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Marburg, Sonnabend, 8. September 1883.
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Eiu englisches Urteil über Deutschland.
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Marti» Luther als Anwalt eines Mörders.
bett „einflußreichen Parteien" Englands zu suchen hat, sondern sich, wie bisher, so auch weiter in allem wesentlichen auf die Sympathien französischer oder sonstiger „gut republikanischer" Kreise deS Auslandes angewiesen sieht.
Der Artikel der „Pall Mall Gazette", von dem wir bereits Notiz auf Grund eines Telegramms genommen haben, der aber bedeutsam genug erscheint, um eine ausführlichere Wiedergabe zu verdienen, führt aus:
„Dreizehn Jahre waren es gestern, daß daß französische Kaiserreich auf dem Schlachtfelde zu Grunde ging. Frankreich ward zur Republik, aber die Führung in Europa ging auf das deutsche Reich über. In der Republik deS Kontinents ist der kleinste Staat so gut wie der größte souverän, Belgien steht neben Rußland; alle Mächte aber wissen, daß der erste Platz am europäischen Areopag dem Stärksten unter ihnen gehört. Seit Sedan nimmt Deutschland diese Stellung ein; sein Anspruch darauf ward damals erprobt und seitdem niemals in Frage gestellt. Der letzte Jahrestag dieses entscheidenden Sieges findet Deutschlands Autorität kräftiger begründet, allgemeiner anerkannt als in irgend einer Epoche feit dem großen Krieg. Eine Suprematie, wie sie Deutschland genießt, fast ohne Vorgang an sich, ist noch einzig in der Art wie fie ausgcübt wird. Weder England nach Waterloo noch Frankreich nach Solferino, noch Kaiser Nikolaus nach Niederwerfung deS ungarischen Aufstandes übten einen ähnlichen Einfluß. Die meisten Männer, die in den Traditionen der Lehre von dem europäischen Gleichgewicht aufgewachsen find, würden cS für unmöglich erklärt haben, daß eine so ungeheuere Autorität in die Hände einer einzelnen Regierung gelegt worden sein könnte ohne ernsten Nachteil für den Frieden, die Unabhängigkeit und das allgemeine Wohlergehen Europas. Allein nach dreizehnjähriger Erfahrung der neuen Lage kann kein unparteiischer Beoabchter in Abrede stellen, daß das deutsche Uebergewicht im ganzen daS gesundeste Element in der europäischen Lage gewesen ist. Die deutsche Politik hat gelegentlich Irrtümer begangen, denn Deutsche sind sterblich wie andere Menschen, aber im ganzen hat Europa daS Vorhandensein dieser großen friedliebenden Kraft in seinem Zentrum zum Vorteil gereicht, und wenn eS gewiß wäre, daß dieselbe in der Zukunft mit derselben Weisheit und Zurückhaltung wie bisher gehandhabt werden würde, so würden nur wenige Männer außerhalb des engen Kreises französischer Politiker nicht geneigt sein Esto perpetua zu sagen. Eine so ungeheure Macht ist selten so gut angewendet worden jtittb England, welches jetzt Zeuge der ersten Folgen der Wiederbelebung französischer Thätigkeit in Madagaskar und Tonking ist, hat selten mehr die enormen Vorteile empfunden, welche gewonnen wurden durch den großen Sieg, der mit einem Schlage Frankreich von dem Kaiserreiche und Europa von der Ruhelosigkeit des französischen Ehrgeizes befreite. DaS Ideal der Zu
kunft des Kontinents ist die Vereinigung seiner Staaten zu einer großen europäischen Konföderation. In seinen Anfängen liegt dies Werk schon in der jetzigen Stellung Deutschlands zu den Mächten. Für das Herauswachsen von Ordnung und Gesetz aus einem anarchischen Zustand ist eS wichtiger, daß die Zentrumsmacht stark als daß sie in allen Punkten gerecht ist. Deutschland ist stark und wird jeden Tag stärker. Hinter Deutschland steht Oesterreich, hinter Oesterreich Italien, Rußland ist ein hundertjähriger Alliierter, Spanien ist begierig, dem großen Friedensbunde sich anzuschließen. Deutschland ist durch seine Verfassung, seine Lage, durch sein Temperament und seine Interessen daS einzige Land, das zur Leitung Europas berufen ist. England steht außer der Konkurrenz, eS ist astatische, afrikanische, australische Macht; Rußland ist ein asiatischer Staat, Frankreich strebt nach Macht jenseits der Meere. Deutschland nimmt ein befestigtes Lager im Mittelpunkt Europas ein und alle seine Interessen sind europäische, eS hat alles erreicht, was eS erstrebte, will nur den Frieden und ist deshalb die mäßigende Macht zwischen den Nationen; seine Politik ist die der Nichtintervention, illustriert durch daS Wort von den Knochen des pommerschen Grenadiers, gemäßigt durch die kräftige Handhabung der Funktionen des ehrlichen Maklers. Der Versuch, einen modus vivendi zwischen Oesterreich und Rußland in den Balkanländrrn und zwischen England und Frankreich in Egypten herbei- zuführen und dann alles gutzuheißen, waS die zunächst interessierten Mächte beschlosien haben, ist vielleicht keine heroische Politik, aber sie ist die nützlichste und friedlichste aller Rollen. Niemand weiß, welche Ueberraschungen die Zukunft bringt; wenn aber Fürst Bismarck das von ihm begründete Reich zur FriedenSstörerin machen wollte, müßte er alle Berechnungen zu Schanden machen, welche auf 13 Jahre der Ausübung einer nahezu diktatoriellen Gewalt an ver Spitze Europas mit besonderer Klugheit und Reserve gegründet sind."
Wir sind selbstverständlich nicht geeignet, diesem Urteil deS ministeriellen englischen Blattes, welches ebenso sehr durch die rückhaltlose Anerkennung, welche es Deutschland zollt, wie durch die scharfe Sprache, welche Frankreich gegenüber geführt wird, auffällt, eine übertriebene Bedeutung beizumessen. Für die englischen Sympathieen und Anti- pathieen, oder sagen wir beffer: für die englischen Freundschaften und Gegnerschaften sind mehr noch alö in irgend einem anderen Lande und geradezu ausschließlich die Gebote und Bedürfniffe der englischen materiellen Interessen maßgebend, und so kann es nicht Wunder nehmen, wenn England im gegenwärtigen Augenblick, wo eS die aus dem kräftigeren Aufschwung der französischen Kolonialpolttik ihm erwachsende Rivalität Frankreichs mit starkem Verdruß und mit einigen Befürchtungen empfindet, Anlehnung bei der Macht sucht, die für den traditionellen und — aller-
Litterarisches.
In dem Verlage von D. B. & T. G. Wiemann in Barmen, demselben, der die neu erschienene „Monatsschrift für christliche Volksbildung" vor kurzem inS Leben gerufen hat, erscheint soeben eine ebenso zeitgemäße als den zahlreichen Freunden des evangelisch-christlichen Schulwesens zweifellos höchst willkommene und für sie in hohem Grade wichtige Schrift: „Der deutsche evangelische Schulkongreß; seine Zwecke und Ziele, zugleich eine Einladungöschrift zum zweiten evangelischen Schulkongreß in Kaffel am 24. bis 27. September 1883." (Preis 50 Pfg., bet Partiebestellungen ermäßigt sich der Preis.)
Gegen Frankoeinsendung von 50 Pfennig in Briefmarken sendet die Verlagsbuchhandlung genannte Broschüre den Bestellern franko zu.
Der deutsche evangelische Schulkongreß hat durch die segensreichen Erfolge seiner Verhandlungen bei seinem ersten Zusammentritt in Frankfurt a. M. während der Tage vom 2. bis 4. Oktober 1882 einen mächtigen Anklang in der evangelischen Christenheit unseres deutschen Volkes gefunden und in den Herzen seiner Teilnehmer daS köstliche Gefühl hervorgerufen, daß Gott die Bestrebungen diese» KongreffeS sichtbar gesegnet hat. Wohl hat unsere christliche Kirche die Verheißung ihrer Dauer und es sollen die Pforten der Hölle sie weder erschüttern noch überwältigen. Aber diese Verheißung erfüllt sich nur dann in ihrem rechten Sinne für unser liebes deutsches Volk, wenn wir alle, die wir dazu berufen sind, unsere Schuldigkeit thun auf allen Gebieten im Staat, in der Kirche, in der Schule und im Hause. Der evangelische Schulkongreß ist auf dem sicheren Fundamente der göttlichen HeilSthaten und
’ orftbeint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS Somtürgttlatt" durch die Hpedition (lk o ch'fche Buch druck er ei) bezogen 8‘A durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 60 Pfg. (erd. Bestellgebühr) ->sertronSgebühr für bte gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 85 Pfg. berechnet.
„iaen nimmt entgegen: Kition d-Blatte». '.edÄnnonc-n-Bureaur
Dietrich u. Co. in la und Hannover; Th. Linssr°nkfurt°.M.; Knst-in u_V°Sler .«Hurt - Berlin, 5, Köln k.; Rudolf X in Berlin, Frank- fnrt M. re.
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ES ist geschehen. Nun bitte ich ganz unterthänig, Eure kurfürstliche Gnaden wollten hierzu auch ein gnädiges Mitleid mit unS allen haben und die Schärfe des Rechts nicht geschehen lassen. Es hat sich ja Meister Peter bis dahero und sonderlich zu Herzog Friedrichs Zeiten wohl gehalten und ist für einen redlichen Manu erkannt und gehalten, und kommt nun in seinen alten Tagen noch in solch Unglück, und sollte nun durch öffentlich Gericht seinen alten Kopf so schändlich am Galgen lasten, daS wäre ja doch erbärmlich. Wenn nun Eure kurfürstliche Gnaden als oberster Richter an GotteS Statt ihm wollten gnädig sein und ihm sein Leben gönnen (daS ohnehin auf die Neige geht). Das wäre meine und allerhoheste Bitte. Eure kurfürstliche Gnaden wollen um Christus willen hierin ein gnädiges Bedenken nehmen und dem elenden, verlastenen und hochbetrübten Mann Hüfe und Rat nach fürstlicher Güte erzeigen, wie Sie von GotteS Gnaden solche» zu thun wohl werden bewegt werden. Amen. 1535 Donnerstag in Ostern. Euer kurfürstlichen Gnaden unterthäniger Martin Luther, Doktor." Die Universität in ihrer Gesamtheit verwandte sich dann auch noch durch eine rührende Bittschrift für den Mörder. Infolge besten wurde Peter Beckendorf zuerst zur Strafe deS Schwertes, also zur Enthauptung, begnadigt. Darauf erließ Luther eine zweite inständige Fürbitte und er veranlaßte es wirklich, daß der Barbier nur zu einer Landesverweisung oder Verbannung auf zehn Mellen Entfernung verurteilt, also so gut al» gänzlich begnadigt wurde. Hätte Peter Beckendorf nicht die einflußreichen Universitätsgelehrten, und vornehmlich den Doktor Martin Luther, zu guten Freunden gehabt, dann wäre er wohl schwerlich der Todesstrafe so glücklch entronnen.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d.Annoncen-Bureemx von <8 L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Henttäusche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin: W. Thiene» in Elberfeld: 6. Schlotte t» Bremen.
~ Die „Voss. Zig." hatte eS sehr mißliebig bemerkt, daß • - ».lfsS Telegraphisches Bürean „eS für angezeigt halte, 1 - ^ Beweise dafür, daß man im AnSlaude gegen die friedeu-
' .zmenden Elemente in Europa, als welche Frankreich und - Üißland bezeichnet werden, in der äußeren Politik de» - Men Bismarck und in dem verbündeten deutschen Reiche ■ - ^ Gewähr des Friedens sehe, die Urteile heranzuziehen, ’ " tLyje darüber im AuSlande laut werden", und hatte speziell
- M Wiedergabe eines Deutschland und dem Fürsten Bismarck - Ljeuiiber sehr sympathisch gehaltenen Artikel deS „Standard" - Kg die Sedanfeter mit dem Bemerken bemängelt, daß es
1 wünschenswert wäre, wenn das „W. T. B." für solche BriäMegramme, die die herrschende Stimmung des Auslandes Weben sollen, sich die tonangebenden und die Stimmung Meter Kreise wiederspiegelnden Blätter aussuchte". Daß ijto deutsches Blatt die Mitteilung eines wohlwollenden Pleils eines bedeutenden englischen Blattes über die auS- Ljrtiße deutsche Politik und den Ausdruck des Vertrauens ^genüber dieser Polllik mit unverkennbarem Verdruß zurück- Eft, kann an sich als auffallend bezeichnet werden; jeden- ft» ist es eine unberechtigte Unterstellung, daß das Urteil Eg .Standard" prätentiös als die Stimme der „öffentlichen Meinung" und nicht lediglich als das, was er war, d. h. W das Urteil des einflußreichsten konservativen Organs h England geboten wäre, und der Thatsache gegenüber, Uß wir vor allen Dingen von der „Vost. Ztg." selbst, Ae man als den — allerdings sehr vorsichtigen und äußerlich respektablen — Moniteur der europäischen Demokratie sizeichnen kann, über alle Gedanken, Auffastungen und Pläne «r europäischen Revolutionsparteien, soweit dieselben die Orfsentlichkeit vertragen, in der allergründlichsten Weise auf ton Laufenden erhalten werden, kann eS doch eigentlich
Am Osterabend deS Jahre» 1535 geriet der UniversitätS- barbier Peter Beckendorf zu Wittenberg mit seinem Schwiegersohn Dietrich Freienhagen in einen heftigen Streit. Sie itotten sich eine Weile und zuletzt wurde der Barbier so vLtend, daß er ein Brotmester ergriff und den Mann seiner Achter erstach. Freienhagen war auf der Stelle des Tode«. Der Mörder wurde sogleich auf Anordnung de» Stadt- michts in Haft genommen und e» trat, nach dem damaligen Stauche, der Scharfrichter al» Ankläger gegen ihn auf. Peter Beckendorf aber, der, wie e» scheint, al» Barbier sich sie Hochachtung der gelehrten und hochwürdigen Universt- ti'ihkrren zu erwerben verstanden hatte, rief zu seinem Manbe keine geringeren Persönlichkeiten auf, als den Doktor Martin Luther, sowie besten Freunde Philipp Melanchthon, Doktor Cruciger und noch andere Herren ReformationSzeit. Al» daS Stadtgericht die Akten .3?" den Vorfall gefchlosten und an den Leipziger Schöppen- $ MHI gesandt hatte, fällte letzterer das Urteil, daß der » Sarbier zur wohlverdienten Strafe und anderen zum 14k tarnenden Exempel vermittelst de» Rade» vom Leben zum l»1 «be gebracht werden solle. Luther erließ nun in dieser ~ sinnlichen Halsgerichtssache an den Kurfürsten Johann 0 Medrich da» folgende Bittschreiben: „Gnade und Friede 1# « Christo 1 Es werden Eure kurfürstliche Gnaden nun gjgeiD lsider wohl erfahren haben, wa« der böse Geist uns jetzt a J» Osterabend hat zugefügt mit dem jämmerlichen Fall ' i£ Aister Peters zur großen AergerniS der Freunde deS N Mangclii. Ich weiß selbst schier nicht, waS und wie ich -***' Mrin Euer kürsürstlichen Gnaden schreiben und bittm soll.
1 3» »icht als ungehörig bezeichnet werden, wenn von anderer - Seite auch die konservativen und für da» monarchische Ge- I ßhl erquicklichen Stimmen deS Auslandes zur Geltung - Bracht werden. Indessen hat sich der offiziöse Telegraph - tollt, dem von dem forstchrittlichen Organ geäußerten I Wunsch nach Vollständigkeit zu entsprechen, und dem Urteil _ to offiziellen konservativen Organs daS ebenfalls gelegentlich — der Sedanfeier geäußerte Urteil eines offiziösen liberalen - «iglischen Organs, der zu dem Premier Gladstone in in- ” timen Beziehungen stehenden „Pall Mall Gazette" folgen I l-ssen. Ob diese Ergänzung in der Richtung der Erwar- - hingen und der Bedürfnisse de» patriotischen deutschen BlatteS - I ^gefallen ist, ist eine Frage, mit deren Beantwortung - dir unS nicht zu beschäftigen brauchen; jedenfalls kann " noch dieser Auslastung des genannten englischen Blatte« I lonstatiert werden, daß die freudige Versagung der An- - । nkennung, welche deutsche Blätter von der Richtung der - 1 ,Voff. Ztg." auch gegenüber der Politik des Fürsten Bismarck ~ । füt ihre Grundpflicht halten, ihre Bundesgenossen nicht in