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Ar. U7. Marburg, Mittwoch, 27. Juni 1883. XVffl. Jahrgang.

«eigen nimmt entgegen: J/i^pebition d. Blatte-, (,@ie d.Annoncen-Bureaur , Ib- Dietrich u. Co. in Lflit und Hannover; Th. Mrich in Frankfurt a.M-; Aeafenftein u. Bögler in L-nkfurt a. M., Berlin, Nzig, Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank- * furt a. M. rc-

GchksMe jcituiig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von ® L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jäaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendankin Berlin: 8». ThieneS in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.

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Bom Landtag.

Berlin, den 25. Juni.

In der heutigen (84.) um 9*/< Uhr eröffneten Plenar­sitzung des Abgeordnetenhauses machte der PrSfidcnt v Köller zunächst Mitteilung über die Lage, in welcher sich gegenwärtig die Angelegenheit, betreffend den Neubau eines Geschäftshauses für den Lundtag, befindet. DaS Be­dürfnis eines Umbaues für das Herrenhaus ist in der Konferenz vom 28. April d. I. verneint worden; eS steht also nur der Neubau für daS Abgeordnetenhaus in Frage. Die Platzfrage ist indes noch nicht entschieden; die ent­worfene Bauskizze liegt sür die Mitglieder deS Hauses im Büreau aus.

Auf der Tagesordnung steht in erster Reihe die dritte Lesung der kirchenpolitischen Vorlage. In der General­debatte nahm Abg. Götting (nationalliberal) aus den neulichen Bemerkungen des Abg. Reichensperger bei der zweiten Lesung Veranlassung, vom protestantischen Stand­punkte auS Ursachen und Wandlungen deS Kulturkampfs des Näheren zu beleuchten. Daß die Maigesetzgebung in allen ihren Punkten unverbesserlich sei, werde niemand be­haupten; aber wo bleibe bei den jetzigen Konzessionen an die Katholiken die Rücksicht auf das protestantische Bewußt­sein? Und wie treffe erst der SyllabuS die protestantischen Gefühle? Derselbe verdamme alles, was den Protestanten teuer und heilig I Wie spreche sich auch der gegenwärtige Papst über die Reformation und die Protestanten aus? Der Redner geht auf die gehässige Polemik ein, mit welcher die ultramontane Presse, und namentlich dieGermania , die bevorstehende Lutherfeier begleite. Er schließt mit der Bitte an die preußische Regierung, die Protestanten vor der durch daS Vatikanum neu gestalteten katholischen Kirche zu schützen.

Abg. Stöcker findet, daß der Vorredner den Kultur­kampf auf zu kleine Ursachen zurückgesührt habe. Die

3 Das Fraueuherz.

Von Karl Schraitenthal-

Albina, die ihrer Schwester keinen Gedanken verheim­lichen konnte, hatte noch keine Worte gefunden, durch welche sie ihrem Klärchen diese Metamorphose ihres Herzens hätte mitteilen können, zumeist jedoch wagte sie eS nicht, auf daS traute Gefühl der Mitempfindung von Seiten ihrer Schwester zu hoffen, da doch das mutwillige Klärchen kein Verständ­nis für ein solche« tiefgreifendes Empfinden haben konnte. Sie schwieg beharrlich und blieb nach wie vor sanft und ruhig, doch glücklich, überglücklich, einer Blume gleich, der ein süßer Frühlingskuß den Kelch geöffnet, damit sie die wärmenden, erquickenden Strahlen der Sonne in sich berge. Die immer freundliche, doch auch stets zurückhaltende Al­bina ließ es wundersamer Weise so gerne geschehen, daß Reinwald beim Nachhausegehen ihr die Hand küßte, ja als kaum ein halbes Jahr entschwand, soll ein neugieriges Sternlein vom ewig blauen Himmel der Liebe gelauscht und gesehen haben, wie im langen Korridor deS Hauses Albina ihr goldblondes Köpfchen an Reinwald« Schulter lehnte und ihn mit ihren blauen Augen so innig anblickte, daß er, dem gewaltigen Zauber erliegend, sein Haupt neigte und mit ihr jene wortlose, süße Sprache führte, die von dm Lippen zu dem Herzen geht. Weder Albina noch Reinwald hatten ein Wort weiter davon erzählt, und daö lauschende Sternlein begnügte sich damit, zu schweigen und tn unermeßlicher Freude über das Glück der Liebenden, mehr denn je zu strahlen und zu leuchten!

0, darum ist so süß der Traum, Den erste Liebe webt. Weil schneller, wie die Blüt' am Baum Er welket und verschwebt!"

Schroffheit der konfessionellen Gegensätze muffe gemildert werden, und hier im Landtage sei die Stätte objektiver Aus­gleichung. Der Fortschritt freilich wende seine ganze Be­geisterung lediglich der Machtentwickelung des Judentums zu, das in Preußen bereits alle Freiheiten genieße. Der Kulturkampf sei nichts Anderes, als eine neue Epoche des großen Kampfes zwischen Staat und Kirche, in dem auf der einen Seite der Kirchenbegriff, auf der anderen der Staatsbegriff zu sehr auf die Spitze getrieben seien.Die Vorwürfe, welche jetzt den Konservativen wegen ihrer an­geblichen Kapitulation gemacht würden, seien durchaus unbegründet; die Natur der Verhältnisse, welche gerade durch die Linke geschaffen, zwinge zu einer gewissen Nachgiebigkeit Herr v. Cuny habe nach seinen neulichen Ausführungen voll Bewunderung für die römische Siaatöweisheit am aller­wenigsten daS Recht, den Konservativen solchen Vorwurf deS Ganges nach Canoffa zu machen. Die Lage der Kirche fei im konstitutionellen Preußen naturgemäß eine andere, als im absoluten Staate. Aber wenn auch die evangelische Kirche der Organisation der katholischen ent­behre, würde doch auch sie sich durch die Aussicht des Abg Wiudthorst einer Trennung der Kirche vom Staate nicht schrecken lassen. Auch sei eS ein Irrtum, zu glauben, daß der Katholizismus mehr als Hort der staatserhaltenden Ideen zu betrachten sei, als der Protestantismus. Hoffentlich werde diese Vorlage dazu dienen, den Frieden der Kon­fessionen zu fördern und zur wünschenswerten Einigkeit zu führen.

Abg. v. Eyne rn betont, daß die Kräfte, welche hinter den Nationalliberalen ständen, wieder emporwachsen würden, wenn die unnatürlichen Koalitionen der Ultramontanen nach der einen Seite mit den Radikalen, nach bet anderen mit den Konservativen wieder gelöst sein würden. Der Redner wendet sich gegen die neulichen Ausführungen der Abgg. v. Zedlitz, v. Wedell - Piesdorff, Graf zu Limburg- Stirum und v. Rauchhaupt. Der NameReichsfeind" sei vom Reichskanzler und nicht von den Liberalen erfunden. Heute noch versuche der Abg. Stöcker, den Liberalen die Schuld am Kulturkämpfe beizumessen, und doch hätten sie nur den Reichskanzler in diesem notgedrungenen Kampfe unterstützt. Die Konservativen sagten nun, mit diesem Gesetze werde der Friede angebahnt; darauf gebe das Zentrum mit der Wahl im bayerischen Reichstagswahlkreise Neustadt- Landau die nötige Antwort. Abg. Stöcker schüre den Kampf zwischen den verschiedenen Richtungen seiner eigenen Kirche, während die Stellung, die er im bürgerlichen Leben habe, ihn dazu bestimmen sollte, versöhnend zu teilten. Herr Windthorst möge nicht zu übermütig sein, der Spieß werde sich einmal umkehren. Wenn diese Vorlage ohne SturmeS- aufregung im Lande ausgenommen werde, so liege daS lediglich darin, daß der Name des Fürsten Bismarck damit

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Adolf Neinwald war eines Tages zu AlbioenS Vater gegangen; er hatte ihm in seiner schlichten, ehrlichen Weise erklärt, daß er daS schöne Mädchen liebe und ihrer innigsten Zuneigung gewiß sei, daß also zu ihrem beiderseitigen Glücke nichts fehle, als des VaterS Segen.

Herr Landau hatte der Erklärung des jungen Mannes schweigend zugehört, doch eine ernste Falte zeigte sich auf seiner Stirne, als er sprach:Was Sie mir da berichten, zeigt mir deutlich genug, daß zwischen Ihnen und meiner Tochter bereits ein inniges Einverständnis besteht. Wenn ich trotzdem Ihnen alle Hoffnung nehmen muß, so bitte ich Sie, mich nicht für einen jener Goldmenschen zu be­trachten, die, well sie ihrem Kinde eine bedeutende Mitgift zu geben im stände sind, desgleichen auch von ihrem zu­künftigen Schwiegersöhne fordern. Da ich begründete Ur­sache habe, Sie für einen Ehrenmann zu halten, würde ich ganz einfach sagen:Verschaffen Sie sich durch Fleiß und Ausdauer ein Amt, und machen Sie meine Tochter glücklich 1" Doch, verzeihen Sie, Herr Reinwald, ich habe vor allem da- Glück meines Kindes vor Augen, weiß Gott, wie lange Ihr leidender Zustand Sie noch unter den Lebenden erhält; ich habe mein Kind viel zu lieb, als daß ich zugeben sollte, meine Albina möge eine kurze Zeit der Seligkeit an Ihrer Seite verleben, um bann allein, ver­lassen dazustehen, als einziges Erbe ben tiefen Schmerz eine- zerstörten LebenSglückeS. WaS ich Ihnen hier so offen barthue, mag hart klingen, doch ich kann nicht anders. Daß für meine Albina nun eine bittere Zeit kommen wird, davon bin ich leider nur zu sehr überzeugt, und es schmerzt mich auch. Doch wenn Sie, als ehrlicher Mann sich voll­kommen zurückziehen, Albinen nie Gele enheit geben, Sie wiedetzusehen, bann kommt vielleicht, was ich ei sehne, die Ruhe wieder in das Herz meines geliebten Kinde». Ich

verknüpft fei. Daß die Vorlage nicht die Ausführung der Note vom 5. Mai fei, daS werde doch von keiner Seite bezweifelt werden können. Herr Windthorst stelle immer neue Forderungen, nur um ben Kulturkampf nicht zu be­endigen und den Zerfall der Zentrumsfraktion zu ver­hindern. Die Verwaisung der Seelsorge, deren Beseitigung die Vorlage angeblich bezwecke, sei nicht so groß, wie sie geschildert werde. Die Vorlage fei ein Schritt ins Dunkele und eine Niederlage, wie Preußen sie noch nicht erlebt.

Kultusminister v. Goßler betont, daß er als Staats­mann nicht von feiner indivibnell-protestantifchen Anschauung aus biefe Angelegenheiten zu behandeln berechtigt sei. Alle Befürchtungen der Vorredner wegen PreiSgebung der Rechte des Staates, feien unbegründet; ganz unberechtigt nament­lich auch die Angriffe des Abg. Götting gegen ihn wegen seines Vorgehens betreffs der bekannten Verfügung der Posener Regierung. Bezüglich der Schulaufsicht halte er seinen einmal eingenommenen Standpunkt, der dem des Ministers Falk gleichkomme, vollständig fest, und stehe er durchaus auf dem Boden der Verfassung. In der Vor­lage komme der Gedanke znm Ausdruck, daß die thatsächlich bestehenden Notstände, wenn man ihren Zusammenhang mit der Gesetzgebung anerkenne, zu beseitigen seien; die Schwierigkeit liege wesentlich darin, wie das zu erreichen sei. lieber die FormelTrennung von Kirche und Staat" beständen an sich schon die größten Differenzen; der Gedanke habe jedenfalls zu einem konkreten Vorschläge noch nicht geführt. Am nächste» sei ihm der Antrag Virchow gekommen; daö Schutzmittel desselben dem Staate gegenüber sei indes ein viel kleinere«, als das der Vorlage. Letztere knüpfe an die ganze deutsche Entwickelung an und schaffe sich die nötigen Kanteten, während sie andererseits dem Mangel der Seelsorge abhelfe. Werde wider Er­warten die Hoffnung auf Erreichung deS Friedens und Einräumung der Anzeigepflicht nicht erfüllt, dann frei­lich würden wir nicht stehen bleiben können und die Schleusen öffnen müssen. Bei der Stimmung des Volkes aber vertraue er, daß es dazu nicht kommen werde.

Abg. Bachem ist mit dem Abg. Stöcker der Mei­nung, daß man mehr das betonen solle, was die Kon­fessionen eint, als was sie trennt. Abg. v. Eynern habe eine Menge von Nebendingen herbeigezogen, welche geeig­net seien, die Gegensätze zu veischärfen. Die Katholiken verlangten, wie schon der Abg. Windthorst neulich anSge- sühri, nur ihr Recht; dasselbe sei ihnen auch unter dem absoluten Regiment besser und sicherer gewährt als unter dem parlamentarischen. Daß die Nationalliberalen der Vorlage nicht zustimmen, würbe nur ben Zusammensturz dieser Partei beschleunigen.

Abg. Dr. Virchow bemerkt, daß btt Herr Minister sich heute weniger sympathisch, als neulich, Über seinen An­

habe Ihnen offen bas gesagt, waS ich sagen mußte, ich kann Ihnen nicht grollen, trotzdem Sie unbewußt mein Haupt mit schwerem Kummer belasteten."

Reinwald, durch diese offene Erklärung all seiner Hoff­nungen beraubt, hatte keinen andern Wunsch, als von Albina Abschied zu nehmen und ihr Trost für daS kom­mende Leid zusprechen zu dürfen, worauf Herr Landau entgegnete:Wenn Albina eben nicht ein fo eigenartiger Charakter wäre, so würde ich Ihnen diese Bitte abschlagen, doch ich sehe selbst ein, daß e« so besser ist. Gehen Sie zu ihr, und handeln Sie so, wie Sie als Ehrenmann verpflichtet sind."

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Am nächsten Morgen, al« die Sonne eben hinter bett bewaldeten Bergen blutigrot emporstieg, da rollte der Post­wagen auf der einsamen Straße oahin. Der einzige Rei­sende lehnte mit blassem, leidendem Gesichte in den Kissen und blickte von Zeit zu Zeit zurück nach dem Städtchen, daS so friedlich balag, inmitten der blühenden Landschaft, das Stävtchrn, welches er nun verließ auf Nimmer­wiedersehen. Es flieht einen Schmerz, der keine Thräne kennt, und dieser Schmerz lebte in ReinwaldS Seele. Diese matten Augen, die so start nach dem immer mehr hinter den Wälderkronen verschwindenden Häusern Schönberg« blickten, bis sie nicht« mehr gewahrten al« bas Kreuz de« Kirchturm«, ein Kreuz, vielleicht sollte in kurzer Zeit eine auf feinem einsamen Grabhügel stehen l Diese matten Augen zeigten deutlich genug, daß da« Herz einem Sarge plto, in welchem abgestorbene, zerknickte Hoffnungsblüten ruhten. Adolf Reinwal) reifte nach der Residenz, dort wollte er seine etubien beenden und bann ? was konnte ihm fein leidender Zustand für eine Antwort geben?

(Fortsetzung folgt.)