Marburg, Mittwoch, 15. August 1883.
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dem Wendenstamme entsprossenen Ackerbauern Scheidewände gezogen. Ehen zwischen hannoverschen unv altmärktschen Landleuten kamen früher nie und auch jetzt noch nur äußerst selten vor. Dergleichen „Ausnahmen" sind zu zählen.
Hier auf der Grenze blühte zur Zeit der Zollsperre, häuptsächlich in den zwanziger Jahren, das Schmugglerwesen in ganz gewaltiger Ausdehnung. Kaffee, Zucker, Reis, Tabak und Zigarren, vor allem aber Salz und Wein, das waren die Artikel, die in Mengen aus den kleinen Städtchen Bergen und Lüchow, namentlich aber aus dem dicht an der Grenze belegenen hannoverschen Flecken Wustrow herüber gepascht wurden. Zwar waren in den preußischen Dörfern überall Steucrbeamte stationiert, die den Paschern auf die Finger zu sehen hatten; so kam es auch vor, daß den „Grünen" ein ganzer Transport Waren in die Hände fiel. Die Dörfler kannten jedoch das sumpfige und waldige Terrain zu genau und entkamen fast immer, wenn sie in höchster Not ihre Kontrebande fortwerfen mußten. Und trotz eines solchen Mißerfolges wurde das Geschäft bals darauf mit ungeschwächten Mitteln wieder fortgesetzt.
Cheine heißt ein ehemaliges Wendendorf, etwa eine halbe Stunde von Salzwedel entfernt. Hier waren damals zwei Steuerauffeher stationiert, die ihres Amtes als Wächter der nahen Grenze zu warten hatten. Der Dienst dort gehörte zu den schwersten der ganzen Gegend, denn der Wald, welcher fich längs der preußischen Grenze hinzteht, reicht bis nahe an den Ort heran. Ein günstigeres Operationsfeld gab eö für das heimliche Treiben der Pascher weit und breit nicht.
In dem niedrigen Zimmer eines kleinen einstöckigen Häuschens schritt, die Hände in die Seiten gestemmt, ein erst seit kurzem an die Grenze versetzter preußischer Steuer
mehl-Fabrik wurden Hollander und Vogelsang vollständig freigesprochen; Behrend wurde wegen Unterschlagung zu einer viermonatlichen Gefängnisstrafe, die durch die Untersuchungshaft verbüßt ist, der Werkmeister wegen einfachen Bankerots zu dreitägigem Gefängnis verurteilt.
Graudeuz, 11. Aug. Die eigentliche große Belagerungsübung wurde gestern begonnen. Am Abend nach eingetretener völliger Dunkelheit erfolg'e die Errichtung des ersten gegen die Festung vorgeschobenen Laufgrabens, welche Ausführung durch Deckungstruppen des Ostpreußischen Infanterie-Regiments Nr. 44 gesichert wurde. Dieses Regiment hatte auch die Arbeiter für diese erste Parallele gestellt, während die Pioniere nur zum Aufstchtsdienst und zu besonderer Verwendung herangezogen wurden, wie dies auch den Verhältniffen des Ernstfalles entspricht. Die Uebung gewann ein besonderes Interesse dadurch, daß von der Festung auS, deren Wälle mit einer großen Zuschauermenge besetzt waren, das Vorgelände mit Leuchtraketen beworfen wurde, wodurch eS ermöglicht wird, die feindlichen Annäherungsarbeiten zu entdecken. Mit unbewaffnetem Auge war dies indes von der Festung auS nicht möglich, obschon die Beleuchtung eine vorzügliche war. Nachdem der Angreifer einige Zeit gearbeitet, erfolgte von der Festung ein Ausfall durch Infanterie, welcher zu einem kurzen Nacht- gefccht führte, worauf sich die Ausfall - Kompanie wieder zurückzog. Von jetzt an wird die Belagerungsübung durch Tages und Nachtarbeit ununterbrochen bis zur Einnahme der Festung fortgesetzt. Der gestrigen Uebung wohnte der Chef deS Ingenieur-Korps, Generalleutnant v. Biehler, bei.
Neustadt, O.-Schl. Am 5. und 6. August tagte Hierselbst der erste deutsche Handwerkertag. Dem Bunde gehören nach dem Geschäftsbericht 42 Innungen und Vereine mit 2731 Mitgliedern an. Ein Antrag auf Einführung obligatorischer Innungen wurde nach dem Referat drS ZentrumSabgcordneten, Schornsteinfegermcister Metzner, mit allen gegen eine einzige Stimme angenommen. Der Antrag auf Einführung von Handwerkerkammern wurde durch die Beschlußfassung, betreffend die obligatorischen Innungen, für erledigt erklärt.
Barme«, 8. Aug. Die Nachlaffenschaft der ehemaligen Missionshandelsgesellschaft, deren Auflösung bekanntlich notwendig geworden ist, ist jetzt, wie der Jahresbericht der rheinischen Misstonsgesellschaft meldet, auch in ihrem letzten Rest geordnet worden. Das Geschäft in Bandjermasien hat eine neue kleine hornestsche Handelsgesellschaft übernommen. Da die ganze rheinische Mission auf Borneo nicht nur aufs höchste bei dem Bestehen dieses Geschäfts interessiert, sondern sogar vielfach durch eingeborene Christen, sowie durch die Buchdruckerei der Gesellschaft aufs engste mit demselben verflochten ist, so schien es um so mehr nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, daß auch die diesseitige Misstonsgesellschaft sich an dem neuen Unter«
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Deutsche- Reich.
Berlin, 13. Aug. Die „Nordd. Allg. Ztg." ist ermächtigt zu erklären, daß daS Schreiben deS Kronprinzen und der Kronprinzessin an den Reichskanzler, betreffend die Sammlung für JSchta, mit Allerhöchster Genehmigung er« faflen worden ist. — Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt, an die letzten Nachrichten über die Unruhen in Spanien anknüpfend, man ersähe aus allen Nachrichten, daß der König von Spanien und seine Regierung mit großer Energie hei der Niederwerfung deS Aufstandsversuchs vorgehen. Die revolutionäre Schilderhebung schien keinen Boden gesunden zu haben, da sie jetzt von den im Lande sich aufhaltenden republikanischen Parteiführern deSavouirt werde. — Die wiffenschaftliche Reichs - Cholera - Kommission reist am 16. August über Brindisi nach Alexandrien ab. — Heute vormittags konstituierte sich unter dem Vorsitze deS Kronprinzen in Gegenwart der Kronprinzessin das Hilfskomitee für die Verunglückten auf Ischia. Der Sitzung wohnten die hier anwesenden Staatsminister Graf von Hatzfeldt, Maybach, Lucius, Bronsart von Schellendorf, von Scholz, ferner der Reichsbankpräsident Dechend und Oberbürgermeister von Forckenbeck bei. — Drei türkische Offiziere mit zehn, später zur Einstellung in der Kadettenanstalt bestimmten, jungen Türken sind heute vormittags hier angekommen.— lieber die Steuerpläne der Regierung gicbt eine Mitteilung, welche der „Schief. Ztg " von hier telegraphiert wird, eine wenn auch noch nicht ganz klare Andeutung. Es heißt dort: „Der Finanzminister hat von den Steuerbehörden refp. Provinzial-Regierungeu Gutachten eingefordert, welche Steuerausfälle bei eventueller Aufhebung weiterer Steuerstufen bestimmt zu gewärtigen feien." Was die Gemeindesteuer-Reform betrifft, so kann, wie der „Nat.-Ztg." ein Berichterstatter schreibt, jetzt als feststehend angesehen werden, daß auf diesem Gebiete eine allgemeine umfassende Neuregelung nicht eintreten soll; die Negierung werde sich vielmehr, falls sie dem Gegenstände überhaupt näher tritt, damit begnügen, einzelne Teile auS der Gesamtmaterie her- auszugreifen, und zwar solche, die teils durch die Verhältnisse, teils durch streitige Auffassung einer endgültigen Lösung bedürfen. Nach dieser Richtung sollen auch die eingeleiteten Vorarbeiten sich bewegen. — Der Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat die Behörden darauf hingewiesen, daß die Erlaubnisscheine zum Sammeln von Beeren und Pilzen, wie die Feld- und Forst-Polizeiordnung sie vorschreibe, nicht zu einer Einnahmequelle werden dürfen, die Gebühren vielmehr lediglich zur Deckung der Druckkosten erhoben werden. Die Einrichtung solle ja überhaupt nur eine Kontrolle und Aufsicht möglich machen, die Anwohner ter Forsten vor Belästigungen bewahren, somit nur der Ordnung dienen. — In dem Prozesse gegen Hollander unb Genossen in Sachen der Fürstenwalder Stärkezucker-
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Altmärkische Dorfgeschichte von Hermann RobolSky. I.
Das waren solche Zeiten I Der ganze nordwestliche Teil deS Kreises Salzwedel grenzte in mehrmeiliger Ausdehnung an das Königreich Hannover. Teils bildeten breite Kanäle, streckenweise auch der ominös benamfete Dummefluß, nachdem dieser einen Teil des „ HanS-Jochen-WinkelS" durch- strömt, die Scheidelinie zwischen Preuße» und dem Nachdarreiche. Moorstrecken, mit vielschafttgen Erlen bestanden, Buchen- und Eichenwaldungen unterbrachen hüben und drüben daS unregelmäßige Terrain, das von zahllosen Sumpfvögeln belebt wurde. Ein paar Waffermühlen, so friedlich schön inmitten prächtiger Bäume am sanft dahin- stießenden Bach gelegen, zieren noch heute die Landschaft. Einzelne Dörfer treten auf beiden Seiten so dicht an die llte Grenze heran, daß sie freundnachbarliche Grüße mit- Einander tauschen könnten, wenn zwischen den Altmärker iandleuten und den „Lüneburgern" überhaupt von wirk- licher Freundschaft die Rede sein könnte.
Es soll aber damit nicht gerade gesagt sein, die dieS- und jenseitigen Dorfbewohner haßten einander. Wenn auch dnmerhin seit 1866 selbst der hannoversche Landmann, dem mn alte» Königshaus und die frühere staatliche Selbständigkeit über alles ging, einen stillen Groll gegen da« vilitärstraffe Preußentum hegt, so hat er wirkliche Sympathien für seine Nachbarn, die dem hohenzollernschen Zepter unterthan, auch vor der Annexion noch nicht ge- habt. Sitten und Gebräuche, selbst die Sprache haben un- hrwußt zwischen den beidm ursprünglich zum großen Telle
grscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS SmmtagSbkatt" durch die Expedition (R o ch'sche Bucht»,uckeret) bezogen 21/« Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pfg. (erd. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Psa.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 26 Pfg. berechnet.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d.Annoneen-vureaux von 8. Daube u. 6». tu Frankfurt a. M-; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank i» Berlin: W. Thiene» ie Elberfeld; 6. Schlotte tu Bremen.
nehmen mit einer namhaften Summe beteiligte, weil sonst die ganze Sache nicht zustande gekommen wäre und well die rheinische Misstonsgesellschaft, die ehemalige Besitzerin der Druckerei in Bandjermasien, bei Errichtung der früheren MissionS-HandelS-Aktien-Gesellschaft denselben Betrag, mit dem jetzt die Beteiligung erfolgt ist, als Kaufsumme erhalten hatte. Durch die Auseinandersetzung der rheinischen Missionsgesellschaft mit den Gesellschaften in Berlin und Basel, d. h. durch die Beschränkung der Arbeit unserer Missionäre auf die Puntistämme unter Abtretung der Arbeit und Gebäude unter den Hakka, ist eine wesentliche Reduktion der diesseitigen Arbeit eingetreten. In derselben stehen jetzt auf 6 Stationen (die Außenstationen eingeschlossen) 9 Missionare, von denen 6 geborene Chinesen sind. In Afrika arbeiten auf 37 Stationen 38 Europäer und 108 Eingeborene, in Indien auf 66 Stationen 30 Europäer und 193 Eingeborene. Von diesen in Summa 305 Eingeborenen werden aber nur 106 besoldet. Die Zahl der Gemeindeglieder in Afrika beträgt 14024, der Sonntagsschüler 3482; in Niederländisch Indien sind 8770 und in China 211 Gemeindeglieder. Die laufende Ausgabe deS Vorjahres betrug 360545.77 Mk., die laufende Einnahme 325 814.19 Mk., die Mehrausgabe 34 731.58 Mk.; das gesamte Defizit beziffert sich somit jetzt auf 204 966.91 Mk.
Dortmund, 13. Aug. Die heute eröffnete Hauptversammlung veS Vereins deutscher Ingenieure ist von mindestens 500 Technikern und Industriellen besucht Der Regierungs-Präsident v. Rosen aus Arnsberg begrüßte die Versammlung namens der Staatsregierung, Oberbürgermeister Lindemann namens der Stadt. — Vereins-Präsident Dittmar betont den Wert der in schlechter Zeit gemachten Erfahrungen für die Industrie und die hervorragende Wichtigkeit technischen UebergewichtS gegenüber dem Ausland. Hierauf folgte ein interessanter Vortrag des Profeffor Schulz über „elektrische Kraftübertragung für das Bergbauwerk", welcher vielfach aufkläreud wirken wird.
Darmstadt, 11. Aug. Am 20. d. Mts., gleich nach der Rückkehr des Großherzogs aus England, wird der deutsche Kronprinz hier eintreffen und die hiesige Garnison, sowie von hier auS am 21. d. MtS. in Mainz, am 22. dS. in Offenbach, am 24. in Gießen Truppen besichtigen.
Stuttgart, 11. Aug. Der württembergische Landes« bischof Dr. Karl Joseph von Hefele feiert am 21. d. M. sein 50jährigeS Priesterjubiläum, das in allen Kirchen bet Diözese, besonders aber in Rottenburg, dem Bischofssitze, in festlicher Weise begangen wird, wozu die Vorbereitungen schon seit längerer Zeit im Gange sind. Dr. v. Hefele ist am 16. März 1809 zu Unterkoschen im Oberamt Aalen geboren, wo sein Vater Hüttenverwalter war. Seiner Neigung, Priester zu werden, folgend, trat Hefele im Jahre 1825 in da» niedere Konvikt zu Ehingen a. Donau und bezog 1827 die Universität Tübingen. 1833 wurde er beamtet hastig auf und ab, von Zeit zu Zeit vor feinem schreibenden Kollegen stehen bleibend. Man konnte dem Uniformierten die Erregung ansehen. Endlich machte der Stubenwanderer seinem gepreßten Herzen durch folgende Litanei Luft:
„I, da müßte man doch gleich au8 der Haut fahren 1 Diese vermaledeite Pascherei der Bauern hier soll doch ein Ende nehmen, so wahr ich Sr. Majestät Sergeant gewesm. Zwischen den Kosaken — schreckhaften AngedenkmS — war nicht solche Heidenzucht in Sachen der Gesetzverachtung ein« gerissen, wie in den Dörfern da dicht an der hannoverschen Grenze. Gestern nacht soll wieder ein ganzer Trupp Schmuggler, lauter Leute der nächsten Nachbarschaft, mit Kaffee und Zucker von Wustrow herüber gepascht sein. Der Brief, der anonym an das Steueramt gerichtet, war nichts als eine spitzbübische Täuschung. Während wir alle Mann stark dein Wink folgten und bei der Barnebecker Mühle auf der Lauer lagen, um einen Hauptfang zu machen, schlich sich die raffinierte Bande über den Grenzgraben durch die Buchhorst auf preußisches Gebiet. Nun haben wir das Hinterherpfeifen I"
Der fo Angeredete bildete gerade das Gegenteil von dem aufgebracht Scheltenden. Ruhig nahm er den Gänsekiel quer zwischen die schmalen Lippen, sah durch die großen Brillengläser den erzürnten Spaziergänger gleichgültig an, las das Geschriebene noch einmal durch und brach bann monoton in bie Worte au»: „So, bet Bericht an da» Hauptamt über die Erfolglosigkeit unsres gestrigen Nacht- zugeS wäre fertig. Nun wollen wir ihn nach ber Stadt schicken, dann ober erst ben versäumten Schlaf durch ein paar Ruhestunden nachholen I" (Fortsetzung folgt.)
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