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Marburg, Mittwoch. 23. Mai 1883.
XVHI. Jahrgang.
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„Der verblassende Giern."
Unter dieser Überschrift bringt die „Schlesische Ztg." einen Artikel zu dem Ausspruch des Abg. Eugen Richter: Jetzt, da der Glanz seines Namens im Berblasien, schiebt Bismarck die Allerhöchste Person in den Vordergrund." DaS Blatt sagt u. a.:
„Also der Glanz deS Namens Bismarck ist im Verblassen! In unserem eigenen Vaterlande mag es Leute geben, denen daS Parteitreiben den gesunden Menschenverstand derart verwirrt hat, daß sie an einem so dreisten Urteil kaum einen Anstoß nehmen. Der gedankenträge Mensch gewöhnt sich an alles. Auf den römischen Bettler machen die gigantischen Dimensionen von St. PeterS Dom keinen Eindruck, der Bahnwärter an der Gotthardtstraße denkt nicht an die Größe des Triumphes, welchen menschlicher Geist und die menschliche Arbeit in dem gewaltigen Werke feiern. Der deutsche Philister erinnert sich kaum noch daran, daß ein Genius, wie ihn nicht jedes Jahrhundert gebiert, das Vaterland zu ungeahnter Macht und Größe emporgesührt hat und noch heute Tag und Nacht mit wunderbarem Erfolge daran arbeitet, ihm den Frieden zu sichern, seinen Wohlstand zu mehren und innere Gefahren von ihm abzuwenden. Der deutsche Pilister wird also auch kaum Anstoß daran nehmen, daß für den HeroS der Fortschrittspartei der Stern unseres leitenden Staatsmannes im Verbleichen ist. Das kommende Geschlecht aber wird staunen, daß ein Zeitgenvsie BiömarckS solch Urteil im deutschen Reichstage zu fällen wagte.... Wenn Herr Richter sagt, daß der Glanz des NamenS Bismarck im Verbleichen sei, so erkennt er damit wenigsten- an, daß dieser Name einst glänzend gestrahlt hat, damit aber fällt er daS Verdikt über die Haltung, welche seine eigene Partei und er selbst seit seinem Eintritt in die parlamentarische Arena der Politik de« Kanzlers gegenüber eingenommen hat."
Es wird dann die Frage gestellt, wann denn der Name BiSmarckS am hellsten gestrahlt habe, und an seinen Erfolgt« der auswärtigen Politik gezeigt, wie er stets heller und heller ausgcleuchtet, jüngst noch erst, als der Abschluß des deutsch-österreichisch-italienischen BündnisieS der Welt bekannt geworden. Hier sei also vom Berblasien keine Rede. Dann heißt eS weiter:
„Nun aber bitten wir Herrn Richter und fein Heer-
Die Krönung des Zarev Alexander I. am 27. September 1801.
(Schluß)
Durch die drei Vorzimmer traten wir In die Versammlungssäle. Im ersten ein paar Reihen der prächtigsten Livreen, im zweiten eben so viele von Gold strotzende Kammerdiener; im dritten war man versucht, vor einer zahlreichen Gesellschaft vornehmer Herren, denen nur die Orden fehlten, sich zu verbeugen. ES waren die- HauS- vffiztanten des Grafen, stattlich frifiert, in den kostbarsten gestickten Kleidern, die manchen Botschafter und Gesandten verdunkelten, den Degen un der Seite, mit dem Zierhut unterm Arm. So da« Uebrige nach Verhältnis! Die Gegenwart der Kaiserlichen Familie sverherrlichte alle diese Feste. So auch eines, welche- der Klub de- Adel- In seinem ungeheuren Saale gab, dem größten und von der schönstem Architektur, der mir vorgekommen war. Nur die drei ersten Klasien de- AoelS waren hier zugelasien und die Gesellschaft zählte über 6000 Menschen. Solchen Reichtum und Glanz von Edelsteinen möchte man schwerlich wieder sehen; daS 8uge ermüdete daran und an der blendenden Erleuchtung, und das Gedächtnis erlag unter den Namen und Geschlechter der schönen Frauen und der vornehmen Herren, nach benen man zu fragen sich versucht fand. — Nun ward ich auch mit vielen neuen Mitgliedern deS Corps diplomatique dem Hose vorgestellt, der sich durch Feste Und Maskeraven ebenfalls gefällig bezeigte. Da sah ich rines Abends die Mörder zweier Kaiser, Alexei Orlof und Baratinsky mit Soubof und Bennigsen, traulich zusammenstehen und sich unterhalten, und e« gesellte sich ein fünfter zu ihnen, den mm mir al« den Mann bezeichnete, welcher den unglücklichen Prinzen Iwan im Gefängnis erdrosselte!
gefolge, uns einen Staatsmann der Welt zu nennen, der im Bereiche der inneren Politik binnen dreier kurzer Jahre eine großartige Initiative ergriffen und glänzendere Erfolge aufzuweisen hätte, als Fürst Bismarck. Daß diese Erfolge gegen den Fortschritt und seinen Anhang errungen wurden, macht sie nur noch wertvoller, und daß der betagte Staatsmann, der für seinen Ruhm wahrlich genug gethan hatte, trotz schwerer körperlicher Leiden vor den geistigen und moralischen Anstrengungen, deren e- zu ihrer Erreichung bedurfte, nicht zurückschreckte, macht sie nur noch bewunderungswerter/'
ES wird der Umkehr der Handelspolitik, der Verstaatlichung der Eisenbahnen, die beide in kürzester Zeit konzipiert und durchgeführt seien, gedacht und dann fortgefahren:
„Diese Erfolge aber treten, was die Größe der Konzeption anlangt, doch weit zurück gegen da-, was Fürst Bismarck auf sozialem Gebiete geplant und glücklich ins Werk zu setzen begonnen hat. Nach dieser Richtung hin ist er der gesamten Kulturwelt vorangegangen, allerwärtö haben seine Ideen Staunen und Bewunderung erregt, und schon beginnt man im Auslande, gleiche Ziele ins Auge zu fasien. Trotz all dem ist der Name BiSmarckS im Verbleichen — so hat eS Herr Richter im offenen Parlamente verkündet, so druckt das Mosiesche „Tageblatt" in gesperrten Lettern, und so glaubt eS der deutsche Philister. Wir glauben eS nicht und haben einfach die Thatsachen reden lasten. Aber waS bedeuten vor dem Forum deS Fortschritts diese Thatsachen gegenüber den gewaltigen Ereignissen des TageS, daß eine Erhöhung der Holzzölle abgelehnt und eine tont» mistarische Vorberatung sämtlicher Kapitel deS Budgets be- schlosten wurde."
Deutsches Reich.
Berit«, 21. Mai. Der Kaiser stattete gestern, nachmittags, dem Fürsten Bismarck einen Besuch ab und folgt heute einer Einladung des französischen Botschafters Baron v. (Sourct t zum Diner. Fürst Bismarck empfing gestern den türkischen General Kamphövener und lud denselben zur Tafel. — Bei dem Diner in der französischen Botschaft, welchem der Kaiser beiwohnte, waren anwesend: Die Fürstin Bismarck, der Flügeladjutant Prinz Reuß, die Grafen Pückler, Röder und Perponcher, bei Unter« staatSsekretär Busch, Wilhelm BiSmarck und daS gesamte Botschaftspersonal. AlS der Kaiser daS Hotel betrat, wurde die Flagge aufgezogen. Der Botschafter und daS Botschaftspersonal erwarteten den Kaiser am Eingang?, die Botschafterin am Absätze der Treppe. Der Kaiser bot seinen Arm der Botschafterin, bet Botschafter ber Fürstin BiSmarck. Der Kaiser saß zwischen ben beiden Damen und gegenüber beut Botschafter. — Se. Köuigl. Hoheit ber Prinz Wilhelm nahm heute mittag 12 Uhr im Weißen Saale des König!. Schlosses das Tafelstlber entgegen,
Mitleidig fielen die Blicke auf den jungen Kaiser, dessen erster Adjutant Onwarvf auch, wie eS hieß, zu den Mördern Pauls gehörte. Wer konnte sich da ber Besorgnis erwehren? Aber so wie meist das Erwartete nicht geschieht, hat auch er die Klippen durch ein weise- Benehmen zu vermeiden gewußt.
Ein- Festes auf einer großen Ebene vor Moskau muß ich noch erwähnen, das der Kaiser dem gesamten Volke gab, und da« mich durch seine Eigentümlichkeit besonder- anzog. An fünfzigtausend Menschen ber niebern Klassen wogten hier in Festkleidern auf einem ungeheuren Raum umher und ergötzten sich an mancherlei Volksspielen und Lustbarkeiten, die ihm sonst nur die Fastenwoche herbei- führt, nachdem sie, an langen Tischen und auf der Erde gelagert, gespeiset worden waren und sich in dem aus großen Tonnen und Behältern fließenden und springenden Wein gebalgt und gewälzt hatten. Da waren auch Gerüste, auf denen die Zigeuner, die eine Vorstadt bewohnen, wunderliche Tänze und Schauspiele aufführten, in unbekannter Sprache, bei denen der seltsame Putz, die fremdartigen Gestalten, die verzückten Geberden an den indischen oder persischen Ursprung diese- Geschlechtes erinnerten. Man behauptete dort, sie seien im Stillen noch Anbeter de- Feuer- Und der Gestirne.
Inzwischen hatte auch die Zahl der europäischen Diplomaten sich allmählich verdoppelt. Zwei Botschafter, der österreichische, Graf Sauro», ein verdienstvoller Mann, besten steife Haltung und Nüchternheit aber den boshaften Rasten vielen Stoff zum Lachen geb, und ter portugiesische, Marquis Niza, einer der liebenswürdigsten und freigebig- stm Lüstlinge, die je gelebt haben, waren angekommen. Unter den Gesandten sah ich mit Vergnügen ben scharfen,
welche» die vereinigten preußischen Städte dem erlauchten Herrn und der fürsUicheu Gemahlin al« Hochzeitsgabe gestiftet haben. Das Silberzeug war auf einer langen Quertafel und einem Tische von geringerem Umfange aus- gebaut, die Hauptstücke waren, soweit angänglich, mit einem reichen Blumenflor geschmückt. ES waren ungefähr 100 Herren, der leitende Künstler, der geschäftssühreude Ausschuß, die Vertreter ber Städte und die Inhaber der Kunstwerkstätten, aus denen da» Geschenk hervorgegaugen ist, welche sich zur Ueberreichung eingefunben. Unter Vortritt des Hofmarschalls, Major v. Liebenau, und gefolgt von ben Selben persönlichen Adjutanten, trat, aus dem Königinnen- zimmer kommend, Se. König!. Hoheit der Prinz Wilhelm in ben Weißen Saal und würbe von ben Anwesenden auf das Ehrfurchtvollste begrüßt. Der Prinz begab sich bis tn die Mitte des Saales und nahm hier die huldigende Ansprache des Oberbürgermeisters von Berlin, v. Forckenbeck, entgegen. Der Redner gab zunächst der Freude der Versammlung Ausdruck, daß nach zweijähriger Arbeit da» Festgeschenk, besten Modell am 1. März 1881 überreicht worden, nunmehr vollendet sei und erneuerte alle guten Wünsche für da» Wohlergehen und stete Glück de- erlauchten Paares, wie er solche bereits im Namen ber Städte bei ber Vermählung habe darbringen dürfen. Sa» Silbergeschirr lege ein vollgültiges Zeugnis für die hohe Blüte des deutschen Kunstgewerbes ab, eine Blüte, die es nur unter der glorreichen und mächtigen Regierung Sr. Majestät des Kaisers und unter dem fördernden Schutze des kronprinzlichen Paares habe erreichen können. Die festliche Gabe fei ein Zeichen der unwandelbaren Treue ber preußischen Städte gegenüber dem Kaiserhause und al» solches möge der Prinz da« Geschenk huldvoll annehmen. — Se König!. Hoheit der Prinz Wilhelm dankte in herzlichen Worten und gab dem Bedauern Ausdruck, daß Ihre Königl. Hoheit die Prinzessin-Gemahlin durch Unwohlsein verhindert sei, der Ueberreichung ber Festgabe beizuwohnen. Dasselbe sei ein direkter Beweis, welchen mächtigen Aufschwung das Kunstgewerbe genommen habe und Er habe nicht'nötig, daran zu erinnern, welchen Anteil hierbei dem erlauchten Elternpaare gebühre. Er freue sich mitteilen zu können, daß Se. Majestät der Kaiser und König bei dem bevorstehenden Paradediner das Tafelstlber benutzen und damit demselben die Weihe geben werde. Unter mehrmaligem Danke schloß der Prinz feine ErwidemngSrede und nahm alsdann unter Führung des leitenden Künstlers und de» AuSschusteS die einzelnen Prachtstücke naher in Augenschein. Die versammelten Herren hatten alSdann die Ehre, zu einem Gabelfrühstück hinzugezogen zu werden.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Durch die Berliner Zeitungen ist in ben letzten Tagen die Nachricht gegangen, die letzte preußische Note sei von der Kurie ablehnend beantwortet worden und zwar deshalb, west die gescheuten Grafen Schulenburg wieder, ben ich in Kopenhagen viel gesehen; und sein Freund, Graf Münster, hannoverscher Gesandter, ein Mann von großem Verdienst, und der seitdem der Gunst und dem entschiedenen Einfluß auf den Prinz - Regenten von Englanv ein ausgezeichnete» Streben tn Kunst und Wissenschaft aufgeopfert zu haben scheint, war mir eine sehr werte Bekanntschaft. An un» schloß sich sodann bei allen öffentlichen Gelegenheiten eine lange Reihe junger englischer Reisend-u von Stande an, lang und steif, wie ihre Millzunformen und wie die am Rockkragen festgehefteten Zöpfe; an Unbeholfenheit und gaffender Neugier ein artiges Gegenstück zu den astatischen Diplomaten in langen Gewändern, spitzen Mützen, silbernen Ketten und blanken Dolchen.
WaS von pflichtmäßigen Besuchen und Zerstreuungen an Zeit übrig blieb, wandte ich fleißig zur Musterung der Merkwürdigkeiten aller Art und zum Durchstreifen der ungeheuren Stadt mit einigen Kollegen und andern Fremden an, und ich war in der dritten Woche meines Aufenthalts schon das Wörterbuch und der Gewährsmann unserS Zirkels, wo eS auf Lokalitäten und Geschichte ankam. So lernt der Mensch viele» für den Augenblick, er glaubt e» zu vergessen und nimmer zu gebrauchen, aber verloren ist eS doch nicht; e» hat seine Anschauung der Dinge abgerundet und somit seinem Innern die Erscheinungen näher gebracht, mit denen er erst vertraut sein muß, um sie zu beherrschen und zu ordnen.
Zu den wesentlichsten Annehmlichkeiten meine» Aufenthaltes in Moskau gehörte der Umgang mit einem deutschen Zirkel, In den ich durch den «ackern alten Korff, Deputierten des kurländischen Adel«, eingeführt wurde. Bei bem Propst Heidecke, einem rüstigen, überaus heitern, ja auf«