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MarSurg, Freitag, 27. April 1883.
XVffl. Jahrgang.
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Bom Landtag.
Berlin, den 25. April.
In der heutigen (57.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses, zu welcher sich die Zuhörer auf den Tribünen äußerst zahlreich eingefunden hatten, weil die kirchen- politischen Anträge des Zentrums auf der Tagesordnung stehen, während auch die Bänke des Hauses gut besetzt waren, kam zunächst der vom Abg. Windthorst eingebrachte Gesetzentwurf, betreffend die Straffreiheit des Sakramentspendcns und des Messclesens, zur Verhandlung. Am Ministertische befindet sich der Kultusminister v. Goßler mit dem Ministerialdirektor Barkhausen und einigen anderen Kommissarien. Später erschien auch der Minister des Innern v. Puttkamer.
Zur Begründung des Antrags erhielt zuerst der Abg. Frhr. v. Schorlemer-Alst daö Wort, welcher durch seine einleitende Bemerkung, daß er mit „gewohnter Mäßigung" seiner Aufgabe sich entledigen werde, nicht geringe Heiterkeit erregte, und dann in den bekannten und grellen Farben die verderblichen Folgen des Kulturkampfes und die ungerechte Behandlung der Zentrums-Fraktion seitens der Regierung darlegte. Jedenfalls sei cs zweifellos, daß man in den Punkten, die hier zur Debatte stehen, viel zu weit gegangen sei. Zum Beweise dessen führte er statistische Daten über die Verwaisung der Seelsorge in der Diözese Münster an. An die Friedensliebe der Regierung zu glauben, habe er aufgehört, wenn er auch nicht glauben möchte, baß die Deklaration, welche die „Nordd. Allg. Ztg." der Note des Herrn v. Schlözer vom 4. Dezember 1882 gegeben habe, den Intentionen der Regierung entspreche. Aber weil man die FriedenShoffnnngen aufgeben müsse, sei eben der vorliegende Gesetzentwurf bestimmt, einem dringenden Notstände abzuhelsen. Während man sonst Gesctzüber- tretungen fördere und beschönige, wie beispielsweise die „Nordd. Allg. Ztg." für das Duellunwesen eintrete, würde jede Ueber- tretung der Maigesetze aufS schärfste verfolgt. Ihn persönlich kümmern freilich die Angriffe der o fiziösen Presse nicht, namentlich seitdem die „Provinzial-Korrespondenz" und die „Nordd. Allg. Ztg." Gambetta, wie geschehen, verherrlicht hatten. Es liege ihm ferne, gegen die Regierung Drohungen auszusprechen, aber er halte es sür seine patriotische Pflicht, vor der heranstürmcnden Revolution zu warnen, die nur mit dem Kreuze bcsi gt werden könne. Dem Volke müsse nach dem Ausspruch des Kaisers die Religion erhalten ■m 11 । । ii । ........ ' 1 "
io Auf Irrwege«.
Novelle von L- Golm.
Ferrandez beschäftigte sich ganz mit der zärtlichen Besorgnis um die Leidende, die ein Mann nur für die Geliebte seines Herzens an den Tag legt, daß Buchfeld, der ihn mit forschenden Blicken betrachtete aufatmete. — Er durfte hoffen, daß diese Begegnung kein abgekartetes Spiel sei.
Dennoch beschlich ihn wieder die vorige Beklemmung, als er neben dem Mexikaner im Wagen saß. Aber dieser Überließ sich so ganz seiner frischen, pikanten Art, daß Buchfeld von neuem beruhigt wurde, er war Menschenkenner und sagte sich: dieser Mann ist ein zu jäher, offener Charakter, um heimliche Jntriguen zu schmieden. Er könnte wohl im Augenblick der Leidenschaft den Dolch gegen seinen Gegner zücken, aber nicht mit meisterhafter Heuchelei seinem Opfer nahen, um ihm grausam das Schreckgespenst der Rache auS der Entfernung zu zeigen.
Er ließ sich vor seinem Hotel absetzen und verabschiedete sich mit einer dringenden Einladung zu dem in wenigen Tagen stattfindenden Geburtsfest der Baronin.
Sobald er Ferrandez verlasien, ließ dieser den Wagen durch eine andere Straße nach der Wohnung der Schauspielerin zurückkehren. Hastigen Schritte» trat cr in ihr Zimmer.
Valeska saß noch auf demselben Platz wie vorhin; sie hatte die Arme über den Tisch geworfen und ihr Gesicht darüber geneigt.
„O, Sie sind esl" rief sie, auffahrend, als er dicht Vor ihr stand.
werden; aber das geschehe nicht, wenn man die Maigesetze aufrecht erhalte. Der vorliegende Antrag begnüge sich damit, einen Teil derselben zu beseitigen; ihm zuzustimmen sei Pflicht dcö Hauses. Die Erfüllung dieser Hoffnung werde den heutigen Tag zu einem Ehrentag dieses Hauses machen I Der Kultusminister v. Goßler versagt eö sich, auf die Angriffe und Verlockungen des Vorredners einzugehen. Die diplomatischen Verhandlungen, in denen wir uns gegenwärtig befinden, seien durch einen Briefwechsel der Souveräne eingeleitet, seien vollständig klar und abgcgrenzt. Noch vor 8 Tagen sei eine Note der Kurie von Rom eingegangen; die Regierung verhandle mit allem Ernst, aber sie könne doch diese Note vor dem Hause nicht beantworten. Er sei inzwischen ermächtigt, zu erklären, daß auf diese Note bereits eine Antwort im vollen Einverständnis des Reichskanzlers und der preußischen Regierung redigiert sei und dieselbe Sr. Majestät zur Genehmigung unterbreitet sei. Und dem gegenüber sage der Vorredner, daß er keinen Glauben an die Friedensliebe der Regierung habe? Aber abgesehen davon stehen auch dem Anträge mit Rücksicht auf die An- zeigepfltcht, welche der Mittelpunkt der Verhandlungen bilde, materielle Schwierigkeiten entgegen. Die Gründe, welche in früheren Jahren dem Anträge entgegengestellt, bestehen noch heute. Auch die Kurie selbst würde diesem Gesetzentwürfe ihre Billigung schwerlich geben können, da derselbe eine Art freie Kirche schaffe. In dem Zwecke der Antragsteller übrigens, den seelsorgerischen Notständen abzuhelfen, begegne sich die Regierung durchaus mit den Wünschen derselben; sie habe ein volles Verständnis für die seelsorgerischen Bedürfnisse. Die Regierung habe immer neue Kombinationen gesucht, um zum Friesen zu gelangen, und gerade die letzte Note beschäftigte sich mit dem vorliegenden Gebiete und enthalte bestimmte Vorschläge, so daß die Hoffnung berechtigt sei, den Boden zum Ausgleich geebnet zu haben. Der Minister schließt mit dem Wunsche, daß die nachfolgende Diskussion nicht durch Beschlüsse und Kontestationen die Schwierigkeit der Lage erhöhen möge. (Beifall.)
Abg. Dr. Hänel, im Namen von einem Teile der Fortschrittspartei sprechend, betont, daß seine Freunde sich in diesen Dingen der Leitung des Fürsten Bismarck von Anfang des Kulturkampfes untergeordnet haben, und zwar mehr, als gegenwärtig gerechtfertigt erscheinen möge. Wie sich die Lage heute gestaltet habe, halten seine Freunde die Revision der Maigesetze für geboten, aber einer einseitigen Aenderung könnten sie nicht zustimmen, und deshalb lehnten sie den Antrag Windthorst ab. Ein bestimmte Erklärung über ihre dcmnächstigc Stellungnahme würden sie inzwischen umsoweniger abgcbcn, als ja die Staatsregierung selbst in die Revision einzutnten gedenke und sie daö frühere Vertrauen in die Leitung des Fürsten Bismarck, nachdem die Regierung ihren Standpunkt verschiedentlich geändert habe, eben verloren hätten. Diesen ihren Standpunkt würden seine Freunde in der zweiten Lesung dadurch zum Ausdruck
„Sie haben ihn nun wiedergesehen und, wie ist es, hat Ihr Entschluß sich nicht geändert?"
Sie verhüllte wieder ihr Antlitz und krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihre zarte Gestalt.
„Spannen Sie mich nicht auf die Folter!" rief er endlich.
Da sank sie zu seinen Füßen und umklammerte seine Kniee.
„Haben Sic Erbarmen mit mir, töten, verachten Sie mich, aber verlangen Sie nicht daö Unmögliche. Ich kann, ich kann ihn nicht verraten!"
„Was sagen Sie?" rief er, jäh erbleichend und umfaßte mit eisernem Druck ihr Handgelenk.
„O, wenn Sie wüßten, wie ich ihn einst geliebt I Sie haben nie eine tiefe Leidenschaft für ein Wesen gefühlt, sonst hätten Sie Mitleid mit meiner Qual. Ich kann nicht, ich kann nicht."
Es ward so still im Zimmer, daß man das einförmige Ticktack der kleinen Stutzuhr über dem Kamin vernahm.
Ferrandez raffte sich endlich empor, griff nach seinem Hut und ging.
An der Thür holte sie ihn ein und klammerte sich verzweifelnd an feinen Arm.
„Nein, nein, gehen Sic nicht so von mir — ich verdanke Ihnen mehr als mein Leben. Sie haben noch jetzt da» Herz meines Sohnes in Ihrer Gewalt — gehen Sic nicht, ich — ich will thun, was Sie verlangen."
Er führte sie sanft zu ihrem Platz zurück. „Nein, gnädige Frau," sprach er mit so viel Weichheit, als seine Erregung zulicß, „Gott behüte mich, daß ich die Dankbarkeit, die mir jemand zu schulden glaubt, mißbrauche, um
bringen, daß sie den Uebergang zur Tagesordnung in der Erwägung beantragen, daß der Antrag Windthorst nur in einer organischen Revision seine Erledigung finden könne.
Abg. Dr. Stern vertritt den demokratischen Standpunkt, der Inhalt und Methode des Kulturkampfes von vornherein verworfen habe, und schildert dementsprechend die Folgen des Kulturkampfes. Er verlangt für die Katholiken dasselbe Recht, das die Juden in Preußen besitzen, und tritt deshalb dem Anträge Windthorst vollständig bei. Er hätte sogar gewünscht, daß der Antrag sich auf alle geistlichen Amtshandlungen erstrecke. Kraft der Souveränetät des Gesetzes sei den Katholiken schweres Unrecht geschehen, kraft eben der Souveränetät des Gesetzes müffe dasselbe wieder gut gemacht werden; ob damit die Maigesetze getroffen würden, sei ihm durchaus gleichgültig. Er wolle eben Recht und Freiheit wieder Herstellen. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Frhr. v. Zedlitz-Neukirch (Mühlhausen)legt dir Stellung der Freikonservativen dar und motiviert, weshalb dieselben weder dem Anträge Windthorst zustimmen, noch der konservativen Resolution sich anschließen können. Zur Herstellung des Friedens sei es unbedingt nötig, daß die im Allerhöchsten Schreiben vom 22. Dezember v. Js. ausgesprochenen Erwartungen erfüllt werden. Der konservative Antrag lasse befürchten, daß dessen Annahme das Entgegenkommen, welches man von anderer Seite erwarten müffe, nicht fördern werde.
Abg. Marcard (Tecklenburg), welcher erklärt, daß er nur im eigenen Namen, nicht im Namen der konservativen Partei spreche, bittet seine evangelischen Freunde aus Westfalen, mit ihm für den Antrag Windthorst zu stimmen und sich auch dadurch nicht davon abhalten zu lassen, daß sie in dieser einzigen Sache mit dem Fortschritt und den Israeliten zusammengehen; etient. wird er für die konservative Resolution stimmen. Die letztere lautet:
„Das Haus der Abgeordneten wolle für den Fall der Ablehnung der Anträge der Abgeordneten Dr. Windthorst und Genossen beschließen: Die Erwartung aussprechen:
Die königliche Staatsregierung wolle, sobald e» die mit der Kurie schwebenden Verhandlungen angezeigt erscheinen lassen, dem Landtage der Monarchie einen Ge- sttzentwurf vorlegen, welcher eine organische Revision der bestehenden kirchenpolitischen Gesetzgebung enthält,
und in Erwägung ziehen, ob nicht in Uebereinstlm- mit den Grundgedanken dieser organischen Revision vorweg Vorsorge zu treffen sei, daß diejenigen Bestimmungen beseitigt werden, infolge deren Geistliche wegen Spendender Sakramente und Meffelesenö in Strafe gezogen werden."
Abg. v. Eynern erklärt namens feiner national- liberalen Freunde, daß dieselben den Antrag auf organische Revision der Maigesetze nicht unterstützen können, da fle bei der Schwierigkeit des Gegenstandes die Verantwortlich-
ihn zu unliebsamen Handlungen zu zwingen. Ich weiß oirt eigener Erfahrung, wie das thut. — Leben Sie wohll Ich zürne Ihnen nicht, ich will, wenn ich am Lebm bleibe, Ihnen Roman zuführen."
Er verließ das Hau» mit denselben elastischen Schritten roi» gewöhnlich und doch hatte ihm diese Stunde die Hoffnung langer Jahre, die Arbeit zahlloser Mühen gettiickt.
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„Rastlos streicht die Rache hin und wieder--
„lieber de» Verbrechers schwerem Haupt.
- Oft in schwarzen Wolken
„Senkt sie nahe sich herab ihm, schläft nicht, „Wendel ihren Rücken. ---
„Ungewiß im Fluge kehrt sie wieder
„Und begegnet seinen starren Blicken.-
„Nein, mein Freund, zum drittenmale laffe Ich mich nicht abweisen," stritt Graj Saremba gegen den ratlosen Filippo. „Heute will und muß ich Deinen Herrn sprechen, und sollte ich mir mit meinem Degen Bahn zu ihm brechen,
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Ferrandez erschien auf der Schwelle.
„Was sehe ich, Filippo, mein Wertester, Du weisest meine Freunde von meiner Schwelle? Seien Sie tausendmal willkommen, bester Graf, habe Sie ja eine Ewigkeit nicht gesehen — sind vielleicht schon gar mehrmals hier gewesen. — Wirklich? Ich bin trostlos; aber Sie wissen, diese Domestiken lernen nie aus."
Er zog den Grafen ins Zimmer und warf über seine Schulter dem bestürzten Filippo einen tröstenden Blick.
(Fortsetzung folgt.)