xvm. Jahrzmg.
Marburg, Donnerstag, 6. September 1883.
nunft ihnen unbezwinglich entgegentreten. — Der Bunde-rat hielt heute mittag im Reichsamt deS Innern eine Sitzung ab. Auf der Tagesordnung standen zunächst Mitteilungen über die Beschlüsse des Reichstags in betreff der toter« nationalen Fischerei-Konvention und des Handelsvertrag» mit Spanien, sowie in betreff der Petitionen wegen Ermäßigung des Zolls auf Rosinen und Korinthen. E» folgten dann ein Antrag, betreffend die Dechargierung der Kasse deS Rechnungshofes für 1881/82, und der mündliche AuSfchußbertcht, betreffend die Abänderung de» amtlichen Warenverzeichnisses in bezug auf Weinbeeren und Weinmaische. — Nach den in Italien zum Schutze gegen die Einschleppung der Cholera aus Egypten bestehenden Quarantänevorschriften sind die auf dem Wege über Suez eingehenden Briefsendungen aus Ostindien, China, Japan, Australien rc., sowie die Briefe rc. aus Egypten, bei der Ankunft in italienischen Hafenorten einem besonderen Durch- räucherungSverfahren unterworfen. Nach Beendigung dieser Prozedur werden diejenigen Briefe, deren Umschläge auS gewöhnlichem Papier hergestellt sind, ohne weitere Verzögerung nach dem Bestimmungsort befördert; dagegen dürfen Brieffendungen in Umschlägen an» Leinwand nach Bestimmung der Königlich italienischen Sanität»« Behörde erst nach Verlauf von 14 Tagen weitergesandt werden. Durch diese vorübergehend in Wirksamkeit gesetzte Maßnahme würde sich erklären lassen, wenn bet der Beförderung der Briefsendungen in Leinwandumschlägen Süden genannten Ländern Verzögerungen gegenüber der gewöhnlichen UeberführungSdauer rtntreten sollten. — Der „Reichs-Anzeiger" publiziert die Ergebniffe de» Reich«- Haushaltsetats für das Etatsjahr 1882 nach dem Final- abfchluffe der ReichShauptkaffe. Danach sind bei der Heeresverwaltung 1535000 M. weniger verausgabt worden, als der Anschlag betrug, bet den Marinefonds 452 000, bei der ReichSjustizvrrwaltung 144000, bei der Reichspost« Verwaltung 227000 M. weniger. Im Reichsschatzamt (einschließlich der Reichsschuld und der Zivilpenflonrn bei dem allgemeinen PenstonSfondS) ist ein Minderbedarf von überhaupt 760000 M. eingetreten, wovon 428000 M. auf die Verzinsung der Anleihe und 282000 M. auf die Verzinsung der zur vorübergehenden Verstärkung deS ordentlichen Betriebsfonds der ReichShauptkaffe aufgenommenrn Mittel entfallen. Die übrigen bei den Hauptabschnitten der Ausgabe vorgekommenen Abweichungen vom Etat haben einen Mehraufwand von 98000 Mk. ergeben. Im ganzen sind an den hier in Betracht gezogenen Ausgaben 2 547 316.79
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Deutsches Reich
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©erlitt, 4. Sept. Gegenüber dem „Journal des De- jjtä", welches behauptet hatte, der Grundzug der deutschen Politik bestehe in dem Bestreben, Frankreich zu isolieren, Leibt die „Nordd. Allg. Ztg.: Unter den Stimmen der Pariser Preffe hat das „Journal deS DebatS" in der Anstichen Meinung stets einen hervorragenden Platz ein« «nommen, und es ist demzufolge durchaus verständlich, ______ genn auch eine dieser Tage von ihm veröffentlichte kritische
Eiterung der deutschen Politik in den großen Journalen W Auslandes größere Beachtung gefunden hat, obwohl die - -- tQtin entwickelten Gesichtspunkte vor einet objektiven Prü- juug der Thatsachen in keiner Hinsicht zu bestehen vermögen. PS den eigentlichen Grundzug der deutschen Politik be- uXri iil ikichnel der Artikel der „DebatS" das S-reben, Frankreich - isolieren, indem sie mit Geschick und Erfolg die Änderung anderer Mächte an Frankreich zu vereiteln suche. , . $on der hohen politischen Bedeutung des „Journal deS )USC1M xchatS" würde nun mit vollem Recht die Begründung
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chme biih jenes Axioms aus der politischen Geschichte deS letzten Jahr- Dts beansprucht werden können; ein solcher Beweis erscheint jedoch durch die Ereigniffe selbst auSgeschloffen und ist deshalb von den „DebatS" auch nicht versucht worden. Eine auf Thatsachen und Handlungen beruhende, nicht auS _______den Eingebungen sentimentaler Affekte fließende Beurteilung deutschen Politik seit dem letzten Kriege würde im Gegen-
tdl nur die wohlwollende und entgegenkommende Haltung
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zu konstatieren in der Lage fein, welche Frankreich in allen Fragen der auswärtigen Politik seitens Deutschland» er- sahrm hat, und welche auch in Zukunft sich überall be- zwar ch^igen wird, wo die französische Jntereffensphäre sich in
; «öden, sondern nachweisbar einzig und allein in der bald n J hütet, bald mäßiger hervortretenden Neigung französischer ls£Dtu Stimmen, einen Vertrag, deffen NechtSverbindlichkeit sie
kgitimer Weise geltend zu machen bestrebt ist. Für da» Verhältnis Frankreichs zu Deutschland selbst beansprucht ambttK das letztere nichts Anderes, als das Festhalten an der H Merrechtlichen Basis, welche der Frankfurter Friede zwischen «4ÜM ^iden Nationen geschaffen hat, und welche, beiderseits ", ehrlich und offen respektiert, eine dauernde Bürgschaft der , bei Wichsten und besten Beziehungen der Nachbarreiche zu 0 Pf- i1 feien geeignet wäre. Die vorübergehenden Trübungen der jegenscitigen Stimmung haben ihre Quelle nicht entfernt luressi «jenen nicht existenten geheimnisvollen politischen Schach- Kgen, welche die „DebatS" der deutschen Politik zuschreiben
mit Gründen der Vernunft und de» Rechtes nicht anzufechten im stände sind, unter dem Einfluffe nationaler Empfindlichkeit als ein Provisorium hinzustellen, daS bei nächstbester Gelegenheit zu brechen als eine Art von nationaler Ehrenpflicht gepriesen wird. Eine derartige Auf- faffung internationaler Rechtsverhältnisse, zu allgemeiner Anwendung gebracht, würde aber daS Chaos, den unaufhörlichen Krieg aller gegen alle zur unvermeidlichen Folge haben, und nicht bloß das engere Jntereffe Deutschlands, sondern daS der gesamten zivllisterten Welt muß sich gegen den Versuch auflehnen, geltende Verträge auf solche Weise in Frage zu stellen. Frankreich selbst hat die Wohlthat dieses Respekts vor dem öffentlichen Recht ungetrübt so lange genoffen, als es im rechtlichen Besitze der Grenzländer sich befand, die eS seiner Zeit unter Benutzung günstiger Verhältniffe dem Deutschen Reiche entriffen hatte. Und wir verlangen von Frankreich nur, daß eS den durch die Gerechtigkeit der Geschichte und die Verträge gewordenen Bestand rückhaltlos anerkenne, um dauernd freundschaftliche Beziehungen zu ihm zu unterhalten. Es liegt also nur an Frankreich, sein Verhältnis zu Deutschland friedlichst zu gestalten. Ob dagegen Frankreich einen Versuch, den gegenwärtigen Rechtsbestand zu verändern, isoliert oder mit einem halben Dutzend Verbündeter unternimmt, darf für Deutschland nie in Betracht kommen; unter allen Umständen gilt dann nur daS Gebot deS FesthaltenS bis auf den letzten Mann. Wohin sonst die französische Nation auch ihre Blicke wenden mag, um die Grenzen ihres EinfluffeS zu erweitern, nirgends werden sie deutscher Rivalität begegnen; die Wünsche Deutschlands beschränken sich auf sein gutes Recht, welches fest- zuhalten unser Volk allerdings unerschütterlich entschloffen ist. Einer beabsichtigten Störung deS Friedens kann Deutschland deshalb nicht bezichtigt werden; dieser Vorwurf kann nur diejenigen treffen, welche unermüdlich die Hoffnungen eines großen Volkes auf unerreichbare, illegitime Ziele zu richten bestrebt sind. Alle Staatsmänner, welche feit dem Frankfurter g-rieben die Geschicke Frankreichs geleitet haben, sind in der Lage zu bezeugen, daß die auswärtige Politik ihres Landes von deutscher Seite stets aufs wohlwollendste behandelt worden ist. Diese Politik ist keineswegs arm an Erfolgen, welche dem französischen Nationalgefühl ebenso wie den materiellen Jntereffen der Nation zu gerechter Genugthuung gereichen können und ihre Ergebniffe selbst sollten vielleicht am dringendsten davon abmahnen, die Ziele der nationalen Entwickelung in einer Richtung zu suchen, in welcher trotz aller Zuversichtlichkeit der Revancheprediger Recht und Ver-
)0 Mark, ff. bei litt®
[Nachdruck »erboten.]
St. Helen« nvd Seßn«.
Von Robert von Hagen.
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. ... 6 Es war just am 1. September vor 11 Jahren, ich ’ tianb mich damals in London, als ich in einem stillen ™ hause der Hill-Street nächst den Kensington-Garden« eine «eine Wohnung bezog. Die Besitzerin des Hauses, eine «iva fünfundfechSzigjährige ehrwürdige Matrone, Miß Julie demar. 8oon, lebte äußerst zurückgezogen; ein alter Diener besorgte ----- ile Obliegenheiten.
------" Am nächsten Tag, dem Sedantag, der auch in London •t£h| Ion den Deutschen eifrig gefeiert wird, hatten sich einige w reunde und Bekannte bei mir Rendevous gegeben; wir
t.rt Een ein Gläschen zur Feier des Tages leeren und uns ivtaruuM Hann gemeinschaftlich nach der Turnhalle der Deutschen,
»r. 44.
1883.
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Miß Goon war eine achtunggebietende, imponierende
hm Hauptfestplatze, begeben. So geschah eS auch. Die «tten kamen pünktlich — die Flaschen wurden entkorkt, ein „i »ch auf Kaiser und Deutschland folgte dem andern — 1011 ir üblichen Tusche auf dem Piano fehlten nicht, ebenso adbar 101 jene patriotischen Lieder, die allda erklingen, wo auch IS ’it drei oder vier Deutsche fröhlich beim Glase Wein bei- 10t Annen sitzen. DaS stille HanS in der Hill-Street hatte nk 101 ivhl noch nie solch fröhlichen Lärm in seinen Mauern erlebt l 66 Waren ja doch erst zwei Jahre seit dem eigentlichen Sebantage verflossen und war man sich doch eigentlich nun 108 Ist so recht der hohen Bedeutsamkeit desselben bewußt ge-
Was Wunder daher, wenn — aufrichtig gesagt — am ichstsolgenden Tage daS Gedankenwerk erst ein wenig in 295 Ebnung gebracht werden mußte. Bei diesem Bemühen Loose 97 i mir denn unter anderem auch ein, daß eSjmeinesnächste sticht fei, bet Dame des Hause» meine Aufwartung zu Men und mich wegen der gestrigen Unruhe und Störung , Nhrend zu entschuldigen. Ich brachte mein noch etwa» tru*71 iderspcnstigeS Haar und btto — englisch in Ordnung, --" tote der Dame meine Karte und wurde empfangen.
Erscheinung. Sie hatte so zu sagen etwas Pornpadour- artigeS an sich. Unter der traditionellen englischen Witwenhaube quollen dichte silberne Locken hervor, ein um die Schultern geschlungenes schweres Spitzentuch wurde vorn von einer Broche gehalten, welche das von Brillanten eingefaßte Portrait Napoleon I. enthielt.
Miß Goon entdeckte bald, daß die englische Sprache nicht meine Stärke fei, und war erfreut, als ich die französische wählte. Sie war dieser durchaus mächtig, kein Accent verriet bei ihr die Engländerin. AIS ich ihr darüber meine Bewunderung auSsprach, erhob sie stolz den Kopf und ihre Augen strahlten in fast jugendlichem Feuer, indem sie sagte: „Ja, mein Herr, das weiß ich — ich spreche ein gutes, elegantes Französisch, würdig deS großen, mächtigen Meisters, der eS mir beigebracht hat!"
„Und wie nannte sich Ihr Meister?" fragte ich gespannt, „verzeihen Sie mit diese Neugierde, Madame."
„ES war," erwiderte sie mit ernster Würde, — „eS wat der Onkel desjenigen, deffen Gefangennahme und deffen Fall Sie gestern hier in diesen Räumen gefeiert haben I"
„Wie, Madame, es wäre wohl etwa gar Napoleon der Erste selbst gewesen?" rief ich und trachtete, ein sich mit aufdringmdeS ungläubiges Lächeln zu überwinden.
„Ja, mein Herr, dieser und niemand Geringerer war eS, der mir französischen und Zeichnen-Unterricht erteilt hat! — Wohl sind eS bereits über 50 Jahre her, indes lebte ich nach feinem Tode längere Zeit in dem schönen Frankreich und so habe ich denn meine LieblingSsprache fleißig üben Hünen und nicht vergessen."
„Merkwürdig, ungemein merkwürdig!" rief ich einmal über daS anderemal. „Madame, wenn es nicht unbescheiden wäre, würde ich Sie bitten, mir gelegentlich näheres übet Ihre Lehrzeit mitzuteilen."
„Herzlich gerne mein Herr. Ich schwelge nur allzu gerne in bet Erinnerung an meine so glückliche Jugendzeit. Haben Sie Zeit? Nun gut, folgen Sie mit ein Halbjahrhundett von jetzt an zurück und hören Sie:
Mein Vater war, als Napoleon am 16. Ott. 1815
auf bie Insel kam, Sergeant im 66. Regiment, welch«» St. Helena zur Garnison hatte. Er that Ordonnanzdienste beim Gouvernement, unb et war es, welcher später die für Napoeleon einlangenden Briefschaften, nachdem sie von dem abscheulichen Gouverneur Hudson Lowe durchgesehm warm, in einem zweiten Couvert verwahrt, dem Gmeral Berirand in Longwood zu überbringen hatte. Ich wat damals zwar erst ein achtjähriges Kind, indes war mein Jntereffe an dem hohen Gefangenen kein kleines. Aufmersam lauschte ich den harten Worten meine» Vater«, wenn derselbe nach vollbrachtem Dienst nach Hause kam und der Mutter immer und immer wieder erzählte, wie die Behandlung de» General Bonaparte — denn nut so durfte er genannt werden — seitens des Gouverneurs eine ganz barbarische zu nmnen sei, unb daß kein Tag vergehe, ohne daß Hudson Lowe eine neue moralische Tortur für den ehemaligen Kaiser ersinne. Napoleon war bereits über ein Jahr auf St. Hriena. Ich hatte ihn nur ein einzige« Mal und die» bloß au» der Ferne gesehen, al» er mit dem Gmeral Montholvn einen Spazierritt auf dem ihm eng zugemessenen Terrain machte. Mein Jntereffe für den (gefangenen stieg immer mehr, je älter ich wurde. Da eines Tag«, ich hatte im Garten die letzten Rosen zu einem Strauß gebunden, um sie der alten Mutter unseres Lehret«, die krank wat und Rosen liebte, zu bringen, und wat eben am Fuße de« Hügel« von Briar» angelangt, da erbebte und erzitterte ich an allen Gliedern, Napoleon, mit General Las Casa« um eine Ecke kommend, stand vor mir. Mein kindlichheißester Wunsch war erfüllt. Mit einer Geistesgegenwart, die oft nur Kindern gegeben ist, brachte ich eine Idee, die mir blitzschnell gekommen war, zur Ausführung. Ich machte zuerst einen tiefen Knix. Der Kaiser betrachtete mich freundlich lächelnd und fragte: „Wohin des Weges, mein Kind, mit den schönen Blumm?".
„Sir", antwortete ich, „armer Sir — bitte, bitte, nehmen Sie diese Blumen — ich schenke sie Ihnen — weil Sie so unglücklich sind", und dabei reichte ich ihm den Strauß. Et nahm ihn mit Rührung an, dankte und küßt« mich auf die Stirne. (Schluß felgt)