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Marburg, Sonnabend, 18. August 1883.

XVIII. Jahrgang.

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»4hm sich um Gottes Willen der Bedauernswerten an, bis Re wieder hergestellt. Als dann im Frühjahr jenes Hetde- biuschen, das bis dahin ein menschenscheuer Altenteilsmann, bewobnt, zum Verkauf kam, erstand eS die gewandte AuS- Mdeitn mit ihren Ersparnissen und legte darin eine Gast-

Altmärlifche Dorfgeschichte von Hermann RobolSky.

Ob wohl nicht zu Zeiten des Markgrafem Gero auch diese Bahn über die Heide viele der stolzen Wendenfürsten »ezogen sind, die — dreißig an der Zahl — in der Burg Tvltwedel beim Blutgastmahl um die Mitte des 10. Jahr« hunderts meuchlerisch ermordet wurden?

Unzweifelhaft sind diese sterilen Bodenflächen, auf denen selbst die genügsame Kiefer nur ein kärglich Dasein fristet, schon Ausläufer der endlosen Lüneburger Heide. Jetzt durchdonnern ja der Eisenbahn gewaltige Züge von Zeit i« Zeit die ungastlichen dunklen Strecken; aber sowie die langen Wagenreihen in der Ferne verschwinden, lagert wieder jene fast beklemmende Stille über dem braunen Heidemeer.

Kampf das ihm angethane Unrecht räche und sich auf diese Weise Genugthuung verschaffe. Man sucht das Duell mit den Gründen zu rechtfertigen, welche für den Krieg geltend gemacht werden, aber mit Unrecht. Denn der Krieg, wenn er als Verteidigungskrieg feine Berechtigung haben soll, ist immer eigentlich Notwehr, weil unter Völkern keine andere Entscheidungsinstanz existiert. Für den Streit unter den einzelnen Menschen bestehen aber solche Instanzen, an welche sich der Angegriffene wendet. Bei Angriffen auf Geld und Gut sind eS die Gerichte — und für die Angriffe auf die Ehre sind eS oder können es sein die Ehrengerichte — ein Krieg ist hier als Notwehr nicht nötig und als Blutrache ist der Zweikampf oder daS Duell nach christlich - sittlicher Anschauung verwerflich und ist deshalb auch von der ge­samten christlichen Kirche verworfen, in der katholischen Kirche steht die Strafe der Exkommunikation darauf. Zu einer Wiederherstellung der beleidigten Ehre ist daS Duell durchaus nicht fähig, weil sein Ausfall ja nicht als ein göttliches Gericht anzusehen ist, da eS nicht blos sehr leicht vorkommen kann, sondern auch thatsächlich vorkommt, daß gerade der unschuldige Teil in dem Duell fällt und der schuldige als Sieger daraus hervorgeht. Kann man nun sagen, die angefochtene Ehre eines Mannes sei wiederher­gestellt, wenn er entweder als Leiche oder als Krüppel aus dem Duell hervorgeht? Nimmermehr, denn der Erweis deü Mutes, den daS Duell erfordert, kann keineswegs zu­gleich als Beweis der Ehrenhaftigkeit angesehen werden. Denn „Mut zeiget auch der Mameluck." Aber ebenso wenig läßt sich sagen, daß die Ehre des Beleidigten gerächt und daS ihm zugefügte Unrecht gesühnt sei, wenn er selbst in in seinem Blute liegt und ihm also zum Schaden an seiner Ehre auch noch der Schaden an Leib und Leben zugefügt ist. Die Ehre kann in Wahrheit nur wieder hergestellt werden, wenn durch eine Untersuchung klargestellt wird, daß daS, was zu ihrer Schädigung gesagt oder gethan worden ist, 'zu unrecht gesagt oder gethan ist, und wenn diese Thatsache durch ein Ehrengericht deklariert, und dem Gegner eine Strafe dafür aufgelegt wird. Zum Begriff der Ehre gehört wesentlich das sittliche Urteil der Gesell­schaft und des Standes, in deffen Mitte man lebt. Ist durch eine Ehrverletzung dieses Urteil über eine Person erschüttert oder zweifelhaft gemacht, so wird eS allein nur durch Konstatierung des Sachverhalts, bet der diese Ge­sellschaft mitwirkt, nicht aber durch ein dem Zufall und der größeren oder geringen Geschicklichkeit in der Hand­habung der Waffen unterworfenes Duell wieder korrigiert.

Aufgabe der sittlichen Gesellschaft muß eö sein, die Ehre ihrer Mitglieder zu schützen — nicht durch den bar­barischen Zufall des Duells, sondern durch Bestrafung bez.

wirtschaft an, die sich nun, vollend« da die dunkeläugige Amelie erwachsen, ziemlichen Zuspruchs erfreute. Es mußte ein seltsame Ausdauer beanspruchendes Werk des früheren Besitzer« gewesen sein, die kleine Einsiedelei inmitten der Oede so herzustellen, wie sie sich jetzt den Blicken darbot. DaS Häuschen war ja nur einfach und einstöckig; aber das ganze Gewese bot doch mit seinen mühsam dem Boden abgerungenen Anlagen einen nicht unangenehmen Eindruck. Eine Oase in der Wüste 1 Zwei weißschimmernde, stark mit schützendem MovS überzogene Heidebirken ließen welch ihre zarten, unregelmäßig in einander zerflirrten Zweige über dem Eingang des Hanfe- herniederhängen, ohne indessen den Zutritt im gerinsten zu hemmen. Wilder Wein rankte an den Fenstern, sorgfältig von den klaren Scheiben fern­gehalten, bis auf den First des Daches empor, und am Giebel deS Gebäudes hatten Stare in den dort angebrachten Nistkästen ein kleine- Reich für sich gegründet. Das fang und jubilierte in den Tag hinein und freute sich feines sorgenlosen Dasein«. Und wenn dann auS der Gaststube die schlanke Amelie mit sonorer Altstimme eine ihrer fran­zösischen Chanson« erklingen ließ, wie sie e« die Mutter gelehrt, wenn sie im Siebe ihrer schönen Normandie ge­dachte und wie vom Heimweh befangen die Schlußstrophe wiederholte:

„C’est le pays, qui m’a donne le jourl1) dann fiel auch der muntere Bluthänfling, der im schlank gewachsenen Wachholderstrauch de« einfachen GärtchenS sein Heim ge­funden, um die Wette mit in den Sang ein.

AbendS saßen oft bei schönem Wetter am blank ge­scheuerten Tannentisch vor dem Häuschen die Bauersleute au« den Nachbardörfern und unterhielten sich von Saat, Ernte, Vieh und allen solchen Dingen, die den Landmann einmal am meisten interessieren. Frau Bonnet hörte dann

‘) DaS ist da« Land, wo ich geboren.

Ausstoßung derer au« ihrer Mitte, welche die Ehre der anderen antasten. Aber welcher sittliche Sinn kann darin liegen, daß der Beleidiger als ehrenhafter Mann in der Gesellschaft lebt, während der, dessen Ehre er geschädigt hat, von ihm erschoffen im Grabe liegt? Gerade bei dem Duell muß die Gesellschaft mehr verantwortlich gemacht werden, als der einzelne, welcher inmitten dieser Gesellschaft ihrem Urteil unterworfen ist und den sein Stand vielleicht als ehrlos ausstößt, wenn er sich weigert, ein Duell ein­zugehen. Deshalb sollte man auch bei der Beurteilung des amerikanischen Duells v. Putlttz dessen eingedenk sein, daß die Hauptschuld nicht auf ihn und den jüdifchen Referendar, fondern auf die Gesellschaft fällt, welche ihre Mitglieder unter dem Wahn erhält, eS sei da- Duell ein Mittel zur Wiederherstellung der angefochtenen Ehre. ES muß zwar von jedem Christen gefordert werden, daß er unter allen Umständen für die sittliche Wahrheit gegenüber menschlichen Irrtümern eintritt — auch dem Duellwesen gegenüber, und eS ist nicht zu leugnen, daß ein höherer Mut dazu gehört, diesem Wahn entgegenzutreten, als stch einer Degenspitze oder einem Pistolenlaus gegenüber zu stellen — aber eben deshalb sind die, welche stch diesem Wahn unterwerfen und ihm erliegen, auch milde zu beur­teilen. Die Gesellschaft aber, die solchen Wahn hegt und ihre Mitglieder unter den Bann derselben stellt, sollte vor allem an ihre Brust schlagen. Mit dem bloßen Bedauern ist es hier nicht gethan. Gerade dieser Fall, wo ein edler, ritterlicher deutscher Mann dem blutigen Duellwahn in Gestalt des amerikanischen Duells mit einem jüdischen Referendar zum Opfer gefallen, sollte ein Weck- und Mahn­ruf für unsere christliche Gesellschaft fein, endlich diese bar­barische, mit keiner geläuterten Moral zu rechtfertigende Sitte des Duells abzuschütteln. ES wäre schon viel ge­wonnen, wenn sich innerhalb der Kreise, in denen bisher das Duell heimisch war, Gruppen bildeten, welche dasselbe bei sich abschafften und bei der Gesamtheit bekämpften. Ein durchschlagender Erfolg ist aber so lange nicht zu erwarten, als daS Duell auf den Universitäten und in der Armee noch geduldet oder gar gefordert wird; aber wenn nur erst daS christlich sittliche Bewußtsein stch einmal mit Energie erhebt gegen diesen alten Wahn und er erst einmal all­gemein in seiner sittlichen Grundlage erschüttert ist, dann wird er auch äußerlich stürzen müssen. Die persönliche Ehre und Ehrenhaftigkeit würde aber dann in Ehrengerichten, die mit der ganzen Hochschätzung, welche das Christentum der Persönlichkeit und der Ehre als der sittlichen Zusammn- faffuttg der Persönlichkeit erweist, gehandhabt werden müffeu, eine bessere Pflegestätte und Schutzwehr haben, als an dem

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aufmerksam dem fremdartigen Dialekt zu und stellte nicht selten die spaßigsten Fragen an die Erzähler, wenn sie da« oder jene« Wort in plattdeutscher Sprache mit dem besten Willen nicht begreifen konnte. Dabei kamen auch Wort- verdrehungen zu stände, welche zum tollachen waren.

So erklärte ein Grundbesitzer gerade, daß er leider seine alte Mär', die ihn in früherer Zeit so oft getragen, töten lasten wüste, well sie fast keine Zähne mehr habe.

Die Wirtsfrau horchte hoch auf. Unmöglich! „O, Barbar," wie« sie aufgebracht den Sprecher zurück; „assassiner la propre mere? C’est donc horriblei“1)

Die hinzukommende Amelie stiftete aber schnell wieder durch ihre Aufklärung Frieden, während die Landleute stch vor Lachen nicht mäßigen konnten.

Frau Bonnet mochte etwa 40 Jahre alt fein. Sie war aber immer noch eine ganz hübsche Frau. Die tief- schwarze Farbe ihre« Haares wetteiferte mit den glänzenden Flechten der Tochter, und dunkle Augen hatten die beiden Südländerinnen, daß sie'« den Männern wohl anthun konnten. Während die Mutter schon etwa« korpulent er­schien, war Amelie schlank wie eine Tanne, doch sah man ihrem Körper unver kennbare Kraft und Elastizität an. Der etwas dunkel angehauchte Teint harmonierte zu der ganzen Erscheinung des Mädchen«. Blitzten die feurigen Augen­sterne im Eifer auf, bekam da« Gesicht einen fast männ­lichen Zug. So etwas wie Energie, beinahe Trotz, lag dann in den Zügen, daß man kalt zurückschrak. Wenn die junge Französin aber wieder lachte, was sie oft that, gewann sie sofort von neuem. Eine Reihe perlweißer Zähne dickte bann zwischen den glutroten Lippen hervor, daß man sie nicht prächttger denken konnte.

(Fortsetzung folgt.)

’) Die eigene Mutter töten? Da« ist ja entsetzlich!

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DaS Duell.

Die allgemeine Teilnahme, welche das tragische Ende eine« edlen, zu den schönsten Hoffnungen berechtigten und mi einer glänzenden Laufbahn sich anschickenden ManneS — de« Professor v. Putlitz, findet, sollte nicht bei Worten deS getanem« über den Gefallenen und deS Unwillen« über ijen, welcher diesen Mann in den Tod getrieben hat, stehen bleiben, sonoern der Sache, um die eS stch hier handelt, etwa« tiefer nachdenken. Werfen wir die Schuldfrage auf, fo muß man ja zwar sagen, daß eS ein widerwärtiges Ge- bahren ist, wenn jemand einen anderen zum Zweikampf herausfordert mit der gleichzeitigen Erklärung, daß et zu tiefem Kampfe unfähig sei und deshalb statt deS Kampfes den durch Los zu bestimmenden Selbstmord verschlägt. Mag MN dieses Würfeln um ein Menschenleben noch so wider­wärtig und verwerflich finden, so muß man stch doch sagen, daß es immerhin eine wenn auch noch so wahnwitzige Form deS Duells ist — und wer dieses billigt, hat im Gründe kein Recht, stch so sehr übet daS amerikanische Duell zu ereifern. Auch daS Duell ist ja ein Würfelspiel uins Leben und daS amerikanische ist nur eine Konsequenz desselben, und stellt al« solche nicht bloß die sittliche Ver­werflichkeit, fondern auch die Absurdität desselben in ein rett grelles Licht.

Jedes ernsthafte Duell, — die Komödie des franzö­sischen JournallstenduellS und die moderne Farce unserer deutschen Studentenmensuren rechnen wir nicht dazu — ist ein Würfelspiel um Tod und Leben, daS um so korrekter P, je gleichmäßiger die Chancen der Geschicklichkeit verteilt sind. Daß ein gewöhnliches Pistolenduell mit oder ohne Zuthun der Beteiligten meist im Sande verläuft und zur Komödie wird, daS amerikanische Duell aber mit unerbitt­licher Konsequenz dazu zwingt,' Ernst zu machen mit Dingen, die man für ernsthaft erklärt, daS ist doch wirklich kein Grund, das amerikanische Duell zu verabscheuen und gleich- jtltig das gewöhnliche Duell zu buhen und zu billigen.

Over mit welchen sittlich stichhaltigen Gründen will er dos eine verwerfen und da« andere billigen? DaS Duell ols ein Würfelspiel ums Leben, auSgesührt mit tödlichen

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Hier mitten in der unwirtlichen Gegend, an der viel- Sliederigen Landstraße und etwa eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt, stand früher ein kleines einsame- Gasthaus, bas von den Reifenden viel besucht wurde. Die Wirtin Erfreute sich wegen ihrer Originalität weit und breit großer Bekanntschaft. Geborene Französin, war sie zur Zeit der napoleonischen Kriege im Gefolge der Division Pscheux al- Marketenderin mit nach Deutschland gezogen, und alS die

-V»Verbündeten unter Walmoden am 16. September 1813 *M die feindliche Abteilung in der Göhrde in die Pfanne hieben, kam Madeleine Bonnet in Begleitung ihrer damals Etwa fünfjährigen Tochter auf bet Flucht nach der Altmark. 3n Cheine mußten die beiden weiblichen Wefen, bis zum tobe matt und krank, liegen bleiben. Der OriSfchulze

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Waffen, hatte Sinn im Heidentum, wo der AuSgang deS KampfeS als ein Urteil der Götter angesehen wurde über Schuld ober Unschuld der Kämpfenden. Diese heidnische Anschauung, baß daS Schicksal de« Einzelnen zugleich sein Gericht fei, liegt auch den mittelalterlichen Zweikämpfen und Gottesurteilen zu Grunde. Heute begründet aber niemand »ehr den Zweikampf mit diesen Anschauungen. ES ist feute nur ein Krieg um die Ehre. Der an seiner Ehre beleidigte fordert von dem Beleidiger, daß er sich ihm mit lnnen=®4 leintt Person zur Verfügung stelle, damit er in diesem

Urfdbeint täglich außer an de» Werttagnr nach Bonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrirtel Lomttagsblatt* durch die Expedition (K 0 ch'sche Buchdiuckerei) bezogen 8V« Vt«rt, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 80 Pfg. (excl- Bestellgebühr) — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Psg.

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