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Marburg, Sonntag, 22. April 1883.
xvm. Ja-rgmg.
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Reichstag.
Berlin, den 20. April.
In der heutigen (68.), gegen l1/? Uhr eröffneten Plenarsitzung des R e i ch S t a g s wurde zunächst der Handelsvertrag mit Serbien in erster und zweiter Beratung nach einiger Debatte erledigt und dann die zweite Beratung des KrankenkaffengesetzeS bezüglich der §§ 1, la und 2 fortgesetzt und gleichzeitig auch die Beratung des 8 3 damit verbunden. Heute nahm zuerst das Wort:
Bundesbevollmächtigter Geh. Ober^RegierungSrat Lohmann, welcher zunächst das gestern vom Abg. Richter ungezogene statistische Material beleuchtete und nachwieS, daß die aus demselben gezogenen Schlüffe nicht berechtigt feien. Der Vorwurf, der wegen deS HülfSkaffengefetzeS von 1876 gegen die Regierung erhoben woroen, fei unbegründet; die Regierung habe dasselbe mit voller Loyalität angeführt. Aber tatsächlich ergebe sich, daß daS Gesetz nicht im Stande sei, den beabsichtigten Zweck zu erreichen. Der Kritik gegenüber, welcher der Abg. Richter den Aufbau der Vorlage im allgemeinen unterworfen, sei vor allem zu bemerken, daß dieselbe wesentlich nur einen subsidiären Charak-er trage. Wenn gesagt sei, eS würde eine ganz neue Steuer mit diesem Gesetze eingeführt, so sei zu bemerken, daß der Erwerb bestimmter Rechte doch nicht als Steuer zu bezeichnen sei. Uebrigenö zahlte ja schon ein großer Teil der Arbeiter solche sogenannte Steuer, also sei jedenfalls die Einführung keine allgemeine. Auch würden die Beiträge nicht von den Versicherten selbst erhoben; der Exekutor erscheine also hier nicht. Was den von der Kommission beschloffenen 8 la (landwirtschaftliche Arbeiter) betreffe, so gehe die Vortage von der Erwägung aus, daß die Zwangsversicherung nur einzuführcn sei, wo für die Krank nverstchcrung ein Bedürfnis vorhanden, und wo die Durchführung allgemein möglich sei. Beide« sei bet den landwirtschaftlichen Arbeitern nicht der Fall; deshalb wolle die Vorlage die Aufnahme der landwirtschaftlichen Arbeiter statutarischen Bestimmungen überlassen. Die verbündeten Regierungen seien allerdings nicht unbedingt und für alle Zeiten gegen die gesetzliche Zwangsversicherung der ländlichen Arbeiter. Vorläufig aber seien dieselben zweifelhaft, ob sie die Verantwortung für die Aus'ührung deS Gesetze- mit 8 la übernehmen könnten. Er bitte daher, dem Anträge des Aba. Frhrn. v. Hertling zuzustimmen.
Abg. Grtllenberger befürwortet die sozialdemokratischen Anträge auf Versicherungspflicht für alle, die das 15. Lebensjahr zurückgeleat und ein selbständiges Einkommen bis zu 71/» Mark täglich haben. Grillenberger erkennt die Notwendigkeit des VersicherungSzwangeS an, findet aber in dem Gesetzentwürfe nur die Methode einer Polizeigesetzgebung, welche die Arbeiter in eine neue Zwangsjacke stecken wolle. Der Antrag der Sozialisten wolle die Versicherung auf alle sozialen Klaffen ausdehnen, die eher Proletarier seien, als viele Lohnarbeiter, nämlich auf Schreiber, CommiS und dürftig remunerierte Beamte auf Kündigung. Auch die Ausschließung der ländlichen Arbeiter sei ungerecht.
Abg. Lohr en befürwortet die von der Kommission vorgeschlagene Faffung mit der Maßgabe, daß, dem Anträge deS Abg. v. Hertling entsprechend, die ländlichen Arbeiter von der obligatorischen Versicherung ausgeschlossen -leiben, und weist nach, daß die Durchführung der sozialdemokratischen Anträge unmöglich sei.
Abg. Schrader plädiert für den Antrag AuSfeldt, wonach der Versicherungszwang auf solche Personen ausgedehnt werden soll, die im landwirtschaftlichen oder im Forstfache Verwendung finden, jedoch mit Ausnahme des Gesindes.
Abg. Sonne mann tritt warm für die von der Kommission empfohlene Faffung ein und will auch vor einem gewissen Zwange nicht zurückschrecken, wenn er nur zum besten der Arbeiter diene.
Abg. Bühler spricht sich sympathisch im Falle der Ablehnung des Gesetzes für eine Resolution aus, welche unter Angabe der Organisation im großen und ganzen die Vorlage eines Gesetzes über eine Volkshilfsanstalt verlangt, die zum besten der minder bemittelten Klassen konstituiert werden und an das amerikanische Heimstätten-Gesetz anschließen soll.
Abg. Gutfleisch befürwortet seinen Antrag, der wesentlich den Zweck habe, der KrankenversorgungSanstalt der Vorlage den Charakter als Institut der Armenpflege zu nehmen. — Nächste Sitzung am Sonnabend.
vom Landtag.
Berlin, den 20. April.
In der heutigen (54.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses toutoe bei Fortsetzung ver zweiten Beratung der Seknndärbahnen von Abschnitt VI (Bauausfühi ungen) dir Nr. 3 (für die Herstellung eines Sammel- und Raugir- bahnbofs bei Frintrcp uns für die Erweiterung der Bahnhöfe bet W:nne, Herdecke und Hamm zu solchen Bahnhöfen, sowie für die Erweiterung, Umgestaltung unv beffere Verbindung der Gruben und Hüttenanschlüffe und der Bahnhöfe im rheinisch - westfälischen Jndustriebeztrke 6160000 Mk.) nach kurzer Debatte bewilligt. Die bewilligte Summe ent
spricht der Regierungsvorlage, die Budgetkommission hat nur die Verwendungszwecke mehr spezialisiert.
Nr. 4 erhält nach der Vorlage für die Herstellung eine« Geschäftsgebäudes für die königliche Etsenbahndtrektion zu Bromberg die Summe von 2500000 Mk. Die Kommission erkannte das Bedürfnis des Baues an; sie hat aber beschlossen, dem Plenum die Ablehnung zu empfehlen, da sie den vorgelegten Plan für zu luxuriös und zu kostspielig hält. Abg. v. Eyuern dagegen bittet, die Fordemug zu bewilligen, da das Bedürfnis des Baues anerkannt und man der Staatsbahnverwaltung zu großen Luxus bei ihren Bauten nicht vorwerfen könne. Abg. v. Benda empfiehlt, es bei den Beschlüssen der Kommission zu belaffen, da Sparsamkeit dringend geboten sei. RegierungSkommiffar Ministerialdirektor Schneider erklärt, daß bei Annahme de« KommisstonsbeschluffeS die Regierung auch einmal in die Prüfung deS Planes Eintreten werde. — Nach wesentlich persönlichen Auseinandersetzungen zwischen den Abgg. von Eynern und Büchtemann, die sich an deS Ersteren Bemerkungen über die Kostspieligkeit der Bahnhofsgebäude der früheren Potsdamer Eisenbahngesellschaft knüpft, wurde der Kommtssionsbeschluß vom Hause einstimmig genehmigt, d. h. die Vorlage abgelehnt.
Nr. 5 deS IV. Abschnitts wirft au« für die Umgestaltung der Bahnanlagen innerhalb des Festungsgebietes der Stadt Köln außer dem von der Stadtgemeinde Köln laut Vertrag vom 30. Januar 1883 übernommenen Betrage zu den Baukosten von 500000 Mk. — die Summe von 24000000 Mk. Abg. Reichensperger (Köln) dankt dem Herrn Minister und dem Hause für diese Vorlage. Die neuen Anlagen würden sich von großem Nutzen nicht bloß für Köln erweisen. Er hält es auch für ein gutes Omen für diesen Bau, daß die Ausführung dem Geh. Rat Dirksen, dem Erbauer der Berliner Stadtbahn, übertragen sei. Nach unerheblicher weiterer Debatte, wobei der RegierungSkommiffar Geh. Rat vr. Fröhlich eine Spezialanfrage des Abg. Reichensperger beantwortete, wurde die Position ohne jeden Widerspruch vom Hause bewilligt.
In Abschnitt V. werden zur Beschaffung von Betriebsmitteln für die bereits bestehenden, beziehungsweise im Bau begriffenen Bahnen 4 845 000 Mk. gefordert und bewilligt. Abg. Berger sprach dabei den Wunsch aus, daß da-Kom- munikatiovSchstem, nachdem eS sich bewährt habe, allgemein zur Durchführung gelange. Neg.-Kommiflar Minister ial- Direktor Schneider bemerkte vage en, daß da« Koupee« system im allgemeinen den Vorzug verdienen, auch beim Publikum beliebt sei.
Abschnitt VI. wirft zur Fertigstellung und Abwicklung von BauauSiührungen im Bereich deS Rbeinischen Eisenbahn- unternehmenS die Summe von 6837000 Mk. au«. Abg. Biesenbach ist nicht damit einverstanden, daß von der Ausführung der Abzweigungen von Schoeller resp. Mettmann nach Ratingen und von Lüntenbeck resp. Elberfeld
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Novelle von L. Calm-
Ferrandez war eS, der diesen Gedankengang hegte, während er einsam, halb verborgen vor dem Vorhang, in einer Fensternische lehnte und mit finsterem Blick in da« bunte Treiben vor sich hineinschaute. Und dock hätte gerade er Veranlaffung gehabt, sich hier wohl zu fühlen, denn für niemanden zeigte man so viel Interesse, niemanden ging m<m mit so viel Zuvorkommenheit entgegen, wie gerade ihm. Man riß sich förmlich um ihn, man fand alleS reizend, das er that oder sagte, man erzählte sich Wunderdinge den seiner Frivolität, seinen großmütigen Launen, seinen kigentümlichen Liebhabereien. Aber unter allen Bekanntschaften, die er angeknüpft, erfreute sich keiner eines gewiffen $e$tauen8, einer beinahe väterlichen Zärtlichkeit als der junge Saremba.
Der Graf war eS auch, der ihn zuerst in seinem Schlupfivinkel entdeckte. „Mein Gott," rief er, „hier stehen Sie Weber so finster und schwermütig, und doch ist das Leben so schön, so schön I" Sein hübsches Antlitz leuchtete, die entzückende 'Naivität seiner reinen, kindischen Natur trat in diesem Moment glänzend zu T'ge; er vergaß überhaupt in letzter Z it öfter jenen Schein von Leich fertigtest und Utbermut anzuu hmen, den er ftd, sonst zu geben pflegte. Die Liebe war in seinem Herzen auf.egangen und durch« schwär, te fiin ganze- Jnne-e mit himmlischer G.ut.
„Das Leben ist so schön? Ich vermute, Fräulein Malrs > hat Ihnen freun l'ch zugelächelt?"
„Wenn auch das nicht, aber bitte, sehen Sie sie nur an und sagen Sie mir, ob jedem, der Sie liebt, nicht da«
Herz sicher schlagen muß vor Entzücken. Nicht wahr, daran dachten Sie auch eben? Sehen Sie dieses mattgelbe Seidenkleid, wie es den dunklen Teint so wundervoll hebt, sehen Sie diesen Brillantstern in dem nachtschwarzen Haar I Haben Sie je etwas Aehnliches geschaut?"
„Nein — denn was hülfe es, einem Enthusiasten wie Sie bemerklich machen, daß, wenn man die halbe Welt nach Frauenschönheit durchstreift, man wohl nicht alle im zerlumpten Röckchen und mit bloßen Füßen wird bewundert haben? — Nein also, Graf, ich habe nie etwa- Aehnliches gesehen, und ich preise ihren Geschmack."
„Spotten Sie nur! — Aber wenn Sie schweigen könnten, möchte ich Ihnen wohl etwas Geheimes anvertrauen."
„Versuchen Sie es mit mir, ich bin ganz Ohr."
„Nun also, Sie wissen ohne Zweifel, daß in Kurzem der Geburtstag der Baronin Buchfeld eintritt?"
„Wie sollte ich, Graf, bin ich allwiffend?"
„Also dieser Tag fällt in künftige Woche, der Baron will dann eine Gesellschaft geben unv nun ist Frau von Altenau auf den Einfall gekommen, das Fest durch Anf- sühnma von lebenden Bildern zu verherrlichen."
„Ein schöner Gedanke. Sie wird wahrscheinlich eine Gelegenheit absehen, ihre Nichte vorteilhaft zu plazieren?"
„Daran zw ifle ich nicht und, meiner Treu, ich habe eine Vermutung, wen man ter blonden Schönen zum Partner geben wird. Ich wünsche im voraus Glück, mein Herr."
„Sie erschrecken michl Bitte, wenn Frau von Altenau wirklich derartige Pläne machen sollte, so suchen Sie sie davon abzubringen, denn e« wird leider unmöglich sein —"
„Was?"
„In künftiger Woche, sagen Sie, trifft da« Fest? Nun sehen Sie, ich wollte Ihnen noch heute mitteilen, daß ich gezwungen sein werde, wahrscheinlich auf die ganze nächste Woche zu verreisen. Ich werde also zu meinem unendlichen Bedauern nicht —"
Saremba unterbrach ihn durch eine ungestüme Bewegung.
„Ah, Herr v. Ferrandez," sagte er, „das ist nicht mehr Zufall, das ist Absicht!"
„Was meinen Sie?"
»Es ist da- drittemal, daß Sie einen Borwand finden, da« Haus Buchfelds nicht zu betreten."
„Wie Sie nachrechnen! Aber wirklich, ich entsinne mich, das einemal war ich in so gräßlicher Laune, daß ich nicht wagen durfte, einem Menschen unter die Augen zu treten, und das anbercmal hatte ich ebenfalls eine Reise, die schon vorher bestimmt war und sich nicht aufschieben ließ."
„Aber wenn man nun wüßte, daß diese Reise nicht weiter al« bis in ein Dorf geführt hätte, wo einer Ihrer vielen Schützlinge wohnt, ein armer Handwerker mit sieben unerzogenen Kindern —"
„Mit sieben Kindern und ein« kranken Frau, ganz recht! Ich werde Ihr Talent zur Spionage nächsten« der geheimen Polizei empfehlen, lieber Roman! — Aber können Sie mir verdenken, daß ich die armen Leute nicht vergeblich auf die ihnen zugesagte Hilfe warten laffen möchte, und können Sie mir überhaupt im Ernst au« einer Liebhaberei einen Vorwurf machen, die Sie doch nebst den andern bei Buchseld als eine so herrliche Tugend preisen?"
„Gut, gut, kommen Sie nur diesmal und ich will nicht« »eitet sagen." (Fortsetzua, folgt.)