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Marburg, Mittwoch, 4. Juli 1883.
xvm. Jahrgang.
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Erscheint täglich außer an den Werktag« nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage »MuKrirle« eormtawUlatt* but* m, B,Wkinn.
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Professor Dr. Arnold f.
Gestern abend durchlief dir schmerzliche Trauerbotschaft die Stadt, daß einer unserer besten Männer unvermutet und plötzlich, noch im kräftigen ManneS- alter, einer akuten Krankheit erlegen. Tiefergriffen von diesem schweren Verluste stehen die ersten Koryphäen der Wiffenschaft durch enge Freundschaft mit dem Verblichenen verbunden an seinem Sterbebett, voll tiefen Schmerzes trauert die studierende Jugend um den geliebten und verehrten Lehrer, und allgemein beklagt unsere Bevölkerung den Tod eines charaktervollen echt konservativen Mannes, der im Reichstage unseren Wahlkreis mit der ihm eigenen Festigkeit und Milde vertreten. Die höchste Pflichttreue, welche den teueren Entschlafenen im Leben auözeichnete, hat er mit seinem Tode besiegelt. Heute klagen wir: Professor Dr. Wilhelm Arnold ist nicht mehrl
vom Landtag.
Berlin, den 2. IM.
In der heutigen (19.) Sitzung des Herrenhauses, welche um 9 Uhr 25 Min. eröffnet wurde, teilte der Präsident Herzog v. Ratibor mit, daß von dem königlichen Staatsministerium ein Schreiben eingegangen sei, nach welchem den beiden Häusern des Landtags heute nachmittag 1 Uhr eine Allerhöchste Botschaft mitgeteilt werden solle, und zu diesem Behufe das Herrenhaus und das Abgeordnetenhaus zu einer gemeinsamen Sitzung in dem Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses eingeladen seien.
Auf der Tagesordnung steht der mündliche Bericht der Xin. Kommission über den Gesetzentwurf, betreffend Abänderungen der kirchenpolitischen Gesetze. Der Berichterstatter Herr Adams befürwortet zunächst in kurzen Worten den Antrag der Kommission: die Vorlage unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses zu genehmigen. — In der Generaldiskussion über diesen Antrag nahm zunächst daS Wort
Graf Brühl, welcher darum bat, der Vorlage dem Anträge der Kommission gemäß möglichst einstimmig die Zustimmung zu erteilen. Trotzdem er manche Wünsche tu bezug aus die kirchenpolitischen Gesetze hege, so wolle er ste doch in dem gegenwärtigen Moment gerne zurückhalten in dankbarer Anerkennung des Entgegenkommens der Regierung. Denn er erblicke tn diesem Gesetzentwürfe ein erfreuliches
Zeichen von dem Bestreben der Regierung, zu einer frted- lichm Verständigung zwischen Staat und Kirche zu gelangen. Auch dem Herrn Kultusminister muffe er seinen Dank aussprechen, nicht nur weil derselbe diesen friedlichen Weg angebahnt habe, sondern, weil er auf eine deSfallstge Interpellation im anderen Hause die Zusage gemacht, daß eS bei dieser Vorlage nicht sein Bewenden behalten, sondern diesem ersten auch weitere Schritte folgen sollen. Er enthalte sich jeder weiteren Ausführung und bitte um einstimmige Annahme des Gesetzes.
Dr. Beseler: Die Entstehungsgeschichte dieses Gesetze- sei ihm durchaus unverständlich, lieber den Verlauf der Verhandlungen mit Rom sei nichts Genaues bekannt, und der Herr Kultusminister habe aus diplomatischen Rücksichten Darlegungen hierüber verweigert. Wenn man für die Vorlage stimme, so billige man dadurch die weiteren Schritte der Regierung. Wenn der Referent empfehle, die Nebenbedenken fallen zu lassen, so seien daS Scheuklappen, die er (Redner) sich nicht vorbinden lasse. In dem Gesetze mache der Staat einseitig Zugeständnisse, ohne von Rom dafür eine Gegenleistung zu empfangen. ES würde dadurch ein von den Bischöfen völlig abhängiger niederer Klerus geschaffen. Er bitte den Kultusminister, hier klar und bestimmt die Grenzlinie zwischen den möglichen und unmöglichen Konzessionen der Regierung zu ziehen. Früher sagte der Herr Minister einmal, er für seine Person habe diese Grenzlinie schon gezogen, eS wäre doch wünschenswert, wenn der Minister dies auch vor dem Hause, vor dem Lande klar lege. Es stehe fest, daß die Kurie, je mehr der Staat ihr Konzessionen mache, desto weiter in ihren Ansprüchen gehe. Ein drastisches Bild von dem sogenannten friedlichen Verhalten der katholischen Kirche biete der Fürstbischof von BreSlau in seinen Erlaffen bezüglich der Mischehenfrage und der Jnterkalare, die wenig Friedensliebe erkennen kaffen. Namentlich sei der Erlaß wegen der Jnterkalare ein Eingriff in die Rechte des Richters. Die Frage nach dem Eigentum bezüglich der Jnterkalare sei eine Frage des gemeinen Rechtes und dürfe nur durch den Richter entschieden werden, nicht durch den Bischof. Seien erst die Maigesttzr beseitigt, dann werde daS Zentrum weitere Forderungen stellen; sein Führer habe bereits mit einiger Unvorsichtigkeit diese Absichten angedeutet: zunächst Wiedereinführung der katholischen Abteilung des Kultusministeriums; die Angriffe gegen den Schulzwang sind bereits deutlich hervorgetreten, die bethörten Alliierten des Zentrums werden sich diesen Forderungen anschließen müssen, und das sei dann der Dank für den Schutz, welchen die Hohenzollern Jahrhunderte lang den katholischen Untertanen haben zu teil werden lassen. ES sei zu bewundern, daß von feiten des Zentrums nicht der Antrag eingebracht worden, einen Zusatzparagraphen zu beschließen, nach welchem dies Gesetz mit dem 10. November 1883 in Kraft treten solle. In dem Jahre
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der 400jährigen Feier des Geburtstages Luther« sei diese Vorlage eine sehr traurige.
Frhr. v. Mirbach hat schon früher im Sinne dieser Vorlage sich ausgesprochen und begrüßt deshalb da« Gesetz mit Freuden. Nur durch ein Zusammengehen der Konservativen mit den gemäßigten Elementen de« Zentrum« sei eine Förderung unserer gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Aufgaben möglich, da in dieser Beziehung sich der Liberalismus nicht leistungsfähig erwiesen habe. Redner hofft, daß das Gesetz mit einer möglichst großen Majorität angenommen werde, und beantragt namenlltche Abstimmung.
Dr- Dove: Das Geheimnis, durch welche« da« Zentrum feine politische Machtstellung erlangt habe, beruhe in jenem eisernen Festhalten an seinen Prinzipien, welche eS auch gegenwärtig veranlaßt, die allgemeine Schulpflicht zurückzufordern. Wer, wie Herr v. Mirbach, bei jeder Gelegenheit nur an die wirtschaftlichen Reformen und Der« befferungen denkt und diese zur Maßnahme feiner Handlungen macht, der tanzt auch vor dem goldenen Kalbe, und wenn die organische Revision der Maigesetze in dieser Weise fortgesetzt werden soll, dann dürste au« der organischen Revision sehr leicht eine unorganische Konfusion werden. Die Vorlage sei nur die Schale der Maigesetze, aber in dem Kernhause sitze Herr Dr. Wtndthorst, von dem er nur wünsche, vaß er nicht in da« Kernhau« der preußischen Souveränität gelange. Die Vorlage bringe in dieser Form noch nicht den Frieden, da« Herausbrechen der Rechtskontrollen au« den Maigesetzen mache diese« Gesetz für ihn (Redner) unannehmbar. Die Kirche zeige immer nur die Friedenstaube auf dem Dache, und die Freunde der Vorlage lassen immer mehr Sperlinge au« der Hand fliegen. Als Protestant und weil er die Rechte der Krone wahren wolle, werde er gegen die Vorlage stimmen.
Kultusminister v. Goßler: Er habe nicht geglaubt, daß er noch zu einer Darlegung das Wort ergreifen müffe, die Herren Dr. Beseler und Dr. Dove hätten ihn jedoch veranlaßt, hier das Wesen der Vorlage zu präzisieren. Die Verhandlungen mit der Kurte könnten selbstverständ- lich nur mit Genehmigung der Landesvertretung geführt werden. In dem Sinne, wie Dr. Beseler meine, schwebten überhaupt keine Verhandlungen. Die Gesandtschaft bei der Kurte habe die Ansichten der Kurte über verschiedene Punkte zu sondieren und eventuelle Verhandlungen anzuknüpfen. Die Vorlage solle für Preußen nur da« schaffen, was in anderen Staaten längst geltendes Recht sei und schon lange bestehe; eine gewisse Mitwirkung de« Staate« beider Anstellung der höher« Geistlichen, die Notwendigkeit, den kirchlichen Gerichtshof für die hier in Aussicht genommenen Fälle zu eliminieren, ist in der Kommission besonders anerkannt und betont worden. Weiter bezwecke die Vorlage, diejenigen Sakramentenspendungen, welche den
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Drei Brüder.
Eine Geschichte aus dem Leben von August Butscher.
Das wohlgenährte Gesicht mit den intelligenten Augen umgaben blühend weiße Haare und ein eben solcher Bart.
schienen frühfreife Greisenhaare, denn baS Gesicht mit Wnem jugendlichen Glanze bildete dazu einen seltsamen Kontrast, der aber ungemein anziehend wirkte.
Man machte weiter nicht viele Umstände und gruppierte sich um die Pulte, die der Diener geräuschlos aufstellte.
„Leiste Du meiner Frida Gesellschaft," sagte Herr von Weißdorn zu Gotthold, der alle Gegenstände im Zimmer «ner eingehenden Prüfung und Schätzung unterzog.
Der Knabe begab sich gehorsam und wie es schien nicht ^.ern an das Ecktischchen, das Frida mit der Gouvernante «ute. Die letztere war eine hagere Britin mit einem langen dcstcht und noch länger« Ringellocken, ernst wie eine Sphinx, ganz der Typus einer alten Jungfer, während das t~*ne Fräulein lebhaft wie Quecksilber war, trotz feiner Wüen, ungesunden Hautfarbe, die nur Leben erhielt durch ° ^haften schwarzen Augm, die alle» im Fluge erfaßten Unb wieder verließen.
Das Kind blätterte in einem schönen Bilderbuche und .er unmusikalische Gotthold erklärte ihr flüsternd da« und Mes, denn er wußte von allem etwas, im ganzen freilich Acht viel.
Während dessen begann das Spiel der vier Musiker, zwei alten und der zwei jung«. Gottlob spielte die vline mit einer für sein Alter merkwürdigen Fertigkeit, _vyr«d Gottfried den Klavierpart ebenso tüchtig bewälttgte.
Hauptmann blies die Flöte, ein altes Instrument aus »«Holz mit Silberklappen, da« von dem alles beobachten
den und berechnenden Gotthold auf mindestens hundert Gulden geschätzt wurde. Wohl ben größten Eifer entwickelte ber alte Lehrer, ber sein Cello, ben Stolz und ble Freube seiner alten Tage, in etwas urwüchsiger Weise, aber mit großer Fertigkeit und künstlerischer Nuancierung spielte. Das Mustktalent war ein alles Erbe in der Familie Schön, und der Ortspfarrer, den wir noch kenn« lernen werden, ein sehr tüchtiger Musiker, hatte die beiden Knaben zu jungen Künstlern herangebildet.
Das Musikstück, eines jener alten Quartette, wir ste in alten Kästen sich noch zeitweise finden und meist nur durch Abschriften vervielfältigt wurden, ging sehr geläufig, und Vater Schön schmunzelte vergnügt, wenn er in d« Pausen seine „Buben" betrachtete, die so ganz bei der Sache waren.
Gottlobs Augen strahlten und er schüttelte zeitweilig seine Mähne wie ein Salonlöwe, während Gottfried seiner Aufgabe mit einer gewiffen frühreifen Würde und fast pedan« ttscher Genauigkeit gerecht wurde. Die kleine Frida war gleich nach Beginn des Spieles zu den Musizierenden getreten und folgte mit ihren strahlenden, unruhigen Diamantenaugen jeder Bewegung des Violinisten und wiegte dazu das Köpfchen, in dem so viele unruhigen Gedanken sich schaukelten.
„Du spielst herrlich," rief ste, nachdem der erste Satz zu Ende war, und klopfte in die mageren Händchen, „sobald eS wieder Blumen giebt, bekommst Du einen Strauß von mir!"
Die Augen de» jungen Musikers gewannen einen »öheren Schein, die Huldigung der Kleinen schmeichelte einer Eigenliebe und er rief freudig: „Ich danke Dir jetzt chon, und will eS immer noch bester mach«!"
Gotthold lächelte höhnisch hinter seinem Bllderbuchr
und murmelte: „Wenn daS so wächst, muß er noch Veilchen und Rosen esten."
Miß DouglaS schaute ihn erstaunt an und schim darüber nachzusinnen, ob daS in diesem jungen Kopf gewachsm, dann nahm sie eine Prise, denn sie schnupfte heimlich, — ihre einzige stille Leidenschaft.
„Du hast wirklich recht, mein Herzchen," sagte der gnädige Herr freundlich und streichelte seinem Lieblinge die eingefallenen Wangen. „Gottlob kann eS bei seiner Begeisterung für die Kunst noch weit bring«."
Er ließ jetzt Wein herbeibringm und man stieß an auf ein gesunde«, freudenreiches neue« Jahr und eine gesegnete Zukunft. Man sprach in scherzhafter Weise über die vielen und oft so thörichten Wünsche, wie sie die Menschenbruft durchziehen und bewegen, und der Hauptmann, der in guter Laune war, sagte zu dem alt« Schön, der seinem Glase sehr eifrig zusprach: „Ich will doch einmal steh«, wa« unsere Kinder sich vor allem wünsch«, auch die naivst« Antworten erweitern ost unsere Kmntniste in der Psychologie. Du Frida," wandte er sich an sein Töchterchm, da« mit dem glücklichen Gottlob scherzte, „wa« wünschest Du Dir vor Allem oder wa« möchtest Du werden?"
Frida bewegte da« Köpfchen zierlich wie ein Vögelchen hin und her und streifte dabei mit d« Blicken den groß« Wandspiegel, der im Lichtschein glitzerte. Da« zarte Ge- sichtchen verfinsterte sich ein wenig und über die schmollen- den Lippen kam die etwa« langsame und gepreßte Antwort: „Ich möchte schön werden!"
Die Knaben lachten laut auf, und die Väter sah« sich nachdenklich an, und Miß DouglaS schnupfte in ihrer @dk.
(Fortsetzung folgt)