Marburg, Dienstag, 16. Januar 1883.
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Reichstag.
Berlin, den 13. Januar.
Die heutige (32.)Sitzung de« Reichstage« eröffnete um Vs3 Uhr der Präsident v. Levetzow mit folgender Ansprache:
Da« Präsidium hat infolge de« Befchlusie« de« hohen baufcs vom 11 d. M. in einer soeben stattgehabten Audienz Er. Majestät dem Kaiser den Dank de« Hause« dar« acbracht für die Allerhöchste Bewilligung für die durch die Überschwemmungen Verunglückten. Der Dank wurde von Sr. Majestät äußerst erfreut und huldreich ausgenommen. Ze.' Majestät bemerkten, daß Allerhöchstderselbe au« der Einstimmigkeit de« Befchlusie« de« Reichstage« mit Freuden folgere, daß der Beschluß ebenso gemeint sei, wie Seine Bewilligung, nämlich al« eine Sache de« Herzen«. Se. Majestät fügten hinzu, daß der Dispositionsfonds, welchen ter Reichstag Allerhöchstihm alljährlich bewilligt, wie bei dieser Gelegenheit, so jede« Jahr verwendet wird, nämlich zur Abhilfe von mancherlei Rot, und daß Se. Majestät mit Rücksicht hierauf dem Hause jedesmal dankbar für die Bewilligung sei. Se. Majestät erkundigten sich bei den anwesenden Mitgliedern au« den von der Ueberschwemmung betroffenen Wahlbezirken nach dem Umfange und nach der Lage der Beschädigung in diesen Wahlbezirken und beauftragten mich, dem Hause für den Beschluß de« dargebrachten Dankes Seinerseits besten« zu danken.
Auf der Tagesordnung steht in erster Reihe die Zusammenstellung der Liquidation über die au« der franzö- stschen KriegSkostenenlschädigung zu ersetzenden Beträge; dieselbe wird der RechnungSkommisston überwiesen.
Der Antrag de« Abg. Büchte mann, denaturierten Talg nicht als Palmitin zu behandeln, wird trotz de« Widerspruches des Regierungs - Kommisiar« Burchardt angenommen. Abg. Diez (Sozialist) begründet den Antrag des Abg. Kayser auf Mitteilung der auf seine (de« Redner«) in Stuttgart erfolgte Verhaftung bezüglichen Aktenstücke. An der Debatte nehmen die Abgg. Meyer, v. Minnigerade und Payer teil. Der Antrag Kayser wird angenommen. ES folgt die Beratung de« Antrages de« Abg. Lenz mann, Talg und Palmöl, welche zur Stearin- fabrikation bestimmt sind, zollfrei zu lasien. Der Antrag geht an die Budgetkommifston. Es folgen Wahlprüfungen, welche nach den KommifstonSanträgen erledigt werden. Die Wahl des Abg. Lcnzmann wird für ungültig erklärt. Nächste Sitzung Donnerstag.
Der treue Diener.
Humoristische Novelle von Hermann Langer.
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Deutsches Reich.
Berlin, 13. Jan. Der Kaiser empfing heute nach- wittag um 1 Uhr die vom Präsidenten v. Levetzow geführte Deputation bcS Reichstags, welche den Dank des Reichstag« für die den Ueberfchwemmten gewährte Unterstützung über-
bereit« stattgefunden habe. Seitens des konservativen Redners wurde ausgeführt, daß man für die Aufhebung der unteren Stufen der Klasiensteuer auch nach Ablehnung der Lizenzsteuer stimmen werde. Die Mittel zur Deckung deS dadurch entstehenden Ausfalls zu beschaffen, sei zunächst Sache derjenigen Parteien, welche die Lizenzsteuer abgelehnt haben. Dem von der nationalliberalen Partei gemachten Vorschläge, die Wiedcreinziehung beider bestehenden Steuer- Erlasie kann man auf keinen Fall izustimmen. Auch von freikonservativer Seite wurde der Aufhebung der unteren Stufen der Klasiensteuer zugestimmt, die Wiederaufhebung des dauernden Steuer-ErlasieS aber entschieden abgelehnt und anstatt dcsicn der Vorschlag gemacht, in einer schärferen Einschätzung und Veränderung der Skala des Steuer- süßes die Deckung zu beschaffen. Der Finanzminister gab darauf die Erklärung ab, daß für die Staatsregierung die Aufhebung der 4 untersten Stufen der Klasiensteuer, die fie für absolut notwendig halte, bei weitem den Hauptpunkt der Vorlage bilde, so sehr sie auch nach wie vor daran festhalte, daß die Lizenzsteuer daS geeignete Mittel sei, den entstehenden Ausfall zu decken. Werde die Regierung aber vor die Frage gestellt,'^ob sie auf sdiefe Aufhebung ganz verzichten oder dieselbe durch Zurückziehung der beiden bestehenden Steuererlasie erreichen solle, so stehe er nicht an, zu erklären, daß er den letzteren Weg einzuschlagen vorziehen werde. — Hierzu bemerkt die „Kreuz-Ztg.": „Rach dieser gestrigen Verhandlung scheint eS keinem Zweifel mehr zu unterliegen, daß der von der nationalliberalen Partei gemachte Vorschlag nicht nur eine Majorität in der Kommission, sondern auch die Zustimmung der Regierung finden wird." — Zu der am Montag stattfindenden ersten Beratung des Notstandsgesetzes schreibt die „Post": „Es sind Wünsche laut geworden, die zu Beihilfen ohne Rückgewähr bewilligte Summe von 1200000 Mark auf 1500000 Mark zu erhöhen. Einer Modifikation wird auch der Paragraph 4 insofern bedürfen, als der von der Provinz Hessen-Nassau allein ober wenigstens bei weitem am stärksten betroffene Regierungsbezirk Wiesbaden eine eigene kommunalständische Verwaltung hat, während bekanntlich eine provinzialständische Verfasiung für die beiden zu einer Provinz zusammengelegten aber gänzlich heterogenen Länder Hessen und Nassau nicht besteht. ES wird also im Paragraph 4 in den letzten drei AlineaS anstatt „Provinz" überall „Bezirks" zu sagen und vielleicht auch der Vorsitz in der Bezirkskommisston dem Regierungspräsidenten an Stelle des Oberpräsioenten zu übertragen sein." — Der Verfasser der soeben erschienenen Schrift „Der Alt- katholiziSmuS. Eine Denk- und Schutzfchrift an daS evangelische Deutschland", Professor Beyschlag in Halle, hat auf die Zusendung derselben an den Kronprinzen nachstehendes Kabinettsschreiben erhalten: „ Ich will nicht unter«
„Herr Frar z I" brauste Michel auf. „Ich rate Jhm- halte er sein Maul, wenn er sich noch einmal untersteht' mtiütn Herrn Grafen zu beschimpfen, dann soll JhmI"
Michel machte dabri ein so grimmiges Gesicht und so unzweideutige Htndbewegungen, daß Franz eS für geraten tanf, schleunigst einige Schritte zu retirieren. Erst dann sigie er hochmütig:
„Ich We mich mit Ihm nicht zu unterhalten, sondern ^chte nur die Befehle meines gnädigen Herrn Grafen aus. Der junge H rr soll morgen um acht Uhr im Hotel er« deines., heute verbietet ihm dies mein Graf, well er zu «tbittert auf den jungen Herrn ist."
So sehr dem graben, bieberen Michel daS hochmütige Benehmen be« Herrn Franz verhaßt sein mochte, so sehr betrübte ihn daS Wort, morgen, morgen um 8 Uhr 1 Wer keiß, wer weiß, ob dann noch sein Herr im stände sein to'Ib, seinen Vater zu besuchen; er seufzte tief auf i
„W iß nicht, ob's möglich sein wird!"
„Der junge Herr wird koch wohl noch die Befehle W es Vaters respektieren!" entgegnete Franz mit Unver- fchimlheil.
Aber auch dieS brachte unseren Michel nicht mehr in Born, traurig sprach er:
, „Gewiß, Herr Franz! aber — aber! Nun Ihnen kann 7 es ja sagen, morgen um 6 Uhr wird sich mein Graf duellieren."
Diese Worte verfehlten auch auf Franz ihre Wirkung et dachte nicht mehr, daß er der Bote deS väterlichen üdrnes sei, er dachte nur an daS bevorstehendes Duell; "Mrzt fragte er;
„Mein Gott weshalb?"
„Ja, so genau karS ich Ihnen da« nicht sagen; ich weiß aber, daß eS wegen der Brant des jungen Herrn sei, wegen Fräulein von der Halden."
„Aber um Gottcswillen, Michel, Graf Kurt war ja auch noch nicht ein einzigesmal beim Herrn Major?"
„Na, Herr Franz, das muß ich schon besser wissen, er sitzt ja den ganzen Tag dort und übermorgen sollte die Verlobung sein."
„Ja, ba steht mir ber Verstand still I Fährt heute mein Graf bei MajorS vor, fragt nach seinem Sohne und hört, baß er noch nie dort gewesen. Michel, Sie kennen unseren Grafen, und wsien, baß er viel schreit, aber ich sage Ihnen, einen solchen Heidenlärm haben Sie noch nicht erlebt!"
„Reden Sie mir nicht, Herr Franz. Ich weiß, daß mein Graf tagtäglich bei Majors ist."
„Nein, er war noch gar nicht dort; warum wäre denn mein Graf so entsetzlich wütend?*
„Na und warum möchte denn mein Graf sich duellieren, wenn nicht wegen Fräulein von ter Halben?" gab Michel zurück und schlug bamit den Gegner so vollständig, baß dieser gestehen mußte:
„Ja, ich begreife eS nicht 1 — Kann ich mit dem jungen Herrn sprechen?"
„Nein!"
Auch Franz mußte feinen Mann schon kennen, denn er machte nicht mehr den geringsten Versuch, zum jungen Grasen zu kommen; ehe er fortging, sagte noch Michel:
„Wenn Sie zu Ihrem Grasen kommen, da sagen Sie ihm nur gleich, daß er meinen Herrn Grasen sehr Unrecht thut, wenn er denkt, er habe keine Braut; wir müssen daS doch besser wissen. Gute Nacht, Herr Franz!"
brachte. — Der „Reichsanzeiger" meldet: DaS Staatsministerium beschloß die Wiederaufnahme der Staats» leiftungen für den preußischen Anteil der Erzdiözese Olmütz vom 1. Oktober 1882 ab. — Die „Notdd. Allg. Zkg." fordert dazu auf, die deutschen Interessen bei der demnächst zusammentretenden internationalen Kommission anläßlich der auS den egyptischen Wirren entstandenen Entschädigungsansprüche unverzüglich zu wahren. Nach dem Programme werde nur für direkte Verluste eine Entschädigung gewährt; die Ansprüche gegen die durch die egyptischen Ereignisse zahlungsunfähig gewordenen egyptischen Schuldner seien durch eine bei dem Internationalen Gerichtshöfe zu beantragende Beschlagnahme ber denselben etwa zuzubilligenden Entschädigungen zu realisieren; eS empfehle sich, möglichst unverzüglich im Wege der Zession, eventuell der Beschlagnahme gegen die durch die egvptischen Ereignisse beschädigten egyptischen Schuldner vorzugeyen. — Zur Angelegenheit der Verweigerung deS ZeugeneideS durch den Prediger Hapke äußert der „Evangel. kirchl. Anz." sich in folgender Weise: Große« Aufsehen erregt die Weigerung des Prediger Hapke, sich von einem jüdischen Richter vereidigen zu lasten. Bei der dramatischen Zuspitzung, mit welcher diese Weigerung in die Oeffentlichkeit tritt, kann eS nicht fehlen, daß viele Kreise derselben zustimmen, welche jedwede autoritative Stellung de« jüdischen Element« zu beseitigen wünschen. Da den GewistenSbedenken des genannten Geistlichen das Gesetz entgegensteht und der Gerichtshof mit aller Schärfe die Strafbestimmung wegen Eidesverweigerung IN Anwendung bringt, so darf man dem weiteren Verlaufe dieser Angelegenheit mit Spannung entgegensehen. Die Kirchenbehörden dürften mit derselben nicht« zu thun haben, da e« sich um eine private Angelegenheit und um Gewissensbedenken handelt, deren Folgen Prediger Hapke zu tragen hat. Daß die Verbindlichkeit eine« christlichen Eide« nicht dadurch influiert werden kann, wenn ein Nichtchrist denselben im Namen des Königs fordert, versteht sich von selbst.
— In der gestrigen Abendsitzung der Steuerkommission wurde zuvörderst von nationalliberaler Seite die bestimmte Erklärung abgegeben, daß man bereit fei, in die Aufhebung der unteren Stufen der Klasiensteuer blB zur 4. zu willigen. Vorbedingung fei aber dabei, daß für ausreichende Deckung gesorgt werde. Bei der entschiedenen Ablehnung der Lizenzsteuer will die nationalliberale Partei beharren. Sie schlägt deshalb vor, die bestehenden Steuer- Erlasie, den einmaligen sowohl wie den dauernden, auszuheben und die dadurch flüssig werdenden Beträge zur Deckung des durch die Aushebung der unteren Stufen der Klasiensteuer entstehenden Ausfall« zu verwenden. DaS Zentrum tritt diesem Vorschläge bei; sein Wortführer meinte, er habe daS Gefühl, daß eine Abmachung mit der Regierung auf der Basis dieser nationalliberalen Vorschläge
_ -,n nimmt entgegen:
Motion d.MatteS, ? -»b Annoncen-®ureaui '.’ is u. -- m
’• «nd Hannover; Th. KchinSrankfurtaM.; Snftein ^«ogler tn »i’j
Opfer, igaro’l
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.Anuoucen-Bureaux von ®. 8. Daube u. 6e. in Frankfurt a. R; Jlaersche Buchhandlumi daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Ibiene« in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wScheutlichen Beilage „JllnstrirteS SomttagSblatt" durch die Expedition (R o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 3‘A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche» 8 Mark 60 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Eben hatten die Uhren der Residenz Dreiv ertel auf sechs geschlagen, als Michel, der auf dem Zimmer feine« lieben Herrn in Thränen saß, von einem gewaltigen Lärm anfgescheuckt wurde. Von der Treppe her vernahm er da« ihm wohlbekannte Schimpfen und Poltern deS alten Grafen, der mit dem verschlafenen Dienstpersonal des Hotel« nicht eben sanft redete und diesem mit einer Unzahl von Flüchen befahl, ihn nunmehr zu berlaffen, da er jetzt schon allein die Zimmer seine« Sohne« finden werde.
Michel hatte die Zimmerthüre weit aufgeriffen und harrte an derselben ehrfurchtsvoll des Grafen. Kaum erblickte ihn dieser, al« er auf einen festen Stock gestützt auf ihn zukam, jeder Schritt mußte ihm Schmerzen bereiten, denn beständig stöhnte er und fchwerfällig nur bewegte sich der stattliche Greis vorwärts. „Michel, wo ist Kurt?"
Ehe aber noch ber alte Graf zu weiteren Worten gekommen, hatte Michel bte Thüre geschloffen, einen bequemen Sessel herangerollt und mit einer Zungenfertigkeit, die kein Mensch in dem Burschen vermutet hätte, kurz, bündig und klar, die ganze kurze Liebesgeschichte seine« Herrn mit genauer Angabe sogar der Straßen und Vornamen erzählt.
„Wahnsinnig!" war da« einzige Wort, welche« der alte Graf bann hervorstieß; hieraus befahl er:
„Führe mich, Michel! Wir fahren auf den Burgberg! O mein verfl.....Podagra!"
Die Angst um feinen Sohn war aber größer, als die Schmerzen wenigstens saß ber Graf bereits nach wenigen Minuten in demselben Wagen, der ihn hergebracht; Michel hatte zu ihm einsteigen müsien, der Gras hatte ihn unter« wegö verschiedenes fragen wollen, aber nun saß der Alte still und Michel wagte eS nicht, ungefragt zu reden.
(Fortsetzung folgt.)