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Marburg, Dienstag, 29. Mai 1883.
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täali» außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS Eountag-Uatt- durch die Spedition («o ch^chr Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postümter des Deutschen Reiche- 8 Mark 60 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) —^nserttonSgebühr für bte gespaltene Zeile 10 Pf».
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pf Während des Monats Juni wirb bte Wetterprognose für jeben Tag, unb zwar stets 3 Tage voraus, Mcteilt.
Reichstag.
Berlin, ben 26. Mai.
Die heutige (87.) Plenarsitzung des Reichstages, in welcher auch der Staatssekretär v. Bötticher erschien, eröffnete Präsident v. Levetzow um 121/2 Uhr mit Ber- lesung einer größeren Anzahl von Urlaubsgesuchen. Die Abgg- Frhr. von und zu Brenken und Lang (Kelheim) — Heide ZentrumSmitglieder — beantragen einen Urlaub von 4 Wochen zum Gebrauch einer Badekur. Abg. Windt- horst hält dafür, daß diese Herren ihre Badekur nach Schluß deS Reichstags antreten könnten. Das Haus lehnt demnächst auch ciefe beiden Urlaubsgesuche ab.
An Stelle deS aus diesem Amte geschiedenen Abg. Rohland wird auf Antrag des Abg. Windthorst Abg. Löwe (Berlin) per Akklamation zum Schriftführer gewählt, und der Bericht der ReichSschulden-Kommtsston wird ohne Debatte der RechnungSkommifsion überwiesen.
DaS Haus setzt darauf die dritte Beratung des Krankenkaffengesetzes fort. Zu 8 H liegt ein Antrag deS Abg. Dr. Gutfletsch vor, bte Bestimmung in demselben zu stretchen, nach welcher da, wo weitere Kommunalverbände nicht bestehen, die Bereinigung mehrerer benachbarter Gemeinden zu einer gemeinsamen Gemeinde-Krankenversicherung durch Verfügung der höheren Verwaltungsbehörde angeordnet werden kann. Der Antragsteller will die Nachteile, welche aus einer solchen Vereinigung für die gutverwalteten Ge- meindekasien nach seiner Meinung entstehen müßten, durch seinen Antrag verhüten. Abg. Dirichlet tritt gleichfalls für den Antrag ein. Die unveränderte Annahme deS § 11 würde die Selbständigkeit der Gemeinden auf das aller- bedenklichste gefährden, wenn diese Zusammenlegung zulässig sein solle. Bundesbevollmächtigter Geh. Rat Lohmann widerspricht diesem Anträge, da die Zusammenlegung der kleinen Gemeinden sich oft als durchaus nötig erweisen werde. Auch Abg. Dr. Hammacher erklärt sich für den Antrag Gutfleisch, ter indes abgelehnt wird, während dagegen ein wesentlich redaktionelles Amendement deS Abg. Dr. Hammacher zu § 11 angenommen wird.
Die §8 11b und 12 werden debatteloS angenommen. Zu 8 13, wonach OrtSkaffen nur dann begründet werden können, wenn mindestens 100 Versicherungspflichttge in der Gemeinde vorhanden sind, beantragt Abg. Dr. H i r s ch den Zusatz: „welche nicht nachweislich Mitglieder einer anderen Kasse sind". Dieser Zusatz sei nötig, weil andernfalls eine OrtSkasse begründet werden könne, während alle Verstche- rungSpflichtigen bereits anderweit versichert seien. Bundes- bevollmächtigter Geh. Rat Lohmann bittet den Antrag abzulehneu, da die Ausführungen deS Antragstellers nicht zutreffen. Auch Abg. Frhr. v. M a l tz a h n spricht sich gegen ben Antrag aus; er beantragt seinerseits zugleich, bte Zahl von 100 auf 50 zu reduzieren. Abg. Dr. Langerhans betont, daß durch 8 13 die Gemeinden schwer belastet würden ohne den Zusatz des Abg. Hirsch. Letzterer tritt noch einmal für seinen Antrag ein uns hielt namentlich den Antrag des Abg. Frhrn. v. Maltzahn so bedenklich, daß er die namentliche Abstimmung über denselben beantragt.
Letzterer Antrag findet aber nach demnächst geschloffener Debatte die geschäftsordnungSmäßig erforderliche Unterstützung von 50 Mitgliedern nicht.
Vor dem Eintritt in die Abstimmung spricht Abg. Dr. Hirsch darauf Zweifel über die Beschlußfähigkeit des Hauses auS. (Mißfallen rechts.) Da das Büreau (den Vorsitz führte zur Zeit Vizepräsident Freiherr zu Francken- stein) über Beschlußfähigkeit Zweifel hegt, muß der Namensaufruf erfolgen. Derselbe ergiebt die Anwesenheit von 210 Mitgliedern, das HauS ist also beschlußfähig. (Lebhaftes Bravo rechts und im Zentrum.)
Nunmehr entspinnt sich auf Anregung des Abg. Frhrn. v. Minnigerode noch eine längere Debatte zur Geschäftsordnung über die ungerechtfertigte Störung der Geschäfte, welche durch den vom Abg. Hirsch beantragten Namensaufruf veranlaßt fei, wobei die gegenseitigen Anschuldigungen naturgemäß zu einer abschließenden Entscheidung nicht gelangen konnten.
Die weitere Beratung sührt bei den einzelnen Paragraphen zu mehr oder minder eingehenden Debatten, deren Resultat jedoch wesentlich, abgesehen von vielfach nur redaktionellen Aenderungen, die Aufrechterhaltung der Befchlüsse zweiter Lesung ist. Bei 8 63 wird die Beratung auf Montag vertagt.__
vom Landtag.
Berlin, den 26. Mai.
Die heutige (67.) Sitzung des Abgeordnetenha ufeS wurde um 91/« Uhr vom ersten Vizepräsidenten Fretherrn v. He er em an in Abwesenheit des wegen des bekannten Todesfalls in seiner Familie beurlaubten Präsidenten v. Köller eröffnet. DaS Hauö setzte die gestern
beim 8 22 abgebrochene zweite Beratung deS Gesetzentwurf», betreffend die Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Vermögen, fort. Abg. Graf v. BiSmarck-Schönhausen ging auf die Einwendungen ein, welche gestern von dem Herrn Regierungsvertreter gegen seinen Antrag erhoben waren. Letzterer bezwecke keineswegs eine unbedingte persönliche Befreiung des Schuldners gegenüber dem Gläubiger als Ersteher des Grundstücks. Die Korrealhypotheken würden gar nicht berührt. Der Einwand, da» die Bestimmung leicht umgangen werden kann, fei richtig; dies treffe indes bei allen Bestimmungen des Gesetzes zu. Immerhin würde eine solche Bestimmung in manchen Fällen die beabsichtigte Wirkung haben. Dem Abg. Munckel erwidere er, daß er allerdings nicht aus einem Verkehr mit Gläubigern seine Erfahrungen geschöpft habe, daS werde auch Herrn Munckel als einem ausgezeichneten Rechtsanwalt von ausgedehnter Praxis nicht unbekannt sein. Herrn Munckel stehe auf diesem Gebiete zweifellos die Erfahrung zur Seite. UebrigenS aber fei es befremdend, wenn bte Fortschrittler lediglich die Empirie und nicht die Induktion als Erkenntnismittel zulassen wollten, während sie sonst mit großer Sachkenntnis und Sicherheit über militärische, diplomatische Dinge rc. redeten, in denen dieselben auch gerade keine Emperiker seien.
RegterungSkommissar Geh. Ober-Justizrat Kurl- bäum II hält die gestrigen Bedenken gegen den Antrag, auch nach der heutigen Auslegung, die ihm der Herr Antragsteller gegeben, aufrecht.
Abg. Seehusen empfiehlt den Antrag de» Abg. Grafen Bismarck Schönhausen zur Annahme. Abg. Munckel setze nur wohlmeinende Gläubiger voraus. Die Erfahrung zeige aber, daß der Grundbesitz, besonders der kleine, in dem östlichen Preußen unter der Kapitalwirtschast der Wucherer leide. Die wucherischen Kapitalisten hätten den kleinen Grundbesitz ruiniert. Befremden müffe eS, daß der Abg. Dirichlet sich hier nicht des kleinen Grundbesitze» annehme. Einen solchen Schutz gewähre der Antrag des Abg. Grafen Bismarck; deshalb werde er für denselben stimmen.
Abg. Köhler bemertt, daß der Vorredner dem Abg. Dirichlet ohne Grund den Vorwurf mache, daß er zu wenig im Haufe spreche. (Heiterkeit I) Die düsteren Schilderungen der ostpreußischen Verhältniffe treffen für Hannover und Westfalen, wo doch vorzugsweise viel kleiner Grundbesitz vorhanden sei, nicht zu. Der Antrag deS Grafen Bismarck fei nicht durchführbar; er habe Ausnahmen zur Voraussetzung, Gesetze müßten auf die Regel gestützt werden.
Abg. Munckel erwidert dem Abg. Seehusen, daß bei diesem Gesetze der politische Standpunkt nicht in Betracht
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Die Kaiserkrönung in Moskau.
Moskau, Sonnabend 26. Mai. Heute abend fand bei dem Minister des Aeußern von Giers eine glänzende (Soiree statt, zu welcher nur die zur Krönung anwefenden fürstlichen Personen, die Botschafter und Mitglieder der hohen Aristokratie geladen waren. Die Herren waren teils in Galauniform, teils im Frack erschienen, die Damen trugen hohe Coiffüren und Kleiver mit langen weißen Polonaisen und Blumen geschmückt. Die Räume deS Ministers waren zu diesem Zweck prachtvoll mit tropischen Pflanzen dekoriert und glänzend erleuchtet. — Der Balletvorstellung im Theater wohnten heute abend außer den meisten Groß- fürsten, auch der Herzog und die Herzogin von Edinburg, Prinz Arnulf von Bayern, der Herzog von Montpenster, der Fürst von Montenegro, der Fürst von Bulgarien, Prinz Wilhelm von Baden, Prinz Alexander von Heffen mit Sohn, der Herzog Herrmann von Sachsen-Weimar, der englische Botschafter, Lord Thornton, bei. DaS Theater war sehr besucht.
— Heute morgen um 9 Uhr wurde zum drittenmal, unter dem gleichen Zeremoniell wie vorher, der Krönungstag verkündet. Die kaiserlichen Regalien werden heut ander Rüstkammer in den Thronsaal übergeführt.
— Der gestrige Empfang bet dem Minister deS Aeußern, von Giers, nahm einen sehr glänzenden Verlauf. Sämtliche Botschafter mit ihrem Personale waren erschienen. Zuvor hatte ein Diner bei dem deutschen Botschafter, General v. Schweinitz, stattgefunden, welchem auch Herr von Giers beiwohnte. — Gestern nachmittag wurden dem Erzherzog und der Erbherzvgin Karl Ludwig von Oesterreich die Mitglieder des diplomatischen KorpS vorzestellt. — Morgen, al« am Krönungstage, soll ein umfangreiches Manifest des Kaiser« erscheinen, in welchem derselbe u. a. eine politische
Amnestie für diejenigen polnischen Insurgenten bewilligt, welche, indem sie sich zur Rückkehr in ihre Heimat bereit erklären, ihre Unterwerfung und ihre Treue gegen den Kaiser versprechen werden. Dieselben werden aber noch zwei Jahre hindurch unter der Ueberwachung der Staats- poliz i stehen. Der Kaiser bewilligt in dem Manifeste ferner zahlreiche Strafnachläße für nicht politische Vergehen und hebt eine große Anzahl von Geldstrafen auf. Für gewisse Klaffen der ärmeren Bevölkerung werden außerdem die Steuerrückstände erlaffen. Weitere partielle Amnestien, Gnadenerlasse unb Würdenverleihungen sollen neben dem Manifeste erfolgen. — Der Himmel ist bedeckt, es herrscht starkes Regenwetter.
— Nachdem die Krönungsinsignien in feierlicher Weise unb unter Entfaltung großer Pracht heute aus der Rüstkammer (Otschennaja Palata) nach dem Thronsaale (An- dreaSsaale) übergeführt worden waren, fand um 4 Uhr nachmittags ein feierliches Tedeum in der neuen Erlöserkirche statt, welchem der Kaiser, die Kaiserin unb bie Mit- glieber der kaiserlichen Familie beiwohnten. — Im Laufe des Tages fanden bei den Mitgliedern deS kaiserlichen Hauses weitere Vorstellungen von feiten der KrönungS- Boffchafter und -Gesandten und der Mitglieder ihrer Mission statt. — DaS Regenwetter dauert fort.
— Der päpstliche KrönungSgefandte, Nuntius Vanutelli, wird morgen abend hier Eintreffen.
— Die Majestäten kehrten heute von NeSkutfchnY nach dem Kremlpalais zurück. Sie wohnten dem AbendgotteS- dienft in der Spaßkykirche hinter dem goldenen Gitter bei und hörten die Kommunionsandacht mit an.
Moskau, Sonntag, 27. Mai. Der heutige KrönungS- tag wurde bereits um 7 Uhr morgen« durch Artilleriefalven und da« Geläute aller Glocken eingeleitet. Schon von früher Morgenstunde an war die Umgebung de« Kreml«
außerordentlich belebt. Die im Innern desselben befindlichen nicht reservierten Räume waren rasch von einer kompakten Menschenmenge besetzt. Die Truppen sind dem Programme gemäß aufgestellt. DaS Wetter hat sich in der Nacht gebessert und läßt einen schönen Tag erwarten. Die Stadt bietet einen grandiosen und festlichen Anblick dar. Um 8 Uhr versammelten sich die außerordentlichen Botschafter, sowie das diplomatische KorpS bei dem deutschen Botschafter General von Schweinitz, als Doyen des diplomatischen Korps, und begaben sich von dort gemeinsam zu der KrSnungszeremouie, die mit der Zelebrierung der hohm Messe in der Uspenski - Kathedrale ihren Anfang nimmt Nach 8 Uhr werden in den Kreml nur solche Personen eingelassen, welche Karten für die Tribünen unb daS Innere der Kirche haben. Da dieselbe sehr klein ist, so sind für das diplomatische KorpS nur 80 Plätze reserviert unb werden von demselben nut die Chefs der Missionen, die ersten Räte derselben unb bie Militärattache« im Innern der Kirche Platz erhalten; die übrigen Mitglieder de» diplomatischen KorpS verbleiben außerhalb derselben, auf einer sehr eleganten, für sie reservierten Tribüne. Um 8V2 Uhr traf das diplomatische KorpS in Gala-Equipagen im Kreml ein. Bald darauf begab sich der.Großfürst Thronfolger, begleitet von den Mtgliedern der kaiserlichen Familie und den fremben Fürstlichkeiten im prächtigen Zuge in die Kathedrale und nahm daselbst Platz. Trompetengeschmetter und Paukenschall kündigten alsdann an, daß sich der kaiserliche Zug formiert hat und im Begriff ist, sich vorn Palast nach der Kathedrale zu begeben. In dem Augenblick, wo der kaiserliche Zug erscheint, läuten alle Glocken, die Musik- korpS spielen, die Tambours schlagen an, die Truppen präsentieren; au« der dichtgedrängtm Volksmenge innerhalb und außerhalb des Kremls ertönen brausende Jubelrufe. DaS Ende der Zeremonie wird durch ein besondere» Signal