Marburg, Freitag, 13. Juli 1883
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nur die Regel, sondern auch die Ausnahmen ins Auge zu fassen hat. In Berlin ist bereits die Zusammensetzung der Revier - GesundheitS - Kommissionen, so weit sie lückenhaft war, rorgenommen worden. — Die Mitglieder der ReichS- Kommission zur Entwerfung eines allgemeinen deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs haben ihre Arbeiten der Sommerferien wegen bis zum September ausgesetzt. Der Vorsitzende der Kommission, Wirkt. Geheimrat Dr. Pape, früherer Präsident des ehemaligen Reichs - Oberhandelsgerichts, hat eine Kurreise angetreten, desgleichen haben die anderen Mitglieder Kur- oder Erholungsreisen angetreten. Rach den Ferien dürfte dann auch der Ersatzmann Wtnd- scheidS eintreten. — Die mehrfach schon aufgetauchte Nachricht, daß der Präsident des hiesigen Kammergerichts, Wirk. Geheimrat Meyer, in den Ruhestand treten wolle, hat sich nicht bestätigt und ist wohl nur daher entstanden, daß der genannte Präsident im April d. I. sein Amtsjubelfest begangen hat. — Die Ferienkurse für praktische Aerzte, welche hier in Berlin zuerst eingeführt worden sind, haben nunmehr auch in anderen Universitätsstädten für die anderen Provinzen und andere deutsche Landesteile, so auch in Jena, Nachfolge gefunden. — Wie verlautet, ist die Erhebung einer Statistik der Gewohnheitstrinker, soweit solche in den Kranken-Anstalten zur Behandlung gelangen, als im öffentlichen Interesse geboten in Aussicht genommen worden. Die Verwendung besonderer Zählkarten ist nicht für notwendig erachtet worden; es ist vielmehr als genügend angesehen worden, die Aufmerksamkeit der Aerzte an den Kranken- und Irrenhäusern auf daS Bedürfnis einer Trinkerstatistik zu lenken und auf diesem Wege ein verwertbares, fortlaufendes statistisches Material zu erlangen. Als ein geeignetes Mittel hierzu ist die Verwertung der Morbiditäts-Statistik in den Kranken-Anstalten anzusehen und eS soll in Zukunft zur Kennzeichnung der Gewohnheitstrinker auf den Zählkarten der MorbiditätS- und Irrenanstalt- - Statistik ein bezügliches Zeichen angebracht werden. — ES ist öfter Klage darüber geführt worden, daß die den Gemeinden für die Leistung von Vorspann zu Militärzwecken zustehenden Vergütungen erst spät zur Anweisung gelangen. Dies ist größtenteils dadurch veranlaßt worden, daß bei der Revision der Vorspannkosten - Liquidationen der Gemeinden Weiterungen entstanden sind, weil in den von den Truppenteilen ausgestellten Bescheinigungen die nach der Entscheidung des Rechnungshofes des Deutschen Reiches für Re- vistonszwccke erforderliche Angabe der Entfernung, auf welche der Vorspann benutzt worden ist, gefehlt hat. Um derartigen Weiterungen für die Zukunft vorzubeugen, sind Anordnungen ergangen, daß die Truppen - Kommandos, welche bei Ausstellung der bezüglichen Bescheinigungen auf die Auskunft der Gemeindevorstände über die in Betracht kommenden Entfernungen angewiesen sind, hierüber so
gleich bei Stellung des Vorspanns mündlich oder schriftlich mit Benachrichtigung seitens der Gemeindevorstände versehen werden sollen. — Der russische Botschafter Saburow hat sich heute von hier auf einige Tage nach Bayreuth begeben.
— Aus den Resultaten der Berufszählung in Preußen, welche nach und nach in der „Etat. Korresp." publiziert werden, teilt die „Voss. Ztg." folgende große Zahlen der noch restierenden Berufsgruppen 6., D., E., und F. mit. Die Gruppe C. umfaßt das HandelSversicheruugS- und Verkehrsgewerbe, sowie das BeherbergungS- und Schankgewerbe. In ihr wurden 911706 erwerbSthätige Personen gezählt, bei denen 188828 persönliche Dienste Leistende sich befanden. In den Haushaltungen diefer erwerbSthä- ttgen Personen lebten 932766 Personen unter 14 und 692044 Personen über 14 Jahre, welche teils gar nicht, teils nur nebensächlich erwerbSthätig waren. Von den in dieser BerufSgruppe thätigen Personen waren 261572 noch außerdem nebenerwerblich thätig. Die Zahl der ErwerbS- thitigen verteilt sich auf die einzelnen Gewerbe folgendermaßen: HandelSgewerbc 489063, Verstcherungögrwerbe 6655, Verkehrsgewerbe 268927 und HerbergS« und Schankgewerbe 147061 Personen. Die BerufSgruppe D. wird aus den häusliche Dienste aller Art leistenden Personen gebildet. In ihr sind 278923 ErwerbSthätige vorhanden, von denen noch 39054 nebenerwerblich thätig waren. Die Gruppe E. umfaßt die in Militär-, Hof-, bürgerlichen und kirchlichen Diensten stehenden Personen, sowie die Angehörigen der sogenannten freien Berufsarten. Die Zahl der erwerbsthätigen Personen in dieser Gruppe bezifferte sich auf 526549 männliche und 60661 weibliche, zusammen 587 210 Personen, in deren Haushaltungen 99 824 Dienstboten und 336837 Angehörige unter 14, sowie 281776 Angehörige über 14 Jahre gezählt wurden. 87830 der erwerbsthätigen Personen waren noch nebenerwerblich thätig. Die Verteilung auf die einzelnen Unterabteilungen dieser Gruppe war folgende: ES gehörten zur Armee und KrieaS- flotte 258600 Personen (darunter 12159 mit Offiziers- rang), zum Hofstaat, zur Diplomatie, Staats-, Bezirksund Gemeindeverwaltung 119140, zur Kirche, zum Gottesdienst rc. 21425, zur Bildung, Erziehung und zum Unterricht 103100, zur Gesundheitspflege und zum Krankendienste 40887, zu den Schriftstellern, Redakteuren, Korrespondenten und Schreibern 14943, zur Musik, zum Theater und zu Schaustellungen aller Art 29115 Personen. Die Gruppe F. endlich umfaßt die Personen ohne Beruf bezw. ohne Berufsangabe. Hier wurden 705495 Personen mit 77074 Dienstboten und 207879 Angehörigen unter 14 und 277362 Angehörigen über 14 Jahre gezählt. Im einzelnen waren vorhanden 387 077 von eigenem Vermögen, von Renten und Pension Lebender, 108562 von Unterstützung Lebender, 74422 nicht in ihrer Famllte lebende
4. Kabale und Liebe.
Es war der Theaterabend, Gottlobs Debüt, zugleich der Geburtstag des Landesfürsten, der „Mühlelse" befohlen hatte. Wer den sogenannten feineren Kreisen angehörte, erschien, und in dem Glanze, der von den Galerien, auö den Logen strahlte, konnte man füglich daS Elend vergessen, das draußen in gar manchen Straßen der großen Stadt in Lumpen dahinwandelte oder in fahlen Zügm hinter halbblinden Fenstern saß. So ist die Wett; sie schildert sich überall selbst, und wir brauchen nicht weiter zu reden von ihren Mißverhältnissen und dem Elende, das in den Kreisen der Armen und Kranken herumgeht, vielfach aber auch unter lachenden Mienen und Diamanten gleich der Schlange unter Blumen versteckt ist. Wie viel Maske ist in der Welt, wie viel Lüge, wie wenig Liebe und wie winzig wenig Wahrheit!
Die Glaskugeln zogen sich gleich riesigen Perlenschnüren durch das „festlich beleuchtete Haus", und an Blumen und Sternen war kein Mangel, ebensowenig an drückender Hitze, faden Komplimenten, an feurigem Augenspiel, an hämisch gezischelten Bemerkungen, an all dem Vielerlei, das eine solche Atmosphäre parfümiert oder — verpestet, kurz an viel Kabale und wenig Liebe. DaS übliche donnernde Hoch empfing den Landesherrn, der, etwas schüch- terner Natur, die Daumen seiner feinbehandschuhten Hände umeinander kreisen ließ und verbindlich lächelte. DaS letztere war andern TagS in den Zeitungen zu lesen.
In einer großen Loge hatten sich unsere Bekannten von dem im letzten Kapitel geschilderten Festtage zusammengefunden, und jeder der genauen Bekannten deS Sängers war in seiner Art bewegt.
Gottfried machte seine stillen Betrachtungen und stellte seine phystognomischen Beobachtungen an, die nicht auf der Oberfläche blieben, sondern durch die ihm eigene Kom- binatioSgabe tiefer gründeten und aus Mienen und Geberden einzelner für ihn Schlüsse auf das Vorleben der Studierten und Sondierten zuließen, die der Wahrheit in einzelnen Fällen wohl ziemlich nahe gekommen wären.
Ein Mann auf den ersten Plätzen des ParquetS fesselte ihn besonders lange, und sein Auge kehrte immer wieder zu demselben zurück. Es war eine große geschmeidige Figur mit wetterbraunen, wildschönen Zügen und einem riesigen, nach unten gekrümmten Schnurrbarte. Seine Be- wegungen waren rasch, aber so ungezwungen und unbeherrscht, daß sie keineswegs auf eine Erziehung schließen ließen, die ihren Mittelpunkt im Salon hat. Die feurigen, aber düsteren Augen des Mannes hafteten, wie eS schien, mit verzehrender Ungeduld an dem Vorhänge, der sich immer noch nicht heben wollte. Dem Beobachter in der Loge war e« eine Zeitlang, als ob er den Mann schon irgend wo gesehen haben müsse, aber sein Nachstnnen darüber half nichts, und er mußte sich darauf beschränken, die für ihn interessant gewordene Persönlichkeit im Verlaufe deS Abends weiter zu beobachten. Die Ouvertüre, die mit ihrem zarten, melodischen Schmelz, in bett gleich einem wilden Mühlbache zuweilen leidenschaftliche Tonwellen, die sich wie zoring durcheinander stürzten, hineinwogtm, riß sofort zum Beifalle hin, und der Vorhang hob sich.
DaS Stück wickelte sich al« eine liebliche Idylle ab, in die nur zuweilen tiefere und teilweise auch tragssche Momente sich verwoben. ES glich vielfach der Ouvertüre, dir symbolisch den Gang der Handlung angezetgt hatte.
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11 Drei Bruder.
Sine Geschichte aus dem Leben von August Butsch er.
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Deutsches Reich.
yerlitt, 11. Juli. Der „Reichsanzeiger" publiziert doS ReblauSgesctz und die Erhebung deS Obersten und Direktors der Artillerie- und Ingenieurschule Burchard, sowie des Staatssekretärs Burchard in den Adelstand. — Nach Beschluß des Bundesrats soll die im Jahre 1878 mm crstenmale vorgenommene Ermittelung der landwirtschaftlichen Bodenbenutzung für das Jahr 1883 wiederholt und gleichzeitig eine sorgfältige Schätzung deS durchschnittlichen, in dem Zeiträume von 1878—1882 einschließlich vom Hektar gewonnenen Ernteertrages solcher Fruchtarten bewirkt werden, für welche nach Bundesratöbeschluß vom 24. April 1882 in Zukunft eine alljährliche Erhebung deS Ernteertrages nach den Erdruschergebnissen nicht mehr vor- wnehmen ist. Beide Ermittelungen sollen in Preußen innerhalb der Zeit vom 15. Oktober bis 15. Nov. 1883 staltfinden. Die betreffenden Formulare werden den Magistraten, sowie den Guts- und Gemeinde-Vorständen zu- gefertigt werden. Die ländlichen Bewohner sollen aufgefordert werden, bet der Lösung der für die Volkswirtschaft, für Handel und Wandel nötigen Aufgabe die Menge der jährlich geernteten Bodenprodukte rc. so genau als möglich zu ermitteln, in ihrem eigenen Interesse mitwirken und insbesondere die Mitglieder der landwirtschafllichen Vereine und angesehene Landwirte selbst dazu beitragen helfen, diesen Zweck zu erreichen. — Ueber die Choleragefahr äußert sich das neueste Heft der Berliner Klinischen Wochenschrift unter anderm also: Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß cs sich in Egypten um echte Cholera handelt. Nur die Art der Entstehung, ob autochthon oder von Indien herübergebracht, ist fraglich, aber mit großer Wahrscheinlichkeit im ersteren Sinne zu beantworten. Wie groß die Gefahr für die europäischen Länder ist, läßt sich im Augenblick wohl kaum übersehen. Thatsache ist nur, daß die Seuche in diesem Jahre gewissermaßen vor den Thoren Europas und zu einer für sie höchst günstigen und auf einem durch den vorjährigen Krieg gewissermaßen gedüngten Boden auftritt, während sie merkwürdigerweise im Vorjahre Egypten — trotz der Rücksichtslosigkeit, mit der sich die Engländer über die Bestimmungen der Quarantäne wez- sktzten —fast ganz verschonte unv nur in den Quarantänelagern der Mekkapilger zu El Wish sporadisch auftrat. Auch in diesem Jahre sprechen die Engländer den Bestimmungen deS internationalen Gesundheitsratö wieder Hohn. Es ist freilich sehr vorteilhaft, zu sagen, daß die JnkubationSdauer höchstens 10 Tage, die Fahrt von Bombay nach Suez aber 11 bis 12 Tage beträgt, ein Schiff, das also ohne Cholera an Bord in Suez ankomme, ohne Gefahr zu freier Praktik zuzulassen sei. Man übersteht dabei, daß sicher konstatierte Fälle längerer Inkubation vorliegen (Pettenkofer, Faye) und man bei so ernsten Fällen nicht
Anzeigen nimmt entMOt: die Expedition d. Blatte», sowie d.Amwncen-Bureaux von 8. Daube u. 6e. in
g.a>i und Hannover; Th. Wh in Frankfurt °.M.; Sein Kogler in hanffurt a. M., Berlm, Kg, Köln tt.; Rudolf Ue tn Berlin, Fran,, furt a. M rc.
♦ daselbst; Jnvaltbendarck« Berlin: D. Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrirtet SomttagSblatt" durch die Expedition (Ä v ch'sche Buchdruckerei) bezogen 21/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pfg. (excl. Bestellgebühr) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 PsU.
Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 26 Pfg. berechnet.
Gottyold beschloß, vorrerst das erreichbarste Wild zu jagen und verglich Miß Burnstde auch sehr geistreich mit einem Buche, dessen Einband nicht verlockend, dessen Inhalt iber ein reicher und anziehender war. Gottfried musterte mit etwas spöttischem Lächeln den berechnenden Bruder, dessen Züge für ihn ein offenes Buch waren, und sah auch, mie Gottlob mehr als nötig in die Augen der Sängerin sah, die, wie die meisten ihrer Kolleginnen, in allen Huldi- gungen, die ihnen werden, keineswegs eine Sünde sah.
war spät als man sich trennte. Der Pfarrer und der alte Schön logierten bei Herrn v. Weißdorn, während die Drillinge in die Nacht hinaustraten, um ihre Wohnungen "ufzusuchen. Gottfried hatte nämlich bei dem Konzertmeister ein Unterkommen gefunden.
Als das vierblätterige Kleeblatt ebm durch eine enge Straße schritt, sahen sie am Thorwege eines Wirtshauses, 'N den ein riesiger Wagen gleich einer gewaltigen Schild« -röte eben schwerfällig hineinkroch, einen großen Mann «hven, der sich beim Herannahen einer Droschke wie ein Schatten von der Mauer löste. Er rief dem Kutscher mnige Worte zu, dieser hielt und der Schattenmann hielt «ne, wie es schien, sehr erregte Zwiesprache mit der Dame, . ”,e im Wagen saß. Die Heimkehrenden hatten nicht be- 'Inders darauf geachtet, aber als die Droschke jetzt an ihnen MI ^'beifuhr, warfen sie doch einen Blick hinein, und bei ' Lichte einer Gasflamme erkannten sie — Signora Tonnvra I Das gab für bett Sänger und Spieler eine ge- «nnkenschwere Nacht.
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