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Marburg, Dienstag, 19. Juni 1883.

xvm. JahtMg.

Anreisen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Burea " ih. Dietrich u. Co.

gaffel und Hannover; T Dietrich in Frankfurt a A Laasenstein u. Vogler Arankfurt a. M-, Berli gkipzig, Köln ic.; Rudi , jReffe in Berlin, Frank­furt a. M- ic.

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Anzeigen nimmt entae-eo: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von @ L. Daube u. E». in Frankfurt a. M; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalioendankm Berlin; W. Thiene- iu Elberfeld: E. Schlotte tu

Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktag« nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „IllnstrirteS SoimtagSblaU" durch die Expedition (Ä o ch'f<be Buchdruckerei) bezogen 21/« Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche- 2 Mark 60 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Bette 10

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Deutsche- Reich.

Berli«, 16. Juni. Ihre Majestät die Kaiserin Augusta hat an den Vorsitzenden der Jury für die Hygietne - Aus­stellung, Wirklichen Geheimen Rat Dr. v. Langenbeck, fol­gendes Schreiben gerichtet: „Ich habe soeben den Bericht der Preisrichter erhalten, an deren Spitze Ihr um die leidende Menschheit so hochverdienter Name steht. ES liegt Mir am Herzen, ungesäumt Ihnen zu danken, und zwar vermöge des Mandats, welches der Dienst der Humanität Dkeiner Stellung gewährt. Sie haben mit Ihren Kollegen des Preisrichteramts gewissenhaft und nicht ohne große Mühe eine Aufgabe gelöst, welche den Wert der Hygteine- AuSstellung dauernd anerkennt und fortwirken läßt. ES ist für Uns eine Freude gewesen, mit hervorragenden Ver­tretern der Wissenschaft und des Gemeinwesens befreundeter Staaten in Verbindung hierbei zu wirken, und Ich werde den Vorschlägen gemäß in betreff der Verteilung der Ehren» preise verfahren. Ich bitte Sie, diesen Meinen herzlichen Dank Ihren sämtlichen Kollegen zu übermitteln/ — Die kirchenpolitische Kommission hat in kaum zwei Stunden heute die zweite Lesung des Gesetzes vollzogen. Artikel 1 wurde mit 16 gegen 5 Stimmen angenommen, nachdem der materielle Inhalt des Art. 2 in denselben hinetngearbeitet worden war. Diese Aenderung, die von feiten der Kon­servativen angeregt worden war, hat den Zweck, dem Zentrum die Notwendigkeit zu ersparen, positiv für die Beibehaltung bei Einspruchsrechts stimmen zu muffen. Art. 1 lautet also jetzt: „Die Verpflichtung der geistlichen Oberen zur Benennung des Kandidaten für ein geistliches Amt sowie das Einspruchsrecht deS Staates werden aufgehoben: 1. für die Uebertragung von Seelsorgämtern, deren Inhaber unbe­dingt abberufen werden dürfen; 2. für die Anordnung einer Hilfeleistung oder einer Stellvertretung in einem geistlichen Amte, sofern letztere nicht in der Bestellung des Verwesers eines Pfarramtes (Administrator, Provisor u. s. w.) besteht/ Dadurch war Art. 2 hinfällig geworden. Art. 3 wurde mit einem unerheblichen Zusätze angenommen. Die Strei­chung des Art. 4 wurde wieder mit 14 gegen 7 Stimmen ausgesprochen. Der Artikel 5, sowie der von Windthorst beantragte Art. 5a, wonach Bischöfe einzelne Weihehand- lungen auch in anderen Diözesen vornehmen dürfen, gelangte mit 15 gegen 6 «Stimmen zur Annahme. Schließlich er­klärte Windthorst, ihre endgültige Stellung zu dem Gesetze behalte sich seine Partei vor. Bei der Schlußabstimmung stimmten 13 für, 8 gegen daS ganze Gesetz. Zu den 6 Mit­gliedern deS Zentrums und den 6 Konservativen gesellte sich der Abg. Zelle vom Fortschritt. Die Herren v. Zedlitz und Dr. Meyer gaben die Erklärung ab, daß sie für die unveränderte Regierungsvorlage gestimmt haben würden, nach den angenommenen Amendements fei ihnen dies un­möglich. Der Abg. Andrä wird schriftlichen Bericht er­statten; derselbe soll am Mittwoch um 2 Uhr verlesen werden. — Verschiedene Blätter melden, daß am Montag hier in Berlin der in Dresden lebende polnische Dichter

KraSzewSki verhaftet worden sei und zwar auf Grund einer Requisition deS diesseitigen Botschafters in Wien, der zu dem Verdacht Grund zu haben glaubte, daß KraSzewSki in die Spionage wegen der Interna und Pläne deutscher Festungen, sowie anderer militärischer Geheimniffe zu gunsten einer fremden Macht verwickelt sei. Schriftstücke, die in der Abwesenheit des Dichters von Dresden bei einer in seiner Wohnung vorgenommenen Haussuchung gefmiden worden sind, haben den Verbackt angeblich zur Gewißheit erhoben. Bereits ist in dieser Angelegenheit die sehr geheim geführte Voruntersuchung int Gange und eS ist unter anderen der Dresdener Oberstaatsanwalt Roßtäuscher hier eingetroffen. Die drei Mitverhafteten Kraszewskis sind die Gebrüder KowendzieSki, bie in Dresden eine Zigarettenfabrik leiteten, und ein ehemaliger Major von Bogdanowitsch, der Kras­zewskis Romane teilweise ins Deutsche übersetzt hat. In Verbindung damit bringen hiesige Blätter, ohne aber dafür einen Beweis anzutreten, die Verhaftung eines Haupt­manns a. D. und späteren Telegraphensekretärs, die eben­falls am Montag in Schöneberg bei Berlin unter beson­deren Vorsichtsmaßregeln angeblich wegen Landesverrats erfolgt Ist. Erkundigungen auf der hiesigen Polizei ergeben, daß dieselbe der Angelegenheit allerdings eine ernste Be­deutung beilegt. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das sechste Verzeichnis der internationalen Entschädigungskom­mission in Alexandrien, daS die Zeit vom 15.—31. Mai umfaßt. — Prinz Friedrich Karl hat daS von ihm feit 1854 bekleidete Ehrenamt eines Ehren-KommendatorS des Johanniterordens niedergelegt, vermutlich infolge der Er­nennung des jüngeren Prinzen Albrecht zum Herrenmeister.

— Bezüglich der KommisstonSberatungen über die kirchenpolitische Vorlage bemerken die „B. P. R/ folgendes: Obwohl die kirchenpolitische Vorlage, abgesehen von der Frage deS Einspruchsrechts für die Pfarrverweser, den In­tentionen des Zentrums entsprechend umgestaltet worden ist, hat Herr Dr. Windthorst es doch nicht unterlassen können, an die Beratung des letzten Paragraphen den Ver­such zu knüpfen, einen in dem deutschen StaatSkirchenrecht von alterSher begründeten und auch anderwärts, z. B. in Oesterreich geltenden Grundsatz von schwerwiegendster Be­deutung zu beseitigen. Er wollte nämlich durch Aushebung deS § 18 des Gesetzes vom 11. Mai 1873 die nötigen­falls durch Zwangsmittel zu unterstützende Einwirkung des Staates auf die dauernde Wiederbesetzung erledigter Pfarr­stellen in Fortfall bringen. Die Aufrechthaltung deS kanonisch-rechtlichen, in der Praxis der Kirchenbehörden aber vielfach nicht innegehaltenen Grundsatzes, daß die Pfarrämter unwiderruflich zu besetzen sind, entspricht dem Interesse des Staates. In Verbindung mit den gesetz­lichen Erfordernissen deS Jndigenats und der nationalen Vorbildung dient er dazu, den katholischen KuratkleruS in dauernder Gemeinsamkeit der Interessen, des Denkens und Empfindens mit den übrigen Einwohnern Deutschlands zu erhalten, seinen Mitgliedern, die durch den universellen

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Charakter römisch - katholischen Kirche nur allzuleicht beein­trächtigte wirkliche Zugehörigkeit zu dem nationalen Ganzen zu sichern. — Die gleichen Gründe, welche den Einfluß de« Staates auf die Vorbildung der Geistlichen notwendig machen, sprechen daher für die Aufrechterhaltung jener Befugnisse deS Staate«. — Ob Herr Dr. Windthorst mit feinem Vorschläge in Verbindung mit den anderen An­trägen, den Einspruch auf die Pfarrämter zu beschränken, eine neue Grundlage für eine etwaige Verständigung de« Staates mit der Kurie hat skizzieren wollen, mag dahin­gestellt sein. Jedenfalls wird er selbst darüber nicht im Zweifel sein, daß das tolerare posse in bezug auf die Anzeige an praktischem Werte auf das Empfindlichste ver­ringert wird, wenn zugleich Bestimmungen getroffen wür­den, welche es ermöglichen, überall, im Ganzen wie im Einzelnen, das Einspruchsrecht durch Einrichtung von Pfarr- administrationen zu umgehen und dabei noch die Geistlichen in Pfarrstellen selbst und das Vermögen und Einkommen der letzteren zur Verfügung des Bischofs zu stellen. Ein Verhandlungsprogramm auf dieser Basis würde daher schwerlich zur Förderung des Friedens beitragen.

- Einem Artikel des „Düffeld. Anz." entnehmen wir folgende Stelle: „. . . Frellich ist den BiSmarckfeindlichm Parteien der Rücktritt BennigfenS ein willkommener An­laß, um dem bestgehaßten Manne wieder an die Hüfte zu fassen. Es würde ja ihren Zwecken außerordentlich dien­lich sein, wenn die Ansicht immer weiteren Glauben finde, daß selbst ein so verdienter und beliebter Parlamentarier wie Bennigsen den Bisrnarckschen Machinationen zum Opfer gefallen sei. Daher diese tendenziöse Erzählung. Man kann es in vielen Blättern «lesen, daß jetzt für Männer von Idealismus und Charakter kein Raum mehr in un­serem politischen Leben sei. Auf LaSker sei Bennigsen ge­folgt. Wir wiederholen, was wir neulich gesagt haben, für Männer von patriotischer und idealer Gesinnung ist der Platz da, wo eS gilt, für das Wohl des Vaterlande« einzutreten. Sind denn die Verhältniffe so trostlos und ist dem so, wodurch sind sie es geworden? Trägt lediglich die Regierung und als ihre Verkörperung der Reichskanz­ler die Schuld daran, oder ist nicht vielmehr unser Partei­wesen mit seinen tausendfachen Gehässigkeiten und Wider­sprüchen die eigentliche Urheberin derjenigen Phystgnomie unserer parlamentarischen Körperschaften, die heute so be­klagt wird? Die Regierung hat ein Ziel fest im Auge, und das ist die Konsolidierung der brutschen politischen Verhältniffe. Wenn man von diesem Standpunkte ihre Thätigkeit beurteilt und ihre Vorlagen prüft, dann kann, wenigstens soweit die Regierung dabei ins Spiel kommt, ein Urteil nicht mehr bestehen, welches die VerhAtniffr trostlos nennt. Trostlos sind sie hauptsächlich deshalb, die Thätigkeit der Volksvertreter ihren Angelpunkt weniger in den allgemeinen Verhältnissen des Landes als in denen der Fraktion findet; trostlos sind sie ferner, weil die poli- lische Gegnerschaft zur politischen Feindschaft aufgewachsen

19 Papas Goldtochter.

Eine Skizze aus dem Leben von Ludwig Wriehner.

Als aber die liebe Frühlingssonne gar so lustig und erwärmend Über daS Buch hinwegblinzelte, da fiel auch ein Strahl ihrer da« Eis schmelzenden Kraft in daS Herz des alten ManneS, der in Sehnsucht seines Kindes gedachte und eS sich selbst nicht gestehen mochte. Und ehe er selbst wußte, wir es gekommen, hatte er daS Titelblatt des Buches «»geschlagen und zu lesen begonnen. Zuerst unmutig über sich selbst, dann unwillkürlich von der Schreibweise gefeffelt und endlich gepackt von der Wahrheit deffen, waS er las, flogen seine Augen über die Zeilen. „DaS hat sie für dich «geschrieben, nur für dich/ drang eS aus dem Herzen herauf, unv gierig verschlangen die Augen Zeile um Zeile, Blatt um Blatt. Er las weiter und weiter, er hatte alle fettt Vorsätze vergessen, all die krankhafte Hartnäckig! it, die ihn wie mit einem Zauber gebannt hatte; er sah sie vor sich in ihrer blühenden Jugend, seine Goldtochter, sein geliebtes, ferne« Kind. Und je mehr er laS, um so mehr schmolz die EiSrinde von seinem Herzen, er lachte und weinte vor Freude wie ein Kind, er strahlte in seinem Stolze über da«, was seine Tochter geschrieben und wie sie t6 geschrieben. O, er weiß das sehr gut zu beurteilen: daS Buch ist sehr gut geschrieben, daS kann nicht jeder feiner Cäcilie nachmacken. Aus jeder Zeile spricht die Liebe zum Vaterhaus?, die Sehnsucht nach der Heimat und nach dem alten Manne, dem die Freudenthränen über die Backen rinnen, und für den doch die Komödiantin tot P, tot sein soll. Wie ander« erscheint ihm doch so manche«

durch die Darstellung in dem Buche; er muß doch wohl zurückgeblieben sein in der Zeit, die sich in ihrem Fort­schreiten nicht aufhalten läßt durch einen alten Griesgram. Dann hat er ja aber auch seinem Kinde bitter unrecht ge- than, bann ist die Komödiantin — pfui, das häßliche Wort —, die Schauspielerin doch besser, als er geglaubt, und das Herz hat doch die langen Jahre hindurch mehr Recht gehabt als der Kopf. Und nun ist er zu Ende, und er sitzt da mit gefallenen Händen, denen das Buch entglitten, und eine Flut von Gedanken stürmen auf ihn ein, dm alten Kopf schier erdrückend, nftb die alten närrischen Möbel führen einen schadenfrohen Rundianz um den alten Mann auf, dem plötzlich so leicht, so wohl umS Herz geworden. Jetzt aber aus dem Knäuel sich entwirrend, dringt eine Idee, die immer klarere Gestalt annimmt, auf ihn ein; scheu, ängstlich, al« fürchte er sich vor sich selbst, lispeln die alten Lippen: „meine Goldtocher, wie eS ihr wohl gehen mag, wie schön sie geworden sein muß; ob sie wohl eine Künstlerin geworben ist?"

Der Bann ist gebrochm. DaS ist nicht mehr der alte, verfallene Mann, der in Hast das Papier des Streifbandes hervorsucht, das ist ein Mann, der mit seinem Kinde sich selbst wiedergefunden hat, seine männliche Spannkraft, frischen Lebensmut. Da ist das Streifband. B.....

lautet der Poststempel.

Meine Goldtochter, ich komme, ich komme!" Er rief e« jubelnd, mit dem Feuer der Jugend und man steht eS den alten Füßen nicht an, wie rasch sie durch da« Zimmer stürmen, die Treppen hinauseilen können.

DaS Hoftheater der Residenz war ausverkauft; Frau von Längen trat heute zum erftcnmale nach Ihrer Ver­mählung auf, und dieser Umstand hatte alle die zahlreichen Verehrer ihres großen Talentes ins Theater gelockt, ob­gleich die Saison sich fast ihrem Ende genährt. Cäcilie hatte eine Rolle gewählt, die sie bisher noch nicht gespielt, mit der sie aber, wenn sie reüssierte, ein neues, bisher von ihr nur gestreiftes Fach eroberte; eS war die Medea in Grillparzers gleichnamigem Drama.

Der alte Mann, der in einer der SeltenlogtÄ de« ParquetS saß, hörte mit wachsend Bttivmtdertintz alle die Urteile der um ihn Sitzenden, die daS Talent seiner Tochter priesen, seiner Tochter, die er allein fo bitter verurteilt hatte, unbekümmert tim das Talent, daS sich dem Lichte entgegenrang. War er denn allein blind gewesen und galten denn wirklich alle die überschwenglichen Lobeserhebungen, die der Schauspielerin gemacht wurden, seinem Kinde? Doch er wollte selbst sehen, selbst urteilen. Papa Walport war gegen Abend in der Residenz angekommen. Sein erster Blick hatte den Theaterzetteln gegolten und er war nicht wenig überrascht gewesen, als er den Namen feine« Kindes auf der Affiche des Hoftheaters erblickt hatte. Er war rasch nach dem Theater geeilt, wo er bereits die Menge im Kampfe um die BilletS gefunden; mit Mühe war e« ihm gelungen, einen Platz in der Seitenloge deS ParquetS, allerdings nur in der zweiten Reihe, zu erringen; da konnte er selbst bequem sehen und hören, ohne selbst gesehen zu werden und das war ihm schon recht.

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