Marburg, Sonntag, 27. Mai 1883.
jtt. 121
XVM. Jahrgang.
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mit
dringenden Geschäften motiviert.
der der Be-
Dcr „Reichsanzeiger" enthält folgenden Erlaß des Kaisers an den Kultusminister und den evangelischen Oberkirchenrat:
Der in diesem Jahre bevorstehende vielhundertjährige Gedächtnistag der Geburt Dr. Martin Lu herS mahnt die gesamte evangelische Christenheit, mit Dank gegen Gott der Segnungen zu gedenken, welche Er in der Reformation Unserm Volke geschenkt hat. Damit überall das Bewußtsein dieser Pflicht geweckt werde und der Dank gegen Gott vollen Ausdruck finde, verordne Ich hiermit, wie folgt:
1. Der in diesem Jahre wiederkehrende GedächtniStag der Geburt Dr. Martin Luthers soll durch ein am 10. und 11. November d. I. abzuhaltendes Kirchenfest in den evangelischen Kirchen und Schulen ausgezeichnet werden.
2. Das Kirchenfest ist am 9. November mit den Kirchenglocken in ortsüblicher Weise einzuläuten. Es ist nicht ausgeschlossen, namentlich da, wo dies bei anderen kirchlichen Festen üblich ist, das Fest durch Choralblasen von dem Turm oder vor den Kirchthüren einzuleiten. Die Bestimmung darüber bleibt den kirchlichen Gemeindeorganen anheimgestellt.
3. Am Vormittag des 10. November findet die Schulfeierlichkeit statt. Dieselbe soll, soweit die Räumlichkeit es zuläßt, eine öffentliche sein. Es ist gestattet, die ganze Schulfeier in die Kirche zu verlegen, oder auch neben der Feier in den einzelnen Schulen noch eine gemeinsame Feier für die Jugend im Kirchengebäude zu veranstalten. Die nähere Bestimmung bleibt der Vereinbarung der kirchlichen und Schulgcmeindeorgane überlasten.
4. Am Nachmittag und Abend des 10. November find, soweit es nach den örtlichen Verhältnissen ausführbar erscheint, liturgische oder sonstige vorbereitende Gottesdienste abzuhalten.
5. Der kirchliche Hauptgottesdienst soll am Sonntag, den 11. November vormittags stattfinden.
6. Die Liturgie und den Predigttext sowie das Dank- gebet für die Goltesdienste vorzuschreiben, bleibt den zuständigen Kirchenbehörden überlasten. ES ist erwünscht, als Hauptlied für den SonntagS-Hauptgottesdienst den Gesang: »Eine feste Burg ist unser Gott" zu wählen. In dem Dankgebet ist vornämlich der Gesichtspunkt zum Ausdruck zu bringen, daß es sich nicht um den Lobpreis eines Menschen, sondern um den Lobpreis Gottes für die in der Reformation dem deutschen Volke zu teil gewordene göttliche Gnade handelt.
(Nachdruck tierboten.]
Papis Goldtochter.
Eine Skizze aus dem Leben von Ludwig Wrietzner.
Schön war sie nicht. Das hatte noch niemand behauptet und hätte schwerlich jemand überzeugend beweisen können. Es gab Leute — natürlich kann hier nur das schlechtere Geschlecht in seinem Urteile in Betracht kommen — die sie sogar „recht hübsch" fanden.
Sie hieß Cäcilie und man nannte sie die „heilige Cäcilie". Für dieses Epitheton war jedoch nicht das Mädchen, sondern der Papa verantwortlich. Papa Walport Sshörte einer ReligionSsekte an, die sich streng abgesondert hielt und ihre besonderen kirchlichen Gebräuche besaß, die wit eben so viel Zähigkeit, als Harmlosigkeit in den zahl- keichen Betstunden und sonntäglichen Gottesdiensten auS- geübt wurden.
Papa Walprot war in frühester Jugend aus England nach Deutschland gekommen; als strebsamer Kandidat der Philologie, der alle gangbaren und mehrere ungangbaren Sprachen mit gleicher Meisterschaft beherrschte, war er allmählich zu einer angehmen Stellung als Lehrer an dem höheren Unterrichtsinstitute der kieinen Stadt R. . . . Selangt. Er hatte, wie eS für einen ordentlichen «Staats» ’urger und Lehrer der Jugend ziemt, geheiratet, ein zwar hübsches, aber armes Mädchen, und dieser Ehe waren eine Anzahl Kinder entsprossen, die der systematischen DenkungS- nns Handlungsweise des Papas entsprachen; denn sie seihten sich in bunter Reihe, ein Weiblein, bann ein Tlünn« •ein, wie die Orgelpfeifen an einander. Cäcilie war die älteste, und obschon ein „Nesthäkchen" dem andern folgte, 1° hatte doch Papa Walport den überwiegend größten
Reichstag.
Berlin, den 25. Mai.
In der heutigen (86.) Plenarsitzung des Reichstags wurde wiederum eine Reihe von Urlaubsgesuchen bewilligt,
Vor dem Eintritt in die Tagesordnung nimmt Abg. Dr. Windthorst das Wort, um gegenüber vorgestrigen Aeußerung des Abg. Richter, daß die schlußunsähigkeit des Hauses wohl dadurch herbeigeführt worden, daß sich Mitglieder des Zentrums entfernt hätten, zu erklären, daß diese Behauptung unzutreffend sei. Herr Richter möge Namen nennen; event. behalte er sich vor, Namen zu nennen. (Ohol links.)
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u. a. auch das neulich abgelehnte Gesuch des Abg. WitzlS- perger (Zentrum), der heute sein Urlaubsgesuch
«nieiaen nimmt entgegen: Expedition d. Blattes.
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Abg. Richter (Hagen) entgegnete, der Vorredner habe seinerseits vorgestern ganz allgemeine Beschuldigungen ausgesprochen, ohne sie beweisen zu können. Er (Redner) fordere Herrn Windthorst auf, Namen zu nennen, bemerke aber, daß, soweit ihm bekannt, schon lange vor Beginn der Abstimmung das HauS nicht mehr beschlußfähig gewesen sei. Derartige Erörterungen seien übrigens völlig zwecklos. Herr Windthorst hätte seine vorgestrige Bemerkung unterlassen können, dann würde er (Richter) keine Veranlassung zu seinem Zwischenrufe gehabt haben.
Abg. Dr. Windthorst erwiderte, er werde sich durch den Widerspruch deS Abg. Richter nicht abhalten lassen, in jedem einzelnen Falle zu konstatieren, was ihm notwendig erscheine. Er sei erstaunt, daß Herr Richter sich überhaupt noch in eine Erörterung der Sache eingelassen habe.
Teil seiner väterlichen Liebe auf dieses Kind, seine „Goldtochter", übertragen.
Cäcilie war nicht nur ein hübsches, sondern auch ein klugcS Kind, und das war eS wohl, was ihr die Bevorzugung des PapaS eingetragen hatte und erhielt. Mit den langen.blonden Zöpfen, die über ihre Schultern fielen, und den hellen, blauen Augen, die träumerisch in die Welt sahen, machte das Mädchen allerdings den Eindruck eines jener rührend unschuldigen Heiligenbilder, wie man solche in jeder katholischen Dorfkirche findet, Bilder, die zwar auf künstlerischen Wert keinen Anspruch machen, aber ihren Zweck für die anspruchlose Gemeinde vollkommen erfüllen. Wer die kleine Cäcilie in ihrem Betstuhl am Sonntag knieen sah, voller Andacht beim Gebete, ganz aufgehend in ihrer heiligen Pflichterfüllung, der konnte unwillkürlich zu dem Ausrufe „die heilige Cäcilie" kommen.
Klug, wie das Kind war, und mit offenem, prüfendem Blicke für das, was um sie vorging, hatte sie sehr bald die Bevorzugung von feiten des Vaters gegenüber den Geschwistern herausgefunden; aber sie dachte nicht daran, daraus für sich Kapital zu schlagen, die einzige Eitelkeit und Besonderheit für ihre kleine Persönlichkeit, die daraus resultierte, war die, „Papas Goldtochter" zu heißen und sich auch wohl mit Vorliebe selbst so zu nennen. Cäcilie war fromm, aus Ueberzeugung fromm, soweit die Seele des Kindes überhaupt den Begriff der Frömmigkeit zu fassen, zu begreifen wußte. Sie ging nicht in das kleine unscheinbare Bethaus, um einer Gewohnheit nachzukommen, sondern mit einem gewissen Ernste, einer Feierlichkeit, die der Sache galt.
So vergingen die Jahre und das Mädchen reifte zur Jungfrau. Noch immer nannte man sie die „heilige Cäcilie", ohne besonders spöttischen Nachdruck, aber auch ohne be-
Bn,eigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Burenux von Et. L. Daube u. E». in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanktn Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in
Abg. Richter repliziert: er sei dazu durch Henn Windthorst gezwungen gewesen. Dieser habe ja auch heut« zugeben muffen, daß er bezüglich der Präsenz vorgestern eine unwahre Behauptung gegen das HauS ausgesprochen habe. (Großer Lärm im Zentrum; Präsident v.Lev etzow ruft den Redner wegen dieser Beschuldigung gegen «in Mitglied des Hauses zur Ordnung.)
Bei Fortsetzung der dritten Beratung deS Arbelter- KrankenverstcherungS-Gesetzes steht das HauS vor der Abstimmung über die §§ la und 2 bezw. der Amendement», da die Abstimmung eben am Mittwoch wegen der konstatierten Beschlußunfähigkeit abbrechen mußte. Zunächst aber nimmt das Wort
der Stellvertreter des Reichskanzlers, Finanz - Minister v. Scholz: Zu seinem Bedauern sei er behindert gewesen, der letzten Sitzung bis zum Schluffe beizuwohnen. Anden Zeitungen habe er inzwischen ersehen, daß ein Redner dieses Hauses zwischen seinen Ausführungen und denen des Bevollmächtigten Geh. Rat Lohmann einen Widerspruch gefunden habe; deshalb halte er sich verpflichtet, hier noch einmal die Stellung der Regierung in dieser Frage klar zu legen (Rufe links: Wir sind bereits in der Abstimmung!). Die verbündeten Regierungen hätten das lebhafte Bestreben, der arbeitenden Bevölkerung im Einvernehmen mit dem Reichstage eine Verbesserung ihrer Lage zu schaffen. Mit dem § la der KommisstonSbeschlüffe geschehe aber das nicht. Von Seiten der Gegner der Vorlage sei die Forderung der Ausdehnung des Gesetzes auf alle Arbeiter unlogisch; da sie dasselbe für schlecht hielten, müßten sie vielmehr seine möglichste Beschränkung befürworten. Das Amendement Hammacher- v. Maltzahn fei nach der Ansicht der verbündeten Regierungen sehr dunkel gehalten und entspreche deshalb den gestellten Anforderungen nicht. Dagegen empfehle sich die Annahme deS Antrages v. Hertling, und zwar lediglich aus fachlichen, nicht aus taktischen Gründen, und namentlich nicht deswegen, weil der Führer einer großen Partei sich für diesen Antrag ausgesprochen habe. Der Herr Reichskanzler habe anfänglich die Absicht gehabt, dem Hause persönlich die Gründe dieser Auffassung darzulegen; sein Gesundheitszustand habe ihm solches leider nicht gestattet und deshalb habe er (der Finanzminister) die Ehre gehabt, diesem Gedanken vor dem hohen Hause Ausdruck zu geben.
Da der Präsident v. Levetzow nach dieser Erklärung die Debatte über die la und 2 wieder eröffnet hielt, entspann sich über die Frage, ob während einer Abstimmung ein Mitglied deS BundeSratS berechtigt sei, daS Wort zu nehmen, eine sehr lange Debatte zur Geschäftsordnung. Der Bundesbevollmächtigte Finanzminister v. S ch o l z stützte sich auf den Artikel 9 der Verfassung. Die Debatte schloß damit ab, daß man übereinkam, die eventuelle Beratung der qu. Paragraphen nicht wieder aufzunehmen, im übrigen sondere Bewunderung; noch immer, und mit dem reifenden Verstände um so lieber, nannte sie sich „PapaS Goldtochter." Aber eS ist eine zu bekannte Thatsache, als daß sie mit besonderer Betonung hervorgehoben zu roerben brauchte: selten hält bie Vermehrung bes Inhalts beleidigen Geldbeutels gleichen Schritt mit der Vermehrung des häuslichen Glückes eines Lehrer« der Jugend. Die finanziellen Verhältnisse der Familie Walport waren von anfangs keine besonders glänzenden gewesen, und der Familienzuwachs hatte gewiß nicht zur Aufbesserung der Finanzen beigetragen. So kam es denn, daß eines Tage« Papas Goldtochter mit einem nicht sonderlich schweren Köfferchen, schimmernden Auges, umringt von den Mitgliedern der Familie vor der Hausthür stand und eine Minute später in dem alten, schwerfälligen Omnibus mit Papa dem Bahnhof zurollte. Sie waren zwar die einzigen Paffagiere, aber keines sprach ein Wort auf dem ziemlich langen Wege, den der Omnibus bis zum Bahnhofe zu machen hatte. Und nachdem Papa Walport das Billet nach der fernen Station gelöst und der Zug mit schrillem Pfiffe vorfuhr, auch da sprachen sie noch immer nicht. Als aber der Schaffner, der bekanntlich keine Zeit hat, sich um rührende Abschiedsszenen zu kümmern, zum Einsteigen mahnte, da umarmte Papa seine Tochter und mit einer Stimme, bie aus einem schier zugeschnürten Halse zu kommen schien, sagte er: „Bleibe gut meine Tochter, meine Goldtochter." Dann wandte er sich, und ohne sich umzublicken, verließ «r den Bahnhvfperron, indes PapaS Goldtochter, die standhaft ihre Thränen zurückgehalten, das Gesichtchen in ihr TafcheNuch drückte und so den letzten Abschiedsblick auf die Heimat versäumte, der sie das schnaubende Dampfroß entführte. (Fortsetzung folgt.)
7. Den zuständigen Kirchenbehörden bleibt überlassen, für die Feier Kirchenkollekten abhalten zu lassen, und über deren Zweck Bestimmung zu treffen.
8. Die weiteren Ausführungsbestimmungen sind von dem Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten und dem Evangelischen Oberkirchenrat, einem jeden in seinem Zn- ständigkeitSkreise, zu treffen. Insbesondere hat bet Minister ber geistlichen Angelegenheiten auch wegen der Schulfeier das Erforderliche anzuordneu. Ich flehe zu dem Allmächtigen Gott, daß Er die Gebete, in denen Ich Mich an den Tagen des Festes mit allen Gliedern Meiner evangelischen Kirche vereinigen werde, Erhörung finden lasse vor Seinem Throne, damit die Feier Unserer teuren evangelischen Kirche zu dauerndem Segen gereiche.
Berlin, den 21. Mai 1883.
Wilhelm.
von Goßler.
An den Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten und den Evangel. Ober-Kirchenrat.