ftr. 120
Marburg, Sonnabend, 26. Mai 1883.
XVffl. Jahrgang.
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Allgemeiner deutscher Haudwerkertag.
Hannover, den 23. Mai.
Der wichtige § 3 deS gestern beratenen und angenommenen Statuts deS Allgemeinen deutschen HandwerkcrbundeS hat folgenden Wortlaut: Der Handwerkerbund erstrebt eine würdige Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften; deshalb haben die Handwerker bet politischen Wahlen nur solchen Männern, ohne Rücksicht auf deren Parteistellung, ihre Stimme zu geben, von denen sie die Garantie haben, daß sie mit Energie für die Interessen des Handwerks eintreten.
DaS Festessen im Odeon am gestrigen Abend begann gegen 9 Uhr unter zahlreicher Beteiligung. Heinze-Hannover brachte den Toast aus auf Se. Maj. den Kaiser, der in der kaiserlichen Botschaft auch den Handwerker seiner Fürsorge versichert habe. Der Vorsitzende deS konservativen Bereins, Generalleutnant z. D. v. Loebell, der als Ehrengast den sämtlichen Verhandlungen beigewohnt hatte und auch als solcher an dem Festessen teilnahm, brachte ein Hoch aus auf den Handwerkerstand. Er hob hervor, wie jedermann für den Handwerkerstand Interesse haben müßte. Ec wie die ganze konservative Partei in Hannover habe dies von jeher gehabt und bewiesen. Er habe den Versammlungen angewohnt, um stch über die wichtige Handwerkerfrage zu belehren. Er hoffe, der Erfolg werde die Bestrebungen der Handwerker krönen, und in dieser Hoffnung fordere er zum Hoch auf den Handwerkerstand auf. ES folgten dann verschiedene Toaste auf die Stadt Hannover, daS Festkomitee, die Damen, die Freunde des Handwerks, insbesondere die Herren v. Loebell und den ebenfalls anwesenden Herrn v. Fechenbach. Forster -Berlin fordert zu einem Hoch auf den Reichskanzler Fürsten Bismarck auf, der Deutschland einig und stark gemacht, sich jetzt der Handwerker annehme und, wie die Erfahrung zeige, waS er unternehme, auch durchführe. Die Versammlung stimmte laut und begeistert in daS Hoch ein.
Nach Eröffnung der heutigen (3.) Hauptversammlung wird zur Wahl eines neuen Bundesvorstandes geschritten.
Unser Stammseidel.
(Schluß)
DaS Preisgeben dieses Geheimniffes bietet nur dem letzten Zehntel der Wirte, dem der bierverständigcn, keinen Schrecken. Sie ziehen den kohlensäurearmen Rest des FaffeS auf Flaschen und erhalten nach acht bis zehn Tagen ein so kohlensäurehaltigeS Getränk, daß es dem besten Faßbiere nicht nachsteht. —
Und wie ist eS ferner in den deutschen Bierlokale» um den Satz bestellt, daß das Bier durch Erwärmung leidet? O, den gröbsten Teil dieser Wahrheit hat wohl jeder Wirt begriffen und ttm Fasse wird daS kühlste Plätzchen im Keller angewiesen oder eS wird durch künstliche Mittel kühl gehalten. Aber ich rede wiederum nur vom Kühlhalten im Glase nicht im Fasse. Und da sind der Verstöße so viele, daß ich immer wieder auf meine neun Zehntel zurückkomme — mindestens.
Die Trinkmethode in den meisten Bierstuben ist folgende. Eben hat der Gast sein GlaS geleert, da stößt der Kellner °uf ihn zu. „Noch ein Glas gefällig?" „Ja." Der Kellner eilt mit dem leeren Glase anS Büffet, eS wird gefüllt und in der nächsten Minute steht eS wieder vor dem Taste. Der Wirt ist stolz auf feine prompte Bedienung, der Gast ist deS LobeS voll über den aufmerksamen Wirt.
Daß daS GlaS während der vorherigen Trinkperiode warm geworden ist, daß es erst wieder abgekühlt werden muß bis mindestens zur Temperatur im Faste, daran denkt weder Wirt noch Gast. Oder doch, mancher Gast hat eine Ahnung davon und sagt: „Machen Sie mein Glas erst wieder kühl." Der Kellner nimmt daS GlaS, schwenkt es in einem Gesäß mit kaltem Master, in welchem meinetwegen sogar EiS schwimmt, einmal cu3 und zwei Minuten später steht eS wieder gefüllt vor dem G sie. Daß die dicken Wände deS Glases in so kurzer Zeit stch nicht abkühlen können, entgeht dem Verständnis von Kellner, Wirt Und (Aast. Physik wurde in den Schulen, welche sie be- fuchten, nicht viel getrieben.
Mühlbach- Frankfurt teilt mit, daß die Vertreter des neuen Vororts Köln und des westdeutschen Handwerkerbundes in vertraulicher Besprechung beschlossen hätten, folgende Zusammensetzung des Vorstandes vorzuschlagen: Pleß-Mülheim erster Vorsitzender, Cremer- Köln zweiter Vorsitzender, Faßhauer -Köln General - Sekretär, Euler-BenSberg zweiter Sekretär, R ü b a u se n - Köln erster Kassierer, Hohr-Köln zweiter Kassierer. Redner bemerkt noch, daß man auS praktischen Gründen von der Wahl deS Herrn Cremer, der sonst um die Handwerkersache große Verdienste habe, mit seiner Zustimmung Abstand genommen habe. Die Versammlung vollzieht die Wahl nach den obigen Vorschlägen. Auf MetznerS Antrag führt der alte Vorstand für heute noch den Vorsitz. Meyer-Berlin spricht seine Freude aus, daß jetzt alle Zerwürfnisse beigelegt seien. Berlin habe auf den Vorsitz verzichtet, weil man zu Haufe dort noch viel zu organisieren hätte. Berlin werde jetzt an sich selber arbeiten, eS werde aber stets treu zur allgemeinen Sache und zum neuen Vorstände stehen. Metz« er bringt dem alten Vorstande ein donnerndes Hoch. Der Vorsitzende spricht darauf den Herren v. Fechenbach unb vr. Stolp den Dank auS, die ihre Kraft geistig und körperlich der Sache zur Verfügung gestellt haben.
Herr ».Fechenbach weist den Dank zurück. Er thue nur seine Pflicht als Staatsbürger. Er diene dem Ganzen und sich selber als Teil desselben, wenn er einen gesunden Mittelstand zu erhalten suche. Ohne Produktivstände in gesunden Verhältnissen könne kein Staat bestehen, sie seien daS Fundament der Gesellschaft. Er bittet, nachdem jetzt alle Wolken der Zwietracht zerstreut, eifrig an dem begonnenen Werke weiter zu arbeiten. Herr Dr. Stolp schließt sich dem an und fordert auf zu einem Hoch auf den Kaiser. Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen und bringt dreimal das Hoch aus.
ES folgen nun die Beratungen über eine Anzahl aus der Versammlung eingebrachter Anträge und Resolutionen, von denen folgende von dem Allgemeinen deutschen Handwerkertage angenommen werden. Faßhauer-Köln beantragt, an Stelle der ganzen übrigen Tagesordnung nur noch zu beraten: „Welche Mittel unv Wege hat der Handwerkerstand zu ergreifen, um die Beschlüsse des Magdeburger Handwerkertages, besonders die Einführung obligatorischer Innungen, zur möglichst schnellen Durchführung zu bringen?" Nachdem dieser Antrag angenommen ist, bringt Herr Faßhauer in bezug darauf folgende Resolution ein:
„Der Handwerkertag beschließt eine Eingabe an daö hohe Reichskanzleramt, worin der Einigkeit des deutschen
Ich muß es als eine weitverbreitete Unsitte bezeichnen, daß dem Gaste nach dem letzten Schlucke das Glas förmlich wcggerisstN und sofort wieder mit neuer Füllung gebracht wird. Unv diese Unsitte ist gerade in den bicrhcrr- lichsten Ländern, in Bayern und Oesterreich, zum Komment erhoben.
ES gehört sich vielmehr, daß das GlaS lange gekühlt wird, ehe es wieder würdig ist zur Bierausnahme. Sollte aber die Leber des Gastes solche Pausen nicht ertragen können, so bediene man stch des Wechselglases und ein lebertrockener Stammgast gestatte sich den Luxus zweier Stammgläser.
Nun gibt es aber noch eine Bicrtrinkmethode, welche, dem Schuldkreise des Wirtes entrückt, meist in folgender Weife verläuft. Väterchen will abends einmal zu Hause bei den ©einigen bleiben, aber sein Bier nicht entbehren. Die Frau vom Hanse ruft: „Karoline, nimm die Lase und hole vier Seidel Bier." Karoline nimmt daS Porzcllan- gefäß, welche« hübsch warm im Küchenschranke gestanden hat, geht in die nächste Restauration und läßt sich daS Gefäß füllen. DaS Bier wird über ein ©eitel gemessen und die warme Lase nimmt vier solcher Güsse auf. Nun bringt Karoline die Lase nach Hause und setzt sie in der warmen Wohnstube auf den Tisch. DaS Bier wird in kleine Gläser gegossen, die natürlich auch warm gestanden haben; der Vater bekommt eins, die Mutter eins und auch die Kinder eins. ES wird langsam getrunken, weil eS den ganzen abend reichen soll. ES reicht auch, eS bleibt sogar noch übrig davon, denn der Vater trinkt höchstens drei Gläschen und spricht: „zu Hause schmeckt es doch nie so gut;" die Mutter schluckt den ganzen Abend an dem einen Gläschen und spricht: „ich weiß nicht, waS Ihr Männer an dem alten Biere habt;" die Kinder aber bekommen — zu ihrem Glücke — nur das eine kleine GlaS.
Die Familie kann einem an solchem Abend ordentlich leid thun; sie bekommt das Herbe, daS Bittere und höchstens noch daS Nasse de« Getränks zu schmecken, vom Erfrischcn-
HandwerkS in bezug auf die Mittel und Wege zur Abhülfe deö Notstandes im Handwerk Ausdruck gegeben und die hohe NeichSregierung ersucht wird, die Initiative zu einer beschleunigten Gesetzgebung im obigen Sinne zu ergreifen." Diese Resolution wird angenommen. Ebenso auch der folgende Antrag Faßhauer: „Der Handwerkertag überträgt dem Vorstande deS neu gegründeten deutschen Handwerker- buntes die Abfassung resp. Absendung einer Petition, betreffend: die in den Fabriken und dem Großbetriebe befindlichen Maschinen nach Maßgabe der Arbeitsleistung im Vergleich zur Handarbeit zu besteuern." Ein Antrag Faß- hauer, eine genaue Statistik der in Deutschland befindlichen Handwerker anzustellen, wird abgelehnt, weil eine solche zu große Kosten verursachen werde und ihre Genauigkeit ooch sehr fraglich sei.
ES bringt sodann Herr Fast er-Berlin nachstehende Resolution ein: „Im Jntereffe der Sicherheit und Wohlfahrt deS Staates und der bürgerlichen Gesellschaft, wie im Interesse des Wohlergehens der Familie und jede« Einzelnen erscheint es dringend geboten, 1. daß Jeder an einem bestimmten Orte ein HeimatSrecht besitze, welche« nur nach Erlangung eines neuen HeimatSrechtS an einem anderen Orte verloren gehen kann, und daß 2. die über die Orts- und Familienangehörigkeit jedes Einzelnen die erforderliche Auskunft gebenden Heimatsscheine als allgemeine Legitimationen aller Staatsangehörigen und insbesondere auch derjenigen Personen einzuführen sind, die außerhalb ihres Heimatsortes und im Umherziehen ein Gewerbe betreiben oder Arbeit und Verdienst suchen. Nach kurzer Debatte erfolgt Annahme dieser Resolution.
Herr Bernard-Berlin stellt den Antrag: „Der in Hannover versammelte allgemeine deutsche Handwerkertag hält die Errichtung mehrerer gleichartiger Innungen in demselben Ortsbezirke für die betreffenden Gewerbe schädlich, da diese stch dadurch gegenseitig in ihrer Wirksamkeit stören". Dieser Antrag wird angenommen. Darauf beantragt Herr Lange-BreSlau: „Der in Hannover versammelte deutsche Haudwerkertag spricht seine grundsätzliche Uebercinstimmung mit den folgenden fozialreformatorifchen Thesen deS Reichsfreiherrn v. Fechen b a ch - Laudenbach aus: 1. In der Bildung von kleinen und mittleren Vermögen und dem Schutze vor den Ausbeutungen der „lukrativen" Erwerbsarten liegt allein daS Mittel zur Lösung der sozialen Frage. 2. Die Resultate der heutigen Arbeit der Völker kommen vermöge der unzulänglichen Gesetze fast nur den Vertretern der „lukrativen" ErwerbSarten zugute, wenn auch nicht immer schon in der ersten und zweiten,
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den und Labenden nicht einmal den Reflex. Die unverständige Behandlung trägt die Schuld. Dreimaliges Um- gießen, warme Kruke, wrrme Stube, warme Gläser — daS kann kein Bier auf die Dauer eines Familienabends ertragen. ES verwandelt sich in eine Flüssigkeit, welche zwischen matter Limonade und gährend Drachenblut die Mitte hält.
Wenn ich Karolinen über die Straße gehen sehe, befällt mich jedeSmal das Gefühl, als müßte ich ihr ben Porzellankrug oder die Karaffe aus der Hand schlagen — schon der armen Kinder wegen.
Wer zu Hause trinken will, lasse sich ein Seidel nach dem andern frisch vom Fasse holen, oder, besser noch, er lege sich Bier auf Flaschen in dm kühlen Keller. —
Ich will zum Schluffe noch angeben, wie ich mir da« Trinken in meinem Stammlokal gestalte.
Wenn mir das volle Glas gebracht wird, faste ich den Henkel: er muß sehr kalt fein, sonst ist da« GlaS nicht gekühlt. Nun trinke ich in kurzer Zeit aus und gebe da« Glas zurück zum Wiederkühlen. Erst nach geraumer Zeit und nur auf ausdrückliche Bestellung darf mir der Kellner das volle Glas mietet bringen. Ich stelle mein GlaS nie an den Ofen, noch mehr aber behüte ich es vor ben Sonnenstrahlen.
Mein Trinkturnus wiederholt sich einigemal, aber nicht allzuoft. Denn, was vielleicht dem Leser dieser kleinen Abhandlung überraschend klingen mag, ich bin im Trinken mäßig.
Den Brauch des deutschen Mannes, eine gute Bierstube zu b-suchen, halte ich für einen vollberechtigten, aber für ein Unding erachte ich es, über das wirkliche Bedürfnis hinaus noch ein GlaS und immer noch eins zu trinken, etwa der Erhöhung der Geselligkeit wegen. Wenigsten« dürfen es nur Schaltabende im Kalenderjahre fein, wo ba« Menschenherz einmal außergewöhnlich aufgeht unb wo be« Tempo des ebenmäßigen Lebens einmal befi leurigt wirb.