaS Volk wäre allerdings hart bedrückt gewesen, aber dem Deutschen Reiche, dem unbändig gewordenen Hengste, hätte der Reiter gefehlt, um eS richtig zu zügeln und zu führen. „Karl der Fünfte aber, der Fremde, war kein Reiter 1 Er war der neuen Lehre abhold und verstand nicht den Zug der Zettl Ulrich v. Hutten gebot über den Sporn des Geistes unb den Stachel des Spotte-, allein er verstand es eben so wenig, wie Franz v. Sickingen und Götz mit der eisernen Hand, da- unbändige Roß zu zügeln. Und so begann eine Reihe von Kriegen, die erst im folgenden Jahrhundert ihren Abschluß finden sollten und durch welche die reine Lehre deS EvaugeliumS erst zur Geltung gelangen konnte. Der schäumende Hengst Deutschland hatte auf eigenem Grund und Boden entsetzliche Verwüstungen angerichtet, weil ihm der Reiter fehlt»! Luther verstand nichts von 'lolltik und Juristerei, und obgleich er der „p o p u l a i r st e" Mann Deutschlands war, konnte er doch auch nichts gegen den nun einmal entfachten Brand machen." Weiterhin wieS der Redner darauf hin, daß von Rom aus zu alle» Zeilen Zwietracht gesäet worden sei und jeder dazu beitragen möchte, Deutschland vor Schaden zu bewahren, und verlangte, daß jeder deutsche Mann aus allen Kräften dazu beitragen müsse, die evangelische Lehre, GewiffenSfretheit und Duldung dem Vaterlande zu erhalten, und wies dann ferner darauf hin, wie gerade die katholischen Länder stets der Herd deS Aufruhrs gegen die oberste Gewalt gewesen seien und noch seien, zum Schaden und znm Nachteil der Wohlfahrt eine- jeden Volkes. Auch hieran knüpfte der Redner die Forderung, ein jeder Deutscher solle mithelfen, die Ordnung zum Wohle Deutschlands zu erhalten durch eigenes gutes Beispiel und durch richtiges Wirken innerhalb seines Kreises und in der Familie. Fortwährende Beifallsbezeugungen thaten dem Sprecher die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer
Entrüstet verließ einer nach dem andern daS Lokal, nachdem man sich die heutige Versicherung gegeben, aber niemals einen „solchen Menschen" eines Blickes zu würdigen.
An Ecken und Brunnen wurde noch an demselben Tage die wichtige Neuigkeit von alten und jungen Weibern und Dienstmädchen mit loser Zunge und lebhafter Befriedigung erzählt unb nicht in der zartstnnigsten Weise kommentiert; gibt eS doch in größeren Städten kein Geheimnis, geschweige denn in HermeSgarten.
Für die erste Weiterverbreitung hatte die Magd der Frau Steuerempfänger Knofenfeld gesorgt; die Frau war zur Zelt eine tüchtige, aber auch zungenfertige Ladenmamsel in M., allwo ihr Mann zur Zeit als strammer Sergeant sich fürs Vaterland verdient gemacht hatte, und konnte sie bei gegebener Gelegenheit es nicht übers Herz bringen, zum gewöhnlichen Volk, daS heißt zur eigenen Dienstmagd offenherzig niederzusteigen.
Aber auch bis ins Schloß und die Gemächer der verwitweten Freifrau von und zur Triebenau war die Mähr gedrungen, und mit höchster Indignation ließ sie sich von der Kammerzofe erzählen, wie sich die ganze Sache zu- getragen.
Wohl freute es ihr Herz, daß der Neffe so brüsk die bürgerlichen Herzen hatte abblitzen lasten, „aber ist eS nicht eine Schande, daß ein von Werneck überhaupt in einem gewöhnlichen Wirtshause absteigt? Du lieber Himmel" und sie faltete, als die Kammerzofe sie verlosten hatte, entsetzt die Hände, „wenn daS sein seliger Vater wüßte, im Sarge müßte er sich umdrehen. Ein Werneck! Ich fühle eS voll und wahr, denn auch in meinen Adern rollt das Blut unserer Ahnen stolz und unverfälcht."
(Fortsetzung folgt.)