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Marburg, Donnerstag, 5. April 1883.
XVIII. Jahrgang.
„ :.,n nimmt entgegen: SMÄtü>n d.Blatte«, ^.eSÄnnoncen-Bureauk l61»h Dietrich u. Ce m \ und Hannover; Th. SLch?» Frankfurt-M.;
u. Vogler tn fr:“Xrt a. M., Berlin, JWta Rudolf W in Berlin, Frank, furt a. Ä- re-
WchksMk Aitmg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux vonG L. Daube u. 6o. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene« in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.
Armee rmd Tageblatt.
Wir hüben in dem gestrigen „Marburger Tageblatt" einen „selbständigen" Artikel gelesen, der uns wirklich un« ^genehm berührt hat. Seither hat das „Marb. Tagebl. immerhin mit einiger demokratischer Beimischung sich meist in den Grenzen eine« friedlichen Liberalismus bewegt — gestern tritt es offen und ungeschminkt für die fortschrittlichen parlamentarischen Leistungen — insbesondere für Die taktlosen Angriffe auf unfere Armee im Reichstage ein und fragt dann noch, was die „reaktionäre" Oberhessische Zeitung dazu sagt? — nun d i e Antwort wollen wir nicht schuldig bleiben I . m .
Wir erachten unsere deutsche Armee — unser Volk tn Waffen — unter Führung ihre« Allerhöchsten Kriegsherrn, mit ihren herrlichen Feldherrn, unserem Kronprinzen, dem Feldmarschall Graf Moltke, Prinzen Friedrich Carl und allen dm übrigen großen KriegShelden, als die höchste Entfaltung der deutschen Kraft und Mannestüchtigkeit, als die Mnzenste Seite unserer nationalen Entwicklung. Die Versuche der Fortschrittspartei, diese Organisation in der Konfliktszeit zu Hintertreiben, die heutigen schnöden An- zriffe auf die Armee würden wir alS elenden Landesverrat brandmarken müssen, wenn wir nicht zugeben könnten, daß -S zweifelhaft ist, ob nicht die Thorheit mehr al« der böse Wille jene Partei leitet. Für un« sind zwölf Jahre kein fo langer Zeitraum, daß wir e« vergessen hätten, waS unser KriegSheer unS geleistet — ein wiedererstandenes DemscheS Reich — Wiedergewinnung der dem Reiche geraubten Provinzen — Niederlage deS Erbfeindes, der unseren heimatlichen Heerd, unsere nationale Existenz bedrohte. —
Ja, meine Herren vom Fortschritt! Sie mögen daS vergessen haben — UNS Reaktionären ist es in frischer Erinnerung, daß die stürmenden Bataillone von St. Privat die Gardelitzen trugen — wir wiffen eS, daß ein Bataillon dort (eine sämtlichen Offiziere aut dem Felde der Ehre bluten sah, und wir feiern diese tapfern Söhne deS großen deutschen
dem mit dem 1. April begonnenen II. Quartal 1883 werden Bestellungen auf die
Öberhessische Zeitung
hi der Post noch angenommen. Auf dem Lande können die Mellungen auch bei den Landpostboten gemacht werden.
E- In den Ortschaften, in denen sich Poststellen oder Postagenturen befinden, können die Zeitungen auf den Bureaux abgeholt werden und ist dann die Zahlung von Bestellgeld nicht erforderlich.
Die Oberhesfische Zeitung mit Sonutagsblutt kostet vierteljährig Mark 2,50 und da« Bestellgeld noch weitere zg Pig. Die Exped. der Oberhess. Ztg.
Volke«, welche sämtlich adlige Namen trugen — wir haben eS ebensowenig vergcffen, daß kein bürgerlicher Führer diesen Tapfern nachgestanden, wir wissen, daß alle unsre Söhne und Brüder ein jeder an seinem Platze seine volle Schuldigkeit gethan und daß eS für jeden unsere« Volkes die höchste Ehre und der höchste Ruhm ist, unserer Armee anzugehören. Wir verdammen deshalb Ihre fortschrittlichen Nörgeleien gegen unsere Armee im Reichstage, die nur von unfern Feinden im Auslande beklatscht werden. Freilich ist da« kein Kinderspiel — unserer Armee anzugehören — er werden hohe Forderungen an einen Jeden gestellt und für Gemeine und Offiziere gibt eS nicht viel Ruhetage. Das aber will daS deutsche Volk, dazu bringt eS willig das Opfer, daß die Armee, sein Hort und sein Stolz — gehalten werde, wie es ihr zukommt — wir wollen unsre Armee im guten Rocke deS Kaisers sehen, wir wollen unsre Söhne in allem gut gehalten wissen und wollen keine fortschrittliche Sparsamkeit! Das, meine Herren vom „Tageblatt", ist unsere Ansicht von der Armee und von Ihren Angriffen auf dieselbe. Wenn Sie aber den Versuch machen, für Ihre Ansicht die höchste Autorität, Se. Kaiser!, und König!. Hoheit des Kronprinzen vorzuführen, so können wir nur die Spuren von Geistesabwesenheit in solchem Unterfangen erkennen. Den stolzen Sproß der Hohenzollem, den Kronprinz des deutschen Reichs und von Preußen, bett siegreichen Feldherrn, den Führer unsrer todesmutigen Bataillone bei Wörth, den Mann, auf dem die Hoffnung unsrer deutschen Lande beruht — Ihn mit den elenden Nörgeleien thörichter Parlamentarier gegen unsre Armee in Verbindung zu bringen, sei e« auch nur in dem ungewaschenen Munde eines Zeitungsartikels — das ist mehr als die größte Geduld vertragen kann.
Und nun wollen wir auch dem „Marb. Tageblatt" die Antwort nicht vorenthalten, was wir von unserem Parlamentarismus halten. Wir sind der Ansicht, daß der große und verantwortungsvolle Beruf der Volksvertretung, wie unsere beschworene Verfassung denselben gesetzlich fest- gestellt, nicht schwerer geschädigt werden kann, als wenn einzelne Parteien und Volksvertreter den Anstand beiseite laffen, welcher jeder ernsten Beratung der Jntereflen unseres Volkes unentbehrlich ist, und daß wir darum den Ton der Verhandlungen, in welchem die Angriffe auf die Armee von Fortschritt, Demokraten und Sozialdemokraten erfolgt sind, im höchsten Grade mißbilligen.
Und nun zum Schluß ein Wort der Richtigstellung der so mißbräuchlich angewendeten Worte unseres Kronprinzen. Wir sind nicht gewohnt, diese Aeußeruvgen zu interpretieren, aber berechtigt, jedem Versuche entgegenzutreten, diese Aussprüche zu fälschen. Bet Einweihung der Freimaurerloge Royal-York antwortete der Kronprinz auf eine Rede des Großmeisters folgendes:
Innerhalb der mehr als fünfundzwanzig Jahre, welche verstrichen, seitdem ich als Nichtwissender in Ihre Reihen trat, bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß, während
»^beint täglich außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrtrte« EouutagSblatt" durch die Expedition o ch'sche ® $ Huchdruckerei) bezogen 8*A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 60 Pfg. (excl. Bestellgebilhr.j — Jnserttoiwgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pfg. berechnet.
die Zeit in der wir leben, Licht und Aufklärung verlangt, die Freimauerei sich solchem Streben nicht entziehen darf. Wir Maurer dürfen im Forschen und Prüfen nicht rasten. Wir dürfen an dem Herkömmlichen, selbst wenn eS un« teuer und wert geworden, nicht darum festhalten, weil wir es als Ueber- lieferung empfangen haben, weil wir unS in dasselbe wie in eine Gewohnheit nun einmal eingelebt haben. Auch bei unS heißt e«, nicht Stillstand sondern Fortschritt!
Uns wenn daS „Tageblatt" unS fragt, was wir Reaktionäre dazu sagen, so antworten wir folgendes: Seine K. und K. Hoheit der Kronprinz hat in dieser Antwort Über die Verhältnisse der Freimauerei gesprochen und hatte nach der an ihn gehaltenen Ansprache zu nicht« Anderem Veranlaffnng. Soweit wir Reaktionäre und Nicht- wiffende e« beurteilen können, sind wir mit dieser Antwort voll und ganz einverstanden und übersetzen uns den ausgedrückten Gedanken der kronprinzlichen Antwort so: In der Freimauerei ist viel Nebensächliches, viel Beiwerk und Formenkram von alter« her überliefert, — diese Ge- heimnisthuerei mit all dem äußern Tand ist nicht mehr zeitgemäß. Die Freimauerei muß sich vertiefen in Forschen und Prüfen, sie muß von den abstrakten Humanitätslehren der Philosophie des vorigen JahrundertS zurückkommen auf die Grundlage, von der allein Licht und Aufklärung auSgeht — auf das wahre Christentum. Der nationale Patriotismus muß der Hort werden, welcher dem Volke die Religion erhält, wie die Kaiserliche Botschaft da» besagt. —
Ja, Sie ärmsten Herren vom „Tageblatt", was sagen Sie denn dazu? unser deutsches Volk weiß längst, daß die Aufklärung nicht von Ihnen auSgeht, sondern daß die W a h r h e i t da« Zeichen der konservativen Partei ist und sie unter diesem Zeichen siegen wird!
Reichstag.
Berlin, den 3. April.
Die heutige (56.) Plenarsitzung deö Reichstags wurde vom Präsidenten v. Levetzow um */?2 Uhr mit einer Reibe von geschäftlichen Mitteilungen eröffnet. (Die seit der Vertagung eingegangenen Vorlagen sind bereits an anderer Stelle mitgeteilt. Eine große Reihe von Urlaubsgesuchen wurde bewilligt. Der Abg. Samm ist in das Haus ein- getreten. Vielfache Liebesgaben für die Ueberschwi mutten sind seit der Vertagung eingegangen. Der Präsident spricht den hochherzigen Gebern, die meistens Deutsche, im Namen deS Reichstags und Deutschlands unter Zustimmung deS Hause« den Dank ans.
Vor dem Eintritt in die Tagesordnung erhält der Abg. Richter (Hagen) daS Wort, um daran zu erinnern, daß die Wahl deS Abg. Lenzmann bereits am 13. Januar für ungültig erklärt, seitdem aber noch keine Neuwahl anberaumt fei. Der Präsident erklärt, daß die Anzeige von der Un»
20 Die Mühle« volles.
Knminalnovelle von Georg Höcker.
„Genug de« GesckwätzeSI" brachte Gebhart hervor. „Willst Du mir gehorchen, Schlange?"
„Nimmermehr, so wahr ein Gott im Himmel ist.
„So fahr' zur Hölle!" schrie der entmenschte Vater und zog den Stecher an.
„Annamarie!"
Der Müller taumelte zurück, wie vorn Blitzstrahle getroffen und der Sckuß ging in die Decke.
„Wer ruft?" stöhnte er scheu, „wer weiß e»?
.Ich rufe Sie an, Müller Gebhart," erwiderte Scheffler, her in Begleitung des Gendarmen in die Stube trat und vorhin im entscheidenden Augenblick daS verhängnisvolle Wort ausgestoßen hatte. „Sie sind mein Gefangener, folgen Sie mir." „ ,,
„Unb kommt die Hölle selbst, so soll sie mich nicht fassen!" schrie Gebhart, dem e« Nacht vor dm Augen wurde. Aber ehe er sich noch zur Wehr setzen konnte, hatte ihn der SicherheitSwächter schon von hintm umfaßt und gefesselt. ,
Scheffler sah den Gefangenen näher an und demerrie, baß ein kleines Stück Aermel an feiner Joppe fehle. „Sie sind der Mörder ter Annamarie," sagte er mit kaltem Ernste zu dem wie vernichtet Dastehenden.
Es war eine traurige Szene, die j tzt vor der Leiche Annamarievs folgte. Kein Leugnen half, und der Müller, der einfah, daß durch Winkler« Gegenwart und Zeugm«
auch jeder Versuch nutzlos bleiben werde, bequemte (ich, ein offenes Geständnis abzulegen.
„Ha, Du bist mein Sohn," wandte er sich zu dem wie betäubt dastehenden Benno, „ich habe Dich sofort erkannt, al« ich Dich zum erftenmale sah."
„Wa« wollt Ihr nun von mir," wandte er sich an die Polizeibeamten, „mich dem Gerichte überliefern, nicht wahr? Aber Ihr sollt mich nicht fangen 1"
Mit gewaltiger Anstrengung riß er sich los und entsprang durch die Thüre mit Windeseile der Mühle zueilend. So schnell ihm die bewaffnete Macht auch folgte, konnte sie ihn doch nicht erreichen, selbst einige ihm nachgesandte Schüsse blieben ohne Erfolg. Als die Polizei — und mit ihr unsere Freunde — vor dem Wohnhause anlangten, stand der Müller bereit« hoch oben auf dem Dachfirste.
„Wollt Ihr mich fangen," rief er höhnisch, „so kommt und hott mich, aber lebendig bekommt Ihr mich nicht. Daß die Hölle mich verraten mußte," setzte er knirschend hinzu. „Dort ist der Weiher," schrie er überlaut und schaute auf den Wasserspiegel, bet sich unter ihm ausbreitete. „Und in ihm liegt ein junge« blaffe« Weib. Geh' von mir Satan, ich bin doch Dein! Zurück! Ich will Dir nicht folgen!" schrie der Unselige in wahnsinniger Aufregung und wich zurück. Er trat in leere Luft, überschlug sich unb stürzte kopfüber in die Wellen.
Die Mühle klapperte luftig unb die Räder durchfurchten emsig da« klare Gewässer. Ehe man oas Gefälle fnoch abstellm konnte, fah man schon den zermalmten Körper des Gerichteten unter dem Getriebe.--
Wir sind am Ende. Ernst und seine Mutter verließen ben für sie so unseligen Ort und kauften sich in entfernter Gegend an, wo sie mit einander ein ruhiges glückliche« Lkben führten. Gretcken und Benno wurden ein Paar, da« versteht sich von selbst. Der alte Marten ist bei ihnen und macht im Verein mit Scheffler ba6 vierblättrige Kleeblatt voll, daS bald ein fünfblättriges zu werden verspricht. In der KirchhofSecke des Dorfes liegt ein einfaches Grab mit einem bleiernen Kreuze geschmückt, auf dem die Worte zu lesen sind:
„Gehe nicht in das Gericht mit Deinem Knechte!"
Dort treffen sich jährlich einmal die beiden Brüder und beten für da« Seelenheil ihre« unglückseligen Vater«.
Der Schulze Miertschke studiert in seinen Büchern, deren Inhalt noch kein Mensch enträtseln konnte, eifrig weiter. Er hat sich über ben Verlust seiner Tochter bald getröstet, fein Schulzenamt niebergelegt unb lebt in harmlosester Weise für sich allein. Wer von ben freundlichen Lesern einmal nach Hamdorf kommen sollte, versäume nicht, sich an ihn zu wenden. Das Erzählte der vorliegenden Geschichte ist eine Passion von ihm. Er vergießt dabei immer reichlich Thränen, vergißt aber nicht zum Schluffe immer hinzuzusetzen:
„Der reine Roman, wenn ich e« nicht selbst erlebt hätte, ich würde eS nickt glauben. Aber so geht eS im Leben oftmals und die Phantasie d?S Menschen ist zu arm, so ungeheuerliche Thaten zu erdenken, wie sie die Tragödie des Lebens bietet."
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