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Marburg, Sonntag, 24. Juni 1883.

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Wie ein Blitz zuckte es plötzlich durch das Gehirn der Frau: Wenn du bm Jasch mietetest, wenn du deinen Mann dadurch überraschtest, wie froh würde er sein, er hat gewiß noch keinen Ersatz für ihn gefunden und er wäre dir dank­bar, dankbar für die Uneigennützigkeit, mit der du eigene Wünsche hi-ttenanfitzest, um die deines Gatten zu befriedigen. Und dann sah sie sich auf der Nachhauscfahrt, behaglich in die Ecke der Britschka zurückgelehnt, die Augen hin und und wieder geschlossen, und vor sich auf dem Bocke die dunkle Gestalt des Burfchen, der nüchtern und zuverlässig die Pferde lenkte, und sich scheu umsehend, ob Herr Weiß auch nicht in der Nähe sei, flüsterte sie dem Jasch verlegen zu: Du sollst sechs Thaler Lohn aufs Jahr mehr erhalten, sechs Thaler, das Handgeld noch ausgenommen, wenn Du aufs neue zu unS kommst, aber verraten darfst DuS noch nicht, mußt noch stumm darüber.bleiben bis zum Abend, weil ich will, daß mein Mann es erst dann erfährt, wenn wir wieder nach Haus aufbrechen.

Während feine Gattin fv, einem raschen Impulse fol- Send, ihrem Eheherrn zu dem alten gewohnten Kutscher verhalf, war Herr Weiß in grimmiger Laune nach dem Gasthaus zurückgegangen, und als er feine Frau hier nicht fand, nach dem Markte zurückgekehrt, wo er die Seite, die das weibliche Dienstpersonal innehatte, aufsuchte.

Mag sich denn der Andreas das Fahren annehmm, brummte er vor sich hin, während er rascher auSschritt, schlecht genug hat erS zwar heut gemacht und Minnachen wird noch ost Angst genug auSstehen, aber waS nicht zu ändern, ist doch nicht zu ändern, und damit blieb er Plötz-

Interessen wahrgenommen zu haben, als sie sich bemüht, eins dem andern gefällig zu sein. Ich habe dafür gesorgt, daß mein Mann den Jasch bekommt, dachte Frau Weiß bei sich, folglich konnte er mir auch nichts sagen, wenn ich sah, ob die Marzinna nicht vielleicht noch zu haben «ar, und Herr Weiß dachte ganz ebenso: Ich verschaffte Min­nachen daS Mädchen, möchte sie es doch nun auch mit­ansehen, wenn ich mir dm Jasch wieder eroberte.

Bon der gleichen Unruhe und dem Wunsche beseelt, zu sehen, ob die Leute nicht noch frei wären, verließen Herr und Frau Weiß, die ihre Gefühle aber gegenseitig nicht verrieten, nochmals das Gasthaus, nachdem sie kaum in dasselbe wieder zurückgekehrt waren, und trafen unten auf dem Hausflur Marzinna und Jasch, die sie am wenigstm hier vermutet, und die sich fest umschlungen hatten und in polnischer Sprache lebhaft auf einander einsprachm. Wie aufgescheuchte und entdeckte Rebhühner flogen die Liebendm dann auseinander. Aber die Herrschaft «ar in diesem Augenblicke durchaus uneingedenk ihrer Prinzipien, sie nahm in keiner Weise Notiz von der Umarmung, Herr Weiß griff nach dem Arme deS Jasch, Frau Weiß nach dem Marzinna«, und fast gleichzeitig ertönte aus ihrem Munde die Frage: Bist Du noch frei?

Nein! — Herr Weiß blickte triumphierend auf feine Frau, der er eine kleine Niederlage gönnte, bevor er sie darüber aufklärte, daß er Marzinna gemietet, aber Min­nachen heftete ihren Blick auch voller Schadenfreude auf ihren Gatten, der vergebens um Jasch warb, mußte doch ihr Triumph um viele- größer werden, wenn er nachher hörte, wie sie seines Herzens Wünschen zuvorgekommen. Uebcr die Genugthuung, die sie beide empfanden, vergaßen sie fast, daß sie mit ihrem eigenen Vorhaben Schiffbruch

stehe, was er am 12. Juni ausgesprochen habe. Der An­trag sei lediglich eine praktische Gestaltung deffen, was er früher theoretisch auSgeführt. Die Fortschrittspartei wolle, daß daS, was überhaupt gewährt werden könne, nicht stückweise gegeben werde, sondern mit einem Male; deshalb sei ihr Vorschlag generell. Sie wollte daS auch nicht bloS für die Katholiken allein, sondern stelle solche allgemeinen Gesichtspunkte für alle ReligionSgesellschafteu gleichmäßig auf. Dadurch stehe sie allerdings in striktem Gegensatz zu dem Vorgehen der Regierung. Den Art. 15 der Verfassung könne man wohl wiederherstellen, aber nur in der Formel, die er in der Frankfurter Verfassung ge­habt. Je mehr die Regierung nachgebe, desto größer er­weisen sich die Ansprüche der Kirche. Das zeige auch der Erlaß deS Fürstbischofs von BreSlau vom 19. März 1883, welcher direkt der staatlichen Gesetzgebung widerstreite. Wenn Gesetz werde, was jetzt proponiert werde, würde notwendig eine immer größere Reihe von Pfarreien der regelmäßigen Besetzung entbehren und daS Feld der MissionSthättgkeit ganz allgemein werden. Daß der Papst jemals die An­zeigepflicht konzedieren werde, glaube er deshalb nicht, weil in Preußen eben der Monarch kein Katholik sei, und well man die Wiedereinsetzung einer katholischen Abteilung doch füglich nicht annehmen dürfe. Sein Antrag fordere den Katholiken gegenüber nur daS, waS auch allen anderen ReligionSgenoffenfchaften gegenüber gelten solle, und würde er deshalb auch zur Aufnahme in ein allgemeine« Reli- zionSgefctz geeignet fein.

Abg. v. R auchhaupt weist zunächst die Behauptung des Abg. v. Cuny als durchaus unbegründet zurück, daß die Konservativen dem Zentrum die Vorlage mundgerecht gemacht hätten; sie wären lediglich bestimmt durch die Rück­sichten auf die Jntereffen des Vaterlandes und der katho­lischen Bevölkerung. Im übrigen führt der Redner au«, daß die Befürchtungen, welche an die Einnahme diese« Gesetze« geknüpft würden, unbegründet seien.

Abg. v. Zedlitz weist nach, daß die katholische Kirche durchaus kein Jntereffe daran habe, die Pfarrstellen fest zu besetzen und damit vielleicht die Anzeigepflicht zu ge­währen. Eine Garantie für die Anerkennung der Be­nennungspflicht gebe es nicht, deshalb müßten die gefetz- lichen Repressionsgewalten des Staate- verstärkt werden, wenn jene Erleichterungen deS Artikels 1 gewährt werden sollen.

Kultusminister v. Goßler: Was die Angelegenheit des fürstbischoflichen ErlaffeS über die Pfarreinnahmrn an­langt, so glaube ich nicht, daß man hier einem bestimmten Plane gegenübersteht, sondern daß dieselbe ihren Ursprung in den eigenartigen rechtlichen Verhältniffrn der Diözese BreSlau hat. In der Sache selbst habe ich deshalb noch nicht Stellung genommen, obschon ich zugebe, daß ich gegen­über diesen feinen Rechtsunterschieden vielfach auf dem ent-

Beratung zur Verhandlung.

Art. 1 der Kommissionsbeschlüsst, in welchen bekanntlich Art. 2 der Regierungsvorlage mit hinübergenommen, ohne daß dadurch eine materielle Aenderung herbeigeführt ist, lautet: „Die Verpflichtung der geistlichen Oberen zur Be­nennung des Kandidaten für ein geistliches Amt, sowie das Einspruchsrecht de« Staates werden aufgehoben: 1. für die Uebertragung von Seelsorgeämtern, bereit Inhaber unbedingt abberufen werben bürfen, 2. für die Anordnung einer Hilfs­leistung ober einer Stellvertretung in einem geistlichen Amte, sofern letztere nicht in ber Bestellung bes Verwesers eines Pfarramts (Administrators, Provisors rc.) besteht."

Abg. vr. Virchow beantragt, diesen Art. 1 durch fol­genden zu ersetzen: „In dem Falle, daß der gesetzlichen Ver­pflichtung zur Benennung des Kandidaten für ein geistliche« Amt seitens der geistlichen Oberen nicht genügt wird, bleibt der betreffende Geistliche von geistlichen Amtshandlungen in Anstalten des Staates oder eines politischen Verbandes, von allen Bezügen aus Mitteln des Staate« oder eine« politischen Verbandes, von der Mitgliedschaft im Kirchen­vorstande und von allen sonst den Geistlichen staatlich zu­stehenden Vorrechten und Befreiungen ausgeschlossen. — Di- Strafbcstimmimgen der 88 22 und 23 Absatz 1 des Gesetzes vom 11. Mai 1873, sowie de« Artikel« 2 de« Gesetzes vom 21. Mat 1874, soweit sie die unterlaffene Benennung betreffen, werden aufgehoben."

Abg.vr.v.Cuny betont, daß Art. 1 der Kommission«- beschlüffe sich allerdings fachlich nicht von den Art. 1 und 2 der Regierungsvorlage unterscheide; die Mehrheit habe jene Fassung nur ous taktischen Gründen beschlossen, um dem Zentrum die Vorige nur immer mehr mundrecht zu machen.

Ein Dienstbotenmarkt.

Von A. G

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vom Landtag.

Berlin, den 22. Juni.

In der heutigen (82.) Plenarsitzung deS Abgeord- « netenHauses kam die kirchenpoltiifcheVorlage in zweiter

Srscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS Gomita-Dblatt" durch die Expedition (St o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘A Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (epi. Bestellgebühr.) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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Allerdings keine uninteressarte Erscheinung! Im übrigen liege eben in dem Art. 1 der Schwerpunkt der Vorlage, und weil dieser für seine Freunde unannehmbar, müßten sie die ganze Vorlage ablehnen. ErfahrungSmäßig erreiche Preußen auf dem Wege diplomatischer Verhandlungen mit der Kurie nichts. Unseren mächtigen Staatsmann, der sonst in den auswärtigen Dingen so Großes und Bewunderns­wertes geleistet, erkenne man in diesen Verhandlungen nicht wieder! Gleichwohl hätte man dem Art. 1 vielleicht dann zustimmen können, wenn er dem Interesse der katholischen Staatsbürger entsprechen und zum Frieden führen würde. DaS sei aber tatsächlich nicht der Fall; die Bestimmung des Artikel 1 führe vielmehr dazu, daß die dauernde Be­setzung der geistlichen Aemtcr umgangen tocre. Die bezüg­lichen gegenteiligen Ausführungen der „Nordd. Allg. Ztg/ sucht der Redner als durchaus irrtümlich zu charakterisieren. Das Bestreben, die katholische Geistlichkeit mehr und mehr in eine Misstonsgeistlichkeit zu verwandeln und dieselbe immer abhängiger von den Oberen zu machen, widerstreite direkt den Jntereffen deS Staates. Man sage wohl, die National­liberalen müßten doch daS Bestreben der Staatsregierung unterstützen, im Wege der einseitigen Gesetzgebung zum Frieden zu gelangen. Aber so sehr sie damit einverstanden feien, baß nur ber Weg ber einseitigen Gesetzgebung ein­zuschlagen sei, so vertrauten sie doch eben nicht darauf, daß die Staatsregierung auf diesem Wege beharren werde; dazu käme aber, daß sie das vorgeschlagene Mittel, wie gesagt, nicht als heilsam anerkennen könnten. Deshalb müßten sie die Vorlage ablehnen. (Bravo links.)

Abg. Reichensperger (Olpe) hält die Annahme der KommisflonSbeschlüffe für zweifellos. Doch sei eS nicht genügend, daß ein neues Gesetz formell zu stände käme. Dem Volke muffe auch zum Bewußtsein gebracht werden, daß hier der erste Anfang zu einer gründlichen Befferung, eine Abschlagszahlung gemacht werde. Der Redner geht des Näheren widerlegend auf die Ausführungen des Vor­redners ein. Die Nationalliberalen könnten nur dadurch ihre frühere einflußreiche Stellung wieder gewinnen, daß sie auch der Kirche ihre volle Freiheit einräumten. Darauf kam er auf die Rede deS Abg. Gneist in der Generaldebatte zurück, in welcher dieser den vergeblichen Versuch gemacht habe, die Falksche Gesetzgebung mit dem Kirchenregiment deS früheren Polizeistaats Preußen zu rechtfertigen. Das sei ein Anachronismus. Der von dem Abg. Virchow ge­stellte Antrag entspreche ganz den neulichen Ausführungen deS Abg. Richter, die ihm (dem Redner) nicht unsympathisch gewesen. Um zum Frieden zu gelangen, empfiehlt er aus­gedehnteren Gebrauch der diskretionären Vollmachten seitens des Herrn Ministers, Herstellung der aufgehobenen Ver­fassungsartikel und Aufnahme deS österreichischen Systems.

Abg. vr. Virchow kann nicht zugeben, daß, wie der Vorredner behauptet, sein Antrag mit dem im Widerspruch

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lich mit raschem Rucke vor einem hochgewachsenen Mädchen stehen, dessen blaue Augen ihn auf seinem Gange verfolgt hatten.

He, Marzinna, noch kein n Dienst gefunden, wie geht denn daS zu?

Ja, Herr, dir Wangen des Mädchens überzog eine lichte Röte, eS haben mir wohl fchon viele das Handgeld angeboten, aber eS ist doch nicht leicht, sich zu entschließen, wenn man sechs Jahre auf einer Stelle gewesen ist und über seine Herrschaft nie zu klagen gehabt hat. Die letzten Worte klangen nicht ganz so sicher wie der Anfang der Rede und berührten seltsam daS Herz deS Gutsbesitzers, das gut und warm in der Brust schlug, trotz deS rauhen Wesens, daS er oft zur Schau trug. Es war wahr, warum wollte man sich trennen, wo man schon so lange zusammen­gewesen; waS man hatte, wußte man wohl, aber nicht so, waS man wieder bekam. Und plötzlich fiel ihm ein, daß seine Kinder heute morgen nicht so bitterlich geweint hätten, wenn Marzinna bet ihnen geblieben wäre, daß der Kaffee heiß gewesen und die Butterbrödchen in der Wagentasche gesteckt hätten, wenn man daS Mädchen nicht so schnöde entlassen, und in die Tasche greifend, drückte er Marzinna einen blanken Thaler in die Hand.

Du bleibst bei uns, sagte er fast herrisch, um eS zu verbergen, wie nachgiebig er in diesem Augenblicke war, aber der Frau sagst Du nichts, sie soll es erst wissen, wenn wir gegen Abend wieder nach Hause fahren.

In der Zeit aber, die zwischen der Minute, in der sich die Gatten gegenseitig ein Liebesdienst leisteten, und der Stunde der Rückkehr lag, floß doch noch viel Wasser den Berg herab, wenigstens enstand in den Herzen de« Besitzers und seiner Frau da« lebhafte Bedauern, nicht gleich eigene