XVIII. Jahrgang.
Marburg, Sonnabend, 13. Januar 1883.
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Uebermorgen verlobe it mich f i rlichst mit Tochter be» Major» o. D. Ritter von der Halden — $03 und Dusel, Kamerad l — Du mußt dabei
für bcn Antrag, der allerdings keine Aussicht auf Annahme habe.
Abg. Richter (Hagen) erklärt, daß die Fortschritts- Partei seiner Zeit gegen dre Verlängerung de- Sozialisten» Gesetzes stimmen würde, nicht etwa aus Konnivenz gegen die Sozialdemokraten, sondern weil sie, abgesehen von der Forderung der Rechtsgleichheit, den Staat für mächtiger halte ohne das Sozialistengesetz, als mit demselben, die Sozialdemokratie zu bekämpfen. Der vorliegende Antrag sei indes nicht bloe aus formellen Gründen unannehmbar, sondern auch weil er thatsächlich nicht alle im Reiche be» siedenden Ausnahmegesetze enthalte. — Rach kurzen Erklärungen der Abgg. Grad und MagdzinSki über ihre Stellung zu dem Anträge, sucht Abg. Liebknecht als Antragsteller im Schlußwort die Einwendungen, welche im Laufe der Debatte gegen bett Antrag vorgebracht waren, zu wiberlegen.
Bei bet alsbald folgenden zweiten Beratung des Gesetz- Entwurfs begründete Abg. Lipke den Antrag auf motivierte Tagesordnung, weil verschiedene Materien in dem Anträge vermißt seien. Abg. Dr. Step Hany erklärt, daß seine Freunde eine sofortige Aushebung der qu. Gesetze nicht im Interesse deS öffentlichen Wohls liegend halte» und deshalb pure gegen den Antrag stimmen werden. Abg. Frhr. v. Minnigerode legt die Gründe dar, weshalb die Konservativen der motivierten Tagesordnung zustimmen.
Abg. Windthorst rechtfertigt Richter gegenüber sein ablehnendes Votum gegen den Vorwurf der Inkonsequenz, worauf der Abg. Richter nochmals die ablehnende Haltung seiner Partei begründet.
Nachdem Abg Kayser sich im Sinne des Antrages Liebknecht geäußert, hält der BundeSbevollmächtiaie Held seine heutigen Aeußerungen auch jetzt noch aufrecht unter Ansühruna von Details.
Abg. Günther (Sachse») ist gegen den Antrag des Abg. Liebknecht, ober auch gegen den Antrag des Abg. Lipke, der die Motive der Ablehnung verdunkele. Der Antrag de« Abg. Lipke wird angenommen, womit der Antrag des Abg. Liebknecht erledigt ist. — Do.S Hau» vertagt sich hieraus bis morgen mittag 1 Uhr.
ES wird sich eine D putation von Retch-tagSabgeordneten, bestehend ouS den Abgg. August Rrichenfperger (Rhein» Provinz) Dr. Thilenius (Hessen-Nassau), Bolza (Bayern), v. Loew (Hessen) und Dr. Blum (Baden), zum Kaiser begeben, um demselben den Dank für die bett betreffenden Landesteilen aus dem kaiserlichen DiSpositionssond» be» willigten Gelder zur Linderung der Not auszusprechen. Präsident Levetzow hat heute die übliche Anfrage beim Ober« Hofmarschallamt gestellt.
Reichstag.
Berlin, den 11. Januar.
Cfo der heutigen (30.) Plenarsitzung des Reich »tag» »rbi.lt vor dem Eintritte in die Tagesordnung daS Wort
Abg. Windthorst: In der letzten Sitzung de« Reichs» tag« hat der Herr Reichskanzler unS mitgeteilt, daß Se. Majestät der Koster geruht hat, au« den Ihm zur Ver- iüaüng sichenden Mitteln für die unglücklichen Neber- chwemmten die ansehnliche Summe von 600000 Mk. zu bewilligen. E« hat infolge besten eine Besprechung mit dem Reichskanzler stattaefunben, unb bie Gaben stnb bereits an die Stellen gebracht worden, von denen aus sie unmittelbar den Unglücklichen zu teil werden können. Ich glaube, daß es den Empfindungen des Hause- entsprechen wird, und daß wir nur den Dank der unglücklich Ueberschwemmten antizipieren, wenn ich den Antrag stelle, daß daS Hau« beschließen möge, durch daS Präsidium Sr. Majestät dem Kaiser den Dank für eie Allerhöchste Spende auszusprechen. (Allgemeine Zustimmung.) Es ist nicht allein die Gabe, die unmittelbar wirkt, sie wird auch einen mächtigen Impuls abacben für die Milttbätigkeit de« ganzen deutschen Volke«, welches dem Beispiele deS Kaiser« folgen wird. (Lebhafter Beifall.)
Präsident v. Levetzow: Ich glaube, daß daS Hau« wünschen wird, bett soeben gestellten Antrag sofort zu erledigen, und werde deshalb darüber abstimmen lassen. (Sämtliche Mitglieder erheben sich zum Zeichen ihrer Ueber- einstimmung mit dem Anträge.) Ich werde Beranlastung nehmen, den Beschluß de- Reichstage« alsbald zur Ausführung zu bringen.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der sozialdemokratische Antrag, b treffend die Aushebung sämtlicher im Deutschen Reiche bestehenden Ausnahmegesetze.
Abg. Liebknecht erhielt daS Wort zur Begründung des Anträge», wobei er betonte, daß seine Freunde mit ihrem Anträge sich auf den prinzipiellen Standpunkt stellten und ihren Antrag nicht aus Beseitigung deS Sozialistengesetzes beschränkten. Letztere» würde auch als rin Anzeichen von Schwäche erschienen sein; sie wollten aber nur gleiche» Recht für alle. Der Redner ging auf die zerstörenden Wirkungen des Sozialistengesetz.s ein, kam dabei auf die kurz vor W-ihnachten stattgehabte bezügliche Debatte zurück, beleuchtete dann da» Spionagesystem, dem die Anhänger seiner Partei und besonder» die sozialdemokratischen ReichSlagSabgeordneten unterworfen feien, und wicderholte die brkam tcn Anfchau- ungen der Sozialdemokraten über Revolution und Reform. Wenn der Herr Minister v Putlkamer neulich gesagt habe, die Sozialdemokraten hätten ihre Wahlerfolge der frevelhaften Unterstützung anderer Parteien zu verdanken, so bemerk er, daß keine Partei sich mehr um die Gunst der Sozialdemokraten bemüht habe, als diejenigen Konservativen, die an den Rcckschößen de» Herrn v. Puttkamer hängen.
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Die Geschichte der englischen Arbeitergesetzgebung sei ein lehrreiches Beispiel dafür, daß alle Ausnahmegesetze fruchtlos, und daß Ausnahmegesetze, ganz abgesehen von dem in ihnen liegenden Unrecht, nicht im stände seien, die beab stchtigte Wirkung zu üben, bewiesen auch die aus dem Kulturkämpfe hervorgegangenen Ausnahmegesetze gegen die katholische Kirche, welche Gesetze nur dazu beigetragen hätten, das Ansehen der katholischen Kirche in Deutschland wesentlich zu heben und der Zentrumsfraktion ihre heutige große Bedeutung zu geben. Unter den zu beseitigenden Ausnahmegesetzen beschäftigte er sich endlich auch mit dem Diktaturparagraphen in dem Gesetze betreffend bie Verfassung Elsaß- LothringenS. Seine Freunde bezweckten mit ihre n Anträge, zu konstatieren, wie sich dir Parteien des Hauses, namentlich diejenigen, welche die Worte Freiheit und Recht im Munde führten, zu ihrem prinzipiell unanfechtbaren Anträge stellten. Die Entscheidung der Frage, ob Revolution oder Reform, liege nicht bei den Sozialdemokraten, sondern bei den andern Parteien. Der Redner wurde am Ende seiner weitangelegten Ausführungen, wo er das .Sozialistengesetz" als ein „fluchwürdiges" bezeichnete, vom P äsidenten zur Ordnung gerufen.
Nachdem darauf der sächsische Bevollmächtigte, Geh. Rat Held au» den Ausführungen deS Vorredners Veranlassung zu kurzer Entgegnung genommen hatte, betonte Abg. Windthorst, wie neulich, wie seiner Ueberzeugung nach die große sozialdemokratische Bewegung nicht mit Ge- waltmaßregeln sich werde bes itigen lasten. Die Herren benutzten übrigeuS die Aufnahme der übrigen AuSnahme- Gesttze neben dem Sozialistengesetze in ihrem Antrag nur als Staffage und um Stimmen zu fiseben. Wollten sie die Aufhebung deS SozittistengesetzeS erreichen, fo müßten sie sich vor Allem selbst ändern und eine andere Stellung der Revolution gegenüber rinnehmen und jede Gemeiufcha t mit dem Nihilismus von sich weisen Ueber Reformen könne man diskutieren; Gewalt werde man Gewalt entgegensetzen. Den berechtigten Forderungen der arbeitenden Bevölkerung müsse sobald wie möglich genügt werden. Wenn man aber die Kirche nicht endlich frei mache, werde man von der Sozialdemokratie verschlungen werden. — Der Antrag sei übrigens, wie gestellt, gar nicht annehmbar, weil er die heterogensten Dinge umfasse.
Abg. Payer ist gleichfalls der Meinung, daß der Antrag in der Fassung verfehlt sei. Aber er kann aus diesem Umstande keinen Vorwand herleiten, sich als prinzipieller Gegner jed S einzelnen der Ausnahmegesetze gegen den Antrag, nachdem er einmal gestellt, zu erklären. Die letzten Jahre Härten nichts gebracht, waS zu der Ueberzeugung berechtige, daß man mit den Ausnahmegesetzen auf dem rechten Wege sei. In dem Sinne, daß man auf den Boden deS gemeinen Rechts, den man nie hätte verlasten sollen, ehestens zurückkchre, stimmten demnach seine Freunde
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Humoristische Novelle von Hermann Langer.
Er öffnete dm Brief und la» anfangs mit lächelnder Mime, doch bald ward sein Auge staar, da» Blut entwich den Wangen und — lesen wir selbst den Bries:
„Kamerad I
Wie zum schmachvollen Galgen verurteilt kam ich hier an und schwelge nun in einem Meer von Wonne, dünke mich der Glücklichsten einen. Doch, daß ich r» nur gestehe, Herzensfreund, t« ist mir ein wenig bänglich, weil ich mein namenloses Glück so ganz ohne Äampf erworben; ich zittere, e» könnte deshalb nicht von Dauer sein, und doch wehe dem, der e» mir zu zerreiß n wagte, nur über meinen Leichnam, nur wenn die Faust todesmatt zum letztenmal gezuckt, und selbst dann noch würde da« letzte Zucken der tode-matten Hand demjenigen ven ehrmvoll getragenen Degen inS Herz stoßen, der mir meine Liebe rauben wollte.
Ja, Arnold, ich, bet leichtsinnige Kurt, liebe, liebe so innig, baß ich keinen Gebanken habe als meine Liebe.
Aber ich merke, baß ich Dir die Hauptsache immer nach nicht geschrieben; nun denn, ich will mich bemühen, so zu schreiben, wie ich ungefähr unserem Wallonen erzählen würde.
Mein Alter senket mich hierher, ich finde m meinet Braut ein unschuldiges, köstliche» Herz, eine Perle, einen Juwel, kurz, ich finde da» Göttlichste und BegehnmgS- würdigste, wo» je e n Mensch sich gewünscht. O, Kamerad, »och nicht genug, Achtung! salutiert! meine herzige Braut liebt mich mit ihrer reinen Seele!
Kamerad, haft Du eine Ahmmg von solchmGlück?
awl,;atn nimmt entgegen: Mpebition d. Blattes. s.'.,.ed.Ann°ncenBureaur ^ rd Dietrich u. (So. in 5-g.i und Hannover; Th. M'rich in Frankfurt a M.; |a«f.nftein w Vogler .n trnntfurt a. M , öeritn, Sj Mn IC.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank-
furt «a. M- tc-_______
»Meige* nimmt entgegen: die Expedition d Blatte», sowie d.Amioncen-Bureanx e»n ® « Daube u 6«. in
Frankfurt a.» .Jägersch« Buchhandlung bald»#; che Buchhandlung . Jnvaliderdank in Berlin; D. Tdiene» il Slderfeld: 6 kchlotte tu Bremen.
adAeint täglich außer an den Werktagen nach Bonn» und Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wSchentlichen Beilage „JlluftrirteS Sometagsblatt" durch die Expedition (A o ch'fche Buchdruckerei) bezogen »'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche» 2 Mark 50 Pf«, (erd. Bestellgebühr.) -^ZnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile !• Pf,.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Er fand denselben in dem Hauptmann Meiführ. Diesem erzählte er klar und deutlich sein Begehr, gab ihm den Brief mit, den er bei der Abreise Kurts geschrieben und drängte dann msi Fieberhaft den Hauptmann, den jungen Grafen aufzusuchen.
Kurt war eben erst von seiner Braut heimgekehrt und wollte sich zur Ruhe begeben, als ihm Michel den Hauptmann Meiführ meldete; war er fchon über den späten Besuch an sich erstaunt, so noch mehr, als ihm der Haupt» mann nach wenigen Worten den Brief Arnolds überreichte und sagte:
„Ihr Kam-rad, Herr von Köpper, sendet eS Ihnen!'
Kurt wußte nicht, wa» er sich denken sollte; auch al» er den Brief seine» Freunde» gelesen, konnte er durchaus nicht begreifen, warum Arnold von Köpper ihm da« nicht persönlich sage; er sagte daher unbefangen:
„Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann, für Ihre Mühe; doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich gewünscht hätte, mein Freund hätte mir daS auf eine andere Art mitgeteilt, zumal ich ihn ja stündlich erwarte."
„Wereen Sie bei dieser Ansicht bleiben, Herr Graf, wenn Sie erfahren, daß tie Verlobte Ihre« Freundes Fräulein von der Halden ist?"
Todesbläsie deckte plötzlich die Wangen des höflichen Kurt, schmerzlich zog sich s in Herz zusammen, als wollte e« den letzten Schlag thun; seine Braut, die ihm ein so unschuldige- Herz gezeigt — eine Heuchlerin, das that «eh! v sehr sehr wehe!
„Ja, mein Glück war wohl zu groß!" murmelte er. „O, ich habe sie so sehr geliebt."
(Fortsetzung folgt )
ich verpflichte Dich darauf auf Ehrenwort.
Kurt."
Krafilo» sank Arnold von Köpper auf einen Stubl; er dachte gar nicht», wenigst.«» nichts bestimmte»; im Chac- stürmten nur die Gedanken in ihm auf und nieder; erst nacli einer Stunde war er im stände klar zu d nken. Seine Gedanken aber waren fürchterlich, oft nannte er dies den entsetzlichsten Tag seine» Lebens und sprach seine Verwunderung au», daß die maßlose Verzweiflung ihm nicht den Revolver in die Hand gegeben.
Mir schreibt also die« Weib, daß sie Kurt noch nicht gesehen, und Kurt schreibt mir, daß sie ihm ihre Liebe ge- standen! Wehe, diese« Mädchm, auf das ich Felsen gib.ut, hintergeht mich auf so gemeine Art! Fort, kein Gedanke sei ihr geweiht, verflucht der Augenblick, in dem ich y noch der Meineidigen denken sollte!--Kurt muß gerettet
wer en, wenn nicht ander« durch seinen Tod ; bester er stirbt durch meine Hand, als er fristet em trostlose- Leben an der Seite eine-schamlosen Weibe»! Kamerad, ich komme zur Verlobung!" ,, , . ..
Arnold von Kipper war nun ruhig, aber e» war die Ruhe be» Lobes, bie ihn beherrschte. Alle Hebel setzte er in Bewegung, um Urlaub zu erhalten, unb er erhielt ihn. Schon am Abend war er in der Residenz.
Ohne sich Ruhe zu gönnen, durchellte er noch spät die Strasten der Stadt und suchte sich —^inen_Dckundanten^
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