XVIII. Jahrgang
Marburg, Mittwoch, 13. Juni 1883.
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Reichstag.
Berlin, den 11. Juni.
Eine Skizze aus dem Leben von Ludwig Wrietzner.
So lag sie lange, den Kopf an die kalte Thür gelehnt, aufgelöst in ihrem Schmerze. Sie küßte die Schwelle, die in des Vaters Zimmer führte, sie breitete immer wieder in stummer Sehnsucht die Armee aus und betaute mit ihren Thränen den kalten gefühllosen Boden, auf dem sie kniete, dann erhob sie sich; ein Druck auf die Hauöthür, und sie war im Freien. Zwei starke Arme umfingen da- ihränenüberströmte Weib und hoben sie in den wartenden htzagen, dann ruhte sie, fast ohnmächtig, an dem Herzen be6 Mannes, der jetzt ihr alles sein mußte für das ganze Beben. Sie war namenlos elend — namenlos glücklich.
Drin in dem Zimmer saß einsam ein alter gebrochener Mann. Er hatte ein altes, großes Buch vor sich aufge- !<hlagen und auf dem Titel des Buches stand in verschnörkelter, altmodischer, halb verwischter Schrift „Familien- bibel". Er las nicht in dem Buche, und doch starrte er famenb aus die erste Seite des Buches, auf der in verglichenen Zügen eine Reihe von Namen und Zahlen zu lesen war. Da stand sein Urgroßvater und seine Großmutter und alle die Familienglieder, die den Weg gegangen Maren, woher keine Wiederkehr. Und dann kam er selbst anb sein liebes Weib, da« nun draußen in kühler Erde schlummerte und neben ihrem Namen stand ein frisches kreuz, das sich seltsam abhob von der übrigen verblaßten Schrift und endlich kamen die Kinder, und obenan stand seine Aelteste, seine Goldtochter. Ein langer, langer Seufzer lang sich aus der Brust des alten Mannes, als er die Bebet ergriff und mit zitternder Hand ein schwarzes, grau-
werden. Es frage sich aber, ob nicht die 10 Millionen preußischer Katholiken moralisch und politisch ein Recht auf volle NeligionS- und Kulturfreiheit oder wenigstens einen Anspruch darauf hätten, daß gemäß dem Votum dieses HauseS in eine organische Revision der Falkschen Maigesetzgebung eingetreten werde. In den Motiven werde anerkannt, daß für die Aufrechterhaltung der Anzeigepflicht in ihrem heutigen vollen Umfange keine Notwendigkeit vorliege, und doch habe man diese Pflicht volle zehn Jahre bestehen lassen! Er sage daS nicht, um der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, sondern um den Anlauf zu verstärken, den die Regierung jetzt gegen die Kirchengesetze genommen. Die letzteren aufrecht zu erhalten, sei aber absolut unmöglich. Aber wenn die Vorlage die von ihr zugestandenen Forderungen der Katholiken an sich als berechtigt anerkenne, wie komme dann ein der Regierung so nahe stehendes Blatt, wie die „Nordd. Allg. Ztg.", dazu, die Vorlage damit zu rechtfertigen, daß die Regierung gezwungen sei, sie deshalb zu machen, um nicht in daS Fahrwasser der Fortschrittspartei zu geraten. Und dann, was nütze die Einschränkung der Anzeigepfltcht, wenn die Bischöfe nicht vorhanden, um die vakanten Stellen zu besetzen, und wenn, wie dies kürzlich geschehen, Geistliche bestraft würden, welche die Rechte abwesender Bischöfe ausüben. Die neu geweihten Priester seien aber auch vielfach nicht in der Lage, den Anforderungen der Maigesetze zu genügen. Sie hätten vielfach ihre Studien nicht auf deutschen Universitäten gemacht und müßten erst die Gnade des Ministers anrufen, um sie von diesen Anforderungen zu dispensieren. Seine Freunde. würden ihre definitive Stellungnahme der Vorlage gegenüber von der Gestaltung abhängig machen, welche dieselbe in der Kommission erfahren werde. Für die Aufrechterhaltung des Einspruchsrechts der Regierung berufe man sich mit Unrecht auf die Gesetzgebung anderer Staaten. Gegen die Fassung und gegen die ganze Redaktion des Entwurfs beständen für ihn wichtige Bedenken. Eine prinzipielle Anerkennung der Maigesetze sei für seine Freunde ausgeschlossen Das Zentrum gehe nach wie vor von dem Grundsätze aus, daß mit der Religionsfreiheit alle politische Freiheit zusammenhänge. Was die anderen Parteien des Hauses betreffe, so rechne er zwar nicht auf die Unterstützung der Freikonservativen, mit mehr Vertrauen sehe er aber auf die Konservativen. Die Linke, namentlich der Abg. Richter, habe zu seinem Bedauern gegen das Zentrum in der letzten Zeit mehrfach der Vorwurf der Liebedienerei und des ServtliSmus erhoben. Da sollte die Fortschrittspartei doch im Grunde recht gern bereit sein, solchem Zustande ein Ende zu machen. Indes, wenn jene Behauptungen wahr wären, hätten wir längst den kirchlichen Frieden. Habe doch der Reichskanzler dem Prinzen Reuß ausdrücklich erklärt, daß an der Opposition des Zentrums in anderen gesetzgeberischen Fragen der Versuch zum Frieden scheitern müsse. Man möge doch auch dazu beitragen, daß dieses DcmokleSschwert
über dem Haupte des Zentrums weggenommen werde. Sonst könnte daS katholische Volk wirklich einmal auf die Idee kommen, in der vom Reichskanzler genannten Richtung zu handeln. Auf ihn mache eS bett Einbruch als wolle man jetzt versuchen, bie Festung nach zehnjähriger Belagerung zur Uebergabe zu zwingen. Nachdem bet Staat das rechtliche und auch daS materielle Patrimonium der Kirche an sich geriffen, biete er der Kirche heute ein geringes. Betrachte man die heutigen Zustände, gewahre man daS Ueberwuchern der Sozialdemokraten, so werde man zugeben müssen, daß nur die religiöse Grundlage in der Familie diese Gefahren zu beseitigen im Stande sei. DaS Zentrum werde bemüht sein, wenigstens einen Teil der Rechte der der katholischen Kirche und ihrer Geistlichen in der gegenwärtigen Vorlage zurückzuerobern.
Abg. Freiherr v. Zedlitz und Neukirch betont, daß sich die Vorlage im Wesentlichen mit den Grundsätzen seiner (freikonservativen) Freunde, betreffend die künftige Regelung der Kirchengesetze, im Einklänge befinde. Während sie der Kirche die nötigen Befugnisse gebe, wahre sie die staatliche Autorität. Bei der Vorlage sei überhaupt dreierlei zu betrachten: 1. Ist jene Grenzlinie innegehalten? 2. Ist der Kirche für die Seelsorge die nötige Freiheit gewährt? 3. Ist die Autorität des Staates gewahrt? Die Hoffnung, daß der Papst die Jntereffen der Seelsorge voranstellen werde, habe sich nicht erfüllt; derselbe habe die hierarchischen Interessen in den Vordergrund gestellt. — In der Form werde das Einspruchsrecht durch die Vorlage allerdings geändert, aber prinzipiell festgehalten, auch werde eine Grundsäule unseres nationalen Kirchenrechts, die nationale Bildung der Geistlichen, aufrecht erhalten, und darum sei die Bestimmung des Artikels 4 für seine Freunde die conditio sine qua non für die Annahme des ganzen Gesetzes. Die dem Minister beigelegte Befugnis bet Dispensation für einzelne Fälle würbe ausreichen, um etwaige Härten zu beseitigen. Er könne inzwischen die Befürchtung nicht unterdrücken, daß die Seelsorge etwas einseitig auf Kosten der Autorität des Staates geregelt werde. In der That werde die Seelsorge in eine Misstonsseelsorge umgewandelt, welche schon früher konservativerseits als nicht unbedenklich bezeichnet wurde. Die nationale Bildung aber müsse von Den deutschen Geistlichen um so mehr gefordert werden, al- die Bewegung in der katholischen Kirche, die in dem Vatikanum ihren Abschluß gefunden, die katholischen Geistlichen zu Mitgliedern des ecclesia militans gemacht habe. Seine Freunde hofften, daß die Vorlage sich als ein zweckmäßiger Schritt zur Erreichung des kirchlichen Friedens erweisen würde.
Abg. Dr. Windth orst beantragt die Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern zur gründlichen Prüfung. Nachdem bie allgemeinen Gesichtspunkte von seinem Freunde Reichensperger dargelegt, könne er sich auf einige Bemerkungen beschränken, bie inbeS Weber
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ersten Akten die Adrienne und cs schien fast, als würbe es Cäcilie kaum über einen Achtungserfolg herauSbringen. Da kam jene große, hochdramatische Nachtszene der Begegnung zwischen Adrienne und der Herzogin. Fortgeriffen von der dramatischen Wucht dieser Dichtung erhob sich die Leistung CäcilienS zu eiter hochbedeutenden; von dem Feuer der Begeisterung getragen, wußte sie Töne für die Leidenschaft dieser Charakterrolle zu finden, die daS Publikum mächtig packten, es elektrisierten, zu enthusiastischem Beifall hinrissen. Cäcilie spielte die Herzogin vielleicht nicht ganz nach des Dichters Jntensionen, aber es lag in dieser Darstellung eine Glut natürlichen Feuers, das ihr den Stempel einer ganzen, abgerundeten, feindurchdachten Leistung auf- dtückte. Die Partnerin CäcilienS war von der ungeahnten schauspielerischen Kraftenthaltung dieser Herzogin frappiert, erstarrt, betäubt; nur mit Mühe gelang es ihr, Herrin ihrer Rolle zu bleiben und den Akt zu Ende zu führen; ihr sonst bedeutendes Spiel ward infolge des wechselnden Erstaunens matt und farblos, und als der Vorhang fiel, brauste ein Beifallssturm durch daS Haus, wie ihn dies selten genug gehört, und er galt einzig und allein Cäcilien, der großartigen Darstellung dieser Herzogin. Nachdem Cäcilie immer und immer wieder hervorgerufen, stürzte sie hinter die Koulissen, wo et stand, der Geliebte, dem sie alles zu verdanken glaubte. Weinend vor Glück hing sie an seinem Halse und stammelte: „Leo, mein Geliebter, ich bin so glücklich." Und der Schauspieler, dessen Brust sich vor Freude und Stolz über den großen, kaum in dem Grade erwarUten Erfolg hob, zog bie schlanke Gestalt an sich und flüsterte: „mein Lieb, mein süßes Lieb."
(Fortsetzung folgt.)
sameS Kreuz hinmalte neben den Namen seiner Aeltesten. „Tot", murmelte er, dann fiel sein Haupt schwer in feine Hände. Zuweilen tönte es wie ein Wimmern, wie eines Kindes durch das einsame Zimmer, dann war
DaS Hoftheater der kleinen Residenz D . . . überfüllt. Das Kunst-Interesse der intelligenten Einwohner schuft war wesentlich durch den Umstand erhöht worden, daß eine junge Debütantin, die nach den Urteilen der Sachverständigen eine vielversprechende Zukunft vor sich hatte, zum erstenmal auftreten follte. Frl. Cäcilie Walport stand auf dem Theaterzettel neben den Namen bet Herzogin in ScctbeS „Abrienne Lecouvreur".
Zwar hatte Cäcilie bie Absicht gehabt, ihren Namen in ein Pseudonym für daS Theater umzuwandeln, doch Leo meinte, „man muß alles, was man thut, mit seinem Namen zu vertreten wissen", und so behielt sie für bie Bühne ihren Namen bei. Merkwürdig war es, daß bei der jungen Kunstnovize von einer, an solchen Tagen doch gewiß natürlichen Erregnung nichts zu merken war, mit einer kühnen Sicherheit, bie sich ihres Erfolges im voraus bewußt ist, betrat Cäcilie bie Koulissen. ES war bjes vorwiegend Leos Einfluß, der Cäcilie in ihrem bisherigen Studium geleitet und gehütet hatte wie seinen Augapfel.
DaS Stück begann. Der verwöhnte Liebling des Publikums, eine Dame, die in Jahren langer Ausübung ihres Berufes große Bühnenroutine besaß, spielte bie Adrienne. Obschon CäcilienS Spiel die Aufmerksamkeit des Publikums erregte, obschon kein Zeichen des Mißfallens und sogar einzelne BeisallSspenben laut wurden, Dominierte doch in den
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.^-iatn nimmt entgegen: rS-pcbition d. Blattes, * xd.Ännoncen-Bureaur
Dietrich u. Co. in und Hannover; Th. Esich in Franflurt a M-;
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’erflora Hwäch besetzt. " Am Ministertische befanden sich neben dem v -KrS» Kultusminister v. Goßler der UnterstaatSsekretär LucanuS
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaur von G L. Daube u. So. in Frankfurt a. M; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; SB. Thiene« in Elberfeld: S Schlotte in Bremen.
dulichst.
Die ganze zweite Beratung des Etats wird ohne Debatte (20 beendet. Staatssekretär Burchardt zieht im Namen des Kaisers den Gesetzentwurf betreffs der Pensionierung der Zivilbeamten zurück. Nächste Sitzung morgen um 12 Uhr. stiauos« auf der Tagesordnung steht der neu eingegangene Gesetz- eatwurf über die Konsulargerichtsbarkeit in Tunis, sowie
».scheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS EotmtagSblatt" durch die Expedition (R o ch'sche Buchdruckerei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches S Mark 60 Pf«, (erd. Bestellgebühr.) — Jnsertronsgebühr für bie gespaltene Zeile 10 Pf«.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Abreffen werden 86 Pf«, berechnet._________________
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Liqutt i Vom Landtag.
K Berlin, den 11. Juni.
& «u In der heutigen (79.) Plenarsitzung des Abgeord- ?♦ Dtttt „leuhauseS kam vor dichtbesetzten Tribünen der Gesetz- entwarf betr. Abänderungen der ktrchenpolitischen Gesetze zur Verhandlung. DaS HauS war bei Beginn der Sitzung
Die heutige (101.) Plenarsitzung des Reichstags jffoete der Präsident v. Levetzow mit der Mitteilung, J bet Abg. v. Bennigsen sein Mandat niedergelegt habe. ‘ Auf der Tagesordnung steht zunächst ein Bericht der Mchsschuldeukommission, nach dessen Erledigung der noch ^stehende Teil des Etats der Post- und Telegraphen- ^vallung zur Verhandlung gelangte. Demnächst wurde e , m Debatte der Etat der Reichsdruckerei genehmigt.
’ Beim Etat des ReichsschatzamteS flieht Abg. v. Kar- M borff dem Bedauern Ausdruck, daß der bimetallistische -Initiativantrag wegen der Geschäftslage des HauseS nicht Dr zur Verhandlung kommen könne.
Bundeskommissar Sch raut konstatiert, daß seit der schien Münzdebatte des Reichstags kein Moment eingetreten H, welches die Regierung veranlaffen könnte, von ihrem dicherigen Standpunkte in der Münzfrage abzugehen. Abg. nn/ifl, Bamberger vertritt Kardorff gegenüber die reine Gold- „zhmng und accepiieri die Erklärung der Regierung dank-
unb der Geh. Ober-RegierungSrat Dr. Bartsch; später »schien auch der Minister des Innern v. Puttkamer.
»O00««ß Es meldeten sich gegen den Entwurf 12 Redner zum Wort, welche vorzugsweise dem Zentrum, außerdem den liberalen Parteien angehören. Für den Entwurf melden sich ein freikonservatives und ein konservatives Mitglied: die Abgg. Frhr. v. Zedlitz-Neukirch (Mülhausen) und Graf Limburg-Stirum.
Der erste Redner gegen die Vorlage Abg. R eich en - sterger (Olpe) betonte einleitend, daß die Vorlage von du katholischen Bevölkerung nur mit gemischten Gefühlen ausgenommen sei. Denn wenn dieselbe auch anerkenne, daß du Entwurf gewisse Milderungen der bestehenden Zustände enthalte, so solle doch nur der äußersten Not abgeholfen werden. ES solle nur erst eine Notseelsorge ermöglicht
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