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Marburg, Freitag, 1. Juni 1883.
XVIII. Jahrgang,
«„eigen nimmt entgegen: Expedition d. Blattes, <’ö®ie d.Annoncen-Bureaux xh. Dietrich u. Co. in g.«>A und Hannover; Th. Wrich in Frankfurt a.M.; ^asenstein u. Vogler in Lgntfurt a. M., Berlin, , Köln re.; Rudolf
Mise in Berlin, Frank- furt a. M- re-
WchksMr Leitung
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoneen-Bureaux von 8. Daube u. Co. in Frankfurt a. M; Jäaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendanki» Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrirte- Sormtag-blatt" durch die Expedition (R o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pfg. (erd. Bestellgebühr ) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet-
DM- Für den Monat Juni nehmen alle Post- anstalten (auf dem Lande die Landpostboten) auf die Oberhesfische Zeitung und deren Gratisbeilage
Illustriertes BountagSblatt Bestellungen entgegen.
Während des Monats Juni wird die Wetterprognose für jeden Tag, und zwar stets 3 Tage voraus, Meteilt (s. Seite 3).
— Reichstag.
Berlin, den 30. Mai.
Die heutige (91.) Plenarsitzung des Reichstages wurde vom Präsidenten v. Levetzow um Val Uhr eröffnet. — Der Abg. Lenzmann ist in das Haus wieder eingetreten.
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der dritten Beratung der Gewerbeordnungs-Novelle. Entsprechend der Beratung zweiter Lesung wurden die Artikel 5—9 vorläufig zurückgestellt. Es kam demnächst heute der Artikel 10 zunächst zur Verhandlung, welcher den Gewerbebetrieb im Umherziehen (8 55 folgd.) betrifft.
§ 55 (Lösung eines Gewerbescheins für den Hausierer) wird ohne Diskussion angenommen. — 8 56 führt die Gegenstände aus, welche vom Ankauf oder Feilbietcn im Umherzichen ausgeschlossen sein sollen. Die Abgg. Baumbach und Gen. beantragen, Gold- und Silberwaren und Taschenuhren nicht von dem Hausierhandel auszuschließen. In Nr. 10 des § 55 sind vom Feilbieten im Umherziehen ausgeschloffen: „Druckschriften und andere Schriften oder Bildwerke, welche mittelst Zusicherung von Gewinnen oder Prämien vertrieben werden, sofern diese Gewinne oder Prämien nicht in Schriften oder Bildwerken bestehen". Abg. Ackermann und Gen. beantragen dagegen, in Ziffer 10 zu setzen: „Druckschriften, andere Schriften und Bildwerke, insofern sie in sittlicher oder religiöser Beziehung Aergernis zu geben geeignet sind, oder welche mittelst Zusicherung von Prämien oder Gewinnen vertrieben werden".
Abg. Dr. Baumbach begründet seinen Antrag wegen Ausschlusses von Gold- und Stlberwaren rc. damit, daß dadurch das legitime Geschäft geschädigt werden und daß durch solches Verbot das Publikum vor Übervorteilung nicht geschützt werde. Abg. Reichensperger (Crefeld) erklärt sich gegen den Antrag Baumbach, der Hausierhandel mit den genannten Gegenständen förderte Diebstahl, Hehlerei rc. Abg. Büchtemann empfiehlt dagegen den Antrag Baumbach. Das Publikum müsse sich selbst schützen. Abg. K o ch a n n (Landsberg) erkennt in dem Anträge Ackermann eine ungerechtfertigte Beschränkung des Buchhandels. BundeSkommistariuS Geheime Rat B ö d i k e r verteidigte den
Standpunkt des Gesetzes, der dahin gehe, dem unerfahrenen, den Betrügereien der Hausierer ausgesetzten Publikum den nötigen Schutz angedeihen zu lassen. Abg. von Köller hält diesen Schutz besonders mit Rücksicht auf die Verhältnisse deö platten Landes für unerläßlich. Dagegen ist der Abg. Blum für den Antrag Baumbach. Letzterer Antrag wird demnächst bei Auszählung mit 143 gegen 131 Stimmen abgelehnt (die Minorität bildet die gesamte Linke, mit Ausnahme zweier nationalliberaler Abgeordneten, die sich der Abstimmung enthielten).
In der Debatte über den Antrag Ackermann führt Abg Stöcker aus: Im ganzen Haufe fei man darüber einverstanden, daß der gegenwärtige Zustand des Kolportagehandels nicht bestehen bleiben könne. Nur in dem notwendigen Maße der Beschränkung gehen die Meinungen auseinander. Die Beschlüsse zweiter Lesung genügten aber nicht. Materielle Erwerbsintereffen ständen den religiös- sittlichen Interessen gegenüber; letztere müßten in erster Linie berücksichtigt werden. Es sei eine irrige Annahme, daß die Schundlitteratur und die Litteratur der Schauerromane in Abnahme begriffen sei. Der Antrag seiner Freunde beziehe sich nur auf die Kolportagelitteratur, die Religion, Autorität und Sitte untergrabe und irreligiösen und unsittlichen Inhalts sei, dagegen wollte er die politische Litteratur völlig frei lasten. In betreff der Sittlichkeit befindet sich das deutsche Volk zweifellos auf der schiefen Ebene, die Unzucht zehre am Mark deS deutschen Volkes, das früher die Sittlichkeit hochgehalten habe. Hier wüste Abhilfe geschaffen werden.
Abg. Dr. Baumbach befürwortet die Ablehnung des Antrages Ackermann. Hier handle es sich um eine Lebensfrage für den deutschen Buchhandel, der auf die Kolportage angewiesen sei. Die Kolportageromane seien auch nicht so gefährlich, wie fie nach dem Titel der Bücher erscheinen. Ebenso gefährlich als die Verbreitung irreligiöser Schriften sei aber jedenfalls die Kolportage von Schriften, die nicht die Religion des Friedens, sondern des Haffes predige. Hier brauche er nur an die Schmach des Antisemitismus zu erinnern.
Bundeskommistar Geh. Rat B o e d i k e r bittet, den Antrag Ackermann anzunehmen. Die Bestimmungen des Strafgesetzbuches genügten eben nicht, der Kolportage unsittlicher Bücher wirksam entgegenzutreten.
Abg. Richter (Hagen) meint, vor einem Jahrzehnt hätte man die Tugenden des deutschen Volks über Gebühr hervorgehoben, jetzt wiffe man eö nicht genug herabzusetzen. Aber nur um die Polizeigesctze durchzusetzen, schmähe man gegenwärtig das Volk, das von der Rechten und den Kunststücken der Regierung nichts mehr wistcn will. WaS Abg. Stöcker vorgetragen, spreche für die Einführung der Zensur, für Schließung der Kunstausstellungen und Leihbibliotheken. Aber dann müßte man konsequent freilich auch die Bibel
verbieten, weil sie an verschiedenen Stellen geradezu unsittlichen Inhalts sei. Die Rechte wolle eben überhaupt nicht, daß das Volk klug werde. Stimme da- Zentrum auch hier der Erweiterung der diskretionären Gewalt der Polizei zu, dann begebe es sich für immer de- Recht-, über diskretionäres Ermeffen der Gesetzgebung sich zu beklagen.
Abg. Günther (Sachsen) spricht für den Antrag des Abg. Ackermann, besten Bedeutung von den Abgg. Richter und Baumbach ins Ungeheuerliche übertrieben sei. Abg. Dr. Blum giebt zu, daß mit dem Kolportage- Buchhandel viel Mißbrauch getrieben werde, indes reiche die bestehende Gesetzgebung aus, den Mißständen abzuhelfen, und dieser Mißstände wegen dürfe man ein so bedeutende- Kulturmittel nicht einschränken.
Abg. Dr. Windthorst teilt im Prinzip den Standpunkt des Abg. Freiherrn v. Hertling, der die Kolportage überhaupt schon um deshalb verbieten will, um dem Sortiments-Buchhandel, der in keiner Weise beschränkt werden solle, eine sichere Basis zu gewähren. Da diese-Ziel aber nicht zu erreichen sei, würde er für den Antrag de- Abg. Ackermann stimmen, dessen Bedeutung jedem verständigen Beamten klar sei. Eventuell möge die Linke eine andere Fassung Vorschlägen.
Abg. Braun hält an der nachträglichen Genehmigung durch den Reichstag fest. An der weiteren Debatte beteiligen sich Bundeskommissar Bödiker, sowie die Abgg. Ruppert und Richter. Der Antrag Ackermann wird abgelehnt. 8 56b wird angenommen. Nächste Sitzung morgen um 12 Uhr. Tagesordnung: Schlußabstimmung über das Krankenkastengesetz, Gewerbenovelle.
vom Lim-tag.
Berlin, den 30. Mai.
In der heutigen um 9 Uhr anberaumten (69.) Plenar- sttzung des Abgeordnetenhauses führte wiederum der Präsident v. Köller den Vorsitz.
Auf der Tagesordnung stehen in erster Reihe Berichte der Kommission für das Unterrichtöwcsen (Simultanschulen).
Regierungskomrnistar Geh. Rat Esser gab die Erklärung ab, daß seit den Kommission-Verhandlungen die Unterrichtsverwaltung betreffs der Schulverwaltung in Beyenburg in eine neue Prüfung eingetreten, daß diese Verhandlungen aber noch nicht zum Abschluß gelangt seien. Des- halb lasse sich gegenwärtig noch nicht übersehen, ob und in welchem Umfange die Reorganisation der Simultanschulen in Beyenburg mit konfessioneller Grundlage au»- zusühren sein werde.
Abg. Windthorst beantragte, mit Rücksicht auf die Erklärung, darauf, diesen Gegenstand von der Tagesordnung abzusetzen. Diesem Anträge widersprechen die Abgg.
4
Betäubung. Sie sah zwar den Mann nicht, der diese
flüchtigem Schritt über das Brett eilend, das jenseitige Ufer bald erreicht. Plötzlich vernahm sie einen unterdrückten Schrei und sich umblickend, sah sie den Vater in dem seichten Wasser sich mit einer Hand an dem Brette haltend. Die Situation war nichts weniger als gefährlich, dem unbefangenen Zuschauer mußte sie sogar lächerlich erscheinen. Das mochte wohl auch der Vater fühlen, denn ein Lächeln trat auf seine Lippen; das war aber so müde und traurig, daß es die Tochter kalt überlief und ängstlich rief sie: „Vater, komm doch herauf. Du kannst Dich zu Tode erkälten." Er machte einen Schritt vorwärts, taumelte und griff mit den Händen in die Luft, dann sank er schwer gegen das Brett, mit verlierendem Bewußtsein sich mit den Händen an dasselbe klammernd. Im nächsten Moment mußte er fallen, und wenn auch an ein Ertrinken unter den obwaltenden Umständen keineswegs zu denken war, so konnte doch das kalte Wasser auf den heute so sonderbaren Mann schädlich wirken. Cäcilie stieß einen Angstruf aus und stand im nächsten Augenblick am Ufer. Schon umspülten die Wasser deS Flüßchens ihre Füße, noch ein paar Schritte und sie konnte den Vater stützen, da erklang vor ihr eine Stimme: „bitte, Fräulein, machen sie sich nicht unnötig die Füße naß " Es klang so ruhig und bestimmt, so klar und so selbstverständlich. Cäcilie blickte nicht auf; sie stand wie gebannt unter dem Zauber der Stimme, sie rührte sich nicht, gesenkten Hauptes, wie lauschend stand sie
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PapaS Goldtochter.
Eine Skizze aus dem Leben von Ludwig Wrietzner.
Das Mädchen war vorausgegangen und hatte, mit
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Worte gesprochen hatte, aber sie wußte eö, sie ahnte es instinktiv, wem die Stimme angchörte. Mit einem Sprunge war der an Papa Walports Seite, hob ihn wie ein Kind auf und trug ihn auf das jenseitige Ufer. Jetzt war der seltsame Bann von Cäcilien gewichen und errötend stand sie vor dem Fremden, den sie heute früh einmal in der Kirche gesehen. Papa Walport war rasch zur Besinnung gekommen, die Schwächeanwandlung war vorüber.
„Bitte, gehen Sie voraus, mein Fräulein; ich werde den Herrn — Ihr Herr Papa, nicht wahr? — noch ein wenig stützen." ES klang wieder so, als ob ein Widerspruch unmöglich. Cäcilie sprach kein Wort, Papa Wrl- port lispelte: „Ich danke Ihnen recht sehr, mein Herr, Sie sind sehr gütig." Dann war es ihm schon recht, sich auf den starken Arm stützen zu können. Sie hatten nicht weit zu gehen, nur noch ein paar Schritte. „Bitte, helfen sie mir noch die Treppe hinauf," sagte Papa Walport, und eine Minute später hatte der Fremde ihn zu dem einzigen Sopha geleitet, das die Wohnung aufzuweisen hatte.
„Ich danke Ihnen recht, recht sehr, mein Herr," sagte Papa Walport, „Sie sind wirklich sehr gut zu mir gewesen, und Sie kennen mich nicht einmal."
Der Fremde hatte sich schon bis zur Thüre zurückgezogen. Jetzt trat er nochmals näher und sich verbeugend, sagte er: „Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, mich Ihnen vorzustellen; mein Name ist Leo v. Tüngen, ich bin Schauspieler bei der Truppe des Direktors Menzel." Diese Wirkung der letzten Worte auf die beiden Zuhörer war eine mindestens auffällige. Leo hatte sich zuletzt zu der seitwärts stehenden Cäcilie gewandt. Als er das Wort „Schauspieler" ausgesprochen hatte, stieß sie einen Ruf aus, der wie ein schmerzliches „Ach" klang, wie der Seufzer
eines von physischem Schmerze Getroffenen. Sie hatte beide Hände wie zur Abwehr auSgestreckt, halb erhobm, gegen den vor ihr stehenden Mann, der sie sprachlos betrachtete. Nur einen Moment, dann verbeugte er sich höflich und die Worte klangen eisig kalt, die er nun sprach: „Schauspieler sind auch Mensche», mein Fräulein." Dann war er wieder an der Thür, die er, ohne sich weiter umzublicken, öffnete. Wie es geschehen, da- Mädchen wußte es selbst nicht; noch ehe er den Fuß über die Schwelle setzen konnte, war ihm Cäcilie nachgeetlt und hatte seine Hand ergriffen. Dringend, angstvoll kamen die Worte über ihre Lippen: „Bleiben Sie, bleiben Sie, ich bitte Sie so sehr." „Ich bitte, kommen Sie zurück, wir wollten Sie nicht beleidigen," bat nun auch Papa Walport.
Auch ihm hatte es einen Stich gegeben, als er daS Wort „Schauspieler" gehört, und al- er fein Kind den bangen Ruf ausstoßen gehört, da war es ihm, al- sollte er den Fremden nimmer zurückrufen. Doch schon siegte der Verstand über da« unbewußte, uneerftanbene dunkle Gefühl und ein paar Minuten später saß Leo an dem kleinen runden Tische, an dem Platze, den früher die Mutter eingenommen hatte, und drei Menschen, die sich wenige Minuten vorher kennen gelernt hatten, plauderten mit einander, als hätten sie sich schon jahrelang gekannt.
Es war nur eine kurze Schwächenanwandlung gewesen, die Papa Walport nach all der Aufregung der letzten Tage heimgesucht hatte, und die von der Spannkraft des Manne- bald siegreich überwunden wurde.
(Fortsetzim, folgt.)