xvm. Jahrgang.
Marburg, Mittwoch, 12. September 1883.
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Die Führerschaft Europas.
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f «zweifelt worden. Seit dreizehn Jahren hat Deutschland ♦ unbestritten die Führerschaft in Europa, und der letzte
Jahrestag seines entscheidenden Sieges findet seine Autorität
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hat mit der Zeit eher zu- als abgenommen, und sein Einfluß ist keineswegs auf die Nachbarstaaten beschränkt. Die meisten Menschen, erzogen in den Traditionen vom Gleichgewicht der Macht, würden eS für unmöglich erklärt haben, daß eine so ausgedehnte Machtfülle in den Händen einer einzigen Regierung ruhen könne ohne ernsten Nachteil für den Frieden, die Unabhängigkeit und das allgemeine Wohl Europas. Aber nach dreizehnjähriger Probe der Neuverteilung der Kräfte kann kein unparteiischer Beobachter leugnen, daß der deutsche Einfluß daS gesundeste Element in der europäischen Situation ist. Die deutsche Politik ging gelegentlich irre, denn die Deutschen sind Menschen wie andere, aber im Grunde hat sich Europa bester befunden bei dem Bestehen dieser großen friedliebenden Macht in seinem Zentrum, und wäre es sicher, daß sie in Zukunft mit derselben Weisheit und Vorsicht geleitet wird, wie bisher, so würde es außer dem kleinen Kreise französischer Politiker wenige geben, die nicht sagen möchten: Estoper- petua. So viel Macht ist selten so gut angewandt worden; und die Engländer, welche jetzt Zeugen sind der ersten Folgen deS Auflebens französischer Thatkraft in Madagaskar nnd Tonking, haben selten lebhafter die ungewöhnlichen Vorteile empfunden, 'welche der große Sieg brachte, der mit einem Schlage Frankreich von dem Kaisertum und Europa von der Unruhe des französischen Ehrgeizes befreite.
Das Ideal der Zukunft des Kontinents ist die schließliche Vereinigung seiner einzelnen Staaten in einen großen europäischen Bund. Man kann sagen, daß diese Vereinigung in ihren Grundzügen schon besteht in dem europäischen Konzert, das auf den Grundsätzen gemeinsamen Interesses und vollkommener Gleichheit aller Großmächte beruht. Aber wie es für notwendig befunden ist, dieses Konzert auf die 6 stärksten Mächte zu beschränken, so ist eS nicht nachteilig gefunden, in den engeren Grenzen des Vereins die außergewöhnliche Vorherrschaft Deutschlands anzuerkennen. Europa gruppiert sich in natürlicher Weise um seine zentrale Kraft. Für daS Wachstum von Gesetz und Ordnung in einem anarchischen Zustande ist eS viel wichtiger, daß die zentrale Macht stark ist, als gerecht; denn c6 ist bester, daß gelegentlich ein Unrecht von wenigen ertragen wird, als daß keine Autorität da ist, die den Elementen der Ungesetzlichkeit Gehorsam auferlegt. Deutschland ist stark und wird täglich stärker. Hinter Deutschland steht Oesterreich und hinter Oesterreich Italien. Rußland ist ein Bundesgenosse von mehr als hundert Jahren. Spanien ist bemüht, sein Geschick mit dem deS großen FriedenS- bundeS von Zentraleuropa zu verbinden. Allen diesen Bünden des Festlandes, außer dem des europäischen Konzerts steht England fern; aber eS verfolgt mit dem lebhaftesten Jntereste die allmäiige Entwickelung einer Macht, welche schließlich vielleicht bestimmt ist, der Gesetzlosigkeit,
deren nächste Folge der bewaffnete Friede Europas ist, ein Ende zu machen.
Wenn der Einfluß Deutschlands im ganzen richtig auSgcübt und um vieles wohlthätiger gewesen ist, als der irgend einer anderen Macht, England nicht ausgenommen, so ist dies ohne Zweifel zum großen Teil dem gebieterischen Bedürfnis seiner Lage zu verdanken. Dieses Bedürfnis und die Beschränkungen, welche es auferlegt, berufen Deutschland zu seiner herrschenden Stellung. Deutschland ist die einzige Macht, welche nach Verfassung, Lage, Temperament und Interessen geeignet ist, daS Führeramt in Europa zu bekleiden. England steht ganz entschieden außerhalb dieses Wettkampfes. Wir sind überhaupt keine Kontinentalmacht im eigentlichen Sinne des Wortes. Unsere Herrschaft erstreckt sich soweit, als die Salzsee fließt. Wir find die größeste der astatischen, der afrikanischen und australischen Mächte. Wir besitzen die Hälfte des nordamerikanischen Kontinents, aber gerade die Ausdehnung und Zerstreuung unserer Jnteresien macht uns ungeeignet zu einer leitenden Rolle in den politischen Angelegenheiten Europas. Ein ähnlicher Einwand findet, wenn auch in viel geringerem Maße, bezüglich der Staaten Anwendung, die allein noch auf die Führerschaft Europas Anspruch machen könnten. Rußland ist eine große astatische Macht, Frankreich ist täglich mehr bestrebt, seine Interessen jenseits des Meeres auszudehnen. DaS eine liegt zu weit nach Osten, das andere zu weit nach Westen, um einen so ungewöhnlichen Einfluß auSzuüben, wie ihn die Deutschen, welche ein mitten in Europa eingefügtes Gebiet einnehmen und keine Jnteresien haben, die nicht ausschließlich europäische sind, der Natur der Sache nach üben. Weder Italien noch Oesterreich könnten beanspruchen, einen Mittelpunkt für das europäische Staatensystem zu bieten, so wie Deutsch- land. Von allen Staaten hat die» durch eine Störung des Friedens am meisten zu verlieren. ES hat alle- erreicht und braucht nichts mehr, als In Ruhe gelassen zu werden. In der internationalen Politik ist es daher eine große, mäßigende Macht geworden. Sein Politik ist die der Nicht-Intervention, ausgesprochen in dem berühmten Wort von den Knochen des pommerschen Grenadiers und gehandhabt in der kräftigen und intelligenten Ausübung deS Amtes eines ehrlichen Maklers. DaS Bemühen, einen modus vivendi zwischen Oesterreich und Rußland im Balkan, zwischen England und Frankreich in Egypten herzustellen, und dann alles, worüber die hauptsächlich beteiligten Mächte einig geworden find, zu sanktionieren, — mag keine heroische Politik gewesen sein, aber sie war die nützlichste Rolle und wohl berechnet, Wirren vorzubeugen. Niemand weiß, welche Ueberraschungen die Zukunft in flch birgt, aber wenn Fürst Bismarck das Reich, welches er geschaffen, zu einer störenden Macht in Europa machte^
.«.eigennimmt entgegen: ^Expedition d. BlatteS, , «,«d Ännoncen-Bureaur Dietrich u. Co. in und Hannover; Th.
Kch m Frankfurt a.M.;
Wenftein u. Vogler tn M-, Berlin.
Gj, Köln ic-; Rudolf Ue in Berlin, Frank- furt a. M. ic.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G- L. Daube u. Co in Frankfurt a. M; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendankin
Berlin; W. Thiene» tn Elberfeld: 6- Schlotte tn Bremen.
Der unter dieser Ueberschrifl und bereits telegraphisch ~ kanalisierte Artikel der „Pall Mall Gazette" zum Sedan- M ”.e lautet in wörtlicher Uebersetzung folgendermaßen:
° Gestern vor dreizehn Jahren stürzte daS französische Kaiserreich auf dem Felde von Sedan zusammen. Morgen tot dreizehn Jahren wurde die französische Republik in den Maßen von Paris auSgerufen. So bedeutungsvoll diese ,,c6; Umwälzung in den Geschicken Frankreichs aber auch jjar, sie war nicht so wichtig, als die Umwälzung, die sich
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Führerschaft Europas ging zu gleicher Zeit auf Deutschland über. Im Staatenwesen deS Kontinents duldet der souveräne Staat keinen Oberlehnsherrn. Dem Namen nach sind LA* ,lle gleich. Serbien ist so unabhängig wie Spanien, Belgien * wie Rußland. Aber in Wahrheit sind alle Mächte flch wohl bewußt, daß der erste Platz im europäischen Rat de facto dem Stärksten von ihnen gehört. Mit Sedan ist liefe Stellung Deutschland zugefallen. Der Beweis seines Rechts wurde damals geführt; es ist niemals seitdem an-
Eine Gewalt, wie ste Deutschland zugefallen, beispiellos wie sie ist, ist gleichzeitig beispiellos in der Art, wie ste susgeübt worden. Kein Volk, selbst nicht England nach Waterloo oder Frankreich nach Solferino, hat je eine solche Stellung unbestrittenen Uebergewichts eingenommen, wie Deutschland seit 1870. Napoleon III. war niemals ohne Nebenbubler, und gerade als sein Stern im Zenith stand, bedrohte ihn die stetig wachsende Macht Preußens mit Untergang. Das Prestige, desien sich England zu Ende des großen Revolutionskrieges erfreute, war mehr scheinbar als reell. England hat Großes geleistet und würde wieder Großes leisten; aber seine Kraft war mehr latent als thätig eingreifend. Sie lag mehr in der Erinnerung an ettl l“1 große Thaten der Vergangenheit, als in der Entfaltung llufnah überwältigender Stärke, bereit zum sofortigen Gebrauch in 'n Mbet Gegenwart. Die Macht Nikolaus' nach der Niederwerfung des ungarischen Aufstandes war unzweifelhaft sehr groß, aber, obwohl der Zar den Titel eines Oberrichters von Europa erwarb, so war seine Autorität doch eine viel beschränktere, als die des Deutschen Kaisers. Sie war fast mit Notwendigkeit auf die Länder beschränkt, welche an Rußland grenzen. Gefürchtet in Deutschland und allmächtig in Oesterreich hatte Nikolaus wenig Einfluß jenseits der Grenzen des Deutschen Bundes. Dem Uebergewichte des Deutschen Reiches seit Sedan droht kein Nebenbuhler; es
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Leichenblaß und mit häßlich verzerrtem Gesichte, augenscheinlich vor purer Angst, stierte Julius da» entschlossene Mädchen an. „Mein Gott, Hannchen, ich glaube, Du bist von Sinnen I Halt ein, meine Haut ist mir vorläufig noch lieb," und schneller als er gekommen, entfernte er sich, diesmal aber den Weg durch die Vorderthüre nehmend. Hannchen sank auf einen Stuhl und saß erst einige Augenblicke regungslos; sie wußte nicht, sollte ste vor Erregung h Thränen oder in Gelächter ausbrechen.
„Nein," sagte ste, mit dem keinen zierlichen Füßchen dm Boden stampfend, „der wüste Mensch ist keine Thräne wert," und ste lachte hell auf. „GotteS Glück, daß das Ding da nicht geladen ist; in der Erregung könnte leicht «in Unglück geschehen. Einen Schaß Pulver ist übrigens," fügte sie leise hinzu, „der ganze Bursche nicht wert; mit welcher Feigheit er das Weite suchte; und in eines solchen Menschen Brust soll wahrhafte Liebe wohnen können! 0 ihr Männer," und sie lachte wieder, diesmal mit silberheller Stimme, laut auf, um dann, als sei nichts vor- Sefalleu, an ihre Arbeit zu gehen.
Der auf so eigentümliche Weise vor die Thüre gesetzte Förster umschlich das Haus bis zur Stelle, an ter sein Gewehr ruhte. Scheu sich noch einmal umsehrnd, warf er mit einem derben Fluche die Jagdflinte über den Rücken .*» Und schlug sich in den Wald hinein. Die bösesten Leiden- schäften durchzogen sein Gehirn, derart, daß eS ihn trieb, • ;2o4 ! die Waldstraße zu meiden, um nur keinem Menschen zu 120 begegnen; gar zu leicht hätte man an seinem Gesichte die 101: finsteren Gedanken ablesen können und ungestört und un- st gesehen mußte er sein, um flch zu erholen, um auf Rache iU sinnen.
„Ein verteufeltes Glück", knirschte er zwischen den Zähnen, „daß keine Menschenseele mich bei der erbärmlichen Szene überrascht hat. Als Wildfang ist mir daS Mädchen bekannt und als exzentrisch von seiner Jugend her, aber eine solche Entschlosienheit hätte ich ihm doch nie zugetraut. Ha, das hätte schön ausgesehen, der rote Julius, der kräftige Jäger, von Hannchen» Hand niedergeschoffen wie ein bissiger, wütender Hund. Doch warte nur, Du wildeS Mädchen, der häßliche Juliu» wird DirS entgelten. Also gehaßt hast Du mich von jeher und verachten wirst Du mich von nun ab noch dazu wegen meines Hasenhaften Mute». Still, still mein Kind, die Zeit bringt Rosen und mir meine Genugthuung."
Ein satanisches Lächeln glitt über Julius' Züge und mit dumpfer Stimme fuhr er fort, indem er seinen Schnurrbart in die Höhe zog und den Kopf hängen ließ:
„So wahr ich der rote Julius bin, der von allen Menschen gemiedene Förster, Du trotzige Waldhexe wirst mein eigen, ehe noch einmal die Bäume neue Blätter ansetzen ; anflehen sollst Du mich noch vorher, auf den Knien vor mir Dich krümmen wie ein getretener Wurm. H'," und seine Stimme wurde lauter und tönte heiser in den Wald hinein, während er im Vorgefühl eines teuflischen Vergnügens sein Hütchen nach hinten rückte und den borstigen Kopf wie siegesbewußt in die Höhe warf, „ein Heidenplaisier muß es fein, ein solch herrliches Geschöpf, einen solch niedlichen Trotzkopf an flch zu zwingen; ein eigentümlicher Reiz, der in meinen Augen den faden Begriff von Liebe hundertmal aufwiegt. Jawohl, Hingabe nennt man wohl Liebe, ober ermüdet sie nicht auf die Dauer mit ihrem ewigen Einerlei? Sicher, sicher I Doch dieses innere Sträuben, dieses Winden und Krümmen der Seele und doch der Gedanke, Du mußt Dich opfern, ha, das muß für mich eine
Wollust sein, ähnlich, wie wenn der Tiger das Herzblut seines gebannten Opfers mit rasender Lust und Begierde trinkt; Zerstören ist Genuß I"
Mit diesen Worten und um die Gedanken in die Wirklichkeit zu übersetzen, brach er herabhängende Aestchen, knickte er junge, emporstrebende Bäumchen, er, der Hüter deS Waldes. Droben in dem Gipfel einer prächtigen Eiche flötete eine Goldamsel ihre frohesten Weisen dem nistenden Weibchen entgegen. Mit langsamer Bewegung, um den lebensfrohen Sänger nicht aufzuscheuchen, nahm er sein Gewehr von der Schulter, legte es an die Backe und drückte ab. Ein Schuß hallte durch den Wald und in die Brust getroffen fiel das Tierchen zur Erde. Erschreckt und wehklagend flog das Weibchen in die Höhe und wie trauernd senkte sich die Sonne hinter eine dunkle Wolke. Lachend hob der Jäger den noch zappelnden in Todeszuckungen daliegenden Vogel auf und weidete sich, ihn an einem Flügel in die Höhe haltend, an seinem Hinsterben. „Fahr wohl und grüße mir deine Ahnen," und der tierische Mensch schlug den Kopf der Amsel an einen Baumstamm und warf ste in einen Brombeerstrauch.
Kreischend flog ein Käuzchen, durch den Schuß au» seinem Todeöschlaf aufgescheucht, über den Kopf deS Mörder» hinweg.
„Du kommst zu spät mit deinem Mahnruf für den Gesellen, du trauriger Totenvogel," lachte der Jäger; „bist übrigens keinen Schuß Pulver wert mit deiner krächzenden Stimme. Nur schade, daß deine Geschwister nicht nach Millionen mehr zählen, um desto häufiger abergläubische Kranke mit deinem „komm mit!" in Angstschweiß zu bringen."
(Fortsetzung folgt.)