Marburg, Mittwoch, 8. August 1883.
XVm. Jahrgang.
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Berliner Stadtverwaltung zu erfüllen hat. Wie gedankenlos die Forderung einer Herabsetzung der Steuer ausgesprochen wird, zeigen uns die Verhandlungen mancher BezirkSvercine, die es mit Jubel begrüßen, wenn für ihre Stadtgegend die Begründung neuer Lehranstalten, die beste Straßenpflasterung u. f. w. gefordert werden, in demselben Augenblick aber über Höhe der Steuern klagen und deren Ermäßigung fordern." So schreibt wörtlich das „Berliner Tageblatt"! Man traut seinen Augen nicht, daß einem fortschrittlichen Blatte solche vernünftige Gedanken werden; eine besiere Kritik des Verhaltens feiner politischen Freunde in den Parlamenten und im Staatsleben hätte es gar nicht schreiben können.
Das Blatt beweist ferner, daß der Berliner herzlich wenig Steuern bezahlt. Nur 100 Prozent Einkommensteuer, heißt es, während andere Städte 200, 300 und mehr Prozent zahlen. Daß die Mietssteuer und HauS- steuer hierbei auch in Rechnung gezogen werden müsten, wird wohlweislich verschwiegen: eö kommen dann nämlich 223 Prozent der StaatSpersonalsteuerr heraus. Doch der kommunale Fortschritt hält es für politisch richtiger, nicht alles offen heraus zu sagen I
Hiermit noch nicht genug, werden in Berliner Bezirksversammlungen die Leistungen der fortschrittlichen Verwaltung besonders dadurch in ein helles Licht zu setzen gesucht, daß mau ihnen die Wirksamkeit der konservativen Stadtverwaltung in den Jahren 1851 bis 1861 gegenüberstellt. Wir brauchen nicht die Rechnung, die hier aufgestellt wird, zu untersuchen, aber ein solcher Vergleich hinkt doch gar zu sehr! Damals hatte Berlin noch nicht die Hälfte der heutigen Einwohnerzahl und es war auch noch nicht „Reichshauptstadt" geworden — hiermit ist alles gesagt.
Wir haben mit diesen Betrachtungen uns keineswegs in den Streit über die in Berlin schwebenden kommunalen Fragen einmischen wollen; uns lag nur daran, auf den merkwürdigen Wandel in der fortschrittlichen KampfeSweise hinzudeuten. Wo diese Herren sich im Besitz der Herrschaft befinden, sind sie ängstlich bemüht, jede auch noch so zahme Kritik zu beschwichtigen und ntederzuhalten. Im Staate aber, wo sie das Regiment nicht führen, kennen sie keine andere Aufgabe, als die Regierung und ihre Anhänger in der heftigsten Weife mit denjenigen Waffen zu bekämpfen, die sie für unzulässig erklären, wenn diese sich gegen sie selbst kehren. DaS Verhalten des „Fortschritts im Angriffskriege" kann gar nicht bester desavouiert werden, als eS durch den „Fortschritt im VertetdtgungS- Zustande" geschieht.
„Entschuldigen Sie," sagte jetzt Miß Douglas vortretend und ihre schattenhafte Gestalt stolz empor richtend, indem sie gewesten wie eine Tragödin hervortrat, „wenn ich und meine Nichte uns ebenfalls entfernen. Es ist völlig unter unserer Würde, in einer Gesellschaft länger zu verkehren, die sich teilweise aus so zweifelhaften Elementen rekruttert und in der — so gewöhnliche Dinge abgehandelt werden."
„Ich schließe mich diesem völlig an," sagte hochmütig, aber gleichtönig wie ein Echo GottholdS blonde Streit- gefährtin. Au« des Zigeuners Augen brach ein furchtbarer Blitz und seine Hand, die das Papier hielt, zitterte. Aber sich schnell ermannend, sagte er kurz und mit kaltem Hohne: „Sehr verbunden meine Damen. Aber ich bitte, verweilen Sie nur noch einen Augenblick, ich habe Ihnen etwas rein Geschäftliches mitzuteilen."
Er öffnete nachlässig das Papier und la« monoton:
„Wollm Sie so schonend al« möglich den Damen Gotthold Schöns mitteilen, daß mir ihr Agent soeben mitteilt, daß das Aktimunternehmen, an dem sie sich mit ihrem ganzen Vermögen beteiligt haben, fallit ist.
Ihr Schinbom."
Wie mit kaltem Master beschüttet, standen die beiden Damen; aschfahl und mit weit aufgeristenen Augen schauten sie den Mann an, der ihnen mit so geschäftsmäßigem Tone ein Urteil vorgelesen, das sie vernichtete.
Auch Gotthold, obwohl auf eine Katastrophe gefaßt, war wie vernichtet, er war der erste, dem das Entsetzliche plötzlich klar war. In seinem geschulten Gehirne standen auch sofort die Folgen klar: Armut, gleich mit mit Vernichtung bei ihm, zertretene Hoffnungen, die gestern so verlockend aufstiegen, und dann den Ruin durch die Frau,
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die er nur des Mammons wegen geheiratet hatte!" An das Selbstverschulden dachte er vorerst nicht, denn sein Gewisten war nicht geschult wie sein Verstand.
„Da« ist unmöglich," stöhnte endlich Miß Dougla«, die Dose in den nervös zitternden Fingern drehend.
„Unmöglich!" echote gehorsam die junge Frau.
„Sie können davon halten, was Sie wollen", sagte schneidend der Botschafter, „und werden mir erlauben, daß ich Sie jetzt, Ihrem Verlangm entsprechend, von meiner Ihrer unwürdigen Gesellschaft befreie. Ich kehre sofort in die Residenz zurück, denn meine doppelte Mission ist zu Ende."
Er verneigte sich kalt und schritt davon, gefolgt von Gottfried, der ihn vergebens aufzuhalten suchte. Eine Viertelstunde später hatte er Nestelbronn im Rücken, den stillen Sitz, in den er Nesteln gestreut, aber auch frische Quellen erschlosten hatte, so glaubte er wenigstens und so hofften einige Herzen mit ihm.
Die Szene, die sich jetzt iw Salon abspielte und vor der die nicht Beteiligten davonflohen, wollen wir nicht schildern, sie würde zu wiederwärtig sein für eine Feder s° gut wie für einen Stift. Gotthold, in seinem „Einzigen" tötltch getroffen, wütete gegen die Frauen, die ihn zum weißen Sklaven erniedrigt und die er jetzt beherrschte, weil Schuld und Unglück sie unter seine Füße geworfen.
Gehen wir der Sängerin nach, die entfernte Pfade im Parke durchmaß und an die sich wie ein triftenbet Schutzengel Frida angekettet hatte.
Gottfried, besorgt über das lange Ausbleiben seiner Frau, suchte sie und fand die beiden in der einsamsten Partie der ausgedehnten Anlagen.
Maja — wir wollen ihr den Namen geben, der ihrer
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Deutsche« Reich.
Berlin, 6. Aug. Heute fand hier der Austausch der Ratifikationsurkunden zur deutsch-französischen Literar-Kon-
Eine Geschichte auS dem Leben von August Butschet.
«Ich bebaute herzlich," beeilte sich Zistko geschmeidig erwidern, „daß ich Sie um den erwähnten Triumph acht, eines aber haben Sie vergessen in der Vergleichung, Sie anzustellen die Güte hatten. Ich habe mir nie geringste Mühe gegeben, zu verbergen, daß ich von rWE verachteten Zigeunergeschlechte abstamme, habe auch wie Sie wisten, die Verbindung mit meinem Stamme echt erhalten. Auch meinem künftigen Schwiegervater ^übet habe ich aus meiner Abstammung kein Hehl _ "'Acht- Ich habe mich nämlich, Sie interessieren sich 7JW dafür, mit Fräulein Philippine Schinbom, der
le des Herrn Konzertmeisters Frank, verlobt."
Jetzt war ihre Fassung dahin. Sie starrte ihn sprachen und ihre Lippen zitterten. Dann aber, mit einer »baten Kraft, die freilich nur einen Augenblick an« ' sagte sie mit einem fast irren Lächeln: „Ah, ich nlicre! Aber entschuldigen Sie jetzt, ich habe für einen svblick ein dringendes Geschäft!" Mit diesen Worten te sie sich stolz zur Thüre, obwohl ihre Knie fast rn und verschwand.
Gottlob drückte mit bewundernden Blicken die Hand ehemaligen Nebenbuhlers, und Gotthold sagte mit «rt Exstase: „Herrgott, wie Sie mit den Weibern ringen können, Sie sind ein beneidenswerter Mensch." 3« diesem Momente brachte ein Diener ein Telegramm H»rn Zistko, und während dieser sich damit beschäftigte, . F'ida der Sängerin nach, denn ein unnennbare« mit der Verirrten erfüllte ihre Seele und sie e gehen, um zu trösten, da« lag eben in ihrer engel- ” Natur.
vention statt, welche von heute ab nach 3 Monaten in Wirksamkeit tritt. — Gegenüber einer Kissinger Korrespondenz de« „Fränk. Courier", wonach der Reichskanzler sogar nacht« arbeite, konstatiert die „Nordd. Allg. Zta.". daü sich Fürst Bismarck von jeder Beteiligung an Geschäften jeder Art und von jeder Korrespondenz auf ärztliche Anordnung absolut fernhalte, sogar den geselligen Verkehr bisher nicht aufnehmen konnte. Sein Gesundheitszustand nötige den Fürsten, vollständig einsam und unbeschäftigt zu leben. — Betreffs der Ratifikation des deutsch-spanischen Handels- Vertrags schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.", auf die Schwierigkeiten der Einberufung des Reichstags ad hoc hinweisend: Wir wissen nicht, ob der Kaiser unter diesen Umständen geneigt ist, den Reichstag gegenwärtig zu berufen, und ob bem Reichstag selbst mit der Einberufung gedient wäre. Für Ratifikation sub spe rati die Verantwortlichkeit zu übernehmen, soll weder der Reichskanzler, noch dessen der« malige Vertretung bereit fein. Außer der sofortigen Be- rufung der gesetzgebenden Körperschaften bleibe daher nur die Frage zu prüfen, ob es thunlich ist, die Bestimmungen de« Vertrag« bis zur Beschlußnahme der gesetzgebenden Körperschaften provisorisch und widerruflich in Kraft zu setzen. Die Vorbedingung dazu sei die Zustimmung Spanien«. Zur Ratifikation sei letzteres gegenwärtig bereit, ob auch zu einem unbestimmten Aufschübe derselben, sei unbekannt. Falls Spanien zur faktischen provisorischen Herstellung gegenseitiger Zollbehandlung auf dem Fuße der Vertragsbestimmungen nicht geneigt sein sollte, sei in maßgebenden Kreisen, auch beim Reichskanzler, die Absicht vorherrschend, den Reichstag sofort, und zwar noch vor Mitte be« Monats M berufen. — Die Ministerien bes Innern und ber Justiz hatten bekanntlich durch einen Erlaß vom 25. November 1881 bie Reviersörster, Hegemeister, Förster, Forstaufseher unb ForsthülfSjäger, sowie diejenigen Waldwärter, welche auf Forstanstellungsberechtigung bienen, zu HülsS- beamten ber Staatsanwaltschaft bestellt. Hierzu find später noch diejenigen Forstschutzbeamten gekommen, welche zeitweilig als Forstpolizeisergeanten in den Städten fungieren. Jetzt hat nun das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten zu obigem Erlaffe einige AuSführungSbestim- mungen veröffentlicht. Danach haben oben genannte Beamte den Anordnungen der Staatsanwaltschaft bei dem Landgerichte ihres Bezirks Folge zu leisten, find aber auch zu selbständigem Handeln unter Umständen befugt und verpflichtet, besonders aber bei Gefahr im Verzüge zu Beschlagnahmen und zu Anordnungen von Durchsuchungen (sowohl zum Zweck der Ergreifung der wegen strafbarer Handlungen Verfolgten als zur Aufsuchung von Beweismitteln), ermächtigt. Der Hauptzweck bei diesen Hüls«« leistungen sowie bei dem selbständigen Vorgehen jener Be- amten soll allerdings der Forstschutz fein. Selbständige Handlungen dürfen sie der Regel nach nur in ihrem eigenen
Anzeigen nimmt entge«en: die Expedition b. Blatte«, sowie b.Annoncen>Burea«r von G. 2. Daube u. Co. in Frankfurt a.M.;Jäaettsche Buchhandlung dasewst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidenbank in
Berlin: fe. Thiene« in Elberfeld: S. Schlotte in
Bremen.
11 Damals wurde ihm von fortschrittlich-sezesflonistischen JM «gliedern dieser Stadtverwaltung in der heftigsten Weise ntwortet und das Bedürfnis nach einer Reform oder ♦ Anm liigstenS die Möglichkeit, eine besiere Besteuerungsart zu —----- den, In Abrede gestellt. Aber die Einwohner Berlins
1 niren doch nicht in allen Punkten auf die Worte ihrer ischrittlicheu Meister, und sehr bald wurde in der Bürgertum 6 lft eine Ag tation zu gunsten der Mietssteuerreform be- anzen bi rfbar. Nach und nach kamen auch fortschrittliche Zei- " -- ißcn dahinter, daß der Herr Reichskanzler mit seiner de recht gehabt und daß eine Weigerung, auf diese Re- m einzugehen, für die Fortschrittspartei verhängnisvoll
gflt IN der Expedition zu ertherlende Auskunft und Annahme von Adreffen «erden 85 Pfg. berechnet. °
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jSKe rben könnte. Flugs schrieben die Vertreter der kommu- MlGln Fortschrittspartei für die bevorstehenden Gemeinde« _N auch auf ihre Fahne die Mietssteuerreform und n dem Vf'ksen haarkleiu, daß sie schon längst die Notwendigkeit 'n Reform betont und seit Jahren gefordert hätten.
ist fortschrittliche Konsequenz und Prtnzipientreue!
Aber die Gegner fordern auch Steuer-Ermäßigung und ....... Bert Sparsamkeit in der Stadtverwaltung. Da ist es riumtitf" ergötzlich zu sehen, wie ein fortschrittliches Berliner ......., tt sich Mühe giebt, die „Opposition" über das Unkluge irrenz^ Ungerechtfertigte ihre» Verhaltens in väterlichem Tone belehren. „Eine Steuerherabsetzung! —Sie wird wohl lfvch gefordert, aber nur von denen, welche gar kein ständnis für die Höhe der Aufgaben haben, welche die
f Der Fortschritt im BerteidigungSzustande.
In der Reichshauptstadt hat die Wahlbewegung für neuen kommunalen Wahlen begonnen, welche infolge intihmafdjtj Allerhöchsten Verordnung wegen Auflösung der Stadt- B-Reinigua Bnetenversammlung noch vor Ablauf diese« Jahres ir-MaschiXj werden. Das Bild, welches diese Wahlbewegung bietet, ObsfPr«iitier 9erat*e Gegensatz $u den politischen Wahlen, die wir obstmüh den letzten Jahren durchzumachen hatten: während bei ibenmtiS politischen Wahlen für den Reichstag oder das Ab- ste Preii rdnetenhaus stets die Fortschrittspartei angriffsweise gegen herrschende Regiment aufgetreten ist, befindet sie sich in -mm ■» lin, wo sie im Besitz der kommunalen Herrschaft ist, Zustande der Verteidigung. Sie in diesem Zustande -------_ ier kennen zu lernen, ist recht lehrreich.
Die Gegner der in der Stadtverordnetenversammlung mwärtig herrschenden fortschrittlichen Majorität haben ihre Fahne die Forderung nach Reform und Abschaffung Mietsstmer geschrieben. Bekanntlich hat der Herr ine Sa» chSkanzler in der Sitzung vom 4. März 1881 zuerst । u Stimme laut gegen diese Steuer erhoben, welche sogar
“ Recht zu atmen besteuere. Er wie» nach, daß diese tuet eine der ungerechtesten ist, well sie In keinem Ver- tnis zum Einkommen stehe und gerade diejenigen am :lis geful testen treffe, die ein geringe« Einkommen haben; er sprach i Bedauern aus, daß die Stadtverwaltung noch keine —-— iritte zur Reform oder Abschaffung dieser Steuer gethan
feigen nimmt entgeflen : _ fisrüebitton d. Blatte«. cktzv-I^d.Änn-ncen-Lureaur
Hjxtrich u. Co. in FabrikprM,. unt> Hannover; Th. rkt. [2
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/in Berlin, Frank- furt a. M- re-