Marburg, Sonnabend, 30. Juni 1883.
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Expedition der Oberhess. Ztg.
vom Landtag.
Berlin, den 28. Juni.
In der heutigen (16.) Plenarsitzung deS Herrenhauses machte zunächst der Präsident Herzog von R a t i b o r Mitteilung, daß er, da morgen deS katholischen Feiertages wegen keine Plenarsitzung stattfinden könne, heute noch eine Abendsitzung abzuhalten gedenke. (In derselben werden kleinere Vorlagen zur Erledigung gelangen.)
Auf der Tagesordnung stehen zuerst die Verwaltungsgesetze, bezüglich deren Differenzen mit dem Abgeordnetenhause nur noch bestehen betreffs deS § 61 im Gesetzentwurf über die allgemeine Landesverwaltung (Ausschließung und Ablehnung im Verwaltungsstreitverfahren). Das Herrenhaus trat hier ohne Debatte dem Vorschläge der Kommission gemäß den Beschlüffen deS anderen Hauses bei.
Der andere Differenzpunkt bezieht sich auf den § 13. Derselbe lautet:
„Soweit die Bestätigung der Wahlen von Gemeindebeamten nach Maßgabe der GemetndeverfaffungSgesetze den Aufsichtsbehörden zusteht, erfolgt dieselbe durch den Regierungspräsidenten.
Die Bestätigung kann nur unter Zustimmung deS Bezirksausschusses versagt werden. Lehnt der Bezirksausschuß die Zustimmung ab, so kann dieselbe auf den Antrag deS Regierungspräsidenten durch den Minister deS Innern ergänzt werden.
Wir die Bestätigung vom Regierungspräsidenten unter Zustimmung deS Bezirksausschusses versagt, so kann dieselbe auf Antrag des Gemeindevorstandes oder der Gemeindevertretung von dem Minister des Innern erteilt werden." ...... >i -----n iTTTT-7TT-ra~~T-Trrrr~irTi । । iirrn
6 DaS Frauenherz.
Von Karl Schrattenthal-
Sie schrack zusammen, blickte mich lange schweigend an und sprach endlich mit dumpfer Stimme: „Es ist nicht das Werk eines Augenblicke», es ist die erfüllte Sehnsucht dreier langer Jahre des tiefsten Leides! Trotzdem glaube mir, es hat mir einen schweren Kampf gekostet; das bessere Ich ließ die Worte nicht über die Lippen, und doch habe ich mich dazu gezwungen! ES ist vollbracht! — und lange werde ich wohl noch an den Folgen dieses schweren Kampfes leiden!"
Sie wollte sich entfernen, doch der Diener meines Freundes August trat ein, er hielt einen Brief in bett Händen. Ich nahm denselben und laS, während Klärchen mit einer Miene nach mir blickte, die all die Schmerzen verriet, welche, gepaart mit einer noch lebenden Hoffnung, in ihrem Innern wühlten und Albina zitternd lauschte. — Der Brief war vom Arzte:
„Ihr Freund wird genesen 1 Ich habe eine genaue, eingehende Untersuchung vorgenommen und gefunden, daß er nach dem Gebrauche eines stärkenden BadeS seine frühere Gesundheit wieder erlangen kann. DieS zu Ihrer Beruhigung."
Alle Wonnen des Himmels sind nur ein Schatten jener Glückseligkeit, die aus dem dunklen Augenpaar KlärchmS leuchtete. Sie wandte sich schweigend nach dem Fenster, blickte nach dem Heere der goldenen Sterne und faltete die Hände. Albina war auf die Knie gesunken, und indem heiße Thränen ihrem Auge entquollen, sprach sie: „Ich banke Dir, Vater im Himmel, daß Du es so gefügt."
Ich stand gerührt; ich hätte selbst Albinm nicht wieder grollen können, denn jetzt fühlte sie ja ganz die große Macht der Reue. Ich wollte eben die Hände der beiden Schwestern ineinander fügen, als ein Manu in die Thür trat und erstaunt die Gruppe betrachtete. Seine gelockten Haare umrahmte ein schönes Antlitz, indem sich Energie rnit Milde paarten, seine ganze Erscheinung machte den Angenehmsten Eindruck! Ich wollte eben nach dem Begehr
DaS Herrenhaus hat den Absatz 1 und den Absatz 2, ebenso den Absatz 3 mit dem Wortlaute: „Der von dem Regierungspräsidenten unter Zustimmung des BezirkSauS- schuffeS gefaßte Beschluß ist endgültig" am 6. Juni gestrichen.
Der Referent Hr. v. Winterfeld empfiehlt, den Beschlüffen deS anderen Hauses beizutreten, wie er persönlich schon früher eS für zweckmäßig gehalten habe. Die sachliche, materielle und politische Bedeutung deS § 13 sei vielfach überschätzt. Die Rechte der Krone würden nicht beschränkt; daS werde von der Staatsregierung selbst anerkannt.
Minister deS Innern von Puttkamer bemerkt, daß daS HauS sich vor einer wichtigen politischen Entscheidung befinde, und daß neben sachlichen auch taktische Momente in Betracht kommen müßten. Käme die vorliegende Verwaltungsgesetzgebung jetzt nicht zum Abschlüsse, so würde sie voraussichtlich auf längere Zeit als vertagt anzusehen fein. ES käme darauf an, ob daS, was in den durch die Konkordanz beider Häuser festgestellten Beschlüssen gewonnen worden, diese Differenz überwiege oder nicht. Ein unzerstörbares Produkt der bisherigen Verhandlungen beider Häuser sei vor allem, daß die Verwaltungsgerichtspflege lediglich als Gegenstand der allgemeinen Verwaltung anerkannt sei. Das andere Haus habe allerdings die Konsequenzen der Vorlage hier nicht vollständig acceptiert. Aber eine prinzipielle Uebereinstimmung aller Faktoren der Gesetzgebung in dieser Beziehung sei doch ein großer Gewinn. Auch sei eine größere Vereinfachung des Verfahrens erreicht; ebenso sei eine Abkürzung der Instanzen geschaffen, wenn sie allerdings auch noch nicht weit genug gehe. Dieser Gewinn in politischer, organisatorischer und administrativer Beziehung stehe nun der Einschiebung des $ 13 durch daS Abgeordnetenhaus gegenüber. Daß dieselbe der Regierung und auch der Majorität dieses Hauses unerwünscht fei, unterliege keinem Zweifel- Wenn der § 13 die Rechte der Krone irgendwie tangieren könne, bann würde er selbstverständlich alle Vorteile deS Gesetzes Preisgeben und um Ablehnung des § 13 bitten. Die Befugnisse deS Ministers des Innern, die der § 13 demselben ausdrücklich wahre, ließen die Gefahren deS Paragraphen in wesentlich milderem Lichte erscheinen.
Herr Adams hat früher entschieden gegen den Beschluß deS Abgeordnetenhauses gesprochen; ist auch heute noch der Ansicht, daß aus ZweckmäßigkeitSrückstchten der 8 13 zu streichen sei. Andererseits sei zuzugeben, daß nicht die Rechte der Krone, sondern nur die deS RegierungSpräsi- deS späten Besuches fragen, als Albina nach der Thür blickte und mit dem Ausrufe: „Adolf, mein geliebter Adolf!" in die geöffneten Arme des Augekommenen stürzte. Ich sah, daß ich hier überflüssig sei und verließ leise daS Zimmer, auch Klärchen war mir gefolgt; sie hatte meine Hand ergriffen.
„Ich bin Dir noch eine Erklärung schuldig, so höre mich."
Sie erzählte nun mit fliegender Hast, auf welche Weise sie Albinen weh gethan und wie diese sich nun so bitter gerächt! „Ach," schloß sie den Bericht, „ich habe eS damals nicht bester verstanden und auch nicht so bös gemeint. Jetzt, wo ich weiß, daß ein ganz neues Leben unsere Seele erfüllt, wenn wir lieben, jetzt verstehe ich eS zu würdigen, was ich damals that. Doch das unverhoffte Glück des Wiedersehens wird ihr Herz mir wieder zuwenden, wir wollen liebend, mit einander leben, wie früher in den schönen Zeiten der Kindheit. Nun, gute Nacht! Geh' zu meinem August, sage ihm, daß ich Gott bitten will, er möge ihn bald genesen lasten; ich will ihn so glücklich machen, daß er all die Leiden, die ihn bisher heimsuchten, vergesten wird. Lebe wohl!"
Ich ging, in Gedanken nur mit den Zwillingsschwestern beschäftigt. Wie war doch daS möglich bei Albinen, der sanftmütigen? Dieses edle Wesen, daS in ihrer Opfer- freubigteit alles für ihre geliebte Schwester gegeben hätte, dies Wesen, mit dem reichen, schönen Herzen, war im Stande, einer so unedlen Handlungsweise sich schuldig zu machen?
Also in dieser Seele, wo so viel Sanftmut, Güte, Liebe und Großherzigkeit im harmonischen Einklang lebten, blieb auch noch ein Plätzchen für das düstere Gefühl der Rache, der unedelsten Rache gegen die eigene Schwester! Was vermag doch die beleidigte Liebe! — welch ein Rätsel ist ein Frauenherz I
V.
Ein halbe- Jahr war wieder dahingeschwunden. Während dieser Zeit lebte ich in Wien, stand aber in lebhafter
benten beschränkt werden. Da eS sich also nicht um prinzipielle, sondern nur um ZweckmäßigkeitSfragen handle und daS Abgeordnetenhaus in zwei anderen Punkten entgegengekommen fei, so thue das Herrenhaus wohl, im Interesse deS Zustandekommens des Gesetzes dem 8 13 zuzustimmen.
Graf zur Lippe empfindet es schmerzlich, daß die Kommission seit dem 6. Juni ihre Stellung vollständig geändert. Es sei sehr zu fürchten, daß eine solche Wandlung die Achtung, die das Herrenhaus noch im Lande habe, völlig zerstöre. Es fei Sache des Abgeordnetenhauses, von der Einfügung des 8 13 abzustehen, um das Zustandekommen des Gesetzes zu ermöglichen. (Redner wiederholt seine früheren Beschwerden über die nicht augemeffene Verteilung der Vorlagen an die beiden Häuser des Landtages.) So lange die Gesetze auf Kompromisse und nicht auf die eigene Rechteüberzeugung gestützt würde, werde nichts Dauerndes geschaffen werden. Diese Kompromisse zeigten sich auch so recht bei der Verwaltungsgesetzgebung, unb deshalb könne er sich auch der Hoffnung nicht hingeben, daß mit diesem Gesetze etwas Gutes geschaffen würde. Aber wenn man wirklich das Gesetz für so gut halte, bann möge doch das andere Haus in dieser Erkenntnis von seinem 8 13 abstehen. Daß 8 13 übrigens die Rechte der Krone nicht berühre, kann er nicht zugeben, wenn eS sich hier auch nur um die Ausübung der von der Krone delegierten Rechte handle. Thatsächlich wolle da« parlamentarische Regiment de« Zentrums der Krone diesen 8 13 aufdrängen. Im Interesse der Krone, deS Lande« und dieses Hauses bitte er, denselben abzulehnen.
Minister deS Innern v. Puttkamer bemerkt, daß ein großer Teil von Vorlagen nach Beschluß der StaatS- regierung zuerst ans Herrenhaus gehe. Nach der Ver- faffung müßten aber Finanzgesetze zuerst dem Abgeordnetenhause vorgelegt werden, und gerade der Herr Graf zur Lippe habe gelegentlich der Vorlegung deS PenstonSgesetzeS sich in dieser Beziehung sehr streng erwiesen — zum lebhaften Bedauern der Regierung. Bei hochpolitischen Fragen empfehle sich übrigens, die Vorlagen dem anderen Hause deshalb zuerst zugehen zu laffen, damit die naturgemäß ruhigere Erwägung dieses HauseS den lebhafteren Beratungen des anderen folge. Gleichzeitig ging der Herr Minister auf einige Bedenken deS Vorredner» bezüglich de« 8 13 widerlegend ein.
Herr v. Pfuel bittet, dem Vorschläge de« Grafen zur Lippe auf Ablehnung des 8 13 nicht zu folgen. ES sei sehr zu besorgen, daß man damit nichts erreiche. Er Korrespondenz mit August Starke unb seinem neuen Freunde Adolf Reinwald. Der letztere war vollkommen gesund geworden und hatte eine einträgliche Stellung als Advokat. Daß er während der drei Jahre seiner Abwesenheit kein Wort nach Schönberg berichtet, war eine Folge jenes Versprechens, das er Herrn Landau gegeben. Doch mit dem Wiederkehren seiner Gesundheit erblühte auch neue Hoffnung in seiner Seele. Daß Albina keinem andern die Hand reichen würde, deffen war er gewiß, denn sie hatte in der bitteren Abschiedsstunde ein ernstes Wort gesprochen: „Adolf, ich bin Dein, und wenn Dich Gott von dieser Erde nimmt, so will ich vereinsamt Deinem teueren Andenken leben l" Er kannte Albinen, um überzeugt zu fein, daß er sie stets unwandelbar finden werde.
Mein Freund August Starke war von feiner Badekur zurückgekehrt und lebte, seinen Pflichten als Offizier getreu, in Prag, wo sein Bataillon in Garnison lag. Der Früh-- ling zog eben Im vollsten Glanze ins Land, da erhielt ich von den „Rosen von Schönberg" ein duftendes Briefchen,: „Nimm teil an unserem Glücke, komm und überzeuge Dich selbst, daß nun der Friede der Liebe wieder bei uns einge- zogen und unsere schwesterliche Eintracht befestigt, durch kein Ungemach erschüttert werden kann. Sonntag ist die Hochzeit, Du mußt dabei sein. Wir harren mit Ungeduld."
Ich vermag da» Glück der nächsten Tage nicht zu schildern; ich war Zeuge, wie die beiden blühenden Mädchen vor dem Altäre ihren Erwählten das Jawort gaben. Ich war Zeuge, wie sic nach dem feierlichen Akte daheim sich innig und zärtlich umschlangen und sich unter heißen Küssen und Thränen gegenseitig gelobten, daß aller Groll vergeffen sei, für immer. — So hatte die Liebe entzweit und wieder versöhnt.
Die „Rosen von Schönberg" sind heute glückliche Frauen, sie haben noch nichts eingebüßt an Anmut und Schönheit, und jeder fühlt sich wohl, dem e« vergönnt, nur ein Stündchen in ihrer trauten Nähe zu leben. Ihre Männer sind beneidenswert und gewiß stolz darauf, daß sie das Rätsel bester zu lösen vermochten, als es mir gelang.