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MarKurg, Sonntag, 15. April 1883.
XVIII. Jahrgang.
««»eigen nimmt entgegen: »i, Spedition d. BlatteS, ,'^,xd.Annoncen-Bureaur 1 $*,. Dietrich u. Cs. in und Hannover; Th.
Di'tcich in Frankfurt a M.; fiMfcnftein u. Vogler in ä&ntfurt a. M., Berlin, Lj°zig, Köln ic-; Rudolf Seife in Berlin, Frank- furt a. M- ic.
OberWHe jfitiiiiß.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G- L. Daube u. 6e. in Frankfurt a. Bk.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendankin Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Cetttttagtolett“ durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet-
Reichstag.
Berlin, den 13. April.
In der heutigen (65.) Plenatsitzung des Reichstags kam zunächst die Interpellation des Abg. Richter (Hagen), betreffend die Hinausschiebung der Wahl in Dortmund, zur Erledigung. Der Interpellant konstatierte zunächst, daß der eine Teil seiner Anfrage inzwischen durch Anberaumung deS Termins auf den 17. Mai d. I. erledigt sei, er wünschte aber die Gründe für die Verzögerung zu erfahren.
Unterstaatssekretär Herrfurth erklärte darauf, daß der Herr Reichskanzler am 19. Januar dem preußischen Ministerium des Innern Mitteilung von der in Dortmund anzuberaumeuden Neuwahl gemacht habe, daß am 25. Januar an daS Regierungspräsidium in Arnsberg die erforderliche Anweisung in üblicher Weise ergangen sei, daß aber mit Rücksicht auf die vollständig neu aufzustellende Wählerliste, die Fluktuation der Bevölkerung deS resp. Wahlkreises und die große Anzahl der Wähler in demselben die Wahlvorbereitungen nicht früher zum Abschluß hätten gebracht werden ßnnen. Seitens des Ministeriums des Innern sei übrigens inzwischen eine Erinnerung in dieser Angelegenheit an die Regierung zu Arnsberg ergangen. Im übrigen werden in den meisten Fällen, wo eine vollständig neue Wahlliste in einem großen Wahlkreise aufzustellen ist, eine Zeit von 3 Monaten für die Wahl in Anfpruch genommen. — Bei Besprechung der Interpellation nahm Abg. Richter (Hagen), von der Erklärung des Negierungsvertreters nicht befriedigt, auf die schnellere Erledigung im Wahlkreise Rügen-Franzburg Bezug. Abg. Frhr. v. Minnigerode beleuchtet die Fassung der Interpellation, welche im Lande den ganz falschen Glauben erwecken muffe, daß wegen der Hinausschiebung der Wahl die Reichsregierung eine Schuld treffe. Ter Passus aber, wonach bei wichtigen Frage eine einzige Stimme die Entscheidung gebe, sei gerade nicht geeignet, die Würde dieses Hauses zu erhöhen. Abg. Windthorst meinte, daß hier wieder ein Fall vorliege, wo die Unter* behörden den Intentionen der oberen nicht Folge gegeben hätten. Abg. Richter (Hagen) bezweifelt, daß hier die unteren Organe nicht im Sinne der höheren Instanzen gehandelt hätten. — Damit ist die Interpellation erledigt.
Bei Fortsetzung der zweiten Beratung der Gcwerbe- ordnungsnovelle kam zunächst der Artikel 7 (Handlungs- reisenden) zur Verhandlung.
Abg. vr. Buhl anerkennt die Berechtigung der bezüglich der Detailreisenden hervorgetretenen vielfachen Klagen. Er sei deshalb auch gern bereit, denselben thunlichst abzu- hclfen; aber dem, was die Kommission Vorschläge, könne et nicht zustimmen. Die intendierten Beschränkungen seien eine Herabwürdigung dieser Gewerbetreibenden. Wenn man dieselben unter Polizeiaufsicht stelle, würden - ic besseren Elemente Anstand nehmen, diesem Gewerbe anzugehören. Die
Abhilfe, die bezüglich dieses Gewerbes geboten sei, würde sich durch den richtigen Besteuerungsmodus erreichen lassen.
Abg. Geiger empfiehlt die Kommisstonsbeschlüfie und bekämpft die fortschrittlich - sezesstonistischcn Abänderungsanträge, namentlich den zum ersten Absatz des § 44 gestellten, wonach in den Schlußworten: „oder durch in seinem Dienste stehende Reisende für die Zwecke seines Gewerbebetriebes Waren aufzukaufen und Bestellungen auf Waren zu suchen", die gesperrt gedruckten Worte zu streichen seien. Abg. vr. R ö e führt verschiedene Fälle ans dem Geschäftsleben vor, um darzuthun, daß der KanfmannS- stand sowohl in bezug auf seinen Erwerb, als in betreff seines Ansehens erheblich geschädigt werde. Auch der überseeische Handel würde von solchen Bestimmungen nachteilig betroffen werden müssen, — Regierungskommiffar Geheimer Regierungsrat Bödiker bat, die Kommissionsbeschlüsse zu genehmigen, und widerlegte die Einwendungen der Abg. Buhl und Roe. Namentlich wies et die Bedenken zurück, welche Abg. Buhl aus den Handelsverträgen hergeleitet hatte. Die Steuerverhältniffe blieben wohl am besten von der Gewerbeordnung ausgeschlossen. Die Vorlage bezwecke nicht, den ganzen ehrenwerten Handelsstand zu schädigen, im Gegenteil schlechte Elemente von demselben zu entfernen und zu verhüten, daß solche Individuen, denen aus gesetzlichen Gründen der Haustetgewerbeschein versagt worden, sich als Handlungsreisende gerierten. Infolge zahlreicher Beschwerden, die von Handelskammern rc. den verbündeten Regierungen zugegangen seien, verfolgten die letzteren mit der Vorlage lediglich den Zweck, gleiches Recht für alle Zweige des gewerblichen Lebens zu schaffen.
Abg. vr. Bamberger charakterisierte die gegenwär. tige Gesetzgebung in politischer Beziehung als eine Zerstörung der großstylisterteu Gesetzgebung von 1869, als ein Zurückkehren von der Gesetzgebung eines Großstaates zum Kleinstaat. Für die im vorliegenden Falle vorgeschlagenen Beschränkungen sei ein wirtschaftlicher Grund nicht zu erkennen. Man sage, das Publikum werde durch die Handlungsrcisenden belästigt, aber die Verhältnisie seien heute nun einmal so, daß, wer ein beschauliches Leben führen wolle, sich in die Einsamkeit zurückziehen müsse. Warum sollten denn aber die Weinreisenden besser gestellt werden, als die anderen, als beispielsweise die Zigarten- reisenden. Daß einzelne, sonst freisinnige Handelskammern ihrem Prinzipe untreu geworden und im Sinne der Vorlage petitioniert, sei seht zu beklagen. Denn die von der Härte der Vorlage Betroffenen seien nicht die großen, sondern die kleinen Geschäftsleute. Es würden weiter die Rücksichten aus die Standeschre geltend gemacht; aber für die Reinlichkeit eines Standes zu sorgen, könne doch nicht Sache der Behörde sein; das möic man dem Stande selbst überlassen, wie das auch in den zahlreichen Petitionen der Handlungsrcisenden gefordert werde. Im allgemeinen
charakterisierte sich diese Gesetzgebung als ein Hindernis de« Verkehrs von Produzenten und Konsumenten, und doch sei der Handel eines der besten Kulturmomente aller Völker und Zeiten. Nachdem große Staatsmänner und Feldherren das Deutsche Reich gegründet, sei man jetzt an der Arbeit, aus dem großen Reich ein großes Krähwinkel zu machen. Die Beschränkung der freien Konkurrenz wäre wahrscheinlich das Mittel nicht, uns von den sozialen Nebeln zu befreien. Die Entwickelung des deutschen Handels datiere von der Zeit der Gewerbefreiheit; unsere Nachbaren beneideten uns um diese Fortschritte, und man sollte sich hüten, zur Freude derselben die bisherige Bahn zu verlassen.
Abg. vr. Windthorst charakterisiert die Ausführungen des Vorredners, die mit der vorliegenden Frage in sehr losem Zusammenhänge gestanden, als eine geistreiche Verteidigung der Manchestertheorieen. Derselbe vergesse, daß die Freiheit, welche er für jeden Einzelnen verlange, notwendig die allgemeine Freiheit beseitige. Die Vorlage hebe keineswegs die Gewerbefreiheit auf, sie solle nur dir schreiendsten Mißbräuche beseitigen. In dem Grade, in welchem Religion und Moral in unserer Zeit geschwunden und Egoismus und Kapital zur Herrschaft gelangt, in demselben Maße erhöhe sich das Bedürfnis polizeilicher Maßnahmen. Wenn der Abg. Bamberger behaupte, daß diese Gesetzgebung zum Partikularismus führe, so entgegne er, daß eher das Gegenteil der Fall fei. Eine Beschränkung des legitimen Handels werde hier von der Vorlage in keiner Weise geübt. Im übrigen will er die Kommis- sionsbeschlüfse dahin ändern, daß das Aufsuchen von Bestellungen auf Waren bei anderen Personen, als bei Kaufleuten und Gewerbetreibenden, in deren Gewerbebetriebe Waren der angebotenen Art Verwendung finden, nicht den Vorschriften über das Haustergewerbe unterworfen werden solle.
In gleichem Sinne tritt der Abg. v. Kleist-Retzow für den Antrag der Kommission gegen den Antrag deS Abg. Baumbach ein: Polizeimaßregeln allein könnten daS Handwerk und den Handelsstand nicht retten, dazu bedürfe es korporativer Verbände und Innungen, die dem Handwerk einen festen Halt gegenüber dem Kapitalismus geben.
BundcSkommissar Bödiker tritt nochmals für ben Kommissionsantrag ein unter zahlenmäßiger Darlegung der enormen Zunahme des Gewerbebetriebes im Umherziehen. Bei der Abstimmung wird zunächst der Antrag des Abg. Baumdach ad 1 Alinea 1 mit 150 gegen 144 Stimmen angenommen, es werden also die Worte: „für Zwecke deS Gewerbebetriebes" gestrichen. DaS ganze Alinea 3 des Paragraphen wird, nachdem vorher auf Antrag deS Abg. Windthorst einzelne Bestimmungen desselben gestrichen waren, in eventueller Abstimmung mit 146 gegen 146 Stimmen abgelehnt.
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9 Aus Irrwege«.
Novelle von L- Calm-
Der andere, ein mittelgroßer, zierlich aber kräftig gebauter Mann von etwa dreißig Jahren, dem man auf den ersten Blick den Südländer ansah, widmete dagegen den Vorgängen auf der Bühne, wo eben die Orstna ihre leiden schaftlichen Klagen ausströmen ließ, ein Interesse, als befinde er sich zum erstenmal im Theater. Und in der Thai spielte die Darstellerin der Gräfin mit einer Kraft, einer Wahrheit, die wie glühende Funken zündend in die Herzen der Zuhörer fielen und diesen die Empfindung aufdrängten: die Frau spielt nicht, sie verzweifelt über ihr eigenes Leid.
„Prächtig!" rief der 'Heitere enthusiasmiert, „da haben wir eine Schauspielerin ersten Ranges! Sie kennen sie natürlich, Gras, und wiffen mir näheres über ihre Verhältnisse anzugeben."
„Ich kenne sie, ja, aber über ihre Verhälinisse fragen Sie mich vergebens," entgegnete der Angeredete, froh, des lästigen Schweigens enthoben zu fein. „Sie ist erst seit kurzem hier engagiert, nennt sich Frau Sebastian!, lebt sehr zurückgezogen uno soll eine etwas dunkle Vergangenheit haben. Wenn Sie, teuerster Don Ferrandez, etwa in diesem Moment die unselige Absicht hegen, ihr einen Kultus zu widmen, so lassen Sie sich bei Zeiten raten. Was Sie hier sehen, ist nichts als Blendwerk; ich schwöre Ihnen, ich habe nie eine größere Enttäuschung erlebt als in dem Augenblick, wo ich von ihrem Aussehen auf der Bühne bestochen, voll Begeisterung meine Aufwartung machte und ste — doch der Rest ist schweigen. — Da will ich Sie lieber, wenn Ihnen ein Gefallen damit geschieht, der Emilia dorstellen, ich gelte etwas bei ihr, uno —"
Ei, mein lieber Saremba, Sie sind sehr selbstlos oder machen meiner Verführungsgabe ein schlechtes (Kompliment! Aber sehen Sie, da fällt der Vorhang, und über Ihrem Geplauder ist meine Schöne entschwunden."
„Mein Gott, können Sie darüber klagen in dem Augenblick, den ich so heiß herbeigesehnt, wo endlich die Pause beginnt und wir — nun, springen Sie noch nicht auf? Wahrlich, Sie verraten viel Ungeduld, der schönsten Frau unseres Zirkels bekannt gemacht zu werden:"
„O, haben Sie Mitlcio mit einem Halbwilden, der seit kaum einem Jahr Mexikos Urwäldern entsprungen ist! Und bann, zeigen Sie mir doch erst ben Gegenstand meiner zukünftigen Begeisterung aus bet Entfernung, daß mir hernach nicht vor Staunen ganz die Sprache vergeht!"
„Sehen Sie dort in der siebenten Loge rechts die beiden Damen, zu denen sich der große Herr mit ben Orden eben hittahbeugt —"
„Ah, dieser prächtige Kopf mit dem warmen Teint und den dunklen Augen? Caracho! da ist Race, da ist Feuer und Leben, da könnte ich schwärmen —"
„Nein doch," sagte Saremba etwas verstimmt, und eine flüchtige Röte glitt über seine Stirn, „Sie meinen Fräulein Malrön, die Gesellschaftsdame der Baronin Buchfeld. Freilich finde ich's natürlich, daß Sie sie bewundern, Sie teilen dies Schicksal mit sämtlichen Herren ihrer Bekanntschaft, die ste aber leider ohne Ausnahme in respektvoller Entfernung zu halten weiß."
„Wie er das sagt! Roman, weiß ich nun, wamm man mich so bereitwillig bei Emilia cinführen will?"
„Ach, betrachten Sie endlich die Baronin!"
Der Südländer hob langsam sein Glas, blickte lange
auf die bezeichnete Dame und ließ es dann eben so langsam wieder fallen.
„Nein, lieber Gras," sagte er kopfschüttelnd, „da wird mein Herz keine Gefahr laufen I Die Dame mag sehr schön fein, aber sicher auch, um mit Ihrem Göthe zu reden, „kühl bis an's Herz hinan." Himmel, welcher gleichgiltige Blick, weich' müdes Lächeln — ich wette, sie weiß nicht, was Empfindung ist!"
„Urteilen Sie nicht so schnell, es ist bekannt, daß sie und ihr Gemahl sich leidenschaftlich lieben."
„Bah, eheliche Zärtlichkeit!" sprach der andere nachlässig nach einer Panse, während er aufmerksam die Gläser seines goldenen Lorgnon putzte.
„Und in ihren Mädchenjahren soll daS Herz der Baronin sogar sehr lebhaft geschlagen haben für einen jungen Mann, dessen Tod sie beinahe wahnsinnig machte."
„Aber Gott sei Dank, die Zeit bringt vernünftige Gedanken," entgegnete der Mexikaner ironisch. „Sie ward nicht wahnsinnig, sondern vergaß?"
„Was wollen Sie, einen Selbstmörder, dessen anvertraute Kassen nicht die gewünschte Ordnung gehabt haben mögen! Baron Buchfelo war fein Prinzipal, er schwieg mit gewohnter Zartheit —"
„Und belohnte sich dafür mit der Braut des Verruchten! Das heißt das Schöne mit dem nützlichen verbinden. Aber kommen Sie, lassen Sie die Baronin, die Sie bemerkt hat, nicht länger warten."
Eine Minute später traten beide in die Loge des Barons, und Saremba stellte den Begleiter als einen Gutsbesitzer von fabelhaftem Reichtum vor, der seine Heimat Mexiko verlassen, um auf Reisen fremde Länder und Völker kennen zu lernen. (Fortsetzung folgt.)