JRarfiutg, Sonnabend, 15. September 1883
Mr. 216.
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Novelle von Jakob Regnery.
Wohl lief Karo, In der Nähe des Hauses eher angelangt als sein Herr, schon mit Freudensprüngen von der Straße abseits und harrte vor der Thüre wedelnd auf tenfelben. Auch wedelnd wie bittend ging er langsam wieder auf seinen Herrn los, als er sah, daß dieser keine Anstalten traf, nach Hause zu gehen. Doch ein getreuer
Hund verläßt seinen Herrn nicht und er folgte mit gesenkter Nute den beiden.
Noch schickte Ernst einen freundlichen Blick zum Fenster hinüber, an dem er seine Schwester bemerkt hatte, wie wenn er sagen wollte: „fei unbesorgt, dein Bruder bleibt nicht lange."
Doch zu deutlich hatte Hannchen zwischen dem flüchtigen, gezwungenen Lächeln des Bruders einen Hauch von nie gesehener Schwermut bemerkt, und schnell sprang sie vom Fenster zurück, um eine hervorquellende Thräne au- dm Augen zu wischen.
Es war die erste Thräne, die Hannchen fest dem Tode ihrer Eltern vergoß.
„Gott, Du Gütiger," hauchte sie, auf einen Stuhl sich setzend, „beschütze ihn und mich."
Auch der Himmel da draußen, der schim zu weinm: erst zarte, dünne Tropfm, daun dicker und dichter und die Winkesbraut kam in raschem Fluge und peitschte den beiden Jägern den Regen in das Gesicht.
„Noch ist es Zeit," meinte Ernst, indem er stehm blieb und sich nach seiner Wohnung da drunten umwandte, „um umzukehren; bis zum „NeuhauS" sind es für einen guten Fußgänger immer noch mindestens 20 Minuten Wegs, kehren wir um'"
„Ei, zum Kuckuck, seit wann bist Du denn ein Hasrn- herz, daS Wind und Wetter fürchtet, wie eine in Spitzen und Seide aufgebauschte, zum Kirchgang begriffene Braut. Vorwärts, Bruder, und somit basta," und damit hatte er den Widerstehenden kräftig unter bett Arm gegriffen und vorwärts ging e« in rascher Gangart bi- zum „NeuhauS".
(Fortsetzung folgt.)
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einig und fest, wie der strenge Genius eines Richelieu eS gewollt hat. Deutschland wird immer Deutschland bleiben, wie es der Varziner Edelmann mit Eisen und Blut zusammengeschmiedet hat.
Dasjenige, was bewirkt, daß das politische Werk eines Mannes bestehen bleibt, ist, daß dasselbe der Natur der Verhältniffe und dem Instinkte der Völker entspricht. DaS Kaisertum Napoleons war ein mit allen Gesetzen der Geschichte in Widerspruch stehendes Monstrum. DaS Kaisertum, wie es Bismarck geschaffen, ist der eigenste Ausdruck der deutschen Zivilisation eines Jahrhunderts. Aber um BiSmarck zu den gewaltigen Geistern zu zählen, die ihr Volk mit bewußter Absicht auf eine neue und dem Genius der Nation entsprechende Bahn geleitet haben, um ihn neben Richelieu zu stellen, genügt es mir nicht zu wiffen, daß sein Werk groß ist, es muß mir außerdem bewiesen werden, daß er gewußt hat, was er that, daß er eS gewollt hat, daß er klar in seinem Geiste das Preußen der Zukunft erblickt hat, bevor dasselbe in Wirklichkeit entstanden war, so wie die wahren Meister in ihrem Geiste das Kunstwerk vorhersehen, das ihnen die Unsterblichkeit sichern wird. Nun wohl, dieser Beweis ist geliefert. Seit 1858, in einem Zeitpunkte, wo sein Land soeben eine lange Reihe von Kränkungen und Demütigungen erlebt hatte, sprach Bismarck eS mit packender Klarheit aus, was geschehen müsse, um Preußen zu einer Macht ersten Ranges zu erheben, und dasjenige, was er damals gesagt hat, das hat er später selbst ausgeführt mit einer Willensstärke, die ihres Gleichen nur in feiner Zähigkeit findet. Hört nicht auf diejenigen, die da von „Glücksspiel", von „glücklichen Zufällen", von „blinden Kräften" reden: Nein, wir stehen hier einer eisernen Willenskraft gegenüber, die einen ganz außerordentlich klaren Geist zur Leuchte hat. BiSmarck gehört schon zur Raffe der wahrhaft großen Politiker.
. . i Ein Moment aber ist bei diesen Erfolgen Bismarcks In hohem Grade beachtenswert. Alles waS er gethan, hat er nur thun können, weil Preußen, fowie es unS seit zwei Jahrhunderten erscheint, eine reine Monarchie ist. Nichts wäre lächerlicher, als die preußische Monarchie mit dem Despotismus zu vermengen. Im Despotismus, der auf Militär gegründet, herrscht eine ungeheuere Kraftvergeudung; im preußischen System arbeiten alle Kräfte deS Landes, alle Organe der Regierungsgewalt auf ein einziges Ziel hin mit erstaunlicher Schnelligkeit und einer Ersparnis an Menschen, Geld und Arbeit, die nicht weniger erstaunlich ist. Jedes Ding ist an seinem Platze. Jeder ist der strengsten Disziplin unterworfen, die er sich zur Ehre macht.
„Ein Ziel meines Ehrgeizes", sagte einmal Bismarck selbst, „ist, persönlich daS Lob zu ernten, das die Geschichte der preußischen Disziplin gespendet hat". Bei solcher Re-
Die „Röpublique Frauyaise" bringt auS Anlaß des Erscheinens der französischen Ausgabe der diplomatischen Korrespondenz deS Fürsten BiSmarck M 1851—59 einen längeren Artikel, dem wir folgendes entnehmen:
In Frankreich ist der Name Bismarcks bei allen Patrioten seit 13 Jahren verhaßt. Aber der tiefe Groll der Franzosen gegen den Reichskanzler bildet nur ein Zeugnis für hje furchtbare Macht seines Armes und ist sein Ruhmestitel. Wir würden unö selbst gegenüber an Achtung verlieren, wenn wir von Herrn von BiSmarck anders als in einem Tone sprächen, in welchem eS ihm leicht fallen muß, etwas derart wie Bewunderung zu entdecken. Ja wahrhaftig, wir begreifen das Prestige, das er in seinem Lande genießt, und sogar, wenn man alles sagen soll, ruft eS unser Erstaunen hervor, daß dieses Prestige nicht größer ist, daß ein Mann, der solche Verdienste sich um sein Vaterland erworben hat und sich deren täglich neue erwirbt, dort nicht eine parlamentarische Majorität findet, die ihn unterstützt, wie sie ein Guizot doch gefunden hat.
Ich will versuchen, mit Unparteilichkeit zu sprechen. Ich will den Groll deS Patrioten vergeffen und über den großen Kanzler reden etwa wie ein Professor in Jena heute nach 250 Jahren daS Werk Richelieus, deS erbittertsten Feindes deS alten deutschen Kaisertums, besprechen kann. Welches war ter politische Plan Bismarcks?
Vor allem gilt eS indessen, festzustellen, ob Bismarck wirklich zu jener Raffe der großen Politiker gehölt, als deren vorzüglichster Repräsentant unS Richelieu erscheint. Ist sein Werk nicht etwa auS einem Zusammentreffen glücklicher Zustände entstanden? BiSmarck zählt ohne Frage zu denjenigen, die das Glück ausgezeichnet hat. Aber ich kann nicht glauben, daß BiSmarck das neue Deutsche Reich gegründet und demselben die erste Rolle In Europa gesichert habe, ohne dabet ein anderes Verdienst zu besitzen, als dasjenige deS Spielers, der die Bank sprengt.
Ein so fest begründetes Werk kann nie das bloße Ergebnis des Zufalls fein. Denn man darf nicht die kindliche Vorstellung hegen, daß dieses Werk eines schönen TageS wieder verschwinden wird, wie das unnatürliche Kaiserreich von 1812.
ES könnte zwar in Deutschland eine Reaktion In par- iikularistischer Richtung entstehen, eine hessische, sächsische ober bayerische Nation aber existiert dort ebensowenig, wie eS eine burgundische, bretonische oder normannische Nation giebt. Die Deutschen halten, man mag sagen, waS man will, an ihrer Einigkeit energisch fest, die vielleicht ihre Steuern vermehrt, aber ihre Kraft verhundertfacht hat. DaS Band wird nie wieder reißen. DaS Werk Bismarcks wird die Jahrhunderte überdauern. Frankreich wird trotz aller politischen Umwälzungen immer Frankreich bleiben;
dem eine Ueberstürzung, ein Akt deS Leichtsinns zu den Dingen der Unmöglichkeit gehörte.
„Aber warum heute gerade die unerklärliche Angst kaum zu bewältigende Traurigkeit? Ach," seufzte sie in Bestreben, sich selbst Mut zuzusprechen, „eine jede Aufregung hat ihren Niederschlag, vor einigen Stunden habe ich den Mut eines Mannes gezeigt, nun kommt die Kehrseite, ich biu schlaff geworden."
Ruhe gewonnen hatte und tief aufseufzend erwiderte: „In Gottes Namen, ich will Dir heute ausnahmsweise Folge leisten, ich habe wirklich das Bedürfnis, in Gesellschaft zu fein."
Und die zwei zogen die Straße bergan, vorbei an dem FörsterhäuSchen auf der Höhe. Und Hannchen lugte in dem vorder» Zimmer hinter den schneeweißen Gardinen nach der Straße. Sie erschrak und zitterte, als sie ihren Bruder im Arme des roten Sünders hangen sah. Ihr däuchte, als sehe sie leibhaftig vor den Augen den Fürsten der Hölle, wie er eine verführte Seele im Triumphe davon- trägt. Ihr Herz bebte und hoch wallte der jungfräuliche Busen; schon war sie im Begriffe, daS Fenster auszureißeu und ihrem heißgeliebten Bruder zuzurufen: „Ernst, mein Ernst, stoße den Versucher von Dir und komme zu mtrl"
Doch wiederum zog es sie mit Gewalt zurück, daS Gefühl, auch ihren Bruder nicht in Gegenwart eines Böfe-
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wichts beschämen oder bevormunden zu dürfen. Sie kannte ja ihren Bruder, den frühreifen, besonnenen Mann,
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■««eiaen nimmt entgegen: Äpebition b. Blatte«, d.Annoncen-Bureaup
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„DaS wäre auch nichts," fuhr Ernst In erregter Stimmung fort, „aber als er kurz ohne alle Umschweifungen mir mitteilte, daß er gesonnen sei, daS „Mädchen" zu sich zu nehmen und für seine weitere Ausbildung Sorge zu tragen, da schoß mir denn doch daS Blut in den Kopf und wahrhaftig, wäre eS nicht gerade unser Herr gewesen, ich hätte ihn auf der Stelle abgestraft. So bezwang ich mich denn und antwortete in festem Tone: wenn der Herr 8aron Lust und Gelegenheit finden, aus anderen Häusern Mädchen zur „weiteren Ausbildung" hervorzuziehen, so habe ich nichts dagegen, meine Schwester zu verführen, tazu gebe ich dem Kaiser kein Recht. „Dummkopf," schrie mich da der Freiherr mit wütender Stimme an, „wenn ich Cie nicht als tüchtigen Förster kennte und mein seliger Baier mir Sie nicht besonders empfohlen hätte, so sagte >4 Ihnen: packen Sie Ihren Bündel. Nun machen Sie stch aus meinen Augen, Einfaltspinsel, Siel"
„Jawohl," unterstützte Julius, „die Sorte kennt man, fiese blaublütigen Hunde; die brechen die aufknospenden Men ab, halten sie ein-, zweimal flüchtig an das adelige Aiechorgan und werfen sie dann weg; wir andern stecken fit hübsch in eine Vase und besorgen und hüten sie Tage hindurch. Uebrigens, wenn es Dir Recht ist, um von fiesem Dir peinlichen Thema abzukommen, wollen wir einen Frühschoppen nehmen; es sind ja nur einige Steinwürfe bis zum „NeuhauS" da oben an der Straße; so ein kleiner ]ir Schluck der thut wohl und beruhigt wunderbar, wirst schon ,st 1001I1 Ichen."
70!l Verschmitzt verzog der Verführer den linken Mund- Shrtel, doch unbemerkt von Ernst, der wieder seine volle
Erscheint täglich außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS Somtlng-blatt" durch die Expedition (Ä o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 8*/* Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pfg. (erd. Bestellgebühr) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 16 Pf,.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 26 Pfg. berechnet.
gierungSform liegt eine große Macht in der Hand drS Königö, der sich selbst als den ersten Beamten des Staat» betrachtet, dem er auch sein Vergnügen, seine Neigungen und Ideen zum Opfer bringt. Sobald aber das Volk solche Gesinnungen an dem Herrscher wahrnimmt, bringt eö seinem Könige ein Vertrauen ohne Grenzen entgegen. Dies ist das wunder bare Werkzeug, welches Fürst BiSmarck vorgefunden hat. Man kann sich namenllich für die Offensive kein gewaltigeres denken, alles geht wie eine Kugel gerade aufs Ziel loS. Der Zusammenhalt in der preußischen Armee ist nur das Resultat und das verkleinerte Bild des preußischen Staates. Eine solche Verfassung ist nicht unverträglich mit einer starken DostS politischer Freiheit.
Aber es ist mit mathematischer Gewißheit zu erweisen, daß dieser Begriff vom Staat vereinbar ist mit der parlamentarischen RcgierungSform, welche die thatsächltche Macht nicht dem unverantwortlichen Haupte der Monarchie, sondern der Majorität einer gewählten Kammer giebt. Diese beiden Begriffe sind Antipoden in der politischen Welt. Sie sind einander um so mehr entgegengesetzt, al» in unseren Tagen der Demokratie, wo alles beweglich ist wie der Dünensand, die kompakten festgegründeten Parteien nicht mehr zu sehen sind, welche die englische Aristokratie verherrlicht haben Ueberall, wo eS Kammern giebt, bemerkt man weniger Parteien als Gruppen, deren Augenblickskoalitionen vorübergehende Majoritäten bilden. Manchmal sind es einfach Jntriguen von Politikern, welche diese Eintagsalliancen Hervorrufen, manchmal ist eS die öffentliche Meinung, die erhitzt, aufbrausend und wechselnd ist. Was in solchen Verhältniffen aus der Regierung wird, ist bekannt. Nichts kommt ihrer Unbeständigkeit gleich, wie nichts der ruhigen Widerstandskraft der reinen Monarchie gleichkommt.
Deutsche- Reich.
Berliu, 13. Sept. Der Kaiser ist mit großem Gefolge nachmittags um 1 Uhr nach Merseburg abgereist. Graf Moltke, der KriegSminister und der Generalquartiermeister Graf Waldersee haben sich gleichfalls dahin begeben. — Der Kronprinz und Prinz Albrecht sind heute früh zur Lutherfeier nach Wittenberg abgereist und begeben sich von dort nachmittags nach Merseburg. — Während deS Aufenthaltes des deutschen Kaisers und des König» von Spanien in Homburg werden der Staatssekretär Graf Hatzfeld und der deutsche Gesandte zu Madrid, Graf Solm», dort anwesend sein. — Der „Reichs-Anzeiger" publiziert das Gesetz, betreffend die Erteilung der Indemnität für die durch die Bekanntmachung vom 9. August 1883 angeordneten Zollermäßigungen, sowie für die Verallgemeinerung der Zollermäßigungen in den Tarifen A zu